Inhaltsverzeichnis

 

1. einleitende Worte

Zur existentiellen Situation des Menschen

Menschen werden in eine bestehende Welt hineingeboren – durch ihr Dasein sind Menschen vor Probleme gestellt – ein gelöstes Problem bringt Erkenntnis – auf ihrer gezielten Suche nach Erkenntnis geht die Wissenschaft den Weg der Exaktheit – die wissenschaftliche Methode entspricht formal dem Denken

Philosophie als Wissenschaft des Denkens

Philosophie hat das Denken zum Gegenstand – das Denken existiert und löst Probleme auf logischem Weg – inwiefern das Denken den Zweifel verkörpert – warum das Denken überwunden werden muss – Logik als Katalog von Schlussweisen des Denkens – das Denken wird durch Fragesätze ausgedrückt

Der Fragesatz als Ausdrucksform des Denkens

warum die moderne Philosophie hauptsächlich Sprachphilosophie ist – Wissenschaft ist auf wahre Urteile aus – jedes Urteil ist als Antwort auf eine Frage zu sehen und setzt eine entsprechende Fragelogik voraus – Konstruktion von Fragesätzen und Scheinprobleme – wissenschaftliches Fragen als Beitrag der Philosophie

Zur Erotetik

die Erotetik als wissenschaftliche Methode – wie Sokrates das logische Gewicht der Frage verkörpert – die platonische Dialektik als pädagogisches Mittel zum Zweck der Wiedererinnerung an ewige Ideen – über die verschiedenen ontologischen Grundlagen von Dialektik und Erotetik – das logische Gewicht der Frage als Grundlage der erotetischen Pragmatik und wie sie auf unbekanntes Wissen zielt – die Erotetik als Denken des Denkens – Frage- und Antwortsätze bilden gemeinsam eine Objektsprache und benötigen einen festen Gegenstand

 

2. ontologische Vorbemerkungen

Wie man zur Sache kommt

Wissenschaft benötigt Existenz als Erkenntniskriterium – die Skepsis als konsequenter Weg zur Existenz – wie der konsequente Skeptizismus zum Scheitern verurteilt ist – das eigene Dasein als unbezweifelbare Grundlage der Existenz – Wissenschaft spricht die formale Sprache der Ontologie

Über Ontologie

die Ontologie befasst sich mit dem wissenschaftlichen Sinn der Dinge – die Ontologie ist eine Wissenschaftssprache und gibt Entscheidungsverfahren für Sätze an – die Korrektheit einer Ontologie ergibt sich aus ihrer Vollständigkeit – wieso sich eine Ontologie selbst berücksichtigen muss – Metaphysik und Methode

von der Wirklichkeit zur metaphysischen Welt

das Dasein setzt einen geometrischen Raum und Physik voraus – inwiefern Dasein und Wirklichkeit untrennbar miteinander verbunden sind – durch die Wirklichkeit der Gegenstände wird eine Welt lediglich angedeutet – die Welt als metaphysisches Konzept – das Dasein als Gegenwärtigkeit und die zeitlich unbegrenzte Gültigkeit wissenschaftlicher Gesetze

Über den Aufbau von Tatsachen

die Tatsache als wissenschaftlicher Erkenntnisgegenstand – Gegenstände sind in der Wirklichkeit eine umfassende Tatsache – Tatsachen sind konkret und zugleich komplex – die Form von Tatsachen ermöglicht Sachhaltigkeit der Logik – alles ist Zahl – inwiefern sachliches Folgen und logisches Folgern gleich sind – die logische Form von Tatsachen zeigt sich in der Struktur sprachlicher Sätze

Zur Struktur und Bedeutung sprachlicher Sätze

Sätze der Sprache drücken logische Verhältnisse aus – zur Faktizität sprachlicher Sätze und die Syntax der logischen Sprache als Begriffsschrift – über Grundsätze als allgemeine Satzform oder: wie Sätze über sich selbst sprechen können – die Relation aRb als Grundlage logischer Verhältnisse – das Gleichheitszeichen – warum absolute Identität ein unlogisches Konzept ist

Wahr oder Falsch als bloße Möglichkeit

erst auf Grundlage von Relationen werden wahr und falsch sinnvoll – wahr und falsch als Ausdrücke der bloßen Möglichkeit – wie Wahrheitkriterien die Entscheidung bedingen

Logische Möglichkeit und die Freiheit der Wahl

selbst Märchenfiguren bestehen als logische Möglichkeit – über kontingente Erfahrungssätze – in der Welt gleichen Sätze hinsichtlich ihrer möglichen Existenz ihrem Gegenteil und bedingen so Wahlfreiheit

Wie innerhalb eines Systems strenger Notwendigkeit noch Freiheit bestehen bleibt

inwiefern grundlegende Prinzipien einander formal ausschließen und hinsichtlich ihrer möglichen Existenz trotzdem gleich wahr sind –  Freiheit als mathematisch messbare Größe oder wieso Kartographen und Übersetzer zur Kreativität genötigt sind – warum der Laplacesche Dämon völlig unfrei ist – die Freiheit der Dinge – erotetischer Realismus oder warum Freiheit und Probleme zusammenhängen

 

3. wirkliche Probleme

Zur Existenz wirklicher Probleme

über unerklärbare Phänomene – Alltäglichkeit und wissenschaftlicher Sinn – Probleme entstehen aus ungereimten Verhältnissen – existentielle Probleme – unter welchen Vorzeichen sich Probleme von selbst zeigen – Notwendigkeit zur Forschung – das Ziel aller Probleme ist ihre Vermeidung – Probleme sind komplexe Einheiten und daher analysierbar

Aufbau und Analyse eines Problems

jedes wirkliche Problem hat eine Lösung – das Universum als Lösung – das Aufwerfen von wirklichen Problemen hat einen Wert – eine Problemanalyse führt automatisch zu Lösungen – zur logischen Konstruktion von Problemen durch Kategorien – wie die Metaphysik die Prinzipien des rationalen Denkens formuliert – rationale Denkgesetze der Logik: Satz vom Widerspruch, Satz der Gleichheit, Satz vom zureichenden Grund

das Denken als Logik der Problemlösung

Probleme sind durch das Dasein ein Teil der Welt – zur Ermittlung von Handlungsalternativen – das Denken ist Problemlösung auf logischem Wege – durch Bezeichnung werden Probleme gezielter in Stellung gebracht – der Fragesatz als Problemformulierung – warum der Unterschied zwischen Problem und Frage nicht trivial ist – Ontologie der Probleme als Menge der Fragesätze

 

4. wahre Fragen

Inwiefern die assertorische Logik und die erotetische Logik in Verbindung zu bringen sind

jedes Urteil ist die Antwort auf eine Frage – zur Lösung gehört eine entsprechende Problemformulierung – Ja und Nein sind nur als Antworten auf Fragen zu verstehen – strukturelle Merkmale zwischen Fragen und Antworten: analytische Fragen und synthetische Fragen – wie sich durch einen Begriffschnitt bestimmte Fragekategorien bilden

Der Fragesatz als Grundsatz

die bestimmte Variable als bloßes Ding – Proposition und Propositionalfunktion – das Fragezeichen – zur komplexen Semantik eines Fragesatzes – das Feld der Antworten – semantische Übersetzbarkeit von Entscheidungsfragen und Ergänzungsfragen – es ist wahr, ob…

Über wahre und falsche Fragen

das aristotelische Vorurteil – ein Fragesatz behauptet etwas – Fragesätze befinden sich in der Wirklichkeit und haben propositionale Struktur – wahre Frage und falsche Frage – inwiefern jede Frage durch ihre Voraussetzungen eine Begründungsfunktion ausübt – Pragmatik von Fragen und Problemreduktion

 

5. erotetische Logik

Zum Verrechnen von Fragesätzen – Grundlagen der erotetischen Logik

zur Verrechenbarkeit von Fragesätzen durch den Wahrheitswert – über den Umgang mit Unbekannten in Rechensituationen – Sinn einer geeigneten Notation – eine Tautologie ungereimter Sätze ist informativ

Die Konversion von Fragesätzen zum Zweck der effektiven Beantwortung vieler Fragen

zum Begriff der Konversion im Kontext der erotetischen Logik – das Was und das Warum innerhalb der aristotelischen Wissenschaftstheorie – wie ein Gegenbeispiel eine Allgemeinaussage ad absurdum führt – dürfen wir Tiere essen?

Die Welt als Fragezeichen oder die peircesche Abduktion

Probleme treten in Form logisch begründeter Widersprüche auf – Logik und Theorienfindung – die peircesche Wissenschaftslogik und die Abduktion – Abduktion als Schluss der Erweiterung – Abduktion bzw. Apagoge bei Aristoteles – der logische Sprung zur Theorie – induktive Frage und abduktive Frage – induktive und abduktive Fragen haben deduktive Erklärungen – der Index der Fraglichkeit und seine Sinngenese durch die Gemeinsamkeit verschiedener Schlussweisen

Die sokratische Frage und ihre Logik

wie die Rhetorik des Sokrates mit dem logischen Gewicht der Frage spielt – durch die unscheinbare Semantik der Fragesätze werden neue Gedankengänge eingeführt – das Nichtwissen ist nur hinsichtlich eines Ziels erkennbar – der apagogische bzw. abduktive Schluss bei Sokrates – die Ideenlehre als platonische Antwort auf die sokratische Frage – die Konversion von Entscheidungsfragen in Ergänzungsfragen und vice versa – infolge seiner Zurückhaltung im Urteil ist Sokrates ein Erotetiker und somit echter Liebhaber der Weisheit

 

6. Anhängsel oder Appendix voller Hintergründigkeiten zum besseren Verständnis

wie bei Collingwood, Gadamer, Belnap und Steel das Urteil als Antwort auf eine Frage angesehen wird – Plutarchs Anekdote über die dummen Fragen von Alexander dem Großen – Platon und die etymologische Wesensbestimmung der Bezeichnung ´Erotetik´ – Anaxagoras und das Natur-Geist-Problem als Grundlage jeder Erkenntnistheorie –  die analytisch-meditative Methode nach Descartes und die synthetisch-geometrische Methode nach Spinoza als Exempla für den Zusammenhang von Metaphysik und Methode – Noam Chomskys Umweg zur generativen Grammatik – Chrysipp und die Freiheit rollender Steine – die Kritik des Aristoteles am dialektischen Umgang mit Problemen – der aristotelische Problembegriff – Aryabhata, Eratostenes, Herschel/Le Verrier und Mendelejew geben Beispiele aus Astronomie und Chemie für die Konstruktion wirklicher Probleme – wie Niels Bohr die Quantenphysik gegenüber Albert Einstein unter Zuhilfenahme der Relativitätstheorie rechtfertigt – inwiefern technologische Errungenschaften zum Entwurf wissenschaftlicher Probleme beitragen – über die gemeinsamen Grundlagen von Freges Begriffschrift und Husserls Phänomenologie

 

 

 

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1. einleitende Worte

 

Zur existentiellen Situation des Menschen

Wir kommen auf die Welt und sind da, aber können unser Dasein nicht verstehen. Es ist die angeborene Tragik der menschlichen Existenz, ein Leben führen zu müssen, dessen eigentlicher Sinn bis auf Weiteres verborgen bleibt. Niemand von uns weiß wirklich genau, wieso es die Welt gibt oder welche Rolle das eigene Leben darin spielt, wozu es überhaupt nötig ist, dass wir da sind, und so kann auch keiner sagen, ob er mit seinen Schritten in die richtige Richtung geht, weil ihm handfeste Gründe fehlen, die dies entscheiden.

Menschen befinden sich in der besonderen existentiellen Situation, dass sie grundsätzlich zur Unwissenheit veranlagt sind. Dies mag hauptsächlich daran liegen, dass die Welt, in die sie hineingeboren werden, nicht nur schon viel eher da war, sondern dass sie auch ungleich viel größer ist, dass sie eine nur schwer zu durchschauende Tiefe besitzt, die sie ihnen selbst auf den zweiten Blick nicht offenbaren will. Das Dasein ist bloß individuell und die weite Welt bleibt von seiner Warte aus gesehen völlig unerreicht, denn ihm wird durch seinen eigenen Körper zugleich ein Horizont gesetzt, über den es nicht heraustreten kann; es ist von unbekanntem Land, einer terra icognita umgeben, in die es zwar hineinlaufen kann, aus der aber wie selbstverständlich Phänomene hervorquellen, die ihm völlig neuartig sind, – die vielen ungezählten Sterne, Lebewesen oder Maschinen. Das heißt: solange der Mensch da ist, bleibt ihm letztlich auch die umfassende Einsicht versagt. Von seinem kleinen Standpunkt aus erscheint das restliche Universum so unvorstellbar groß, chaotisch, komplex, dass er mit Gewissheit davon ausgehen muss, nicht alles kennen zu können, – dass jedoch eine umfassende Welt existiert, die sich der Reichweite seiner Sinne entzieht, ist ihm durch sein eigenes Dasein schon klar. Der Mensch ist animal metaphysicum. Er ist durch sein Dasein dazu bestimmt, auf der unsicheren Grundlage von Problemen zu leben.

Probleme sind in der existentiellen Befindlichkeit des Menschen bereits angelegt und erweisen sich daher als ständige Begleiter, als ganz gewöhnliche Phänomene, die sich auch nicht so leicht wieder abschütteln lassen. Ein Problem verkörpert einen komplexen Punkt, bei dem mindestens der Zweifel übrig bleibt, ob es sich so oder so verhält. Es zeigt sich als Mangel an konkreter Erkenntnis, wenn eine Tatsache unbekannt ist, deren Existenz sich berechtigterweise vermuten lässt. Jedoch können Menschen mit solcherlei Phänomenen nur schwer umgehen; sie werden von problematischen Begebenheiten vielmehr geradezu herausgefordert, nach einem ganz bestimmten Sinn zu suchen, weil sie allein schon aus pragmatischen Gründen darauf angewiesen sinddas Erkenntnisinteresse ist ein allzumenschlicher Zug. Und ein gelöstes Problem bringt Erkenntnis.

Hier liegt unter anderem die Wurzel mythologischer Erzählungen begraben, jener seltsamen Verklärungen, die sich bunter Allegorien bedienen, um sich den Ursprung gewöhnlicher Phänomene zu erklären, die den Krieg mit der Liebe schlafen lassen oder der Gerechtigkeit eine Schürze umbinden, weil diese Bilder mit dem bequemen Dünkel einer wohligen Ordnung daherkommen und eine Erkenntnis immerhin vorgaukeln. Dennoch sind damit die ernstzunehmenden Probleme nicht wirklich befriedigend gelöst, weil berechtigte Restzweifel übrig bleiben. Deshalb veranlassen solche Erklärungen die Skepsis, sich auf rationale Mittel zu beschränken, um sich auf diesem Wege schrittweise einer brauchbaren Erkenntnis anzunähern. Weil der Mensch durch sein Dasein vor Probleme gestellt wird, entsteht das starke Bedürfnis nach Wissenschaft, oder genauer: nach Forschung. Forschung zielt auf die rationale Gewinnung von Erkenntnis, d.h. nach Einsicht in Tatsachen, die dem Beobachter bislang verschlossen geblieben sind. Ob es nun um einen Archäologen handelt, der in altem Boden nach historischen Artefakten wühlt, oder einem theoretischen Physiker, der über unvorstellbar kleine Einheiten nachgrübelt: stets gehen diese Analysen auf Tatsachen, die in gewisser Weise unbezweifelbar existieren müssen, sich aber der Reichweite ihres gegenwärtigen Daseins entziehen. Und mittlerweile wissen wir schon einiges, etwa dass die Erde eine einigermaßen runde Kugel ist oder dass Erdbeben durch die Plattentektonik ausgelöst werden, sogar dass Quanten springen, nur weil eine mathematisch fassbare Konstante es so verlangt. Doch ganz zufällig sind diese Erkenntnisse nicht erzielt worden.

Um Erkenntnisse zu finden, gehen Wissenschaftler den sicheren Gang der Exaktheit. Wenn sie ihrer Aufgabe gerecht werden wollen, muss ihr Unterfangen auf festen Grundlagen stehen und sich einer streng methodischen Vorgehensweise bedienen. Das Denken ist letztlich jene intellektuelle Instanz, die problematischen Situationen mit rationalen Mitteln begegnet und sich eine Lösung rein rechnerisch erschließt. Denken ist Forschung auf logischem Weg, der formale Kern jedes wissenschaftlichen Verhaltens. Und das Denken in logische und wegweisende Bahnen gelenkt – die Grundlage dieser Methode liefert die Philosophie.

 

Philosophie als Wissenschaft des Denkens

Die Philosophie beschäftigt sich in erster Linie mit dem Denken. Sie hat die Aufgabe, ihren Gegenstand zu fixieren, um ihn sorgfältig zu durchleuchten und sich schließlich darin nach Regelmäßigkeiten umzusehen.

Das Denken ist eine solide Tatsache, deren Existenz sich zeigt, wenn jemand vor eine problematische Situation gestellt wird, die ihm noch völlig unerklärlich ist. Es ist als ein Verhalten zu sehen, dem es um die rationale Verarbeitung dieser Informationen geht, als etwas, das vorgelegte Probleme mit intellektuellen Mitteln lösen will und auf Grundlage der feinen und sicheren Mechanik von Argumenten entscheidet; – sein Ziel ist nicht weniger als Erkenntnis bzw. Einsicht in die Wirklichkeit, weswegen es solange nach Gründen sucht, bis es sie mit einer nachvollziehbaren Hypothese klären kann. Daher ist das Denken auch für jede wissenschaftliche Tätigkeit von fundamentaler Bedeutung, denn in ihrem starken Verlangen nach gesicherten Erkenntnissen sieht sich jede Wissenschaft, sofern sie etwas nicht versteht, zu sorgfältigen Überlegungen und Nachforschungen genötigt, um durch zusätzliche Erklärungen diese bestehende Irritation zu beseitigen. Weil das Denken den formalen Kern wissenschaftlicher Forschung beschreibt, ist die Philosophie auch keine Wissenschaft unter vielen – sie ist Wissenschaft. Wenn eine Wissenschaft nach bislang unbekanntem Wissen forscht, selbst wenn sie festlegt, wie sich empirische Daten bestimmen, dann bleibt ihr nicht viel anderes übrig, als Theorien stellen, um aus dem Zusammenhang zu erschließen, welche Gegenstände noch fehlen und zu erforschen sind. Sie hat es dabei mit Erkenntnis, Wahrheit oder Methode zu tun, um ihr Vorgehen abschätzen zu können, folglich mit philosophischen Begriffen, die sich weder durch bloße Physik noch durch Ingenieurskunst klären lassen, sondern einer Grundlegung durch das Denken bedürfen. Das heißt zugleich: ein Wissenschaftler, der nicht zugleich Philosoph ist, kann nur ein zweitklassiger Wissenschaftler sein, weil er nicht genau weiß, was er überhaupt tut. Forschung hat es grundsätzlich mit etwas Unbekanntem zu tun und deshalb sieht sich jeder Wissenschaftler letztlich dazu genötigt, das Denken zu untersuchen, Metaphysik zu betreiben und eine Methode zu finden, die diesem Gegenstand gerecht wird.

Der Mensch kommt als Dasein auf die Welt und wird vor die Wahl gestellt, hierhin oder dorthin zu gehen, – als würde er sich in einem undurchsichtig durchwachsenen Wald befinden, ohne zu wissen, welchen der ihm gegebenen Wege er gehen soll, um sein Ziel zu erreichen, weil sie ihm alle gleich dunkel und unbegründet sind, oder ob es sogar (in aporetischen Grenzfällen) überhaupt jemals möglich ist, einen Ausweg zu finden. Denker stehen vor einer seltsamen Überlagerung gleichwertiger Möglichkeiten, die lediglich noch unentschieden bleibt, weil es ihr an einem zureichenden Grund mangelt, – doch so steht jemand, der denkt, noch vor einer Entscheidung. Das Denken befindet sich als Zweifel in der rastlosen Unruhe zwischen der einen Option und der anderen, in einer Bewegung, die darauf hinarbeitet, sich in einem Ergebnis aufzulösen, um darin seine Ruhe zu finden.

Denken ist eines der stärksten Anzeichen für Zweifel, doch wer zweifelt, irrt noch. Weisheit aber befreit uns von Zweifeln. Daher besteht die Kernaufgabe der Philosophie, dem Denken den Weg zu seiner Selbstauflösung zu zeigen – ihr Ziel ist dann erreicht, wenn alles Zweifelhafte entschieden ist, dann hat sich das Denken verwirklicht und Erkenntnis erreicht. Es liegt im wesentlichen Sinn und Interesse des Denkens, verschiedene Alternativen abzuwägen und einander auszuspielen, d.h. es muss einen Zustand finden können, an dem es widersinnig wäre, sich über Existenz oder Nichtexistenz eines Weges zu streiten, weil dieser Weg schlichtweg existiert. Dieses ferne Ziel wird sie, solange das Dasein besteht, letztlich nie vollständig erreichen können, weil sich die Probleme nicht vollständig beseitigen lassen. Aber es gibt Regelmäßigkeiten: dieselben Strategien lassen sich auf eine Reihe verwandter Probleme anwenden. Das Denken ist die Fähigkeit, Probleme allein mit rationalen Mitteln zu entscheiden und nur unter konsequentem Einsatz von Argumenten zu Erkenntnissen zu gelangen. Hierfür bedarf es einen Katalog fest bestimmter Regeln, die seit Aristoteles unter dem Begriff Logik gefasst werden.

Logik ist eine Kategorie, die auf das Denken zugeschnitten ist, denn sie bezeichnet jenen Katalog von notwendigen Gesetzen, die zur rationalen Entscheidung eines Problems beitragen. Insofern zählt die Logik und alles, was damit zusammenhängt, zu den Kerngebieten der Philosophie. Seine notwendige Schärfe erhält das Denken dann, sofern ihre logischen Gesetze wirklich sind, denn die Wirklichkeit als stofflich fassbare Bewegung garantiert Notwendigkeiten, die sich keine noch so sprühende Phantasie ausmalen könnte. Die Logik zeigt, inwiefern etwas erkennbar ist. Ein logisch argumentierendes Denken folgt den Regeln der Wirklichkeit und kann auf ihren vorgepflasterten Straßen sichere Einsichten gewinnen. Der Schlüssel zu einer einsehbaren Verbindung verschiedener Seiten liegt in der gemeinsamen Substanz.

In ihrer jeweiligen Form spannt Logik einen Raum auf, in dem bestimmte Objekte bzw. Verhältnisse ihren Platz finden und sie von verschiedenen Seiten zeigen. Sie zeichnet eine bloße Struktur, die in allgemeiner Weise einen Inhalt beschreibt, und zeigt so, wie das jeweilige Sein dieser Objekte gestaltet – sie erweist sich als Ontologie. Wird das zweifelnde Denken zur Sprache gebracht und in sichtbare Zeichen gefasst, dann äußert sich das in einem Fragesatz. So gesehen ist der Fragesatz das formulierte Denken.

 

Der Fragesatz als Ausdruck des Denkens

Die moderne Philosophie hat sich der Sprache verschrieben und klärt das Verhältnis ihrer Sätze zur Wirklichkeit. Womöglich liegt das am Erfolg ihrer Rechenmaschinen und an ihrer Informatik, die nichts anderes ist als praktische Logik. Vermutlich liegt das auch daran, dass in komplexer werdenden Gesellschaften eine wissenschaftliche lingua universalis notwendig erscheint, um eine reibungslose Kommunikation zu ermöglichen.

Der Wissenschaftsbetrieb ist als Erkenntnisinstrument geradezu darauf ausgelegt, wahre Urteile zu ermitteln, zu konservieren und durch Lehre weiterzuvermitteln, und es wird bisweilen viel teures Geld für Unternehmungen aufgebracht, um zu diesen Urteilen zu gelangen. Es ist sogar zur Mode geworden, sich vornehmlich auf Behauptungssätze zu beschränken, wenn es um die adäquate Beschreibung der Welt geht, da nur sie mit der Wirklichkeit übereinstimmen können,ein Fragesatz sagt dieser Lehrmeinung nach nicht viel, er äußert nichts Bedeutsames über die Welt. In den meisten wissenschaftlichen Systemen spielen Fragesätze eine bemerkenswert untergeordnete Rolle. Mit einiger Gründlichkeit wird dabei übersehen, dass es geradezu der Sinn von Urteilen ist, Antworten auszudrücken; dass wir schreiben, sprechen oder gestikulieren, um andere Personen hinsichtlich einer noch offenen Sachlage aufzuklären und diesbezüglich verstanden zu werden, – erst vor diesem Hintergrund wird klar, worauf sich die Äußerung bezieht und was mit ihr gemeint sein soll. In diesem Sinne entstehen auch Urteile aus der unterschwelligen und oft sehr unbewussten Motivation heraus, eine Frage zu beantworten,Urteil und Antwort sind dieser Auffassung zufolge gleichbedeutend. Dieser Kerngedanke ist auch nahmhaften Philosophen und Logikern nicht fremdFN1. Dementsprechend bedient man sich beim Schreiben wissenschaftlicher Prosa, ob heimlich oder offen, einer vorausgesetzten Fragelogik: nicht selten sind es sogar pointierte Fragestellungen, die wissenschaftliche Texte einleiten und die zeigen, worauf der urteilende Schreiberling mit seinen Zeilen hinauswill und ob – daran gemessen – dieses Unterfangen gelungen ist oder nicht.

Der Fragesatz ist in jeder Wissenschaftssprache ein unabdingbares Instrument. Das macht es umso merkwürdiger, warum die Frage nach der Frage bisher so höflich übergangen wurde, wenn sie doch ein so wertvolles Artefakt ist. Das mag sicherlich an der natürlichen Komplexität dieses Gegenstandes und seiner schwer zu durchschauenden Logik liegen, die zu Vermeidungsstrategien reizen und dieses Thema deshalb nur oberflächlich und nur einleitungsweise streifen. Doch ihre freie und grundlose Benutzung ermöglicht es, Fragezeichen dort anzustreichen, wo es unangebracht ist, und verleiten Philosophen – sollten sie es ernsthaft auf eine Beantwortung anlegen – zur Unverständlichkeit. Bezeichnenderweise scheitern auffallend viele Untersuchungen schon an mangelhaften Voraussetzungen und niemannd wird sich nicht wundern dürfen, wenn daraufhin eine ungeheure Logorrhoe losbricht. Ein Fragesatz ist aus sprachlichen Bestandteilen zusammengesetzt, die variabel und nach belieben austauschbar sind, weswegen es möglich ist, durch Komposition eine Frage zu setzen, die kein wirkliches Problem bezeichnet, sondern vielmehr ein Scheinproblem konstruiert, das nur vorschützt, ein wirkliches Problem zu sein, ohne dass es zwingend genug wäre, um behandelt zu werden. Sie gleichen einer albernen Donquichotterie. Es ist Zeitvergeudung, über Hindernisse zu stolpern, die nicht existieren; es lohnt sich nicht, gegen Windmühlen oder schlanke Rotweinschläuche zu kämpfen, nur weil man sie für einen übermächtigen Gegner hält. Der freie Gebrauch blinder Kreuz- und Querfragen fördert nur selten (und wenn, dann durch Zufall) brauchbares Wissen zutage. Die billige Plattitüde, dass man viele orientierungslose Streifzüge hätte vermeiden können, wenn man gleich sinnvolle Fragen gestellt hätte, ist schon seit der Antike bekannt und uralt.FN2. Ungeachtet dessen wurden diese Phänomene kaum wissenschaftlich untersucht. Dabei zeichnet sich Wissenschaft sich nicht allein durch das Finden von Befunden aus, sondern vor allem durch die Suche, die sie zu diesen Befunden führt. Und hierin besteht konstruktive Beitrag der Philosophie: den Sinn für wissenschaftliche Probleme freizusetzen. Sie muss zeigen, welche Probleme sich nicht abwinken lassen. Wissenschaft wird dort erst fruchtbar, wo sie sich ihrer wirklichen Probleme im Klaren wird und wo sie um eine angemessene Formulierung dieser Probleme ringt, denn durch die Problemformulierung wird eine Frage in Stellung gebracht, die – sofern sie korrekt beantwortet werden kann – zu weiteren Einsichten und Erkenntnissen führt. Eine pointierte Exposition der Fragestellung ist bereits Teil der Lösung, denn so stellt man sicher, dass die Frage überhaupt mit einem wahren Urteil beantwortet werden kann. Eine sinnvolle Frage schließt aus, dass alle ihre Antworten widersprüchlich sind, d.h. sie zielt auf mindestens eine korrekte Antwort. Eine ungereimte Frage hingegen hat überhaupt nur ungereimte Antworten zur Folge. Es gibt Fragen, die wir uns zwar stellen, aber nicht befriedigend beantworten können, weil die Erkenntnisleistung des Menschen dafür nicht ausgelegt ist, wofür exemplarisch die metaphysische Frage steht, die auf etwas geht, das jenseits menschlicher Erfahrung liegt. Eine Frage wird erst dann entscheidbar, wenn sie eine gültige Voraussetzung hat, d.h. wenn das Problem, das es formuliert, tatsächlich besteht. Der methodische Umgang mit Fragesätzen ist ein Propädeutikum der Erkenntnis; sie lenkt das Denken gezielt auf Wissen. Dieses intuitive Vorverständnis für Probleme und Fragen gilt es wissenschaftlich aufzubereiten. Insofern bedarf es einer Methode, die das Denken wissenschaftlich gangbar macht, und dies ist die Erotetik.

 

 

Erotetik als philosophische Methode

Die Bezeichnung ´Erotetik´ verweist auf einen Methodenbegriff. Die erotetische Methode ist ein wissenschaftlicher Ansatz zur logischen, aber auch pragmatischen Anwendung von Fragesätzen. Ein Erotetiker übt sich im Umgang mit Fragen, um auf bestimmte Probleme aufmerksam zu machen, deren Analyse über kurz oder lang zu einer sicheren Lösung führt. Er richtet sein Denken auf Erkenntnis. Insofern ist die Erotetik Philosophie.

Dem Wortsinn nach setzt sich ´Erotetik´ aus dem griechischen Verb ´fragen´ (ἐρωτάω) und dem griechischen Suffix -ik (für τέχνη als Technik oder Kunstfertigkeit) zusammen. Die Methode steht in der Tradition des Humanismus und sieht sich in der antiken griechischen Philosophie verwurzelt. Es war Sokrates gewesen, der seine Fragen gezielt methodisch verwendet hatte, um Widersprüche aufzudecken und seine Gesprächspartner zur nüchternen Einsicht in das eigene Nichtwissen zu zwingen, um schlichtweg eine streng logische Erörterung einzufordern. Die Figur des Sokrates verkörpert das logische Gewicht der Frage, ihren dogmatischen Charakter. Die Typik seiner Fragen und ihre systematische Verwendung machen ihn erotetisch interessant, weil sie – indem sie mit der logischen Notwendigkeit der Frage spielt – einem Gewaltakt gleichen. Dieser gezielte Gebrauch von Fragesätzen ist jedoch nur möglich, wenn ihnen eine logisch verwertbare Bedeutung beigemessen werden kann. Unter diesem Eindruck haben bereits Platon und Aristoteles formale Strukturen von Fragen festgestellt und die Möglichkeit einer erotetischen Logik skizziert, diese Logik jedoch in den Bereich der Dialektik geschoben und dort belassen, wo sich ihr Potential nicht vollständig entfalten kann.

Die Dialektik geht schon dem Namen nach (διαλεκτική τέχνη, Kunst der Unterredung) aus der Rhetorik hervor und hat dort ihren eigentlichen Ort – erst seit Platon gilt sie als Methode zur Wahrheitsfindung auf seinem Weg zur ewigen Idee. Platon will die Aufgaben, die Sokrates aufgeworfen hat, mit eigenen Mitteln lösen und entwickelt die Dialektik als eine Methode, die sich im Dienste der Sache sieht und sich im Frage-Antwort-Spiel entfaltet (vgl. Kratylos; 390c). Durch dieses Spiel soll sich der Gegenstand einer Unterredung durch Hin- und Herreden als richtig oder nichtig erweisen. Die Dialektik steht für Platon naturgemäß auf Grundlage der Erotetik, denn wer sich auf Fragen und Antworten versteht, wird Dialektiker genannt: τὸν δὲ ἐρωτᾶν καὶ ἀποκρίνεσθαι ἐπιστάμενον ἄλλο τι σὺ καλεῖς διαλεκτικόν (vgl. Kratylos 390c). In seinen Dialogen vollzieht Platon sogar die Apotheose des Erotetikers als jenem begabten Fragekünstler, der letztlich nichts anderes als ein Dialektiker ist und dessen platonische Bedeutung durchaus eine Fußnote wert istFN3. Wer die sokratische Frage platonisch gebraucht, der wählt seine Fragen dergestalt, dass sie irgendwann zwangsläufig zur Erkenntnis des Guten, Schönen, Wahren führen, – das Apriorische ist bei Platon schon durch die Fragelogik ausgedrückt und hat seine suggestive Setzung erfahren. Die Dialektik erfüllt vornehmlich einen pädagogischen Zweck: sie unterstützt die Wiedererinnerung an ewige Ideen. Platon spricht von der Wiedererinnerung an verborgene Wahrheiten, von ἀνάμνησις (anamnesis) und erhebt damit zugleich den pädagogischen Anspruch, dass er niemanden belehrt, sondern nur befragt, weswegen die Erkenntnisse von selbst gewonnen werden (vgl. Menon 82a-85b). Jedoch werden einem Gesprächspartner durch den Gebrauch von Fragesätzen bestimmte Aussagen in den Mund geschoben, die er bestenfalls bejahen muss – dies jedoch ist ein konsequenter Missbrauch der Fragelogik zum Zweck der heimlichen und schleichenden Indoktrination von Gedanken, die ohne jeden wissenschaftlichen Sinn bleiben muss und die später nur noch von der Patristik und anderen Dogmatismen übertroffen wurdeFN4. Die platonische Dialektik reduziert das Denken und die Erktenntnistheorie auf die dialogische Logik, wo sie stehen bleibt und sich beständig im Kreis dreht, da sie sich lediglich an dem orientiert, was sprachlich geäußert werden kann. Als Gesprächskunst übernimmt sie lediglich die Funktion der Verteidigung von Erkenntnissen im schon bestehenden System, um sie aufeinander abzuwägen und logisch abzustimmen. Folgerichtig geht Platon von einer gedoppelten Voraussetzung aus: ihm zufolge regen bloße Wahrnehmungen nicht zum Denken an, aber Größe und Kleinheit oder Härte und Weiche sind widersprüchlich, stellen sich als ein anderes und als eines dar (vgl. Politeia; 523ff). Aufgrund dieser Reduktion auf Widersprüche wird das Denken in Aporien geführt und findet nicht heraus, weil es innerhalb der festen Grenzen des Dialogs stehen bleibt, und deshalb flüchtet sich Platon in die Abstraktion der Idee, des τι ἐστιν (Was-ist-es). Seit Sokrates und Platon wird Denken als Dialog mit sich selbst verstanden, als wäre es nicht viel mehr als ein dialektisches Selbstgespräch, das innerhalb der Gesetze der Sprache und der Regeln des Diskurses stehen bleibt und dem es nur um die eigene rhetorische Überlegenheit geht – jedoch ist das diskursive Denken lediglich Grundlage aller Gespräche, der sozialen Kommunikation, sogar der Vermittlung wissenschaftlicher Formeln, ohne dass es die vollständige Qualität des Denkens jemals erreichen kann. Schon Aristoteles kritisiert den pädagogischen Ansatz der Dialektik in seinen Sophistischen Widerlegungsschlüssen ausdrücklich, denn seinerzeit ließen die Sophisten zwar rhetorische sowie jene erotetische Reden, die nach ihrer Meinung auf die meisten Reden für und wider eine Sache passten, auswendig lernen, aber dieses Verfahren blieb ohne jede Unterlage einer wissenschaftlichen Theorie (vgl. Topik; 183b – 184a). Aristoteles verortet die Dialektik konsequenterweise in der Topik, demnach in den Bereich der besseren oder schlechteren Rhetorik. Hier heißt es ebenfalls, dass die Dialektik eine Erotetik ist: Ἡ δὲ διαλεκτικὴ ἐρωτητικὴ ἐστιν (vgl. Topik; 172a). Sowohl die Dialektik als auch die Erotetik sind elliptisch formuliert und haben im aristotelischen Sinn den Charakter einer τέχνη als Kunstfertigkeit. Um sich von der platonischen Dialektik abzugrenzen, unterscheidet er die mehrdeutige dialektische Behauptung (διαλεκτκὴ πρότασις) von seinen syllogistischen Fragen, dem ἐρώτημα συλλογιστικὸν (vgl. Zweite Analytik; 77a), die in einen formalen Gesamtzusammenhang eingebunden sind, aus dem sich ihre Bedeutung erschließt, und die deshalb als wissenschaftliche Fragen aufzufassen sind. In seinen Werken stellt Aristoteles mehrfach formale Strukturen von Fragesätzen sowie von Frage-Antwort-Beziehungen fest (vgl. Topik, 103b – 104a, 155b-158a; Sophistische Widerlegungsschüsse, 167b-168a; De interpretatione; 20b). – Die analytische Philosophie wirft der Dialektik insgesamt einen ungepflegten und unlogischen Sprachgebrauch vor und entwirft Regeln unter Maßgabe der formalen Logik. In aristotelischer Tradition untersucht Bernard Bolzano ebenfalls Fragesätze und liefert erste traditionelle Vorarbeiten zur Logik der Fragen, die über Gottlob Frege später die analytische Philosophie erreicht. Nur wenig später liefern Russell und Whitehead mit ihrer ihrer Principia Mathematica die Grundlage für korrekt gestellte mathematische Fragen. Einen umfassenderen Ansatz zur modernen Interrogativlogik legen Mary und Arthur Prior vor. Eine formale Sprache der erotetischen Logik ist schließlich von Belnap & Steel angefertigt worden. Letztlich ist die Dialektik, sofern sie Fragesätze gebraucht, ein Teilbereich der Erotetik.

Ob sich die erotetische Methode irgendwelchen dialektischen Ausgangspunkten bedient, ist damit geklärt, dass sich die Probleme, die mit dieser Methode angegangen werden sollen, als wirklich verstehen und ihre Grundlage in der logischen Struktur der Welt haben, und dass sie insofern nicht als bloßes Hin- und Herschieben irgendeiner x-beliebigen Aussage zu verstehen sind. Die Dialektik übernimmt als Gesprächskunst lediglich die Funktion der Verteidigung neuer Erkenntnisse im schon bestehenden System, um sie durch Fragen aufeinander abzuwägen und logisch abzustimmen. Die Dialektik fragt nach der einen oder anderen Seite eines Widerspruchs, weswegen dialektische Probleme stets auf mehrere verschiedene Lösungen führen – die Erotetik hingegen geht von apodeiktischen Grundlagen aus, da erst auf einer eindeutigen und logischen Grundlage eine eindeutige Lösung absehbar ist. Es wird sich zeigen, dass die Dialektik und die Erotetik von jeweils verschiedenen ontologischen Voraussetzungen bzw. metaphysischen Substanzen ausgehen, und dass insofern auch das Verständnis ist von dem, was Denken ist, entsprechend unterschiedlich ausschraffiert. Die platonische Dialektik reduziert das Denken und die Erkenntnistheorie auf die dialogische Logik, wo sie stehen bleibt und sich beständig im Kreis dreht, da sie sich lediglich an dem orientiert, was sprachlich geäußert werden kann, als wäre das Denken nicht viel mehr als ein dialektisches Selbstgespräch, das innerhalb der Gesetze der Sprache und der Regeln des Diskurses stehen bleibt und dem es nur um die eigene rhetorische Überlegenheit geht jedoch ist das diskursive Denken lediglich Grundlage aller Gespräche, der sozialen Kommunikation, sogar der Vermittlung wissenschaftlicher Formeln, ohne dass es die vollständige Qualität des Denkens jemals erreichen kann. Die Erotetik hingegen beruft sich bei ihrem Verständnis von Denken auf jene Fraglichkeit, die sich aus der Stellung des Daseins zur Welt zwangsläufig ergibt: der Fragezeichencharakter der Dinge ist ihr metaphysisches Fundament. Ihr Denken verfährt weniger dialogisch und benötigt keine spekulativen Setzungen von irgendwelchen Behauptungen, die dem Gesprächspartner hernach untergeschoben werden, sondern versucht, das wirklich Unbekannte zu fassen, indem sie vorliegende Differenzen klärt, um über den eigenen existentiellen Standpunkt hinauszugehen. Der Erotetiker will durch seine Fragen zumindest mehr Informationen erhalten, als er zuvor schon hatte. Die Erotetik verlangt hierfür lediglich, die Fremde lieben zu lernen, eine gewisse Xenophilie, aus einfacher Faszination an der Wahrheit. Die Erotetik ist ein existentielles Unterfangen. Es geht dieser Methode um nichts weniger als die Erfassung dessen, was tatsächlich ist, und lenkt das logische Denken formal auf Erkenntnis. So gesehen ließe sich die Suche nach einer Frage und deren folgerichtigen Antworten als hermeneutische Methode verstehen, bei der es darum geht, eine noch unbekannte Existenz zu bergen – und tatsächlich hat sie im Entfernten damit zu tun. Allerdings muss sie über den logischen Rahmen des Diskurses hinausgehen, um das vollständige Potential des Denkens freizusetzen. Deshalb wird hier kein belehrender Katechismus, kein besonders toller Fragekatalog vorgelegt, den es hernach Stück zu Stück zu bearbeiten gilt, indem man dann am Gängelband einer Autorität das Pro und Kontra jeder Frage abwägen muss, nur um schließlich zu Ergebnissen durchzudringen, die ohnehin schon durch irgendeine Offenbarung vorgeschrieben sind, und dessen Crux es daher ist, nicht mehr als eine eine theologische Summe zu sein, die sich mit wilden Quaestionen irgendeiner gesetzten Wahrheit anzunähern hofft Denn es geht nicht darum, sich Fragen zurechtzulegen, die sich im selben Atemzug beantworten lassen – das wäre nicht nur simpel und billig, sondern übel, weil solcherlei Fragen nicht informativ genug sind und für das wissenschaftliche Bemühen nicht viel taugen. Informativ ist eine erotetische Analyse dann, wenn sie bislang unbekanntes Wissen zutage fördert.

Die Erotetik steht als Methode auf formaler Grundlage. Der Fragesatz ist ein sprachliches Gebilde und hat eine strukturierte Form; er ist nach logischen Prinzipien aufgebaut, die für die erotetische Pragmatik leitend sind. Im Verständnis dieser Logik liegt schon der praktische Aspekt ihres methodischen Gebrauchs verborgen, der helfen kann, um ein Problem – sofern es denn wirklich ist – gezielter zu lösen. Denn sofern ein Problem wirklich existiert, gibt es eine Lösung; – dort, wo bedeutsame Fragen aufkreuzen, lassen sich notwendig Antworten finden. Die klassische formale Logik beschreibt Folgerungsbeziehungen, deren Grundlage assertorische Sätze sind. Die erotetische Logik hingegen befasst sich mit Fragen, die jedoch aus der Ferne besehen – sofern Urteil und Antwort als gleichwertig aufgefasst werden – mit der formalen Logik in Verbindung stehen. Die erotetische Logik ist ein Topos der formalen Logik und lässt sich in grundlegenden Bereichen mit denselben Mitteln beschreiben. Fragesätze haben im Kern einen assertorischen Charakter eigener Art, sie bezeichnen Tatsachen und können insofern wahr oder falsch sein, – sie folgen aufgrund ihrer Eigentümlichkeiten lediglich einer Logik, die mehr als nur witzlose Folgerungsbeziehungen aufwirft, sondern über kurz oder lang notwendig Erkenntisse gewinnt. Es handelt sich um ein Programm, um über sich hinauszugehen.

Es ist die erklärte Aufgabe dieses Werks, Probleme und Fragen zu untersuchen, um das Denken zu formalisieren und für wissenschaftliches Arbeiten gangbar zu machen. Doch indem hier Probleme problematisiert werden bzw. indem sich Fragen an Fragen stellen (und sogar stellen müssen, wenn ein Beweis in mathematischer Hinsicht hergestellt werden soll), verfängt sich die Untersuchung unweigerlich in einem unheimlichen Selbstbezug, bei dem das Denken auf seinem Erkenntnisweg auf Erkenntnisse trifft, die konsequenterweise Auswirkungen auf den Problemlösungsprozess bzw. Erkenntnisweg zur Folge haben, wodurch die gewonnene Lösung oder Erkenntnis selbst wieder bedeutungslos werden kann. Da wir auf der rationalen Grundlage der Forschung forschen bzw. indem wir Fragen an Fragen stellen, um das Denken in wegweisende Bahnen zu lenken, können wir nur die Erkenntnisse und Antworten berücksichtigen, von denen die Forschungsgrundlagen bestätigt werden oder von denen sie zumindest unberührt bleiben. Hier betreten wir zugleich jenes Stück Metaphysik, in dem es dem eigentlichen Denken um sich selbst geht, oder wie es Aristoteles mit seiner berühmten Formel νόησις νοήσεως νόησις (noesis noeseos noesis) ausdrückt: das Denken ist Denken des Denkens, und zwar insofern die eigentliche Vernunft im Denken über das Denken besteht (vgl. Metaphysik; 1074b). Es lässt sich deshalb sagen, dass der Vollzug der Metaphysik im Kern nichts anderes ist als eine ontologisch gemeinte Selbstbestimmung des Denkens. Das Denken muss seine eigenen Voraussetzungen, Gesetze und Regeln kennen, um sich zielführend auf Erkenntnisse auszurichten. Um letztlich zu prüfen, inwiefern sich die Sätze der Logik begründen lassen, damit sie dem Denken auf seinem Weg zur Lösung taugen, müssen wir die lange totgesagte Metaphysik wieder aus ihrem Grab schaufeln. Jede Methode benötigt eine Metaphysik, die ihr vorgelagert ist, da sich die Metaphysik mit dem Sein beschäftigt, die sie zu erfassen versucht. Mit den Sätzen der Metaphysik kann ein Raum beschrieben werden, der unverstandene Phänomene fassen kann, indem es sie logisch schlicht erschließt und deshalb gewissermaßen existent sind. Und dieser Raum gibt gleichsam die Grundlage für die Methode als Herangehensweise an Erkenntnisse. Jede Kunst folgt der alten Baumeisterin Natur, – so muss auch jemand, dessen Handwerk die Fragetechnik sein soll, die Natur zur Grundlage nehmen. So liegt nicht das Staunen am Anfang allen Philosophierens – so sprechen lediglich Idealisten -, sondern blanke Tatsachen: ein methodisch korrektes Vorgehen kann nur auf logischem Weg – wenn sie von evidenten Tatsachen ausgeht und daraus ableitet – zu sicheren Ergebnissen führen, weswegen die Erotetik nicht viel mit halbseitigen metaphysischen Interpretationen zu schaffen hat, deren Zweck wohl darin besteht, der eigenen Welterkenntnis von ehrwürdige Schwere von tiefer Bedeutung zu verleihen, indem sie fast zwanghaft das spekulative Gewicht schwerverständlicher Worte ins Feld führt, die den sachlichen Kern des Gedankens verwischen und, wenn überhaupt, nur kleine Schulkinder irritieren: sie ist vielmehr eine Notation des Denkens und beschreibt die Logik jenes begründeten Zweifels, der den notwendigen Gang der Erkenntnis geht. – Die Philosophie schreibt ihre Geschichte als Abfolge von Problemen und entsprechenden Methoden, die zu einer Lösung geführt haben. Es gab bislang einige große Meister, die erotetische Gedankengänge und Argumente explizit formulieren: Sokrates, Platon, Aristoteles, die Scholastik mit ihren mittelalterlichen Summen, Descartes, vor allem Kant, Marx, Wittgenstein. Ihren Gedankengängen liegt das Spiel von Frage und Antwort zugrunde. Ihre philosophischen Methoden sind deshalb überliefert worden, da sie ein bestimmtes philosophisches Problem erfolgreich behandelt haben. Einer Untersuchung zur erotetischen Methode bleibt nichts anderes übrig, als sich sämtlichen Denkern gleichermaßen verpflichtet zu sehen, weswegen dieses Werk die Geschichte von Philosophie und Wissenschaft grundsätzlich berücksichtigt.

In ihrer Gesamtheit bilden Frage- und Antwortsätze eine Objektsprache, mit der über Probleme und ihre jeweiligen Lösungen gesprochen werden soll. Auf dieser objektsprachlichen, semantischen Ebene können gewisse Mechanismen hergestellt werden, die nicht nur Fragen stellen lassen, sondern mit denen wir auch befriedigende Antworten finden können. Durch ihre Bedeutung können Fragesätze semantische Beziehungen zu anderen Fragen eingehen, das heißt, dass Probleme zumindest auf formalem Wege miteinander verrechnet werden können, vergleichbar mit dem Vorgehen eines Ingenieurs, der mit einem einzigen Zahnrad einige weitere zum Laufen bringt, um auf diesem Weg viele verschiedene Probleme gleichzeitig zu lösen. Damit die Erotetik mehr ist als nur ein theoretisches Blabla, das sich auf leere Abstraktionen stützt, benötigt sie einen festen Gegenstand, – sie muss zeigen, dass es in der Wirklichkeit bestimmte Zustände gibt, die dem Fragesatz entsprechen. Es wird demnach eine entsprechende Ontologie nötig sein, von der die Feinheiten des erotetischen Programms abhängen. Diese Ontologie soll zeigen, was sich hinter dem Vorhang verbirgt.

 

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ontologische Vorbemerkungen

 

Wie man zur Sache kommt

Wissenschaft beginnt mit dem fundamentalen Problem der Existenz, denn sie muss erst einmal feststellen, durch welche Merkmale ein Vorgang überhaupt ist, um festlegen zu können, mit welchen Ergebnissen ihre Forschungen ein Ende finden. Erst wenn sich klärt, inwiefern sich der sachliche Aufbau der Dinge gestaltet bzw. wie sich ihr Sein gestaltet, lässt sich entscheiden, wann Erkenntnis überhaupt erreicht ist.

Was Existenz und damit Erkenntnis letztendlich genau bedeuten, ist oftmals durch das eigene Interesse bedingt, in solchen Fällen wird Existenz weniger erkannt, als vielmehr aus strategischen Gründen dergestalt bestimmt, wie es dem eigenen Gutdünken und der Systemarchitektur zuträglich ist. Ein Gemälde zum Beispiel verändert sich durch bloßes Draufschauen nicht wesentlich; es wird jedoch von jedem seiner Betrachter aus einem anderen Blickwinkel gesehen und ruft insofern unterschiedliche Reaktionen hervor: die einen interessieren sich wohl für Farbmischungen und Motive, andere hingegen für materielle Beschaffenheit, historische Daten, soziale oder kunsthistorische Aspekte, sogar für seinen Wert als Anlagevorteil, als bloßes Investitionsobjekt. Das Gemälde bleibt gleich, nur ist das Erkenntnisinteresse jeweils ein anderes. Es schlägt sich in vielen weiteren Beispielen unverkennbar entgegen: etwa wenn Physiker und Chemiker dieselben materiellen Prozesse unterschiedlich deuten, oder dass Psychologen und Soziologen verschiedene Aspekte des sozialen Zusammenlebens deuten. Die eigentlichen Gegenstände sind in diesen Beispielen dieselben geblieben, nur ist das Erkenntnisinteresse ein jeweils anderes. Die sogenannte ‚Komplexität des Wissens‘ beruht auf einer künstlichen Vervielfachung der Phänomene, durch den dieselben Prozesse erstmal nur verschieden interpretiert werden, nur um sie aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, und es bedarf für jedes dieser durch die Interpetation getauften Gegenstände eine eigenständige Logik, die ihnen angemessen ist und die sich um ihre Interpretationen ranken (- ganz ähnlich wie die Dialektik, die sich um den Dualismus rankt). So werden in der Wissenschaft werden gleichsam verschiedene Sprachen gesprochen, bis man einander nicht mehr versteht. – Was ist Wahrheit? Es kommt darauf an, wer sie definiert. Der Realist hat seine Wahrheit, der Idealist auch und der Materialist ebenfalls, je nachdem, welchem Gegenstand man die nötige Beweiskraft zusprechen möchte. Der Peripatetiker streitet sich mit dem Platoniker, der Analytiker mit dem Phänomenologen, als würde sich der Wert der Wahrheit mit dem Ort wechseln. Auf das komplexe, schwer durchschaubare Existenzproblem folgt schließlich der ebenso schwer zu durchschauende Relativismus der Meinungen, – jedoch setzt Existenz eine gewisse Beständigkeit voraus und kann kaum relativ sein. Um zur Existenz vorzudringen, um von dort Erkenntnisse einzusehen, müsste sich die Erkenntnistheorie erst einmal vom Relativismus befreien, da sie andernfalls nicht abschließend bestimmbar wäre, womit auch jener Indikator wegfällt, der Erkenntnis und Wissen anzeigt. Eine konsequente Weise, sich der Existenz vorsichtig anzunähern, ist die philosophische Haltung des Skeptizismus.

Ein skeptischer Mensch neigt zur Überzeugung, dass es für alles einen Grund zum Zweifeln gibt, indem er Ereignisse erstmal als bloße Erscheinung versteht. Skeptiker sind Ungläubige – das allein schon ist ein vorzüglicher Zug an ihnen. Doch schon viele haben ihre Köpfe mit Anlauf gegen Wände geworfen, um einen Anhaltspunkt für die bloße Existenz der Welt zu finden, und selbst ihr unerquicklicher Schmerz hat nicht ausgereicht, um sie von ihrer Suche abzuhalten. So erzählen Anekdoten über Pyrrhon von Elis, dass er seine skeptische Haltung derart radikal umgesetzt haben soll, dass er sich auf seinen Reisen geweigert hat, entgegenkommenden Wagen, steilen Abhängen und bissigen Hunden auszuweichen, außer Stande, die Konsequenzen seines Handelns zu berücksichtigen; – seine Freunde mussten ihm helfen, weil ihn seine gleichgültige Haltung hat hilflos werden lassen, weswegen sich sogar Pyrrhon irgendwann eingestehen musste: es ist schwer, den Menschen vollständig abzulegen. Skeptiker bezweifeln oftmals etwas, das direkt vor ihren Augen liegt, um durch ihren Zweifel zu einem Beweis zu kommen, – doch damit wird das, was sie ohnehin schon wissen, noch einmal transzendiert. Jeder noch so positive Befund kann auf diese Weise in ein Erkenntnisproblem verwandelt werden – doch es gibt hier keine Probleme. Der Skeptiker fordert einen Beweis für das, was direkt vor seinen Augen liegt und sich rein handgreiflich erfassen lässt, – dabei wäre es fast schon vermessen zu behaupten, dass die Welt, in der wir uns befinden, unsere Zustimmung braucht, um da zu sein. Wenn es dem Philosophen um die Sicherung von Realität ginge, dann darf er sie nicht beweifeln, nur um durch seinen Zweifel zu einem Beweis zu kommen. Wird der Skeptiker dogmatisch, dann müsste er sich zu der Aussage hinreißen lassen: ´Die Außenwelt existiert nicht´ – damit würde er zum Solipsisten. Nur wird trotz einer solchen Hyperbolie die Außenwelt nicht verschwinden: selbst der Solipsist muss sich erst auf die Außenwelt beziehen, um sie hernach zu negieren. Er benötigt sowohl in der Theorie als auch in der Praxis andere Menschen zum Eigenerhalt, – seine Existenz entsteht durch einen logischen Mechanismus. – Grundlegende Skepsis muss, wenn sie konsequent sein will, auch seine eigenen Motivationen in Zweifel ziehen. Die konsequente Auffassung, dass es für alles einen Grund zum Zweifeln gibt, muss demnach ebenso konsequent scheitern, weil  dies uns die Konsequenz abnötigen würde, den Grund der eigenen Suche in Zweifel zu ziehen, und weil sie sich in ihren Konsequenzen immer wieder neu zerbricht. Ein wie auch immer gearteter Zweifel setzt eine Gewissheit voraus – zumindest hier ist selbst der tiefste Zweifler über jeden Zweifel erhaben. Selbst der Skeptiker kann nicht zweifeln, wenn er nicht seine Wahrheit gefunden hätte. Dennoch bleibt der Skeptizismus ein hervorragendes Korrektiv, das auf Erkenntnis von Existenz abzielt. Ereignisse finden unabhängig davon statt, ob etwas über sie ausgesagt wird oder nicht, an ihnen verlieren Kritik und Gegnerschaft ihre maßgebliche Grundlage; sie zeigen sich in ihrer augenscheinlichen Evidenz als existent und müssen – res ipsa loquitur – nicht zwingend bewiesen werden.

Dass überhaupt etwas existieren muss, ist uns durch unser Dasein schon klar. Wir sind hineingeboren in die Welt, dem Inbegriff von Existenz, und ein Teil von ihr. Wissenschaft muss ihren Gegenstand nicht erst zur Existenz bringen, weil er bereits offen da liegt: sie beschäftigt sich in der Regel mit denselben Phänomenen, die sich auch im Alltag beobachten lassen, wie zum Beispiel herabfallende Äpfel, Sternbewegungen, Filme, zuckende Blitze oder Neuronenströme – nur steht ihre Beobachtung dabei unter strengeren Kriterien, als es für gewöhnlich der Fall ist, denn sie unterliegt der Anforderung nach wissenschaftlichem Sinn. Wissenschaft geht auf Erkenntnis, sie will ihren Gegenstand unverhüllt und nackt sehen, fern von ideologischen Verblendungen oder Spuren der Ungewissheit – sie will die Gegenstände in ihrer Wirklichkeit verstehen, als Tatsache.  Hierfür muss sie die Phänomene in ein Licht stellen, in dem ihr sachlicher Aufbau einsehbar wird, denn erst so können sie wissenschaftlich analysiert werden. So entdeckt die Philosophie das Sein, um es abzutasten, zu prüfen und zu bewerten, und um es schließlich zu erkennen.

Wer zur Sache kommen will, muss die Mechanismen jener Logik verstehen, nach denen die Gegenstände konzipiert und aufgebaut sind. Die Metaphysik beginnt stets mit der Logik, da sich das Sein aufgrund logischer Formeln und Formen darstellt. Wir können demnach von verschiedenen Wahrheiten in verschiedenen Sprachen ausgehen: der Alltagssprache und der formalen Sprache, – Wahrheit übt hier wie dort eine jeweils andere Funktion aus. Es bedarf lediglich einer leichten Klärung des Wahrheitsbegriffes hinsichtlich seiner wissenschaftlichen Verwertbarkeit. Diese epistemologischen Vorüberlegungen werden durch die Ontologie geleistet.

 

Über Ontologie

Eine Ontologie beschreibt das Sein und damit die Beziehungen verschiedener Gegenstände in einer umfassenden Welt. Sie klärt Phänomene auf, indem sie auf den wissenschaftlichen Sinn bzw. die formalen Verflechtungen hinweist, und hat die Aufgabe, allgemeine Merkmale einer Tatsache zu beschreiben bzw. grundsätzliche Gesetzmäßigkeiten festzustellen, die in jeder Erfahrung der Welt gegeben sein müssen, und ihre weit gefasste Domäne dergestalt zu formalisieren, dass eine angemessene praktische Untersuchung möglich wird. Sofern Wissenschaft auf Erkenntnisse geht, muss sie festlegen, wie sich Tatsachen zur Geltung bringen. Der Gegenstand dieser Disziplin ist jener ontische, der in Wirklichkeit ist (- oder der zumindest als solcher gesehen wird). Sie beschäftigt sich mit der nackten Faktizität einer Sache und erörert ihre Form und soll diesen Gegenstand in Worte fassen – so gesehen verhält sich die Ontologie zu ihrem ontischen Gegenstand wie die Psychologie zur Psyche oder die Soziologie zu sozialem Handeln, da diese ebenfalls ihr jeweiliges Phänomen formal aufbereiten, – der gewichtige Unterschied besteht jedoch darin, dass die Ontologie als Lehre vom Seienden jene theoretische Blaupause ist, nach dem alle übrigen Wissenschaften bauen müssen, da sie mit ihren allgemeinen bzw. fundamentalen Sätzen den formalen Rahmen vorgibt, mit dem sich ontische Sonderphänomene wie die Psyche oder soziales Handeln überhaupt wissenschaftlich darstellen lassen. Jede Wissenschaft benötigt eine Ontologie als vorgelagerte Disziplin, um durch sie theoretisch fixieren zu können, wie ihr jeweiliger Seinsbereich aufgebaut ist und wie sich die Phänomene darin darstellen. Weil sie lediglich die allgemeine Form aller Dinge in Augenschein nehmen, sind ontologische Gegenstände natürlich abstrakt. Es handelt sich um den Gegenstand des Denkens und daher um eine Aufgabe der Philosophie. Die Philosophie untersucht das Denken hinsichtlich logischer Prinzipien und insofern zeigt ihr ontologisches Schema die grundlegende Form aller übrigen Gegenstände, sie verweist auf das zu Erkennende als mögliche Erfahrung und ist insofern auch Epistemologie.

Eine Ontologie muss, sofern sie am Aufbau der Welt interessiert ist, deren formale Verhältnisse zur Sprache bringen können. Sprache ist als Informationsträger für Ontologen ganz wichtiges Handwerkszeug, weil mit ihr Wahrheit nicht nur darstellbar, sondern durch die Zusammenstellung und Bedeutung ihrer Zeichen auch artikulierbar wird. Eine Ontologie in strengem Sinn ist eine formale Wissenschaftssprache, die Vermittlung von Erkenntnissen ermöglicht, ohne dass durch Reibungspunkte etwas vom Inhalt verloren geht. Ihre Sätze müssen der Anforderung nach wissenschaftlichem Sinn genügen, d.h. sie muss sicherstellen, dass ihre durchaus abstrakt gemeinten Sätze den Vorgängen in der Welt entsprechen, um verlässliche Urteile zu ermöglichen. Sie geben letztlich den streng formalen Aufbau der Welt wieder und zeigen logische Verhältnisse auf, womit sie zugleich den Rahmen für jede Erkenntnis vorzeichnet. – Von einem modernen Standpunkt aus bildet Wissenschaft die Wirklichkeit mit mathematischen Methoden ab. Die Mathematik kann als eine Sprache aufgefasst werden, deren Zahlzeichen erst durch ihren wechselseitigen Bezug eine konkrete Bedeutung erhalten, wobei sie innerhalb einer Gleichung gegebenenfalls positive Tatsachen darstellen. Sätze der Mathematik lesen sich demnach wie ontologische Entwürfe, die ein Verhältnis abzeichnen, das sich irgendwie in der Welt wiederfinden lässt. Im physikalischen Weltbild werden wirkliche Vorgänge durch mathematische Verhältnisse beschrieben, Gleichungen geben hier Verhältnisse an, die sich irgendwie auch in der Wirklichkeit wiederfinden lassen. Ein einleuchtendes Beispiel gibt das Periodensystem der Elemente, eine schlichte Tabelle, die Atome streng nach Masse unterscheidet und sie nach Eigenschaften gliedert, womit sie eine übersichtliche Klarheit über die Bezüge zwischen den Elementen herstellt, ihre Möglichkeit zur Bildung komplexer Moleküle veranschaulicht und – da sich überall die gleichen Elemente entdecken lassen – sogar die kosmische Ordnung der Dinge darstellt. Ontologien handhaben sich wie Werkzeuge, mit denen sich schematisch Verhältnisse skizzieren, die sich in analoger Weise auch in der Welt wiederfinden lassen, weswegen sie sich wie Landkarten lesen, auf denen sich geologische, geopolitische oder ökonomische Bewegungen abzeichnen lassen, oder wie das Notensystem der Musik, deren bloße Zeichen ganze Harmonien sichtbar macht. Die dargestellten Formen und Verhältnisse treffen ihrer Bedeutung nach mit denen der Wirklichkeit überein, sind gewissermaßen isomorph, womit sie etwas Wahres aussagen können. Ebenso haben Malerei und Fotografie eigene Mittel, Tatsachen in eigener Weise darzustellen. Dabei liegt die Suche nach Wahrheit nicht ausschließlich einem ästhetischen Sinn zugrunde, sondern ist im Kern das Ergebnis einer logischen Notwendigkeit. 

Es ist die Aufgabe der Ontologie, ein Entscheidungsverfahren für Sätze anzugeben; sie soll zeigen, wann ein logischer Schluss gültig ist und wann nicht, indem sie den Gegenstand sichtbar macht, an dem er sich messen kann. Dies erinnert an Quines technischen Begriff der ontologischen Verpflichtung: bei kategorialen Existenzaussagen geht es nicht darum, ob Gegenstände einer Kategorie existieren oder nicht, sondern an welche Ontologie sich eine Theorie bindet (vgl. Was es gibt; S.13). Die Klärung der Wahrheit solcher Sätze ergibt sich aus der logischen Form der Tatsachen.

Eine Ontologie muss vollständig sein, weil sich erst so die logische Richtigkeit ihrer Beschreibung nachweisen lässt, – sie muss ihre Welt so umfassend beschreiben, wie es Dante mit seiner göttlichen Komödie getan hat. So ist das Universum in seiner großen Ganzheit dasjenige, was mit den Mitteln der Ontologie dargestellt wird – sie ist im weiteren Sinn Kosmologie. Das Universum stellt sich als (mehr oder weniger) geordneter Kosmos dar, als ein abgerundetes, einigermaßen funktionierendes Gebilde, das sich hinter unseren Erfahrungen ausbreitet. Allem Irrationalismus zum Trotz folgt die Welt einem gezielten Muster – das sieht man schon am pumpenden Herzen, oder das etwa Augen nicht grundlos so beschaffen sind, oder sogar daran, dass niemand grundlos explodiert. – Wissenschaft besteht aus einem engen Zusammenhang von Urteilen. Jedes Urteil gibt dabei nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit, weswegen es für ein komplettes Bild der Welt nötig ist, sie zu sammeln. Die Weise der Organisation der Tatsachen, wie sie eine Ontologie verspricht, ist nur auf Grundlage ihres logischen Aufbaus möglich. Der strukturelle Aufbau von Tatsachen liegt durch die konkreten Verhältnisse bereits vor und damit auch die logische Regel, nach der sie aufgebaut sind. Durch den logischen Aufbau von Tatsachen ergeben sich notwendig Zusammenhänge mit anderen Tatsachen – sie werden nach ihrer jeweiligen Wahrheit geordnet. Die Logik übernimmt die formelle Ordnungsfunktion und sortiert Verhältnisse hinsichtlich ihres Seins, bis sich ein passendes Bild der Welt ergibt. Sofern die Ontologie auf einen modus intellectualis nullibi interruptus besteht und alles umfassen soll, meint dies auch unbekannte, metaphysische Entitäten, denn es gibt unzweifelhaft Sachlagen, von denen wir keine unmittelbare Kenntnis haben können, weil sie sich jenseits unserer physischen Reichweite befinden und die ganze Menge der Tatsachen für uns nicht in ihrer vollen Breite einsichtig ist, und die sich logisch erschließen lassen müssen. Metaphysik argumentiert auf bloß logischen Wege, sie demonstriert rein rational, ohne Verweis auf Erfahrung, und spricht folgerichtig nur in dunklen Metaphern, die als obskuren Gesetze jene unsichtbaren letzten Gründe verkörpern, für die sich Philosophen oftmals begeistern. Diese Philosophien sind wie feine Spinnennetze, die eine kluge Spinne webt und dann geduldig wartet, bis ahnungslose Nahrung hineinschwebt und sich darin verfängt.

Jede Ontologie muss, wenn sie die Welt angemessen und vollständig darstellen will, sich selbst berücksichtigen, d.h. sie muss sich als Tatsache auffassen, wenn sie wahr sein soll. Jede physikalische Theorie, die sich an einer Weltbeschreibung versucht, muss ihre eigene Möglichkeit implizieren; sie beschreibt stets die Bedingungen ihrer eigenen Faktizität. Dieser Anspruch ist nicht neu und war schon unter Rationalisten wie Descartes und Spinoza sehr im Schwange, – noch Charles Sanders Peirce verweist darauf, dass der Mensch in die Wirklichkeit eingebunden ist, dass selbst sein Verstand ein Produkt jener Wirklichkeit ist, die es wissenschaftlich zu begründen versucht (vgl. Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus; 6.10, 1.118, 5.47, 5.586, 5.591, 5.603). Und noch heute erscheint es widersinnig, eine Urteilslehre anzunehmen, die das Zustandekommen und die Ausformung dieser Lehre nicht bestätigt, – es ist überhaupt nur dann möglich, eine Urteile zu fällen, wenn die dort beschriebenen Regeln das Urteil wieder bestätigen. Sofern Sätze etwas über die Welt aussagen, dann schließen sie auch den Menschen mit ein, denn wir sind Teil der Welt, die wir darstellen. Das heißt auch, dass eine Weltvernichtung – selbst wenn sie nur hypothetisch wäre – zugleich unsere eigene Existenzgrundlage vernichten würde, und mit dieser Notwendigkeit spielen selbst die Götter nicht. Diese Auffassung führt keineswegs in einen logischen Zirkel und führt nicht in wissenschaftliche Beliebigkeit, stellt also mitnichten einen intellektuellen Beinbruch dar, sondern kann positive Verwendung finden: eine ontologische Aussage ist wahr, wenn sie ihr eigenes Zustandekommen erklärt. So stehen wir der Welt nicht entgegengesetzt, sondern haben einen natürlichen Zugang zu all den Vorgängen und Erkenntnisgegenständen. Durch unser Dasein haben wir einen natürlichen Zugang zur Welt. Der menschliche Körper ist ein integraler Bestandteil des Universums, er ist in diese Welt hineingeboren und folgt denselben Regeln, fließend geht das Eine ins Andere über, und nur in Übereinstimmung mit diesen Naturgesetzen kann eine Person sein mit Fleisch und Blut beklebtes Skelett durch elektrische Impulse leiten und in Bewegung halten. Der Zustand der Welt und der Zustand des Einzelnen sind eng miteinander verwoben, Umwelt und eigene Gesundheit hängen zusammen. Die Welt ist ein Ganzes, das Individuum ist ein Teil davon – diese Darlegung sagt schon einiges über die Erkennbarkeit der Welt: dem Menschen sind die Gesetzmäßigkeiten der Welt irgendwie bereits gegeben. Und ohne die perspektivische Bezugnahme finden diese Formen der Erkenntnis auch nicht mehr statt. Gerade weil der Mensch nur Eigenschaften haben kann, die auch irgendwie in der Welt vorliegen müssen, ist die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen, ein Bestandteil der Wirklichkeit, und zur vollständigen Erkenntnis gelangen wir daher erst, wenn wir unsere Weise der Bezugnahme mit einberechnen. Die Welt ermöglicht unsere Wahrnehmung, unseren Intellekt, mit dem wir ihre Strukturen begreifen, und bestimmt unseren Versuch, sie zu beurteilen und Erkenntnisse zu finden. Nur ein wirklich bestehender Erkenntnisweg führt zu Wahrheiten, d.h. nur sofern logische Verhältnisse wirklich existieren, können auch auf dem Weg solcher Verhältnisse weitere Erkenntnisse gefunden werden. Die Entscheidung, welche wissenschaftliche Methode man wählt, hängt in aller Regel davon ab, welche metaphysische Substanz der Untersuchung zugrundegelegt wird. Dieser Zusammenhang von Metaphysik und Methode ist in Philosophie und Wissenschaft grundsätzlich. Insbesondere die philosophischen Systeme des 17. und 18. Jahrhunderts zeichnen sich dadurch aus, dass diese Substanz in der Darstellung der Theorie greifen muss – so unterscheidet sich beispielsweise der Substanzbegriff von Descartes wesentlich vom Substanzbegriff des Spinoza und entsprechend unterschiedlich fallen ihre methodologischen Entscheidungen aus: während die cartesische Philosophie von einem Ich ausgeht, das meditierend analysiert, findet die spinozanische Philosophie bei Gott ihren Anfang, der jedoch nur synthetisch zu erfassen istFN5. Vor diesem Hintergrund wird auch deutlich, weswegen die gadamerschen Überlegungen in ´Wahrheit und Methode´ die Hermeneutik weniger als Methode begreifen, sondern als das Phänomen des Verstehens selbst. Der Zusammenhang von Metaphysik und Methode ist in Philosophie und Wissenschaft deshalb grundsätzlich, weil er deutlich werden lässt, dass methodologische Erwägungen und Entscheidungen nur dann fruchtbar sind, wenn man ihnen ein entsprechendes Sein zugrundelegt. – Sofern eine Ontologie den Anspruch hat, die Welt in ihrer umfassenden Gänze darzustellen, wird sie sich selbst beschreiben müssen. Es handelt sich hierbei um ein selbstreferenzielles Konzept, das deshalb verfänglich ist, weil die korrekte Formulierung einer Ontologie von ihrer eigenen Bestimmung abhängt, weil sie daher den Standpunkt einer relativen Selbstgenügsamkeit einnehmen muss, vor allem: weil sie letztlich Metaphysik bleiben muss. Daher ist es ratsam, die Regeln der Konstruktion zumindest spekulativ abzuwägen, sodass sich die Bestimmung in ihren Konsequenzen wenigstens nicht widerspricht, sondern sich selbst bestätigt.

Eine Untersuchung über grundlegende Strukturen der Welt erstreckt sich konsequenterweise auch an den Grundlagen dieser Untersuchung, sie betrifft ihre eigenen Kategorien. Ohne Menschen gibt es solche Konzepte nicht – keinen Materialismus, keinen Idealismus, keine Welt als Konzept. Eigentlich sind Innenwelt und Außenwelt eine Einheit, bis der Philosoph kommt und sie – in seinem Verlangen nach Einheit – voneinander trennt, nur um abzuwägen, welches von beiden reiner ist als das andere. Damit wird ein hypothetisches Ganzes mit einem ebenso hypothetischen Beil in zwei oder mehrere kleine Teile gehauen. Alle Dinge waren zusammen; dann kam der Mensch dazu und ordnete sie, und so wurde auch er selbst Mensch genanntFN6.

 

von der Wirklichkeit zur metaphysischen Welt

Die Welt ist dem Menschen als Wirklichkeit gegeben. Menschen haben in in dieser Welt einen unmittelbaren, voraussetzungslosen Zugang zur Wirklichkeit, der praktisch durch Geburt entsteht: denn die Welt gerät durch die bloße Existenz eines Daseins zugleich ins Ungleichgewicht und befindet sich deshalb in ständiger Bewegung. Die Existenz eines Daseins besteht als Zusammenspiel logischer Regeln, die über kurz oder lang Ungleichheiten provozieren müssen, – das Dasein wird hier zum fleischgewordenen Widerspruch, der jene Wirklichkeit erst konstituiert, die ihm seine Bewegungen vorschreibt: Menschen setzen durch ihr Dasein gleichsam eine Raumzeit voraus, in der sie sich umherbewegen können. Demzufolge heißt Sein, Stoffe umzuwandeln, sich stetig zu verändern, sich zu bewegen und sich von dieser Bewegung forttreiben zu lassen, ja sogar forttreiben lassen zu müssen. Diesem Prinzip liegt unsere Erfahrung von Phänomenen zugrunde. Insofern haben Menschen durch ihre Position im Universum durchaus so etwas wie angeborene Muster und Verhaltensweisen: Erfahrung entsteht nicht aus sich selbst heraus, – eine tabula rasa wie bei John Locke gibt es nicht, da eine solche Tafel ein bereits bestehendes Sein voraussetzt und entsprechend vorstrukturiert ist. Als Dasein sehen Menschen die Welt durch eine intentionale Linse, d.h. sie stehen auf einem bestimmten Standpunkt, von dem sich uns lediglich die phänomenale Form der Gegenstände zeigt. Auf diesem Weg liefert ihnen die intentionale Auffassung zwar eine sehr bestimmte, aber doch unvollständige Sicht der Dinge: Menschen haben zwar Einsicht in die Existenz, tun dies aber nur, weil sie eine bestimmte Seite einer ungleich viel umfangreicheren Welt sehen. Ähnlich bilden vom Menschen gezeichnete Landkarten zwar die Oberfläche der Erde (oder anderer Planeten) ab und können dabei noch so detailreich sein, aber sie zeigen seinem Betrachter nur eine bestimmte Seite. Aus der Konstitution des Daseins ergeben sich notwendig Offenlassungen und Unklarheiten, – die Welt erscheint dem Menschen als einzige große Ungereimtheit, die die Dinge in Bewegung hält und den Kreislauf der Wirklichkeit antreibt. Unter diesen Voraussetzungen bleibt der eigentliche Gegenstand im Grunde unerreichbar und besteht, sofern er vollständig erfasst werden soll, nur als endlose Bewegung bzw. als Aufgabe.

Die Derivate der Wirklichkeit sind Raum und Zeit, oder umfassender: das Universum. Denn der Tanz der Gegenstände weist über die Gegenwart hinaus. Doch die Bewegung von Dingen wäre nicht vollständig erklärt, wenn nicht ausgemacht ist, wohin sie strebt: die Welt zeigt sich hier dem Menschen nur auf abstrakte Weise, indem es durch die Wirklichkeit lediglich angedeutet wird. Sie ergibt sich hier aus dem Vorher und Nachher, folglich jenen Hilfsworten, ohne die der Vorgang der Bewegung nicht befriedigend erklärt werden kann, als konsequente Anwendung logischer Prinzipien auf die sichtbare Welt. Jedoch bleibt das Universum im Grunde nicht mehr als ein vages Ereignis, das sich aus der voranschreitenden Bewegung der Dinge ergibt, und niemand kann genau angeben, inwiefern sich diese Bewegung ausgestaltet. Wirklichkeit bedeutet, dass notwendig etwas geschehen wird, aber nicht, wie genau dieses Ereignis abläuft, weswegen wir unermesslich viele Daten sammeln können, ohne jemals künftige Ereignisse vorhersagen zu können. Die Welt ist ein geometrischer Raum, der einen bunten und gewundenen Zeitstrahl möglich macht. Ihre Ausformung ist abhängig von den jeweiligen Gesetzen des Denkens. Diese Welt ist Gegenstand der Metaphysik, jenem dunklen Unterfangen, das Erkenntnisse auf logischem Weg erzeugen möchte.

Die Metaphysik geht von dem Standpunkt aus, dass grundlegende, sogar Wahrnehmung oder Erfahrung konstituierende Instanzen unbekannt sind. Die metaphysische Welt befindet sich um uns herum, sie konstituiert diese Welt erst als vollständiges Ganzes. Dieser Entwurf ist jener intellektuelle Versuch, in die sich in Dunkelheit einhüllende Zukunft blicken zu wollen, kommende Ereignisse zu erwarten oder diese sogar unter Berücksichtigung vergangener Geschehnisse vorauszuberechnen. Ähnlich ergeht es demjenigen, der mit Thukydides die Vergangenheit erkennt und die Muster des peloponnesischen Krieges nachvollzieht, um damit auch die Zukunft ausmalen zu wollen, ohne sie jemals zu erreichen. Auf eine historische Notwendigkeit bestehen heißt jedoch zugleich, ohne innere Zusammenhänge und auf Grundlage von Spitzfindigkeiten in die Zukunft sehen zu wollen, als wäre die Historiker-Methode nur Mantik und Weissagung. Die Vergangenheit weiß die Gegenwart aufgrund ihrer historischen Gewordenheit zwar zu deuten, – sie erklärt die Französische Revolution, den Ersten Weltkrieg die Niederkunft des Nationalsozialismus, den Kalten Krieg -, aber das genügt nicht, um auf dieser Grundlage die Zukunft entwerfen. So muss von der Retrospektive aus gesehen zwar alles einen Grund haben, damit ist aber nicht gesagt, welche Gründe künftig eintreffen. Wer in die Zukunft blicken will, der soll in die Tiefe der Mikrophysik sehen – damit ist gemeint, tiefer als nur durch ein Mikroskop oder an der atomaren Ebene vorbei. Noch weiter. Dort versteckt sich das, was kommt.

Niemand kann mit seinen Sinnesorganen in die Vergangenheit oder die Zukunft blicken. Das liegt weniger an der mangelnden Reichweite der Sinne, sondern daran, dass es wohl weder Vergangenheit noch Zukunft gibt. Wir leben stets an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit: im hier und jetzt als dem eigentlichen Ort des Daseins, der Gegenwärtigkeit als einem ewigen Augenblick. Mit unseren Körpern treten wir auf dieser Stelle herum, der Akt des Erlebens ist unmittelbar an diesen Moment geknüpft und kann es nicht verlassen, alle Vorgänge realisieren sich innerhalb dieses in sich gleichen Momentes. In der Gegenwart gibt keinen direkten, unvermittelten Bezug zur Geschichte, in praeteritum non vivitur, in der Vergangenheit wird nicht gelebt – was wir als unveränderliche Vergangenheit sehen, sind Spuren wie antike Stätten oder hinterlassene Dokumente, die vormalige Ereignisse im flüchtigen Sand der Gegenwart gezeichnet haben -, und ebensowenig sind wir in der Lage, künftige Ereignisse auch nur zu erahnen, sondern können sie, wenn überhaupt, durch Theorien vorwegnehmen. Zwar können wir das hier und jetzt und somit unsere Umwelt in Gedanken verlassen, doch damit verlassen wir aber auch den Bereich dessen, was wir mit Gewissheit sagen können. Wir werden feststellen müssen, dass für das Dasein weder Vergangenheit noch Zukunft sind, sondern vielmehr Gegenwärtigkeit, und dass wir die drei verschiedenen Momente der Zeit (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) lediglich verwenden, um physikalische Bewegung besser zu begreifen. Der metaphysische Entwurf des Zeitflusses bleibt nicht mehr als eine Allegorie jener Bewegung, die sich im gegenwärtigen Moment vollzieht. Die Begriffe des Kommens, Daseins und wieder Verschwindens befinden sich dort, jedes wissenschaftliche Verhalten äußert sich darin. – Diese Ausführungen berühren wie selbstverständlich die poetischen Gedankengänge des Parmenides, demzufolge das Seiende niemals war und nicht sein wird, weil es nur im Jetzt als Ganzes besteht (vgl. Fragmente der Vorsokratiker; 28; Vers 8). Wenn Zeitspannen wegfallen, lässt sich in physikalischem Sinne von Gleichzeitigkeit sprechen. Dennoch folgt daraus der Schluss, als ließe sich aus der Ewigkeit, in der jede spürbare Veränderung eingebettet ist, auch die Ewigkeit dieser Gesetze festhalten. Die physikalischen Gesetze spielen sich dort ab. Wir können über sämtliche Ereignisse schließen, dass sie denselben Gesetzmäßigkeiten unterworfen sind, wie die erlebte Gegenwart tut. Die mehr oder minder zufällig auftretenden Phänomene folgen demselben Muster und sind wie unsere üblichen Erfahrungen aufgebaut. Wir erwarten also keine Wunder. Wir müssen dann die Aufhebung der Gravitation nicht fürchten, dass ihre Kräfte sich nicht verflüchtigen werden und wir schwerelos umherschweben – es bleibt dasselbe Universum. Steine und Dreckklumpen fallen zu Boden, ignorieren dabei jeden Skeptizismus. Was zählt ist dabei die Gegenwart, und was durch sie gewusst wird, im epischen Präsens, mit dem Vergangenes und Künftiges in der Gegenwartsform erzählt wird. Der griechische Gott Apollon ist nicht nur der Gott der Weisheit, sondern auch der ewigen Gegenwart.

 

Aufbau einer Tatsache

Eine Ontologie stellt Tatsachen dar. Sie soll zeigen, woraus diese Tatsachen bestehen, um sie einsichtig zu machen und eine angemessene Analyse möglich zu machen.  

Wir sehen sogenannte Gegenstände, Dinge, Geschehnisse stets in der Wirklichkeit, als eine umfassende Tatsache. Das Sein dieser Gegenstände erschließt sich aus ihrer Wirklichkeit, denn sie lässt sich dort aufzeigen und hat evidenterweise einen entsprechenden Aufbau: sie lässt sich als aktuelle Veränderung bestimmen. Sie zeigt sich als tätige Sache, ganz ähnlich einer tanzenden Flamme, die ein Stück Holzscheit zu Asche brennt, oder einem funktionierenden Ottomotor, den wir beim Rotieren beobachten, oder der komplexen Anatomie des menschlichen Körpers, dem aufeinander abgestimmten Zusammenspiel seiner Organe, kurzum: bei allen Systemen mit komplexer Struktur. All diesen Phänomenen liegt eine eigenwillige Dynamik zugrunde, in ihnen wird Energie umgeformt, d.h. sowohl aufgenommen und zugleich abgegeben; Ursache und Wirkung prallen aneinander, sind ineinander verschlungen, überlagert, stellen zwei Seiten derselben Sache dar, in der die Wirklichkeit lediglich einen Unterschied hineingekeilt hat, der sich auflösen muss. Sofern sich eine Tatsache in der Wirklichkeit befindet, lässt sie sich als Entscheidung beschreiben, der einen aktuellen Widerspruch auflösen muss. Demzufolge heißt Sein, Stoffe umzuwandeln, sich stetig zu verändern, sich zu bewegen und sich von dieser Bewegung forttreiben zu lassen, ja sogar lassen zu müssen. Diesem Prinzip liegt unsere Erfahrung von Phänomenen zugrunde.

Tatsachen bestehen – wenngleich sie aus mehreren Bausteinen aufgebaut sind – als kleinste existierende Einheit. Dass liegt daran, weil ihre einzelnen Bestandteile für sich allein nichts bewirken können, sondern jeweils entsprechende Teile benötigen, um überhaupt mit ihnen gemeinsam bestehen zu können. Jedes komplexe System besteht durch die innere Kommunikation seiner Bestandteile. Insofern lassen sich Tatsachen als konkrete, aber komplexe Zustände beschreiben, die einem vielgliedrigen Organismus gleichen – innerhalb dieses komplexen Punktes zeigen sich verschiedene Bestandteile, die sich im selben Augenblick am selben Fleck aufhalten und aufeinander wirken, sogar aufeinander wirken müssen, um überhaupt zu existieren, selbst wenn sie dort dem Verhältnis der wechselseitigen Bedingung ausgesetzt bleiben. Durch dieses Prinzip, bei dem sich innerhalb eines Subjekts zwei Bestandteile befinden, die sich widerstreiten, wobei eine Seite schließlich die Oberhand gewinnen muss, werden die Dinge in Bewegung gehalten. Spinoza spricht davon, dass wenn in demselben Subjekt zwei entgegengesetzte Handlungen hervorgerufen werden, notwendigerweise entweder in beiden Handlungen oder in einer allein eine Veränderung eintreten wird müssen, bis sie aufhören, einander entgegengesetzt zu sein. Tatsachen sind logische Zellen und verkörpern wirkliche Entscheidungen.

Weil Tatsachen konkret und zugleich komplex sind, wird eine Form aufgespannt – das Wissen um diese Form ist für die Aufklärung von Tatsachen essentiell, weil durch diese Struktur die Verknüpfung der Bausteine und damit das Bestehen von Tatsachen erst möglich wird. Die Logik spannt einen Raum auf, in dem bestimmte Gegenstände ihren Platz finden; sie zeichnet eine bloße Struktur, die in allgemeiner Weise einen Inhalt beschreibt. Diese Form sagt aus, wie sich die Elemente innerhalb einer Tatsache zusammenfügen. Innerhalb einer Tatsache sind verschiedene Elemente dergestalt in einen formalen Zusammenhang gestellt, dass sie etwas über denselben Vorgang berichten und über eine logische Form verknüpft werden können; die Elemente sind existentiell derart voneinander abhängig, dass die Veränderung des einen die Veränderung des anderen notwendig bedingt, dass wenn der eine fällt, es auch der andere tun muss. Beispielsweise bestehen analytische Sätze wie ´Die Kugel ist rund´ aus zwei Teilen, die aber derselben Sache zufallen. Sie spiegeln sich gegenseitig so präzise wider, dass der Automatismus dahinter die Grundlage für gültige logische Inferenzen gibt, dass wir zum Beispiel von [(p oder q) und (nicht p)] problemlos auf (q) schließen und dabei sogar sicher sein können, dass dieser Schluss letztlich wahr ist. Die Elemente stiften gegenseitig ihre Bedeutung, wobei sich das eine sich durch das jeweils andere zeigt. In vergleichbarer Weise werden Phänomene gelegentlich als Wirkung aufgefasst, das als solches – sofern Ursache und Wirkung als zwei Seiten derselben Medaille verstanden werden – zwingend eine Ursache haben muss, selbst wenn diese Ursache noch unbekannt ist. Die Sachhaltigkeit der Logik beruht darauf, dass sich ihre Gesetze durch Tatsachen ausdrücken: ihre Schlussfolgerungen sind deshalb so unbestechlich notwendig, da sie auf wirklichen Vorgängen in der Welt basieren, sozusagen Seinslogik sind. Logische Gesetze müssen demnach als Tatsachen vorfindlich sein – andernfalls könnten mathematische oder physikalische Gleichungen nichts Wirkliches abbilden, kein Spiegelbild sein, ja würden die Welt nicht einmal berühren und könnten nichts feststellen, und ihre durchaus zutreffenden Ergebnisse und Lösungen wären höchstens lediglich Kopfgeburten, die sich der Welt zwar beinahe unendlich annähern, aber niemals wirklich erreichen.

Tatsachen folgen logischen Prinzipien, um ihre Erfordernisse zu regeln, – ihre Bewegungen sind mathematisch durchkomponiert. Dies schlägt sich in unzähligen Beispielen entgegen: die Theoretische Physik zum Beispiel beschreibt das Universum mit den Mitteln der Mathematik, etwa dass sich Quanten diskret verhalten, dass sie springen, weil es eine mathematisch fassbare Konstante es so verlangt und Strahlung nur um ein Vielfaches ihrer selbst aufkreuzen kann, oder dass sich die Raumzeit durch Bewegung bzw. durch die der Bewegung äquivalente Gravitation verzerrt, oder die y- und x-Chromosomen, deren zufälliges Aufeinandertreffen zu XX oder XY zur Entscheidung über die Entstehung von männlichen und weiblichen Lebewesen führt; oder dass die Niere konsequent all jene Stoffe aussondert, die sie nicht kennt. Diese Beispiele verdeutlichen, wie sehr die Logik die Prozesse regiert. Eine Wendung, wie sie seit Philolaos von Kroton den Pythagoreern zugeschrieben wird, besagt: dass alles Zahl sei. Alles ist Zahl… die Pythagoreer interpretieren die Zahl als Substanz der Welt – das Formgebende wird Urstoff, die Mathematik Musik. Hier gibt es keinen Kosmos und keine Dinge in gewöhnlichem Sinne, sondern vielmehr Formen, Strukturen, Zahlen und Verhältnisse, aus denen sich letztlich auch die Welt der Erfahrung konstituiert. Dieser Interpretation zufolge steckt die Mathematik nicht nur in unseren Köpfen, sondern vor allem in den Dingen selbst, und wird lediglich durch unseren Erkenntnisleistung im Nachhinein erfasst. Für Speusippos galt die Mathematik beispielsweise als oberstes Prinzip, dem sich die Geometrie und schließlich die bewegte Weltseele untergeordnet sieht. Erst auf Grundlage physikalischer Gesetzmäßigkeiten werden chemische Prozesse erklärbar, aus ihnen ergeben sich biologische, psychische und schließlich soziale Phänomene. Wie schon Archytas feststellt, regelt sich eine Polis durch mathematische Prinzipien: die soziale Harmonie einer Gesellschaft führt er auf eine angemessene, von allen als gerecht empfunde Besitzverteilung zurück, weswegen er für einen kalkulierte Ausgleich zwischen den sozialen Schichten plädiert, – soziale Gerechtigkeit wird so zur messbaren Maxime (vgl. Fragmente der Vorsokratiker; DK47). Jede Gesellschaft regelt sich nach ökonomischen Mechanismen, bei denen mathematische Formeln Fakten schaffen, – Geld besteht im Kern nur aus bloßen Zahlen, die Verteilungskämpfe von Gesellschaften mit abstrakten Mitteln lösen. Schachfiguren sind immer nur Repräsentanten einer dem Spiel innewohnenden Logik, die durch Rechenoperatoren ausgedrückt werden können und trotz ihrer begrenzten Anzahl eine enorm hohe Komplexität sowie Dynamik entfalten. Das Leben ist eine einzige Berechnung, gespielte Mathematik, die dann beginnt, wenn der erste Zug vollzogen wird und die Akteure Stück um Stück voranschreiten, bis ein Ergebnis feststeht, wobei jeder Zug den nachfolgenden Spielverlauf beeinflusst, ganz ähnlich der alten Rechenmaschinen von Pascal oder Leibniz. Das Schöne am Schachspiel ist die Logik seiner Bewegungen. Die Logik ist ein Bewegungsgesetz. Sie erzeugt  jenen formalen Rahmen, auf dem der Austausch von Informationen durch Kommunikation stattfindet. Logik gestaltet Erfahrung. Sie zeigt sich in der empirischen Welt nur indirekt durch die Wirkung, die sie auf Gegenstände hat, als etwas, das diese Gegenstände erst lebendig macht und Quanten springen lässt. Ein moderner Rechner funktioniert letztlich nur durch den Logikkalkül, dem er zugrunde liegt – Informatik ist nichts anderes als praktische Logik. Diese Auffassung lässt sich vielleicht unter die Bezeichnung ´Neoupythagoreismus´ fassen, wenngleich sie weniger von einer mystischen, harmonisch durchgegliederten Welt der rationalen Zahlen ausgeht, wie es noch bei den alten Pythagoreern der Fall war, sondern von der Klarheit der irrationalen Zahl, der Inkommensurabilität, der Unendlichkeit. Die logischen Bedingungen sind aus Sicht des Daseins nur durch Kalkulation, durch kühle Berechnung zu entdecken, und ergibt sich durch konsequente Anwendung der Denkökonomie, – die Logik ist daher ein natürlicher Gegenstand der Philosophie. Ohne diese Gesetze wäre die empirische Darstellung zwangsläufig unerklärt, unvollständig und fehlerhaft. Werden bestimmte logische Konstanten als wirkliche Entitäten bestätigt, ist man in der Lage, die Erfahrung angemessen zu deuten und sogar gewisse Vorhersagen zu leisten, – sie sind insofern Naturgesetze. Sie bestehen als Forderung, die stets in irgendeiner Ausprägung erfüllt sein müssen. Selbst das Unlogische ist logisch strukturiert: ´wir können´, wie der junge Wittgenstein schreibt, ´nichts Unlogisches denken, weil wir sonst unlogisch denken müssten´ (TLP; 3.03).

Jede Tatsache ist ein logisches Verhältnis, ein realisiertes Gesetz. Unter diesen Vorzeichen sind Körper nicht als etwas rein Stoffliches zu verstehen, aber auch nicht als nur Mentales zu sehen, sondern vielmehr als ausgewogene Bewegung. Diese Gesetze können nicht leichtfertig als ´Geist´ bezeichnet werden, jenem spätscholastischen Spuk, der dieser Bewegung etwas Göttliches andichten möchte und der im Grunde nichts anderes ist als der verzweifelte Versuch der menschlichen Selbstapotheose, bei dem Bewusstsein und Psyche eine Sonderrolle vor der Natur bekommen sollen, – es braucht auch kein Ersatzwort wie ´Natur´, denn darin besteht nur die metaphysische Spitzfindigkeit, dieselbe Bedeutung in zwei verschiedene Masken zu kleiden. Viel sachlicher, substantieller: die Logik, die sich im Denken widerspiegelt, ist die einzig zulässige Metaphysik.

Metaphysik ist jene philosophische Disziplin, die sich mit jenen Gegenständen befasst, die nur auf logischem Weg zu erfassen sind, und im Prinzip geht es dieser Disziplin um die Logik selbst. Mit der Logik finden sowohl die Welt als auch das Denken ihren Ausgangspunkt – sie ist die gemeinsame Substanz. Welt und Denken folgen denselben logischen Prinzipien. Für Spinoza ist die Ordnung und Verknüpfung von Ideen dieselbe wie die Ordnung und Verknüpfung von Dingen, da Denken und Ausdehnung verschiedene Attribute desselben verursachenden Gottes sind (vgl. Ethik, Teil II, Lehrsatz 7). Sachliches Folgen und logisches Folgern sind so im Grunde dasselbe. Diese Grundlage ermöglicht substantielles Denken, das mit sachlichen Argumenten operiert. Denken ist mehr als nur ein Aufguss psychischer Strenge, sondern bildet auf Grundlage logischer Schlussfolgerungen die Mechanismen in der Welt, um rational bestimmte Erkenntnisse zu gewinnen. Logische Notwendigkeit ist stets stärker als der psychische Zwang. Das Denken, mithin auch die Philosophie, ist weitaus mächtiger, sie auf den ersten Blick scheinen – im Prinzip gibt es aber nichts anderes. Das Leben ist eine einzige Berechnung, nur bloßes Kalkül. Der wie auch immer geartete Austausch von Informationen durch Kommunikation konstituiert die Existenz von Steinen, Menschen und Pflanzen. Die Physik ist Grundlage von allem und sorgt dafür, dass alles in ständig wechselnden Motiven wiederkehrt; sie prägt die Vielfältigkeit des Daseins. Erst auf Grundlage physikalischer Gesetzmäßigkeiten werden soziale Phänomene erklärbar. Eine Gesellschaft regelt sich nach ökonomischen Mechanismen, bei denen mathematische Formeln Fakten schaffen, – Geld besteht im Kern nur aus bloßen Zahlen, die Verteilungskämpfe von Gesellschaften mit abstrakten Mitteln lösen. 

Die logische Form, nach denen Tatsachen aufgebaut sind, zeigt sich in der allgemeinen Struktur sprachlicher Sätze. Das verleitet zur Skizze einer Ästhetik der Logik, um auf formalem Weg weitere Erkenntnisse zu erschließen.

 

Zur Struktur und Bedeutung sprachlicher Sätze

Ein sprachlicher Satz ist die kleinste grammatische Einheit, aus der sich irgendein Sinn herauslesen lässt. Er zerfällt zwar in seine Bestandteile, allerdings können diese Teile ohneeinander weitgehend bedeutungslos. Die Sätze der Sprache sind ein Mittel, um logische Verhältnisse auszudrücken: der Sinn ergibt sich aus der jeweiligen Anordnung ihrer Zeichen. Insofern gleichen sich die Form dieser Sätze und die Form dessen, das sie ausdrücken. Deshalb bleibt der Satz nur eine formale Replik dieser Bedeutung, ein Stellvertreter des eigentlich gemeinten.

Jeder sprachliche Satz ist in die Wirklichkeit eingefügt. Jedes geäußerte Urteil wird als Tatsache gegenwärtig und stellt ein wahrnehmbares Verhältnis dar, weswegen ihre Zeichen, Symbole und Worte sichtbar, hörbar, spürbar sind – andernfalls hätten sie keine Existenz und könnten vom Menschen nicht auf diese Weise gebraucht werden. Nur unter dieser Bedingung lässt sich sinnvoll über Sprache sprechen. Die für uns sichtbare Form – der Satz, die artikulierte Verkettung der Lettern – ist durch die Struktur der Wirklichkeit gegeben, die Anordnung der Zeichen ist darin erst darstellbar. Weil Sätze als eine besondere Darstellungsform selbst eine Tatsache sind, haben sie einen dementsprechenden Aufbau, – es ist dabei ganz gleichgültig, welche Art von Satz man betrachtet, ob es sich nun um ganze Texte in Brailleschrift, musikalische Harmonien oder sogar binäre Codes handelt. Selbst die streng logische Sprache verfährt nach diesem Muster. Daher lässt sich durch Gebrauch einer besonderen Sprache nicht einfach eine logische Ordnung festlegen, weil jede Sprache auf dem Sein der Wirklichkeit grundgelegt ist und die Bedeutung ihrer Sätze durch ihren jeweiligen formalen (oder gewissermaßen ästhetischen) Aufbau gewissermaßen vorgeschrieben wird. So beschreibt die formale Logik die Beziehungen abstrakter Buchstaben oder entsprechender Wertigkeiten untereinander: ihre Sätze müssen nur in allgemeiner Weise etwas aussagen. Ein Begriff von Logik als einem Katalog von schlechthin notwendigen Schlussweisen des Denkens, die unangesehen aller Verschiedenheit der Gegenstände operieren und eine Wahrheit feststellen können, gibt es so gesehen nur in der Wunschvorstellung. Keine formale Logik, und sei sie noch so formal, kommt ohne die Bedeutung ihrer Zeichen aus; sie benötigt mindestens leere, bedeutungsarme Zeichen, zwischen denen es eine grammatische Struktur aufbauen kann – in diesem allgemeinen Fall hat es die Logik mit Buchstaben zu tun, also variablen Größen, mit denen allgemeine Verhältnisse ausgedrückt werden können, dem einfachen Satz ´A ist x´. So argumentiert Kant dass die formale Logik von allem transzendentalen Inhalt abstrahiert, obwohl die Wahrheit sich genau auf diese transzendentalen Inhalt beziehen würde, womit sich der formale Logiker die Frage nach der Wahrheit nicht stellen könne (vgl. Kant, Kritik der reinen Vernunft; B83). Mit ihrer syntaktischen Oberflächenstruktur stellen Sätze insofern eine Begriffsschrift dar, als dass ihre allgemeine Bedeutung durch die bloße Form bereits festgelegt ist, wie sich zum Beispiel auch Frege äußert (vgl. Begriffschrift, I, S.1-2). Äußerlichkeiten sind immer auch Innerlichkeiten. Jeder logische Satz äußert sich durch eine Bildersprache, deren Teile in einem bestimmten Verhältnis stehen. Selbst das Denken wird, sofern es wenigstens sprachlich geäußert wird, in seine ästhetische Bahnen gezerrt. Ähnlich äußert sich der junge Wittgenstein: ´Die Frage, ob man zur Lösung der mathematischen Probleme die Anschauung brauche, muss dahin beantwortet werden, dass eben die Sprache hier die nötige Anschauung liefert´ (vgl. tractatus logico-philosopicus; 6.233). Welche Informationen sich mit den Satzgebilden letztlich syntaktisch aussagen lassen, eine Frage der logischen Semantik.

Durch ihre offensichtliche Faktizität lassen sprachliche Sätze ihre allgemeine Struktur einsehen, die durch Grundsätze beschrieben werden können. Grundsätze sind ontologische Denkfiguren und stellen eine komplexe logische Form zur Verfügung, die eine freie Zusammenstellung von Bausteinen möglich macht, – sie geben sozusagen die Grundlage für deren Kombination und das freie Zusammenspiel der Worte; ihre Zeichen sind nach belieben variabel und austauschbar. Die Ontologie bemüht sich um solche Sätze, weil sie für alle weiteren Sätze, für sämtliche Prinzipien, Axiome und Gesetze grundlegend sind. Grundsätze sind eine Passform der Wahrheit, eine vorgeformte Schablone, durch die wirkliche Existenz bzw. Wahrheit artikulierbar wird. – Werden Sätze nun ebenfalls als Tatsache verstanden, dann sprechen Grundsätze (die ja Satzstruktur haben) zugleich über sich selbst. Jedes physikalische Gesetz beschreibt zugleich ihr eigenes Zustandekommen: der physikalische Satz existiert, weil er wahr ist – dadurch offenbart sich ein unheimlicher Selbstbezug, der eigentlich keiner ist: Grundsätze verändern die Satzstruktur nicht, sondern geben ihn wieder, beschreiben ihn. Sie stellen keine abgeleiteten Begründungen dar, die sich selbst voraussetzen, sondern zeigen sich bei bloßem Hinschauen. So lassen sich brauchbare Grundsätze sätze nicht durch bloßes Herumgrübeln finden: sie liegen in jeder beliebigen Tatsache bereits analysierbar vor. Es ist also keine metaphysische Deduktion nötig, die diese Kategorien erst von einer Tafel der Urteile ableitet, die versteckterweise ebenfalls empirisch verwurzelt ist. Eine Ontologie stellt durch eine kategoriale Analyse die strukturelle Qualität einfach fest. Sie findet das Sein, indem sie sich es anschaut.

Die Seinsweise der Relation findet sich in jedem Sachverhalt wieder. Sie zeigt sich in der ausgedehnten Struktur der Raumzeit und ist eine Grundkategorie, da sie für jede komplexe Situation die gegenständliche Grundlage herstellt und den wechselseitigen Bezug der Seiten erst ermöglicht. Relationen ermöglichen so etwas wie Wirklichkeit, Bewegung oder Struktur des Denkens sind dieser Formvorgabe unterworfen. Selbst logische Beziehungen machen nur Sinn, wenn sie diese Entsprechung haben. Die Relationsbeziehung ist in formaler Hinsicht ein Gesetz der Assymetrie, da sie einen Sachverhalt nur von einer Seite her beschreiben, als Wirklichkeit. – Sind Sätze selbst als Tatsache zu sehen, dann erschließt sich ihr logischer Sinn aus der relationalen Beziehung ihrer Seiten, deren gegenseitigen räumlichen Lage. Demgemäß kann Wahrheit erst dann auf sprachliche Wendungen, Prinzipien, Axiome und Gesetze zutreffen, wenn mit ihr eine konkrete Relation der Form aRb vorliegt, die der Struktur des Sachverhaltes entspricht. Der logische Ausdruck aRb erhält so seine positive Bedeutung. Ganz ähnlich äußert sich Wittgenstein in seinem Tractatus, wenn er behauptet, dass die räumliche Lage der Schriftzeichen den Sinn des Satzes ausdrückt (vgl. TLP; 3.1431), was ihn zu der Einsicht verleitet: ‚Nicht: »Das komplexe Zeichen >aRb< sagt, daß a in der Beziehung R zu b steht«, sondern: Daß »a« in einer gewissen Beziehung zu »b« steht, sagt daß aRb‘ (TLP; 3.1432). – Diese Beziehung ist für Wittgenstein eine Funktion von Namen und stellt einen Elementarsatz dar (vgl. TLP; 4.24). Indem sie den wirklichen Verhältnissen entspricht, kann sie den Boden für geometrische Sätze geben, etwa nach dem Verhältnis der Seiten eines Dreiecks. Durch Relation lässt sich ein Verhältnis innerhalb desselben Vorgangs nachzeichnen, – sie ist daher zugleich formale Grundlage für Gleichheit. Ihre sprachlichen Zeichen unterscheiden sich, sind aber aufeinander bezogen.

Mit einem Gleichheitszeichen bezeichnen wir eine Zuordnung von verschiedenen Zeichen. Auf dieser Grundlage zeigen sich dabei zwei (oder mehrere) Seiten der gleichen Sache, womit diese Sache gewissermaßen gespiegelt erscheint und lediglich durch verschiedene Zeichen ausgedrückt wird, wie beispielsweise x = y. Es gibt innerhalb der Wortbestimmung ebendiese Willkürbildung, dass lose Zeichenketten arbiträr sind und dazu verleiten, aus Wörtern homonymen Begriffe zu bilden, – als Teil einer Gleichung haben jedoch Wörter stets einen gewissen inhaltlichen Maßstab – nämlich das Gegenstück –, durch den die Bestimmung erfolgt. Dieses Vorgehen ist beispielsweise in der Geometrie gebräuchlich, wo durch Konstruktion nachvollzogen wird, ob sich ein Punkt A und ein davon verschiedener Punkt B überlagern, womit die Gleichheit als bewiesen gilt. Durch zwei verschiedenen Bestimmungsweisen kann ein vergleichbarer Inhalt erreicht werden. Ganz ähnlich verhält es sich bei der Verwendung mathematischer Gleichungen, wo die Bedeutung des einen die Bedeutung des anderen mit jeweils anderen Zeichen beschreibt, etwa: 27 = 33 = (26 + 1) = (25 + 2) = (9 * 3) = usf… Ebenso beschreiben die Worte ´Administration´ und ´Regierung´ die gleiche Sache, drücken sich jedoch auf andere Weise aus. Dennoch sind sie existientiell so sehr miteinander verbunden, dass die Veränderung des einen die Veränderung des anderen bedingt. Das Gleichheitszeichen zeigt hierbei, dass beide Seiten dasselbe logische Gewicht haben und die gleiche Funktion übernehmen, – eine Vertauschung der Zeichen ist daher möglich, salva veritate, ohne dass die Bedeutung des Satzes sich verändert und die Waage ins Ungleichgewicht fällt. Solche Paraphrasierungen sind die Grundlage logischer Verhältnisse, – das Vorstellen derselben Sache durch verschiedene Wörter in der logischen Formelsprache ist jedoch nur durch Reduktion auf die Bedeutung möglich, denn könnte man die Zahl 27 nur aufgrund von Äußerlichkeiten nicht durch einem Term 20 + 7 oder durch 33 ersetzen, weil die sinnlichen Erscheinungsformen eine reibungslose Vertauschung blockieren, dann wäre zugleich jede Darstellung logischer Mechanismen unmöglich gemacht. Es handelt sich um jeweils quantitativ gleichmächtige Sätze, weil sie unter dem Strich die gleiche logische Wertigkeit aufweisen – das eine kann durch das andere ausgetauscht werden, ohne dass das System der Wahrheit verletzt wird. Dabei sind die Bestandteile der Gleichung niemals identisch, sondern lediglich gleich. Gleichheit vermittelt nur eine unscharfe Ahnung von der Identität, auf die sie eigentlich hinauswill; sie stellt zwar ein Verhältnis dar, das auf Identität hindeutet, aber wegen ihres strukturellen Aufbaus niemals wirklich erreichen kann, da mit dem Gleichheitszeichen zugleich eine Form eingebracht wird, mit der die eigentliche Identität einer Sache durchbrochen wird. Wer Identität feststellen möchte, verpackt dieselbe Sache für Gewöhnlich erst in verschiedene Sinne und setzt diese wieder in Beziehung, um dann aus dem Abgleich zu sehen, ob sie zueinander passen oder nicht, – erst wenn Zeichen voneinander unterschieden werden, lassen sie sich in eine Beziehung setzen. Ebenfalls hat die Formel A = A beim näheren Hinsehen zwei verschiedene, aber einander ähnelnde Ausdrücke. Durch die zweistellige Relationsbeziehung wie aRa kann eine Identität nur angedeutet werden, als etwas, das sich selbst gleich ist. Eine absolute Indifferenz, wie sie bei Leibniz oder Schelling zu finden ist, gibt es nicht. Mit Rücksicht darauf definiert Willi Hegel zum Beispiel das Absolute als „Identität der Identität und der Nichtidentität“ (Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems; 96). Demnach lehnt Hegel das zugrundeliegende Konzept der absoluten Identität ab, da der Begriff der Identität für ihn notwendigerweise den Begriff des Unterschieds mit einschließt. Dieses unterschiedslose Einssein einer Position mit sich selbst ist eine bloße Abstraktion, die nur in der Wunschvorstellung besteht, denn sie würde eine einwertige Welt voraussetzen, die logische Schlüsse unmöglich macht. Es gilt das alte principium identitatis indiscernibilium, wenngleich sich faktisch niemals Identität feststellen lässt.

Identität selbst ist ein unlogisches Konzept, weil aus ihr keine logischen Mechanismen hervorgehen. Logik macht erst innerhalb komplexer Strukturen einen Sinn, denn sie führt in notwendige Schlüsse, indem sie die gleiche Tatsache von verschiedenen Richtungen her beschreibt und doppelt darstellt, wobei beide so existentiell verbunden sind, dass wenn die eine Seite fällt, es auch die andere tun muss. Eine solche Beziehung kann nur auf Grundlage von verschiedenen Ausdrücken bestehen, denn es werden mindestens zwei Teilaussagen benötigt, da sonst das Aufstellen von Gleichungen wie A = B unmöglich ist. Erst unter diesen formalen Aspekten lassen sich logische Wahrheit und logische Falschheit ausmachen. Erst so sind sie sind gewissermaßen bestimmt – und Bestimmtheit macht berechenbar. Identität hingegen ist uninformativ und kann in der Wirklichkeit, die geradezu aus Informationen und Kommunikation besteht, niemals festgestellt werden. Das wäre, wie wenn jemand hilflos in einem dunklen Raum herumtappt und nur ununterscheidbares Schwarz sieht, ohne jemals eine genaue Ahnung haben zu können, was sich genau in dem Raum befindet, weil ihm hierfür fester Boden fehlt und für ihn nur die unterschiedslose Dunkelheit besteht. Denn die Welt ist da, selbst wenn sie nicht gesehen werden kann, – ein Blinder muss sich mit einem Taststock vortasten, um sich zu orientieren, er muss fühlend die bestehenden zureichende Gründe ertasten oder auf die leichten Klopfgeräusche des Stockes achten. Sucht nun jemand allgemeine Wahrheit, dann kann er dieses unter dieser begrenzenden Voraussetzung nie erreichen: denn um Wahrheit zu erkennen, muss bereits der Unterschied gesetzt sein. Wird Wahrheit als die Übereinstimmung der Erkenntnis mit seinem Gegenstand verstanden (und wird damit eine Gleichheit propagiert), dann muss zugleich der Unterschied zwischen verschiedenen Gegenständen vorausgesetzt werden. Sucht nun jemand allgemeine Wahrheit, dann kann er dieses unter dieser begrenzenden Voraussetzung nie erreichen: Um Wahrheit zu erkennen, muss bereits der Unterschied gesetzt sein. Selbst zwischen A und A bestehen Unterschiede.

 

Wahr oder Falsch als bloße Möglichkeit

Grundsätze sind ontologische Formen, die auf wirkliche Existenz bzw. Wahrheit hindeuten. Da die Zusammensetzung der sprachlichen Zeichen nach belieben variabel und austauschbar ist, machen sie bestimmte Kombinationen von Zeichen möglich und können so eine Anordnung darstellen, die ihrer Bedeutung nach den wirklichen Verhältnissen der Welt entspricht, – doch mit ausgetauschten Zeichen wird zugleich die Sachverhalt konfiguriert, die sie darstellt; so lassen sich unter Beibehaltung derselben logischen Form unzählig viele Sätze formulieren, also auch solche, die (zumindest momentan) keine wirklichen Verhältnisse darstellen. Es ist das Problem der Relationsbeziehung, dass mit ihrer bloßen Form auch Elemente in Verbindung zu bringen sind, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören. Das sprachbegabte Lebewesen hat wegen seiner Sprache zugleich diese Last, zur Lüge befähigt zu sein, weil die Anordnung der Symbole eine andere Welt behaupten können, als eigentlich der Fall ist, wie zum Beispiel auch Karten ein Muster zeigen können, das nicht der Wirklichkeit entspricht. Wir könnten behaupten, ‚das Ereignis xy ist eingetreten‘, obwohl es nicht tatsächlich eingetreten ist. Sätze sind zusammengesetzt, die jeweilige Zusammenstellung ihrer Elemente gibt die Voraussetzung für eine nun mögliche Entscheidung zwischen wahr oder falsch in Sachfragen.

Wahrheit und Falschheit leiten sich von der gleichen komplexen Form her, denn Wahrheit benötigt Falschheit als Alternative und kommt nur mit dieser vor, – ohne sein semantisches Pendant, auf das es sich beziehen kann, wäre es bedeutungslos. Solche bivalenten Zuschreibungen machen nur innerhalb komplexer Strukturen einen Sinn. Schon Aristoteles erörtert an zahlreichen Stellen seiner Werke, dass einzelne Wörter zwar eine Bedeutung hätten, aber nur wenn etwas hinzugefügt werden würde, bekämen Affirmation und Negation ihren Sinn (peri hermeias, Kapitel 4; de anima III, Kapitel 6). Doch in allen Interpretationen nehmen beide Positionen einen konträren Standpunkt ein, die Bedeutung von Sätzen kann je nachdem affirmiert oder negiert werden – sie besteht als Möglichkeit. Erst wenn wahr und falsch als Möglichkeiten voneinander abgehoben wurden, kann man sich für eine Alternative entscheiden. Jede Unterscheidung ist Bedingung für eine Entscheidung, – diese Entscheidung soll den entstandenen Unterschied wieder beseitigen.

Ob ein Satz nun wahr oder falsch ist, lässt sich nur von einem spezifischen Standpunkt aus feststellen, weil alle Phänomene dergestalt aufgebaut sind, dass der Satz zutreffen kann oder nicht. Demnach ist auch keine Theorie grundsätzlich falsifizierbar, sondern nur in bestimmten Situationen. Ein Satz ist wahr oder falsch, je nachdem, ob der dargestellte Sachverhalt der Wirklichkeit entspricht oder nicht. Sofern die dargestellten Sätze mit den Tatsachen übereinstimmen, sind sie wahr; wenn die dargestellten Verhältnisse jedoch nicht tatsächlich bestehen und uns vielleicht sogar widersprüchlich und abstrus erscheinen, dann sind wir geneigt zu sagen, dass sie falsch sind. Und dabei kann stets entschieden werden, ob dies geschieht. Ein Satz sagt etwas aus, aber erst durch einen Beweis wird festgestellt, dass es sich auch wirklich so handhabt. Sätze einer Sprache benötigen, sofern mit ihnen überhaupt kommuniziert werden soll, eine gewichtige Bedeutung und demnach Tatsachen, über die sie etwas sagen. Analytisch wahre Behauptungen, etwa ‚Ein Viereck ist viereckig‘ sind apriorisch und stets wahr, da Vierecke immer und überall mit vier Ecken angetroffen werden – nur sagen solche Äußerungen offensichtlich nichts informelles, während hingegen analytisch falsche Behauptungen wie ‚Ein Viereck ist rund‘ zumindest frappierend sind, weil man sie nirgendwo antreffen kann, ja sogar nur schwer denkbar sind und die durch die Aneinanderkettung der Zeichen – wenn überhaupt – sprachlich formuliert werden können. Wahrheitskriterien geben zu verstehen, unter welchen Bedingungen ein Satz wahr ist, und übernehmen daher die semantische Funktion, seine Entscheidbarkeit zu gewährleisten. Ein Satz wird dadurch verständlich, dass er an eine solche Wahrheitsbedingung geknüpft ist. Durch einen solchen semantischen Realismus werden die Gegenstände selbst zu einem Entscheidungsträger gemacht, an denen sich der Sinn von Sätzen messen kann, und ohne sie sind Sätze nicht mehr als eine leere Hülle, die aus einer Ansammlung von Buchstaben besteht.

 

Logische Möglichkeit und Erfahrungssätze

Alle dargestellten Sätze (- auch nachweislich falsche) sind nach der Struktur der Wirklichkeit aufgebaut und lassen sich dort auch demonstrieren. Daher können selbst runde Kreise nicht gänzlich widersprüchlich sein. Wegen ihres logischen Aufbaus ist es grundsätzlich denkbar, dass sie auch existent sein können; sie mögen zwar momentan nicht unser Sichtfeld kreuzen, aber dadurch ist nicht ausgeschlossen, dass wir sie ein andermal irgendwo antreffen, und sind daher – sofern wir sie uns denken können – immerhin logisch möglich. Möglich ist, was wahr oder falsch sein kann, – und sei es nur in der Theorie. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich um gallopierende Einhörner, umhertollende Faune oder um andere Märchenfiguren handelt: auch sie tummeln sich im logischen Raum. Auch wenn ihr tatsächliches Auftreten unwahrscheinlich erscheint, so sind diese Vorstellungen trotz ihrer offensichtlichen Absurdität nach vertrauten physikalischen Gesetzmäßigkeiten aufgebaut; ihr Bild kann in der Wirklichkeit funktionieren, da hier kein Kategorienfehler besteht. Selbst eine reductio ad absurdum, derzufolge eine Theorie mehr als nur unwahrscheinlich wäre (nämlich unmöglich), ist hier in letzter Konsequenz nicht durchführbar, weil sie auf etwas hinaus möchte, das der Satzstruktur widerspricht und unlogisch ist. Die logische Form macht es möglich, dass diese Figuren immerhin auftreten können, – das heißt, das alles, was schon einmal vorgefallen ist, zumindest der Form nach wieder erscheinen kann. Wir werden sehr wahrscheinlich eines Tages auf Außerirdische treffen, weil das unüberschaubar große Universum mit seinen physikalischen Gesetzen schon einmal Leben ermöglicht hat, und es nicht ausgeschlossen ist, dass diese zerbrechlich komplexen Bedingungen hierzu auch an einem anderen Ort stattfinden können – wir müssen sie nur noch entdecken. Einen ähnlichen Gedankengang führt Kant, demzufolge eingeräumt werden muss, dass wir im möglichen Fortschritt der Erfahrung auf Mondbewohner treffen könnten (vgl. Kritik der reinen Vernunft; A492f/ B521). So mögen Märchenfiguren und Göttergestalten zwar nicht gegenwärtig sein, doch damit ist nicht ausgeschlossen, dass wir irgendwo in den Tiefen des Universums jemals einem Einhorn begegnen, oder einem Faun. Solcherlei Konstruktionen sind denkbar, weil sie bezüglich ihrer möglichen Existenz ihrem Gegenteil gleichen.

Wenn mindestens ein Vorfall bekannt ist, dann ist das ihm zugrunde liegende Verhältnis nicht widersprüchlich und daher auch nicht demonstrativ falsch bzw. unmöglich, weil physikalische Gesetzmäßigkeiten dazu geführt haben, etwa dass Eisen sich mit der Zeit rötlich färbt, wenn es oxidiert. Der strukturelle Aufbau von Tatsachen liegt durch die konkreten Verhältnisse bereits vor und damit auch die logische Regel, die diesem Aufbau zugrundeliegt. Damit liegt eine Theorie nahe, die sich mit diesem Vorgang befasst und ein entsprechendes Gesetz dazu entwirft, die erklärt, wie es zu diesem Vorfall gekommen ist. Solche Erfahrungssätze beruhen jedoch auf der Verallgemeinerung vereinzelt beobachtbarer Vorgänge und drücken nur empirische Allgemeinheit aus. Von bestimmten Einzelerfahrung aus kann nicht geschlossen werden, dass dieses Schema auch für alle restlichen Begebenheiten eintrifft. Solange Wissenschaften lediglich den Erfahrungsschatz verallgemeinern, sind die Sachverhalte, die sie in ihren Theorien beschreiben, immerhin nicht unmöglich, weil physikalische Gesetzmäßigkeiten irgendwann einmal zu diesem Sachverhalt geführt haben, aber wir können sie nicht für überhaupt wahr erklären, weil ihr Auftreten abhängig von ganz bestimmten Bedingungen ist. Eine Theorie, die durch Erfahrung bewiesen wird, kann unter Umständen – wenn sie unvollständig ist – falsch sein, auch wenn sie wegen ihrer eingeschränkten Reichweite vorschützen kann, dass sie wahr ist. Eine solche Theorie gilt allerdings bald als widerlegt, wenn ein Ereignis eintrifft, dass es nicht erklären kann – dabei ist der Akt der Falsifikation nur auf der Grundlage unvollständiger Theorien möglich. – Bereits in vorgeschichtlicher Zeit entwarfen frühe Astronomen überaus genaue Kalender zur Erfassung von Regelmäßigkeiten am Sternhimmel und sie irrten sich praktisch nie. Selbst Sonnenfinsternisse lassen sich mit begeisterungswürdiger Präzision vorhersagen, der Zyklus ihrer Wiederkehr kann mit ausgeklügelten Formeln beschrieben werden. Weil mathematische Berechnungen exakt sind, werden wir zu der Annahme verleitet: wenn die Berechnungen stimmen, dann findet an dem-und-dem Datum an dem-und-dem Ort mit Sicherheit eine Sonnenfinsternis statt. Doch hat die exakte mathematische Vorwegnahme von Tatsachen eine grundsätzliche Tücke: nur weil bisher auf ein Ereignis A jedesmal ein Ereignis B gefolgt ist, gilt nicht als gesichert, dass dieser Vorgang für alle weiteren Fälle eintreffen muss, also eine notwendige kausale Abfolge darstellt – so mögen die Berechnungen zwar stimmen, doch muss die vorausgesagte Konsequenz nicht zwingend eintreffen. Es ist beispielsweise ein Szenario denkbar, bei dem sich ein noch unentdecktes Schwarzes Loch auf der Sonnenbahn befindet und die Sonne wegschluckt, noch ehe es zu der erwarteten Sonnenfinsternis gekommen ist. So können die Schlussfolgerungen noch so technisch perfekt vollstreckt worden sein: sofern sie von falschen Voraussetzungen ausgehen, dann führen sie (gerade wenn technisch perfekt geschlussfolgert wird) zu falschen Ergebnissen. Die Voraussage der Sonnenfinsternis trifft, weil sie einem Erfahrungssatz zugrunde liegt, nur manchmal zu. – David Hume meldet skeptische Zweifel gegenüber solchen Erfahrungssätzen. In seinen Untersuchungen über den menschlichen Verstand schreibt er, dass neben einer Tatsache auch der gegenteilige Sachverhalt stets möglich ist; beide sind jeweils nach einer ordentlichen Struktur aufgebaut und sagen daher nichts Widersprüchliches: ein Satz wie ‚Die Sonne wird morgen nicht aufgehen‘ ist ebenso verständlich und widerspruchslos wie der gegenteilige Satz ‚Die Sonne wird morgen nicht aufgehen‘ (vgl. UmV; G23). Wir sehen mit solchen Sätzen über den gegenwärtigen Standpunkt hinaus, wobei derjenige Denkakt, auf dem diese Behauptungen ruhen, auf die Beziehung von Ursache und Wirkung gründen (vgl. UmV; G.24). So nehmen wir von gewöhnlichen Ursache-Folge-Phänomenen ausgehend eine strenge Ursache-Wirkung-Beziehung an, wonach ‚alle Erfahrungsbegründungen auf der Gleichartigkeit‘ beruhen und daher gemeinhin von gleichartig erscheinenden Ursachen gleichartige Wirkungen erwartet werden (UmV; Vierter Abschnitt, G31/G32). Hume stellt fest, dass das Gegenteil einer Tatsache jederzeit möglich ist, weswegen es von Interesse ist, die Evidenz von Tatsachen zu untersuchen, die jenseits unserer Sinne liegen. Er behauptet, dass die Beziehung von Ursache und Wirkung die einzige Beziehung ist, mit der sich die Evidenz der Sinne sicher überschreiten lässt. Eine in der Dunkelheit vernommene artikulierte Stimme versichert die Gegenwart einer Person, weil sie von menschlicher Wirkung ausgehen kann (vgl. Eine UmV; Vierter Abschnitt, Erster Teil). Aus Gewohnheit werden Thesen gebildet. Doch Regelmäßigkeiten, die durch Erfahrung entdeckt werden, sind keine Gesetzmäßigkeiten und stellen bisweilen keine wirklichen Zusammenhänge dar – in der Erfahrung lässt kein stichhaltiger Grund für eine notwendige kausale Verknüpfung aufzeigen, ‚wir bemerken nur, daß die eine tatsächich, in Wirklichkeit der andern folgt‘ (UmV; Siebenter Abschnitt; G52). Hume zufolge lässt die Erfahrung keine Vorwegnahme auf die Zukunft zu, weil wir künftige Ereignisse nicht sinnlich wahrnehmen können; wir können gegenwärtig nicht sagen, wie sich Gegenstände nun genau verhalten werden, in welche Richtung sie nach einem Impuls gehen. Nicht einmal Wahrscheinlichkeit kann dort festgestellt werden. Jede Wirkung ist daher von ihrer Ursache verschieden und kann in ihr nicht entdeckt werden (vgl. UmV; Vierter Abschnitt; G26/G27). Die Gültigkeit des Zusammenhangs von Wirkung und Ursache zeigt sich erst im Nachhinein. Daher berechtigen Erfahrungstatsachen nach Hume nicht zur Formulierung einer allgemeinen Regel (UmV; Siebenter Abschnitt, G62). Das Induktionsproblem hat eine enorme Breitenwirkung auf die Methodologie von Wissenschaften, weil sie sich demnach nicht auf die unberechenbare Erfahrung verlassen darf, da die Regelmäßigkeiten, die sie liefert, durch unerwartete Ereignisse gestört werden können, die sie nicht vorhersagen kann. Erfahrungssätze sind mit Vorsicht zu genießen, weil die Ergebnisse, die sie voraussagt, erst im Nachhinein messbar sind. Nur kann sie diese Tatsachen auch nicht abwinken, da die Verneinung dieser Sätze nicht in logische Widersprüche führt und damit ihr Auftreten nicht nur möglich ist, sondern sich bisweilen faktisch nachweisen lässt. So besitzen Erfahrungssätze eine einschränkende Eigentlichkeit: sie sind zwar wahr, aber nur zu, insofern ein vorgelagerter Fall ebenfalls eintrifft, der ihm eine Voraussetzung ist. Erfahrungssätze sind demnach nur unter Bedingungen wahr und mehr oder minder zufällig – sie müssten für ihre Gültigkeit einen ceteris paribus voraussetzen, den es jedoch nicht gibt: es gibt in der Erfahrungswelt kein stetiges ‚unter-gleichbleibenden-Bedingungen‘, weil stets andere andere Wasser nachfließen. Mit dieser alten Klausel werden wilde Prämissen gesetzt, um in einem Gedankenexperiment unter dem Strich das gewünschte Ergebnis zu bekommen, doch es bliebe beim einfachen Fürwahrhalten. Logische Wahrheit stellt hingegen ein konkretes Verhältnis dar, welches seine Bedeutung durch den Wechsel des Standpunktes nicht verliert; sie ist nicht nur möglich, sondern darin zugleich notwendig. Derlei Sätze sind nicht von Wahrheitsbedingungen abhängig, weil sie bedingungslos wahr sind. In diesem Sinne reicht die Geltung von Erfahrungssätzen nicht so weit, als dass mit ihnen eine logische Wahrheit beschrieben wird, die für alle Fälle wahr ist.

Die bloße Möglichkeit keine Illusion der Rückschau und schon gar kein Entwurf für die Zukunft, sondern ein gegenwärtiger Zustand, ein Potential. In einer kontingent strukturierten Welt kann ein Sachverhalt der Fall sein, muss es aber nicht. Wir stehen vor einem Zustand, der weder bewiesen ist, noch ad absurdum geführt werden kann, und daher weder seine Notwendigkeit offenbart, noch seine Unmöglichkeit ausschließen lässt. Weder Tautologie noch Kontradiktion treffen hier zu. In dieser Logik liegt eine Freiheit verborgen, weil ein Sachverhalt bezüglich seiner möglichen Existenz seinem Gegenteil gleicht. Ähnlich äußert sich Hegel, der in seiner Wissenschaft der Logik die Freiheit als ‚die absolute Negativität des Begriffes als Identität mit sich´ bestimmt (WDL; §382). Im Zustand der Freiheit stehen wir noch vor einer Entscheidung. Und hier fangen auch die Probleme an.

 

Wie innerhalb eines Systems strenger Notwendigkeit noch Freiheit bestehen bleibt

Die Logik ist Baumeisterin einer kontingenten Welt, in der grundlegende Prinzipien hinsichtlich ihrer Existenz gleichermaßen wahr sind, obwohl sie einander formal ausschließen, weil sie auf einem anderen Weg zustandekommen. Sie bedingt jene Möglichkeiten, die einem Gegenstand offenstehen. Ein Dreieck soll drei Winkel mit der Gesamtsumme von 180 Grad haben – es gibt dabei zigfach viele Möglichkeiten zur Realisation eines Dreiecks, die allesamt den jeweils anderen konträr gegenüber liegen. Wenn man konkret werden will, besteht der Zwang, aus den möglichen Ausformungen eine auszuwählen. Eine strenge Notwendigkeit trifft dann ein, wenn alle relevanten Bedingungen zutreffen, – allerdings ist es geradezu unmöglich, dass all diese Bedingungen gleichzeitig gelten, weil sie einander streckenweise ausschließen: ein totales Maximum bleibt so unerreichbar. Und die Mängel liegen hier in der Sache selbst.

Innerhalb eines logischen Kalküls führen einander unverträgliche Argumente oder Bedingungen unweigerlich zu beständiger Inkohärenz. Diese Regel zeigt sich mustergültig am sogenannten Meisterargument des Diodoros Kronos, dem es darum geht, die Unverträglichkeit dreier Behauptungen aufzuzeigen: die Notwendigkeit der Vergangenheit, die Existenz unverwirklichter Möglichkeiten sowie die Abgeschlossenheit des Möglichen bezüglich der logischen Folgerung (vgl. Epiktet; Dissertationes 2.19.1-5; 38A). Das Meisterargument und die Unverträglichkeit der drei Behauptungen hat zu unterschiedlichen Interpretationen über die Auffasssung von Möglichkeit und Notwendigkeit geführt. Diese logische Unverträglichkeit hat auch praktische Konsequenzen für die Geographie: seit Jahrhunderten ist den Kartographen klar, dass die dreidimensionale Kugeloberfläche der Erde nicht exakt auf eine zweidimensionale Ebene projiziert werden kann, doch erst der fähige Mathematiker Leonard Euler hat 1777 nachgewiesen, dass es unmöglich ist, eine Karte zu zeichnen, die zugleich flächen-, längen-, winkel- und lagegetreu ist, weil sich diese Eigenschaften einander ausschließen, und dass die Kugelfläche daher erst gekrümmt werden muss, ehe ein zweidimensional verwertbare Fläche herauskommt (vgl. Drei Abhandlungen über Kartenprojection; insb. §7 & §10). Dies ist der Grund, warum es verschiedene Projektionen gibt und geben muss und wieso beispielsweise Russland auf der winkeltreuen Mercator-Projektion größer als der afrikanische Kontinent erscheint oder weswegen auf der flächentreuen Peters-Projektion die Äquatorgegenden besonders hervorgehoben werden. Wird die Kugelfläche abgeplattet, deutet sich durch die Veränderung der Raumstruktur zugleich auch eine Auswahl an, die sich deshalb zeigt, weil innere Widersprüche entstehen. Es wird unklar, welche Parameter bevorzugt werden sollen, weil man damit zugleich andere vernachlässigen muss, ob man die eigene Karte nun flächen-, längen-, winkel- oder lagegetreu ausgestalten soll. Auf Karten kommt immer eine sehr bestimmte, aber unvollständige Sicht zum Ausdruck. Das heißt zugleich, dass beim Entwurf einer Karte notwendig gestalterische Freiheiten verborgen liegen, dass sich ein Kartograph zur Kreativität genötigt sieht. Diese gestalterische Freiheit bei Kartennetzentwürfen eignet sich nicht nur zur künstlerischen Selbstverwirklichung, sondern vor allem zur politischen Propaganda, der gezielten Suggestion: nichts eignet sich besser als Karten, um eine historisch gewachsene Realität zu untergraben, weswegen es durchaus lohnenswert ist, sich auch die Karten der anderen anzuschauen. Wir sehen die Erde stets von einer sehr bestimmten Perspektive aus und können sie zugleich nie vollständig erfassen, es ist daher dem eigenen Gutdünken überlassen, wie die Planetenoberfläche dargestellt wird. Wird die dreidimensionale Kugelgestalt der Erde auf eine zweidimensionale Ebene projiziert, ist es mathematisch unmöglich, eine exakte Karte zu zeichnen, weil sich Flächen-, Längen-, Winkel-, und Lagetreue einander ausschließen, – wird die zweidimensionale Fläche jedoch wieder zurück in die Kugelform gebracht, müssten sich die Widersprüche wieder auflösen, bis sie sich zu einem komplexen Punkt verdichten. Dieser komplexe Punkt zeigt nur durch die Veränderung der Raumstruktur seinen inneren Widerspruch. Die Offenheit des axiomatischen Systems gilt als Garant der Freiheit, die jeder sachlichen Ausgestaltung dem jeweiligen Ermessungsspielraum überlässt. Alles lässt sich gestalten, irgendwie. Ein vergleichbares Phänomen zeigt sich auch bei Übersetzungen zwischen Sprachen mit verschiedenen Grammatiken: es ist nahezu unmöglich, die Bedeutung von Sätzen der einen Sprache auf eine jeweils andere ubertragen – seinerzeit haben Lateiner wie Griechen ihre Welt nur anders interpretiert – weswegen sich ein Übersetzer dazu genötigt sieht, kreativ zu sein und von seiner Freiheit vollen Gebrauch zu machen, um den inhaltlichen oder metaphorischen Besonderheiten des Ursprungstextes gerecht zu werdenFN7. Bezüglich einer Übersetzung kann es zum Beispiel durchaus förderlich sein, entsprechende Lehnübersetzungen zu gebrauchen, da sich so die eigentliche Bedeutung angemessener erfassen lässt. Die wunderschöne Helena war ein so strahlendes Wesen, dass man für sie einen eine Dekade dauernden Krieg entfachte – aber sie besitzt bis heute eine uneindeutige Schönheit, weil sich jeder ein eigenes Bild von ihr malt. Die Nemesis wirft den Zankapfel in die Runde mit der Aufschrift ‚Für die Schönste‘, und jeder der eitel genug ist, wird sich mit den anderen um diesen Apfel streiten müssen, – das hierbei losgetretene Gepoltere der verschiedenen Meinungen verdeutlicht nur das Unvermögen, eine eindeutige Entscheidung zu treffen. Insofern sind verschiedene philosophische Interpretationen von Denken und Welt gleichermaßen denkbar, obwohl sie einander ausschließen und nur im Verlauf ständig wechselnder Ontologien plausibel werden: im metaphysischen Raum stehen Parmenides und Heraklit nebeneinander. Wird ein Prinzip geltend gemacht, fallen andere solange funktionslos in den Hintergrund, bis sie durch veränderte Umstände wieder aktiviert werden. Ob das Universum nun unendlich ist oder nicht, sei dahingestellt, da es beides ist: sowohl unendlich als auch endlich, und deshalb gibt es hier nichts zu entscheiden, da das Universum einer Glocke gleicht, in der wir uns befinden und die wir nicht verlassen können, weil so gesehen kein Rand existiert, obwohl einer existiert. Innerhalb einer Ganzheit wird der Widerspruch in sich contradictio in adiecto genannt und ist eigentlich ein Oxymoron, die Tautologie einer konträren Bedeutung, und wir sind hier dem dunklen Heraklit schon sehr nahe. Bei Heraklit ist der lebendige Widerspruch kein notwendiges Übel, sondern ein konstruktives Prinzip, und diesem Prinzip liegt unsere Erfahrung von Phänomenen zugrunde. Bei einigen notwendigen Beziehungen in der Physik – wie Ort und Impuls sowie Zeit und Energie – schließt der Heisenbergschen Unschärferelation zufolge die konkrete Bestimmung des einen die Möglichkeit der Bestimmung des anderen geradezu aus: je genauer wir beobachten, desto unschärfer wird die Information. Diese Unschärfe ist deshalb bedeutsam, da jede Physik sowohl Raum als auch Zeit benötigt, und bei einer Ortsunschärfe jenseits des Schwarzschildradius, dem keine Information mehr entweichen kann, gibt es keine Zeit mehr – wenn Raum und Zeit jedoch schwanken, kann man zwischen Ursache und Wirkung nicht mehr unterscheiden. – Freiheit besteht dann, wenn sich grundlegende Gesetzmäßigkeiten einander ausschließen, denn erst, wenn dies der Fall ist, haben wir die Wahl. Der Widerspruch ist hier konstruktives Prinzip, das weitere Alternativen eröffnet. Informationen sind insofern maßgeblich an der Konstitution unserer Freiheit beteiligt, weil sie – je nach Umfang – die Auswahl bestimmen: Wahlfreiheit erfolgt unter Bedingungen, abhängig von den gegebenen Möglichkeiten. In hinreichend mächtigen Systemen regiert die Diktatur der Freiheit – eine Freiheit die trotz strenger Notwendigkeit besteht (oder sogar genau deswegen), denn insofern ein solcher Kalkül notwendig komplex ist, lässt sich kein System von Schlussweisen angeben, das sich als vollständig bezeichnen ließe. Weil Determination in diesem Sinn lediglich heißt, dass wir ständig vor Entscheidungen geworfen werden und zur Freiheit genötigt sind, können wir vollständig determiniert und trotzdem für unsere Handlungen verantwortlich sein. Dies entspricht – um es mit einem Wort der Ethik  auszudrücken – dem Standpunkt des Kompatibilismus.

Alles ist notwendig komplex und unübersichtlich. Solange jemand als Dasein definiert ist, wird er über einen mangelnden Grund stolpern (und sein Straucheln verrät, dass er ein Wagnis eingehen muss). Der Mangel an zureichenden Informationen gibt sogar die Voraussetzung, dass wir uns entscheiden müssen. Ein alles erfassender und rationaler ‚Weltgeist‘, wie ihn Pierre-Simon Laplace beschrieben hat, wird hingegen – ganz im Sinne der rationalistischen Aufklärung – als vollkommenes Wesen gedacht; für einen solchen idealen Beobachter ist die Welt gänzlich einsichtig, klar und vollständig berechnet. Nur ist der Laplacesche Dämon zugleich völlig unfrei: er hat zwar die Wahl, kann sich aber nicht mehr entscheiden, weil für ihn alles schon entschieden ist; – er kennt durch die Naturgesetze schon die jeweiligen Gründe, welche den Verlauf der Zukunft bestimmen sollen. Also macht er sich auch keine Gedanken. Nur können wir dem Menschen wenig Dämonenhaftes andichten. Niemand kann alles gleichzeitig denken, das ist im Menschsein so angelegt. Wir stehen alle wie Buridans Esel vor zwei gleichwertigen Heuhäufchen und soll entscheiden, welchen er davon nehmen soll, wobei sich der Esel nicht entscheiden kann und verhungern muss, – nur hat noch niemand so einen Esel sterben sehen. Es verhält sich so, wie es schon Dante in seiner göttlichen Komödie beschreibt: ´Zwischen zwei Speisen, lockend und entfernt, auf gleiche Weise, stürbe man eher Hungers, als dass man eine frei zum Munde führte; so stände auch, gehemmt von gleicher Angst, ein Lamm zwischen zwei gierig wilden Wölfen, und so gehemmt, ein Hund zwischen zwei Hinden; drum kann ich mich nicht tadeln, wenn ich schwieg, getrieben gleichermaßen von zwei Zweifeln, noch loben, denn es war notwendig so´FN77 (vgl. Die göttliche Komödie; Paradies, vierter Gesang). Ein Zusammenstoß zweier Haltungen, die als objektiv gleichwertig empfunden werden, ist tragisch, – allerdings existiert schon durch die perspektivische Position immer ein Ungleichgewicht, weswegen Buridans Esel ebenfalls in der Entscheidung zwar frei ist, aber gezwungen wird, eine Lösung auszuwählen. Die Definition der grenzenlose Freiheit würde zur tragischen Konsequenz führen, dass sie über kurz oder lang ihre eigenen existentiellen Grundlagen aufheben müsste.

Die Welt ist eine Sammlung kontingenter Zustände, die im Moment ihrer Entscheidung die Wirklichkeit voranschreiben. Sie ist die Information über die Anzahl  der bestehenden Möglicheiten. Tatsachen sind darin im sachlichen Sinn als kontingent zu verstehen: in der quantenmechanischen Welt entspricht es einer Tatsache, dass die Katze tot und zugleich nicht tot ist, solange kein Beobachter das Quantensystem stört. Hier ist die genaue Bestimmung des Zustandes vor dem Messakt ausgeschlossen. Dabei handelt es sich um einen Zustand, der uns als ein wirkliches Sein erscheint. Die Welt führt uns stets alternative Optionen vor Augen und stellt uns vor die Auswahl des gleichzeitigen Sowohl-als-auch, also einem Sachverhalt, bei dem A und B gleichzeitig auf derselben Stelle stehen, als komplexer Punkt, der eine Reihe von Alternativen zum Gegenstand hat. Dabei sind die möglichen Formen der Bezugnahme so vielfältig, dass Sachen für viele verschiedene Taten verwendet werden können, selbst für solche, die nicht dafür vorgesehen waren, – zum Beispiel ist ein Messer nur irgendwelches Zeug, bis ein Mensch kommt, damit Gemüse schält oder es sogar zur Waffe macht; somit ist das Messer ein Gegenstand, das eine Auswahl zulässt, und es kommt letztlich auf die Interpretation durch den gezielten Gebrauch der Sache an. Wie Boccaccio sagt, töten Waffen nicht durch eigene Bosheit, sondern durch die Bosheit derjenigen, die sie bösartig gebrauchen (vgl. Decamerone, Nachbemerkung). Die Welt besteht aus kontingenten Zuständen, – für die Erkenntnistheorie muss diese Einsicht außerordentlich tragisch sein, da sie zugleich impliziert, dass Erkenntnisse nur schwer vorhersehbar sind, da sich die Faktizität einer Handlung erst durch ihren Vollzug feststellen lässt. Diese Konjunktion offensichtlicher Widersprüche stört unsere gewohnten Denkmuster, weil sie die Grenzen der sinnhaften Darstellung überschreitet. Hier regiert der wahre Widerspruch. Durch Geltendmachung der beiden Sätze ‚Sowohl A als auch B‘ und ‚Entweder A oder B‘ wird eine Entscheidung abgenötigt, weil sich in einem solchen Fall fordern lässt, dass nach dem Satz vom Widerspruch heraus nicht beide Sätze zugleich geltend gemacht werden dürfen. Es liegen verschiedene denkbare Alternativen nebeneinander, jedoch wird wegen des Anspruches auf Vollständigkeit nur ein fester, konsistenter Sinn gesucht. Menschen verlangen rationale Erklärungen, – mit Kenntnisnahme solch unverständlicher und zweifelhafter Phänomene fühlen sie sich zur Kontingenzbewältigung genötigt und wollen unverstandene Vorkommnisse durch sinnhafte logische Muster erklären – wir sind angesichts solcher Zustände zur Frage geneigt: Ist die Katze denn nun tot oder nicht? Die Auswahl des Entweder-Oder drängt auf eine Entscheidung zugunsten des einen oder des anderen Zustandes. Erst durch die jeweiligen Anwendungsverhältnisse erhält das bloße Zeug seinen sehr speziellen Sinn und besteht für die Dauer seines praktischen Gebrauchs zweifelsfrei als verwirklichte Möglichkeit. Diese Frage stellt den Versuch dar, quantenmechanische Phänomene mit klassischen Beschreibungen entscheiden zu wollen, indem wir auf eine Tautologie zusteuern oder – wenn das nicht gelingt – sie durch Nachweis einer Kontradiktion immerhin ad absurdum zu führen. Solche Beweisführungen zielen auf logische Gewissheit und sollen das Risiko, enttäuscht zu werden, beiseiteräumen – denoch wir verwenden dabei mechanische Formeln, ohne zu wissen, ob solche Tatsachen mit herkömmlichen Mitteln überhaupt entschieden werden können. Diese Auffassung verlangt nach einer entsprechenden Ontologie.

Logische Formeln sind eine grundsätzliche Aussage, die lediglich eine Möglichkeit wiedergeben, indem sie zeigen, was geschieht, sollte dieser oder jener Fall eintreffen – damit ist jedoch nicht gesagt, dass dieser Fall mit Notwendigkeit eintreffen muss. Wenn ich einen Eisklotz ins Wasser werfe, dann wird feststellbar sein, dass nur etwa 1/10 des Klotzes über die Wasseroberfläche ragt – das ist Kausalität; es war dem Eisklotz aber nicht klar, dass er ins Wasser gelegt wird – das ist (mehr oder minder) schwer vorhersehbarFN8. Das Zutreffen solcher Sätze ist zwar möglich, aber auch nicht notwendig, der genaue Zustand ist jedoch unentschieden. In ihrer eigenen Selbstständigkeit liegt zugleich die Freiheit der Gegenstände. Ihre Freiheit besteht darin, dass Kausalität keine innere Notwendigkeit der Welt ist, sondern – wenn überhaupt – die Möglichkeit zur Reaktion auf eine Aktion. Es verhält sich wie mit einem Baum, der teilnahmslos auf einem weiten Feld herumsteht und noch keinerlei Ahnung davon hat, dass demnächst ein starker Westwind auf ihn prescht und sein dichtes Laub zum rauschen bringt. Zuvor lässt sich nicht genau wissen, welcher konkrete Fall nun eintreffen wird – nur dass etwas geschieht, das lässt sich sagen. Tatsachen besitzen eine prinzipielle Offenheit und würden sich ohne weiteren Einfluss indifferent verhalten. Die möglichen Zustände befinden sich in einem Zustand der Überlagerung, bis sie unter Zusatz von bestimmten Voraussetzungen entschieden werden. Organische Körper verhalten sich ebenso: sie zeigen eine stete Bereitschaft und werden erst durch (unvorhergesehene) Reize zur Reaktion gezwungen. Körper reagieren insofern gänzlich kausal, aber können die Ursachen, die sie dann affizieren, nicht vorhersehen, weil die Natur so launenhaft ist. Unser Reaktionsvermögen macht nur hinsichtlich der Freiheit der Dinge einen Sinn. Für die Erkenntnistheorie muss es überaus tragisch sein, dass Erkenntnisse nur schwer vorhersehbar sind, weil sich die Faktizität einer Handlung erst durch ihren Vollzug feststellen lässt, – die Erotetik findet ihre Lösungen nur in relativen Verhältnissen, wie sie sich durch das einfache Wenn-Dann ausdrücken lassen: einer spekulativen Grundlage, die nur durch Punktprobe, durch bloße Aktion entschieden wird. Ob die Wissenschaft den sicheren Gang der Erkenntis geht, lässt sich aus ihrem Erfolg beurteilen.

Dieser erotetische Realismus besagt nichts anderes, als dass das Leben eine Gleichung mit bestimmten Unbekannten ist. Wir stehen naturgemäß einer Auswahl gegenüber gestellt, bei der zwei sich verschiedene Fälle im selben Punkt befinden und nach einer Entscheidung verlangen; wir spielen ständig Schach, ohne dass wir uns dessen im Klaren sind. Das Dasein ist aufgrund seiner eigenen Struktur und seiner eigentlichen Stellung zur Welt dazu verurteilt, auf der Grundlage von Problemen zu leben. Jedoch sind Probleme eng mit der Freiheit verwandt: wo Freiheiten sind, dort sind Probleme und vice versa. Ohne Probleme würde jede Erklärung eines sich frei entscheidenden Individuums kollabieren. Wir sind notwendig frei – aber wir sind so frei, wie es Sparta einst war: dem beständigen Kampf ausgeliefert. Das heißt zugleich, dass sofern man sich dazu entschließt, frei zu leben, man zugleich mit Widerständen leben muss, d.h. mit Problemen, denn erst auf dieser Grundlage werden Entscheidungen sinnvoll. Freiheit muss sich selbst beschränken, um nicht ihre eigenen Grundlagen zu zerstören, – sie kann nicht über die Bedingungen ihrer eigenen Existenz hinausgehen und wird deshalb durch gewisse Notwendigkeiten in bestimmte Bahnen gezwungen.

Informationen sind maßgeblich an der Konstitution unserer Freiheit beteiligt, die bestimmen je nach Umfang die Freiheit der Wahl. Mit ihren Alternativen fassen Probleme zugleich die Perspektiven der Zukunft. Um hierbei wenigstens jene Schlüsse zu vermeiden, die seit der Antike ´Paralogismen´ genannt werden, bei der aus unklaren, mehrdeutigen, sogar falschen Prämissen durch konsequente Anwendung logischer Regeln völlig widersprüchliche Konsequenzen gezogen werden können, wird eine logische Ordnung höherer Art benötigt, – der korrekte Umgang mit Problemen ist unvermeidlich. Wegen der dürftigen Informationslage wird eine offene Form benötigt, mit der sich die tatsächlichen Zustände der Welt angemessen formulieren lassen. Wenn der Mensch rational nachvollziehbare Begründungen braucht, dann findet er seine Zuflucht in der Unwissenheit, dem asylum ignorantiae. Und wenn es dennoch nicht mehr weitergeht, dann ist man tot oder Platoniker.

 

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Zur Existenz wirklicher Probleme

Es gibt zahlreiche Phänomene im Kosmos, die mit den gegenwärtigen Standardmodellen der Wissenschaft nicht erklärt werden können. Schon bei einem scheifenden Blick über den Nachthimmel zeigen sich beispielsweise Schwarze Löcher oder klitzekleine Quanten, die in ihrer Komplexität jeweils so dicht sind, dass ihnen ein logischer Aufbau gänzlich zu fehlen scheint – dabei handelt es sich bei diesen obskuren Figuren um Tatsachen. Sie sind kein Produkt metaphysischer Kuriositäten, die jenseits der physikalischen Welt verborgen liegen, sondern befinden sich innerhalb der erfahrbaren Wirklichkeit und treten mit der Struktur des Sachverhaltes auf, d.h. sie können analysiert werden sie existieren als Tatsachen, und ganz ähnlich wie Pflanzen, Sterne oder wilde Meere können wir sie sehen lernen. Sie verhalten sich dabei wie gewöhnliche Phänomene des Alltags, beispielsweise wie eine Maschine oder eine Mingvase. So ist ein Schwarzes Loch, sofern seine bizarre Existenz einmal festgestellt wird, in ein Umfeld eingebettet, mit dem es ständig wechselwirkt, auch wenn diese Wechselwirkung für uns seltsam anmuten mag, weil seine unvorstellbar große Masse die Raumzeit durchbricht – ähnlich verhält es sich sogar mit dem Tod. Sie funktionieren irgendwie, sind jedoch in ihrem Sein als problematisch zu nehmen.

Wer versucht, an den Rand des Universums zu blicken, der sieht zwar einiges, wird sich bald eingestehen müssen, dass er irgendwann an den Rand seiner erfahrbaren Wirklichkeit drängt und die Phänomene nur noch mit abstrakten kosmologischen Modellen erklären kann, um die Sinnhaftigkeit der Welt zu erhalten. Alle Phänomene ziehen eilig vorbei, als wären sie bloße Tatsachen, die keiner weiteren Erklärung bedürfen, allerdings lassen sie in ihrer Bewegung auf weitere, noch ungeahnte Zusammenhänge schließen sie werden erst problematisch, wenn man hinter der Welt einen wissenschaftlichen Sinn vermutet, der beim Anblick des Phänomens nicht erreicht worden ist. Ganz alltägliche Phänomene wie beispielsweise die Gravitation sind als solche nicht verwunderlich, weil das Phänomen sich soweit nicht ändert: der Apfel, den jemand in seiner Hand hält, wird immer wieder zu Boden fallen, wenn er losgelassen wird, und das wird so oft geschehen, wie man es versucht, – wer jedoch bewiesenes Wissen haben will, muss Begründungen für diese Vorgänge suchen, um die Gegenstände in einem helleren Licht zu sehen. Erst durch die Forderung nach wissenschaftlichem Sinn wird ein Phänomen in ein Licht gestellt, in dem seine theoretischen Mängel sichtbar werden. Durch logische Analyse von Gegenständen wächst die Einsicht, dass die verfügbaren Begriffe für eine angemessene Beschreibung nicht ausreichen bzw. diese Begriffe bei konsequenter Weiterverfolgung schlicht in Rätsel führen. Philosophen wollen Tatsachen sehen und solange die nicht erreicht worden sind, stehen sie vor problematischen Tatsachen. Wenn die Ontologie für sich in Anspruch nimmt, alles in seiner vollen Gänze erfassen zu wollen, um einen durchgängigen modus intellectualis nullibi interruptus umzusetzen, dann gilt dieser Gegenstandsbereich auch für solche unverstandene Phänomene.

Eine problematische Tatsache ist ein Verhältnis, von dem wir sicher wissen, dass es existiert, ohne dass wir eine genaue Ahnung haben, wie dieses Verhältnis letztlich aussieht – es ist eine bekannte, aber noch unerkannte Bindung. Die Existenz eines Problems lässt sich aus den gegebenen Informationen logisch erschließen. Nehmen wir zum Vergleich einmal an, wir erhalten ein verpacktes Geschenk: woher wissen wir, dass sich hinter der Verpackung etwas befindet, wenn sich durch die Sinne lediglich Geschenkpapier zeigt? Wir sehen zwar die Oberfläche, können aber nicht genau festlegen, welcher Inhalt sich dahinter genau verbirgt – es ist aber offensichtlich, dass sich hinter dem diesem Horizont etwas befinden muss, weil sich dies durch die bloße Oberfläche erschließen lässt. Die Sinne können zumindest unzureichend und indirekt vermitteln, dass es dort etwas gibt, das gerade nicht vollständig durch sie erfasst werden kann; – so können wir etwa durch das Gewicht abschätzen, dass sich dort ein massiver Gegenstand befindet, oder durch Geräusche weitere Eigenschaften herausschütteln, um mit offenen Augen den Gegenstand herauszuhören. Hier wird ein Gegenstand beschrieben, der aus der gegenwärtig beobachteten Menge ausgeschlossen wird, der noch keine empirische Qualität hat und zusätzliche Eigenschaften benötigt, um vollständig erfasst zu werden. Er befindet sich mit Sicherheit irgendwo, nur bleibt das konkrete Wo ungeklärt. Eine problematische Tatsache zeigt sich, wenn innerhalb eines Satzes ungereimte Verhältnisse dargestellt werden und noch Bedingungen erforderlich sind, von denen lediglich noch niemand weiß, wie sie konkret aussehen sollen, um mit ihnen die Wirklichkeit frei von Dissonanzen zu reimen. Ohne diese verborgenen, noch verdeckten Bedingungen können die gegebenen Phänomene nicht sinnvoll beschrieben werden und geben sichere Anzeichen für einen Mangel an Struktur, – das Kartenhaus des Seins würde gleichsam ins Wanken gebracht, wodurch zugleich die Grundlage der Erfahrung einzustürzen droht. Etwas existiert nur, weil etwas anderes auch existiert, das diesem etwas logisch vorangeht, und ohne gereimte Voraussetzungen gilt die Tatsache noch als ungereimt. Daher muss geprüft werden, was gegeben sein muss, damit das Gesehene, Gehörte, Gespürte tatsächlich existieren kann. Beziehungsweise werden Voraussetzungen benötigt, um diese Phänomene erklären zu können. So werden auf Grundlage logischer Bestimmungen ontische Existenzen ausgedrückt. Und insofern auf Grundlage logischer Bestimmungen der Skopus soweit gesetzt wird, dass er alles vollständig umschließt, dann meint dies folgerichtig auch unbekannte, metaphysisch fassbare Entitäten.

Ein existentielles Problem besteht dann, wenn die Existenz einer Sache in Gefahr ist. Dies geschieht, wenn sich der kategoriale Sinn eines Satzes widerspricht oder immerhin noch unentschieden erscheint, wenn der Satz noch einen hypothetischen Grund benötigt, der als tragender Seinsgrund gilt, um überhaupt existieren zu können. Für eine sinnvolle Darstellung fehlen noch zusätzliche Informationen, die einen Gegenstand als Tatsache ausweisen. Die Lösung, die sich hinter dem Problem verbirgt, will das Sein erhalten, als ein modus vivendi, der die strukturelle Integrität der Tatsache aufrecht hält. Jede Existenz will ihren Zustand beibehalten, selbst Moleküle lösen auf ihre Weise ihre Probleme. Sein heißt, Probleme lösen. Jedes Lebewesen muss sich beständig Energie zuflößen, um überleben zu können, angefangen von kleinsten Mikroben über Pflanzen hin zu Tier und Mensch. Probleme sind logische Zellen, die durch Kohärenz entstehen, um einem Kollaps des Systems vorzubeugen. In vergleichbarer Weise können Ingenieure oder Architekten bei der Planung und beim Bau von Maschinen oder Gebäuden bestimmte Werte nicht dem Zufall überlassen, da das eigene Konstrukt zu kollabieren droht, wenn es nicht den physikalischen Gesetzen entsprechend angepasst ist. Ganz ähnlich verhält es sich mit komplexen Lebewesen, beispielsweise mit einem Fisch, der nicht mehr atmen kann, wenn man ihn aus dem Wasser nimmt. Oder dass Botaniker, um das Wachstum exotischer Pflanzen voranzutreiben, klimatische Bedingungen imitieren muss, dass er bestimmte Mineralien in Form von Erde und Steinen benötigt, wenn er aus den Gegebenheiten das Maximum herausholen möchte. Dass Mineralogen, wenn sie seltene Steine herstellen wollen, bestimmte Voraussetzungen schaffen müssen und hierbei gelegentlich sogar die geometrische Struktur von Kristallen berücksichtigen müssen, aus denen sich die geometrische Ordnung des chemischen Stoffes ablesen lässt. Dass Chemiker bei der Herstellung von Stoffen die Molekularstruktur und ihr Verhalten berücksichtigen müssen. Oder Physiker des CERN, die Teilchen extrem beschleunigen, um die Entstehungsbedingungen Schwarzer Löcher zu imitieren. In dieser Welt ist Freiheit zwar stets möglich, aber nicht immer sinnvoll – dies lehrt schon die Erfahrung. Freiheit wird hier durch Notwendigkeiten in bestimmte Bahnen gezwungen, vergleichbar mit dem modus ponens, der zwar die Freiheit der Wahl vorschützt, diese Wahl aber sofort durch logischen Zwang in seine Bahnen lenkt. So verhält es sich mit der Königsfigur, die durch einen Angriff bedroht wird, weswegen die Notwendigkeit besteht, der unmittelbaren Gefahr auszuweichen, selbst wenn es möglicherweise strategischere Züge gibt. Probleme verhalten sich wie mathematische Sätze, die eine Aufgabe darstellen, zum Beispiel gilt hier die Annahme x = 27, wobei der Wert der Variablen bereits klar ist, wenn unliebsame Konsequenzen vermieden werden wollen. Das Unbekannte zeigt sich hierbei in seiner Abhängikeit von Bekanntem, seine Wahrheit ist eigentlich noch unentschieden und klärt sich aus dem jeweiligen Begründungszusammenhang – sie ist in abzählbar vielen Schritten erreichbar. Etwas ausrechnen muss man erst dann, wenn etwas unbekannt ist. Sollten 400 Münzen erwartet werden, aber nach Ausrechnen nur 399 herauskommen, so ergibt sich hieraus ein Problem, weil sonst die gängigen Prinzipien der Arithmetik ungültig wären. Probleme zeigen sich als durchbrochene logische Reihe, bei einem Mangel an Struktur. Eine logische Reihe ist eine elementare Beziehung. Wenn die Beziehung jedes Gliedes einer Kette aus einer Nachfolge besteht und diese Nachfolge eindeutig ist, so werden auf ein Glied 1 ein 2 und darauf ein 3 folgen, wobei eine weiterfolgende Ableitung würde jeden Leser ermüden würde, – wird eine logische Reihe nicht vollständig dargestellt, weil ein Baustein fehlt, dann entspricht diese offene Beziehung einem Problem. So wird der Mensch unter anderem dadurch bestimmt, dass er stets zwei Elternteile hat, von denen er abstammt;doch wenn eines (oder sogar beide) dieser Elternteile unbekannt sind, dann muss gesucht werden, bis eine erträgliche Lösung gefunden wurde. So wird auf logischem Weg die Abwesenheit einer notwendigen Voraussetzung erkannt und eine begründete Leerstelle festgestellt. Die Faktizität eines Problems erschließt sich durch Kohärenz und lässt sich durch die sokratische Phrase ausdrücken: ich weiß, dass ich nicht weiß. Probleme werden durch Logik zur Tatsache.

Probleme zeigen sich unter diesen Vorzeichen von selbst. Sie sind mehr als nur ein intellektueller Affekt, sondern ergeben sich unter natürlichen Konditionen, – es ist offensichtlich kein besonderes Problembewusstsein erforderlich, wie es im Rationalismus und Idealismus häufig der Fall ist, da unter den entsprechenden Vorzeichen die Probleme evident sind. Probleme sind unausweichlich, wenn sie wirklich sind; als Tatsachen lassen sie sich nicht wegleugnen, sondern sind als Aufgaben zu verstehen, die sich notwendig stellen und gelöst werden können – sie gleichen wie der Vorsprung einer Klippe im Nebel, die einem vorgelegt wird und über die man stolpern kann, wenn man nur unvorsichtig weitergeht. Dies entspricht in etwa dem ursprünglichen Wortsinn des altgriechischen Wortes πρόβλημα (problema), was soviel heißt wie das Vorgelegte, dem man ausgeliefert wird, wie einem künstlichen Hindernis, das nach Strategien zu seiner Bewältigung verlangt. Aristoteles entwickelt seine Auffassung von Problemen innerhalb der syllogistischen Logik: in der Topik und in den Analytiken erfolgt die sachliche Umformung dialektischer Probleme in syllogismusrelevante Probleme, da Probleme im formalen Rahmen des Syllogismus durch einen logischen Schluss erfolgen und folglich demonstrierbar sind und mit einer bestimmten Notwendwigkeit auftreten, weswegen Probleme folgerichtig als Dinge aufgefasst werden, auf die sich Deduktionen beziehen – für Aristoteles ist πρόβλημα eine apodiktische Aussage, aus der wissenschaftliche Beweise hervorgehenFN9. Ein Problem existiert, sofern ein Mechanismus besteht, der in endlichen Schritten zu seiner Lösung führt, womit seine Berechenbarkeit begründet ist. Sofern es sich um wirkliche Probleme handelt, lassen sich aus ihnen bestimmte Ergebnisse notwendig herleiten. 

An dieser geradezu aufdringlichen Notwendigkeit setzt wissenschaftliche Forschung an. Sie ist geradezu eine Zwangshandlung, die sich aus einer gewissen Vollständigkeitsneurose ergibt. Wissenschaft ist auf Tatsachen aus – wenn diese Tatsache noch nicht vollständig erreicht ist, steht sie vor einem Problem und verlangt nach Ergänzung. Wer ein Problem erkennt und sein Denken ansetzt, der weiß bereits, wonach er sucht, auch wenn er es nicht direkt sieht. Wer hingegen nicht weiß, der denkt auch nicht. Jenes unerreichte Ziel löst nicht nur das Denken aus, sondern macht es auch entscheidbar, – ohne eine Zielvorgabe gibt es keine Entscheidung, und wenn es hingegen gleichgültig ist, wohin die Reise führen soll, dann ist es auch egal, wohin man geht. Ein einleuchtendes Beispiel zeigt sich auf fast schon natürliche Weise im Verfolg mathematischer Beweise: zieht man für die Behauptung, dass sich keine Zahl durch die Null teilen lässt, den induktiven Beweisgang zu Rate, so lässt sich feststellen, dass sich tatsächlich keine Zahl durch Null teilen lässt, da sich ständig Widersprüche auftun, außer bei der Null selbst, da 0 / 0 = x eine wahre Aussage ergibt – diese Tatsache war schon seit Brahmagupta bekannt, blieb als Problem jedoch bis heute verhältnismäßig unerklärt, womit zugleich die mathematischen Grundlagen nicht eindeutig bewiesen worden sind: in der Mathematik wird die Null aus einer Definitionsmenge ausgegliedert. Nur läuft man so gezielt um die wahre Lösung herum. Jedoch lassen sich wirkliche Probleme nicht einfach verdrängen: ihre Behandlung steht im Vordergrund. Das Ziel eines Problems ist seine eigene Vermeidung, weswegen die Wissenschaft jene mangelhaften Voraussetzungen, die zu seiner Entstehung beitragen, insofern korrigieren muss, dass sie auf logischem Weg verlässliche Erkenntnisse gewinnt, – damit daraus Wissen wird, muss noch weitergedacht werden. Denn nur weil wir einen Gegenstand nicht sehen können, heißt dies noch lange nicht, dass er nicht existiert – manchmal muss man ihn nur in günstiges Licht stellen, um ihn sichtbar zu machen. Mit Erkenntnis der Voraussetzung fällt schließlich die Überraschung.

Probleme sind Verhältnisse mit komplexer Struktur, wenngleich sie in bestimmter Weise ungereimt sind und noch eines Zusatzes bedürfen, um entschieden zu werden. Weil sie komplex sind, können sie einer Analyse unterzogen werden. Sofern Probleme ontisch tragbare Entitäten sind, kann eine entsprechende Ontologie die reale Problemstruktur durchsichtig machen.

 

Aufbau und Analyse eines Problems

Es ist das fundamentale Merkmal eines wirklichen Problems, dass es eine eindeutige Lösung hat. Sofern es sich um wirkliche Probleme handelt, lassen sich aus ihnen bestimmte Ergebnisse notwendig herleiten.  Probleme werden sichtbar, wenn sie notwendig auf Ergebnisse führen, wenn das Vorhandensein einer Lösung sicher ist und sich bewiesenermaßen in der Welt befindet und nur durch Ungereimtheiten verdeckt wird, die es zu beseitigen gilt. Ein Problem existiert, sofern ein Mechanismus besteht, der in endlichen Schritten zu seiner Lösung führt. Durch beständige Analyse eines wirklichen Problems erhält man irgendwann die Lösung, die sich schrittweise aufklärt; – bei näherem Hinsehen zeigt sich schließlich, dass Problem und Lösung einander entsprechen. Unter der Annahme, dass ein Problem und seine Lösung sich letztlich gleichen, führt eine korrekt ausgeführte Analyse von Problemen automatisch zu Lösungen: Probleme sind Wahrzeichen auf verschlungenen Wegen zu verborgenen Wahrheiten – sie zeichnen mit ihrer Logik eine Ontologie des Fehlenden, sozusagen als Skizze dessen, was gegenwärtig zwar nicht sichtbar ist, aber irgendwie existieren muss. Diese Ontologie beschreibt nichts anderes als eine Blaupause des Denkens. Das Denken selbst ist eine problemlösende Instanz, – hier regiert das gleichgültige so oder so, das noch zusätzliche Bedingungen benötigt, um die vorliegende Kontingenz in einer schlüssigen Argumentation aufzulösen und mit einer Erkenntnis seine Befriedigung zu finden. Das Denken muss sich hierbei lediglich der mangelhaften Voraussetzungen klar werden, die zu seiner eigenen Entstehung beitragen. Ähnlich ergeht es einem Mediziner, der einen kranken Patienten vor sich liegen sieht und sich fragen muss, wie er ihn nun heilen kann. Er kann immerhin sagen, dass es anders möglich ist, dass der Patient gesund sein kann und nicht krank, denn die Gesundheit einer Person ist (problematisch genommen) ein logisch möglicher Zustand, eine wirkliche Alternative. So wächst mit dem Wissen um die mögliche Gesundheit auch die Forderung, den kranken Körper zu heilen. Erst mit dieser Forderung wird der faktische Zustand in den Blick des Zweifels gerückt. Der Tumor selbst dabei ist weniger das Problem – es wird erst zu einem, wenn wir ihn weghaben wollen, weil er Lebensfunktionen zerstört. Es wird demnach nicht nach einer bahnbrechend ’neuen‘ Existenz oder Wundern geforscht, sondern nach etwas, das bereits schemenhaft vorhanden ist. Alles, was entsteht, kann wieder zugrundegehen, wenn man seiner Existenz den Nährboden wieder entzieht, oder wie sich treffenderweise sagen lässt: gib mir die Macht, Fieber zu erzeugen, und ich heile jede Krankheit. So bleibt gegenwärtig in der Medizin das Heilmittel gegen Krebs ein dringliches Desiderat, das es zu erforschen gilt, auch wenn zur Zeit noch unklar bleibt, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Denn die Lösung geht jedoch von zusätzlichen Annahmen aus, die dem Problem noch unbekannt sind. Erst durch die Ergänzung wird der Mangel behoben und der Makel aufgehoben, wir erhalten eine vollständige Bedeutung, – dies ist der erweiternde Akt der Erkenntnis. 

Das Universum selbst ist die Lösung. Die Welt gibt den Rahmen der logischen Möglichkeiten vor, beschränkt die Anzahl der möglichen Lösungen nach ihren Kategorien. Es ist ante litteram voraussagbar, dass die Lösung als Teil der Welt stets die Struktur von Sätzen hat. Wir können ihr eine logisch fassbare Sachverhaltsstruktur unterstellen. In der Raumzeit sind Probleme konkret bestimmbar, finit und damit entscheidbar. Geschichtsbücher überliefern hierfür zahlreiche AnekdotenFN11. – Die Überzeugung, dass Schwierigkeiten in der Welt liegen nur und mit deren Mitteln wieder gelöst werden kann, kann verhindern, dass eine Person durch permanente Reflexion handlungsunfähig wird. Behaupten wir die Existenz eines Dings, dann müssen wir zugleich über den Weg zu diesem Ding eine Auskunft geben, d.h. wir müssen Zugang zu jenen Quellen zeigen, die uns auf dieses Problem gebracht haben. Denn erst sie liefern uns die Gewähr, dass das Problem auch eine Lösung besitzt. Es soll dort gezweifelt werden, wo es notwendig ist. Hinter dem alten de omnis dubitandum, dass an allem zu Zweifeln sei, steckt nicht mehr als eine eine naive Herangehensweise. Selten wird untersucht, ob es ausreichende Gründe gibt, die das Problem als ein wirkliches Problem kennzeichnen. Oftmals ist die Setzung eines Problems selbst schon das Problem, so manch Untersuchung scheitert schon an fehlenden Voraussetzungen, – und doch wurden auf solchen Voraussetzungen ganze Philosophien gebaut. Das Aufwerfen von wirklichen Problemen hat bereits einen Wert, nach manchem hingegen lohnt sich nicht zu forschen: Soll man nach der Quadratur des Kreises suchen? Oder nach der Dreiteilung des Winkels? Lohnt es sich, Blei in Gold verwandeln zu wollen? Oder nach irgendeinem Äther zu suchen? Nach der unsichtbaren Dunklen Materie? Sollen sich unsere Handlungspotentiale auf etwas richten, das unsere Energien frisst, ohne Ergebnisse freizulassen? Wie Wittgenstein in einem seiner Gedankenfragmente schreibt, ist es duchaus möglich, nach etwas zu suchen, das es nicht gibt: ‚»Den hast du gesucht? Das konntest ja nicht einmal wissen, ob er da ist”« – Dieses Problem aber entsteht wirklich beim Suchen in der Mathematik. Man kann z.B. Die Frage stellen: Wie war es möglich, nach der Dreiteilung des Winkels auch nur zu suchen?‘ (LU; 463) Auch wenn es tatsächlich einige Beispiele für solche Dreiteilungen gibt, lässt sich mathematisch nachweisen, dass zu diesem Problem nicht in allen Fällen eine passable Lösung existiert, da durch die Selbstbeschränkung auf Zirkel und Lineal zur mechanischen Realisation einfacher geometrischer Figuren auch die Lösungsmenge entsprechend eingeschränkt ist. Die so angestoßene Suche bleibt erfolglos und ohne Aussicht. Für Wittgenstein gibt es Wege zur Korrektur: ein Ausdruck lässt sich durch einen besseren ersetzen, wenn eine solche Verbesserung notwendig ist – im Beispiel der Dreiteilung des Winkels kann zwar nach einer Dreiteilung dem Begriff nach allgemein gesucht werden, aber es lässt sich feststellen, dass es sie in manchen Interpretationen nicht gibt, und weil die gesuchten Lösungen von mathematischen Problemen einen Anlass dieser Fragestellung geben, muss nun die Problemstellung verändert werden, indem man nun einen Beweis dafür verlangt, dass die Fragestellung auf keine Lösung stößt (vgl. PU; 334). Eine reductio ad absurdum folgt einer umgekehrten Problemstellung: dieser negative Beweis soll zeigten, dass kein allgemeines Verfahren angegeben werden kann, durch den man die Lösung erreicht – es gibt also keinen Algorithmus, der dieses Problem entscheiden kann. Die reductio ad absurdum ist in der Mathemathik gebräuchlich; so wurde das berühmte Problem der Quadratur des Kreises ‚gelöst‘, indem Ferdinand von Lindemann nachgewiesen hat, dass es unlösbar ist, weil π eine transzendente Zahl ist. Das Problem war ungereimt und ist von queren Voraussetzungen ausgegangen – allerdings nur solange die Lösung unbekannt war. Die meisten unlösbaren Probleme sind bereits in ihrer Beschaffenheit erkennbar, da sie von chaotischer Strukur sind. Steht ein Beobachter am Ufer eines mächtigen Flusses und sieht, dass er sich als zu tief und zu unüberquerbar herausstellt, so ist er immerhin zu dieser Einsicht gelangt. Es wird lediglich eine Methode benötigt, um zu dieser versteckten Lösung zu kommen.

Innerhalb eines logischen Systems verhalten sich Probleme nur regulativ: sie sollen Ungereimtheiten logisch ausgleichen, indem sie Sachverhalte verkörpern, die noch unentschieden sind. Insofern sich Probleme notwendig ergeben, weil Tatsachen nicht einsehbar sind, dann ergeben sich mit derselben Notwendigkeit jene Kategorien, die zur Bestimmung der Tatsache fehlen. Eine Kategorienlehre fasst dem Wortsinn nach Grundsätze, mit denen in allgemeiner Weise etwas ausgesagt wird, also mit der bloßen Form von Tatsachen, ihrem Sein in der kontingenten Wirklichkeit. Sie äußern sich in einer Relationsbeziehung, die darstellt, inwiefern verschiedene Gegenstände aufeinander bezogen sind. Sofern Sätze eine tatsächliche logische Regel ausdrücken, zeigen sie aufgrund der Ausgewogenheit einer Gleichung, was vorhanden sein muss, damit sie vollständig entschieden ist, selbst wenn sein konkreter Gehalt noch nicht erkannt worden ist. Es müssen Prinzipien geltend gemacht werden, deren Nichtbefolgung logische Irritationen hervorrufen, weil dies dann dem kategorialen Sinn widerspricht und auf ungeprüfte Voraussetzungen geht und die deshalb als Forderungen an das Denken auftritt. In der Geschichte der Wissenschaft finden sich zahlreiche Belegstellen für Forschungen, bei denen fest bestimmte Regeln und ihre Anwendung schließlich gesicherte Erkenntnisse erwarten lassen. So wurde beispielsweise bei radioaktiven Zerfallsprozessen beobachtet, dass hierbei weniger Elektronen emittiert werden, als durch den Energieerhaltungssatz eigentlich erwartet worden war: um den physikalischen Grundsatz der Energieerhaltung nicht zu verletzen, musste Wolfgang Pauli schließlich das Neutrino als hypothetisches Teilchen vermuten, das beim Zerfall einen Teil der freiwerdenden Energie davonträgt, ohne von den Detektoren bemerkt zu werden – ohne die kleinen Neutrinos wären jedoch grundlegende physikalische Gleichungen nicht aufgegangen. Auf Grundlage dieser Gleichungen war es allzu absehbar, dass Neutrinos existieren – sie mussten später nur noch durch ein Experiment entdeckt und bestätigt werden.

Die Metaphysik formuliert spekulativer Absicht bestimmte Gesetze des Denkens, die der logischen Struktur der Welt entsprechen sollen. Ihrer Auffassung nach sind Denkgesetze gleichsam Naturgesetze. Das Denken ist jenes Werkzeug, das Probleme auf rationaler Grundlage entscheidet, unter konsequentem Einsatz von Argumenten. Die Metaphysik geht davon aus, dass sich mit den richtigen logischen Prinzipien alle Probleme lösen lassen, womit zugleich Erkenntnis generell möglich ist. Deswegen treibt sie dieses Verfahren so weit, bis argumentatives Folgern und sachliches Folgen eins sind, bis sich gewisse Ereignisse nicht nur synthetisch aus einem logischen Gesamtsystem herleiten lassen, sondern auch analytisch überprüfbar sind. Die plötzliche Messung von erhöhtem Vorkommen des radioaktiven Stoffes 238Pu in Verbindung mit beschädigten Plutoniumfässern in Verbindung zu bringen, die irgendwo in der Umwelt herumliegen müssen, ist schon eine reife Leistung. Seine notwendige Schärfe erhält das Denken dann, sofern ihre Gesetze wirklich sind, denn die Wirklichkeit als stofflich fassbare Bewegung garantiert Notwendigkeiten, die sich keine noch so sprühende Phantasie ausmalen könnte. Der Schlüssel zu einer einsehbaren Verbindung verschiedener Seiten liegt in der gemeinsamen Substanz. Unter diesen Vorzeichen ist Kausalität eine innere Notwendigkeit, wie die des logischen Schlusses. Logische Gesetze bestehen als Forderung, die stets erfüllt sein müssen. Allerdings lässt sich dieser Zustand nur schwer erreichen, sofern die Geltendmachung der einen Forderung die Gültigkeit des anderen widerspricht. Sie ist abhängig von den jeweils gegebenen Bedingungen. Es lässt sich kein vollständiges System von Schlussweisen angeben, neue Sätze bedürfen neue Schlussweisen. Sie besteht als eigenwillige Dynamik, als Bewegungsgesetz des Denkens.

Für Aristoteles und seine Anhänger ist der Satz vom Widerspruch von allen Sätzen der sicherste (vgl. Metaphysik; 1011b). Es sei unmöglich, dass dasselbe demselben in derselben Beziehung zugleich zukomme und nicht zukomme (Metaphysik; 1005b). Der Satz vom Widerspruch besagt, dass alle analytischen Sätze richtig sind. Wer den Satz vom Widerspruch geltend macht, nimmt zugleich an, dass es nur eine widerspruchslose Substanz geben kann, eine konsistente Welt, – das hieße zugleich, in Widersprüchen ein Problem zu erkennen, wenn sie durch Analyse angetroffen aufgedeckt werden. Hier gilt dann das Entweder-Oder, die ausschließende Disjunktion. So sind die Ergebnisse der Quantenphysik sind im Großen und Ganzen mit den Schlussfolgerungen der Relativitätstheorie bislang unvereinbar, die beiden Theorien erweisen sich bislang als inkommensurabel – dieser Widerspruch steht noch als Frage da, welche für Physiker noch zu lösen gilt, denn was im Mikrokosmos gilt, muss erst recht im Makrokosmos gelten, weil dieser aus jenem zusammengesetzt ist und umgekehrt. Die Quantenphysik und die Relativitätstheorie müssen letztlich dieselben Phänomene beschreiben, d.h. dass überall dort, wo relativistische Gesetze gelten – bei Bewegung und Gravitation – Quanteneffekte stattfinden müssenFN12. Der Satz vom Widerspruch gilt, solange Widersprüche als Denkfehler interpetiert werden. Nur wissen wir noch nicht, ob die Welt aus einer Substanz hervorgeht, oder ob sich aus der Makroperspektive nicht zwangsläufig Widersprüche auftun, ob die Ergebnisse und damit das Weltganze tatsächlich in sich widersprüchlich sein müssen und dürfen. – Alle dargestellten Sachverhalte sind nach der Struktur der Wirklichkeit aufgebaut und lassen sich dort auch demonstrieren, womit erst A und ¬A nebeneinander in einer Aussage bestehen müssen, ehe man diese Formel als falsch ausweisen kann, womit sich irgendwie die Falschheit erst zur Wahrheit erklärt werden müsste, um sie dann als Falschheit definieren zu können. Sie ist eine in sich widersprüchliche Tautologie, ähnlich wie ¬(¬p → p). Die (Un-)gleichung 0 = 1 lässt sich auf Papier notieren, ohne dass die Welt aus ihren Fugen gerät, – die Welt kann mit widersprüchlichen Formeln leben, weil sie von unseren intellektuellen Auslegungen weitgehend unberührt bleibt. Solcherlei Widersprüche sind weniger ein Problem der Welt, sie sind vielmehr ein Problem für den Menschen. Ein widersprüchlicher Satz wird als problematisch ausgewiesen, sofern man Eindeutigkeit fordert und voraussetzt, dass es keine Widersprüche geben kann, denn er geht von der Annahme aus, dass die Logik die Welt widerspruchsfrei darlegt, weswegen die Gleichung falsch sein muss. So ist auch die Setzung der Gleichung 0 = 1 genuin weder wahr noch falsch, bis das Denken seine Bestimmung darüberlegt. Ein sinnvoller Satz sagt etwas aus, aber erst durch einen Beweis wird festgestellt, dass es sich auch wirklich so handhabt. Widerspruchsfreiheit bedeutet in der Arithmetik, dass es unmöglich ist, aus ihren Axiomen die Aussage 0 = 1 zu beweisen (Die Hilbertschen Probleme; S.104). Demnach müssen solche Phänomene, die das widersprüchliche Nebeneinander als wahres Urteil durchgehen lassen, von verquerten Voraussetzungen ausgehen. Und wenn die gegebenen Voraussetzungen in Widersprüche führen, dann ist etwas an den Voraussetzungen zu ändern, indem man sie prüft, um sich nicht in Schwierigkeiten zu verstricken, die eigentlich nicht existieren – ein Widerspruch wird gelöst, indem man ihn unmöglich macht. So wird mit dem Satz vom Widerspruch wird eine implizite Bewegung in Gang gesetzt, die Widerspruchsfreiheit fordert, weil erst dann Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden kann. Und dabei wirkt dieses Vorgehen tatsächlich in ein teleologisches Hinlaufen auf etwas, das keine Widersprüche mehr zulässt. Um Widersprüche zu vermeiden, müssen Vorschriften jeweils relativ zu einem Ziel formuliert werden.‘ (vgl. Der Problembezug von Entscheidungsmodellen; S35). Kant hat dies getan; er wollte jene Widersprüche lösen, die entstehen, wenn man die Erkenntnis an die Gegenstände koppelt, indem er das Verhältnis einfach umkehrt und sagt, dass die Gegenstände sich nach unserer Erkenntnis richten. Durch die transzendentale Einheit soll der Widerspruch wegfallen. – Hilbert fordert mit der Formulierung des zweiten Problems durchgängige Widerspruchsfreiheit in der Arithmetik und formuliert die Hypothese, dass jedes fundamentale mathematische System entscheidbar (demnach entweder wahr oder falsch) ist und somit alle mathematischen Probleme lösbar sind, sofern nur die richtige Methode entdeckt wird und die Begebenheiten ausreichend formuliert sind. – Kurt Gödel brach aber alle Wunschträume der Mathematiker wieder, indem er mit seinem (zweiten) Unvollständigkeitssatz darauf hinwies, dass es erfüllbare Aussagen gibt, die im Rahmen des Beweiskalküls nicht herleitbar sind, womit er Hilberts zweites Problem gelöst hat, ob die arithmetischen Axiome widerspruchsfrei sind, indem er dieses Problem verneinte: die Richtigkeit lässt sich durch inhaltliche Überlegungen nachweisen, jedoch nicht innerhalb des Systems aus den Axiomen ableiten, obwohl in vollständigen formalen Systemen alle wahren Sätze auch formal ableitbar sein müssen. (1. Unvollständigkeitssatz) in hinreichend mächtigen Systemen können die Axiome ihm Rahmen des Beweiskalküls zwar widerspruchsfrei gesetzt werden, allerdings ist diese Widerspruchsfreiheit nicht innerhalb des Systems beweisbar. Innerhalb eines formalen Systems lässt sich die Widerspruchsfreiheit nicht innerhalb des Systems beweisen (2. Unvollständigkeitssatz). Die starken Methoden der Principia Mathematica erlauben es, zum ersten Mal in der Geschichte, von einer von einem korrekt gestellten Problem in der mathematischen Theorie zu sprechen und daraus zu folgern, ob jedes korrekt gestellte mathematische Problem notwendigerweise zu lösen ist und ob jede mathematische Behauptung beweisbar ist: es wird immer Fälle geben, in dem weder ein Satz noch seine Negation zur Theorie gehören und somit weder beweisbar, noch widerlegbar sind. Damit wird es immer mathematische Probleme geben, die ungelöst sind und deren Gehalt weder bewiesen noch widerlegt ist, da das Gebiet der Wahrheit unendlich ist, und es folgen notwendig Abgründe, Brüche, noch ungeklärte Widersprüche. Und es bleibt den besonderen logischen Bedingungen überlassen, ob die strenge Disjunktion als Unterscheidung geltend gemacht werden soll – ob der Dualismus für die Erkenntnis der Wahrheit nützlich ist -, denn offensichtlich führen die zweifelhaften Voraussetzungen solcher Bestimmungen über kurz oder lang notwendig in eine Aporie. Zwar können auf diesem Weg einige kleine Einzelprobleme gelöst werden, allerdings eröffen sich dadurch weitere Probleme. Theorien über komplexe Ereignisse sind selten vollständig, weswegen zwangsläufig Restprobleme übrig bleiben. Menschen befinden sich deshalb in der besonderen existentiellen Situation, dass sie grundsätzlich zur Unwissenheit veranlagt sind, dass das Sein ihres eigenen Lebensweges noch unentschieden ist, weil sie von systematisch begründeten Schreibunsicherheiten dazu gedrängt werden. Ignoramus e ignorabimus.

Der Satz vom zureichenden Grund verkörpert die rationalistische Forderung, dass es für alles einen letzten Grund gibt, der jede Tatsache vollständig erklärt. In einer durchmechanisierten Welt ist die Kenntnis von Gründen für Philosophen wie für den Wissenschaftler durchaus von Belang, weil sie eine kausale Erklärung für Phänomene ausdrücken. Diese Erklärungen bedürfen jedoch eines weiteren, eigenen Grundes, – eine angenommene Bestimmung ist offensichtlich nicht in der Lage, dies abschließend zu tun. So verliert sich selbst eine konsequent angewendete deduktive Logik, die durchweg Gründe für Behauptungen aufzuzeigen versucht, zwangsläufig in einem infiniten Regress, bei dem exakte Bestimmung durch den ewigen Fortgang ins Unendliche verwischt wird: warum, warum, warum… eine Spielerei ad infinitum, bei der man sich auch ins Nichts fragen kann. Um diesen infiniten Vorgang theoretisch zu unterbinden, wurde der Satz vom zureichenden Grund formuliert. Dieser zureichende Grund bedarf keines weiteren Grundes, sondern ist vielmehr – zumindest in der leibnizschen Metaphysik – selbst die Ursache der gesamten Reihe und somit ein notwendiges Wissen, die mit ihrer Konzeption von Vollkommenheit, Unendlichkeit und Allgemeinheit den infiniten Regress unterbindet, indem er ihn mit einschließt. Dass nichts ohne Grund geschieht, ist für das berechnende und mechanische Denken von Leibniz ein grundlegender Gedanke. Gemäß der rationalistischen Logik bedarf eine Entität erst dann keinen weiteren Grund, wenn diese Entität ihren eigenen Grund in sich trägt. Und selbst bei Leibniz heißt es, dass wir diesen letzten Grund der Dinge Gott nennen (vgl. Die Vernunftprinzipien der Natur und der Gnade; S. 596-597). – Wenn Probleme komplex werden, dann neigen Menschen dazu, einen ubiquitären Gott anzurufen, als sei er die generelle Lösung. Man könnte sagen, dass diese Warum-Frage die elementarste der Warum-Fragen ist. Warum? Sie geht an die Substanz, sie erfragt nicht nach der Ursache von diesem oder jenem Geschehnis, sondern sie zielt auf die Ursache von Seiendem überhaupt. Es ist die Frage nach dem Seinsgrund, – eine Frage, die später durch Heidegger in ihrer Ausprägung als Frage nach dem Sein des Seienden bekannt, berühmt und berüchtigt wurde. Auch hier gibt Gott wieder absolute metaphysische Gewissheit. – Probleme des zureichenden Grundes sind eine unlösbare Angelegenheit, weil sie sich letztenendes nur in abstrakten Visionen wiederfindet, die letztlich nur Dogmatiker überzeugend finden, Im Absoluten gründet die philosophische Religion, – ihr Glaube ist lediglich besser begründet, aber bringen den endlosen Regress nicht zum verschwinden. Das unlösbare Problem, dem es um die substanzielle Grundlegung von Existenz geht, macht uns glauben, es würde nur einen einzigen Grund geben. Es lässt sich jedoch kein ein für allemal ausreichendes System von Schlußweisen angeben weil immer wieder Sätze gefunden werden, deren Beweise neuartige Schlußweisen erfordern. Manche Systemarchitekten machen sich den infiniten Regress zum Freund, denn das grenzenlose Fragen in der Zeit, das uns immer weiter nach Gründen forschen lässt, braucht ein Dogma, mit welchem die Frage grundsätzlich beantwortet ist. Bei Spinoza übernimmt Gott als Sustanz die Funktion eines Systems. Vergleichen wir die Idee des Systems mit Spinozas Substanzbegriff, dann ließe sich behaupten, dass das System (wenn es den Anspruch erhebt, alle Phänomene in sich einzuschließen) aus unendlich vielen Attributen besteht. – Von der Warte des Empirismus aus gesehen wird der Satz vom zureichenden Grund skeptisch gesehen (vgl. Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand; S 40). Jede Lösung erweckt eine neue Frage, die ebenso schwierig wie der frühere ist und uns zu weiteren Forschungen treibt (vgl. Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand; S 42). Hans Albert will schließlich zeigen, dass keine Aussage auf eine Letztbegründung zurückzuführen ist, dass sie in ein Trilemma führt und letztlich alles und jeder fallibel ist (vgl. Traktat über kritische Vernuft; das Problem der Begründung). Letztbegründungen sind in logischer Hinsicht wenig sinnvoll; es wird immer Fälle geben, in dem weder ein Satz noch seine Negation zur Theorie gehören und somit weder beweisbar, noch widerlegbar sind.

Die Grenzwerte eines Problems – die uninformative Tautologie des Sowohl-als-auch und das kontradiktorische Weder-noch – sind zugleich die Auflösung des Problems.

 

das Denken als Logik der Problemlösung

Durch die besondere Stellung des Einzelnen hat die Welt diesen problematischen Charakter notwendigerweise, durch sein Dasein werden Probleme zu einem Bestandteil der Welt. Eine problematische Tatsache wird daher als natürliches Phänomen angesehen, als unabwendbare Umweltbedingung. Als würde jemand einfach vor die Wahl zwischen Pest und Cholera geworfen und müsste sich rein reaktionär verhalten, – als hätte er keinen Einfluss darauf, wie er seine Lösung gestaltet, weil die Entscheidungsgrundlage bereits klar ist. Beides sind üble Krankheiten und entziehen sich einer gewöhnlichen Präferenzordnung. Mit einer passiven Haltung erhält jede Person nur die Informationen, die ihm zufällig wie Steine vor die Füße geworfen werden, da sich ein Problem sonst auf mechanischem Weg für naheliegendste Lösung entscheidet. Dabei ist es Irrsinn zu meinen, dass man die Möglichkeiten nicht durch einen eigenen Impetus heraus verändern kann. Ein solches Verständnis übersieht die maßgebende Eigenleistung bei einer Problemsetzung, dass man mit technischen Fertigkeiten Probleme besser bewältigen kann. Wer gezielt nach Informationen suchen möchte, muss eigene Verfahren der Problemlösung entwickeln. Oder wie Rainer Wiehl es treffend charakterisiert: ‚Metaphysische Elementarsätze verlangen hinsichtlich der durch sie beleuchteten metaphysischen Alternativen eine Entscheidung zugunsten der einen oder der anderen von diesen. Metaphysische Systeme verlangen dagegen nach der Entwicklung metaphysischer Alternativen‘ (vgl. Metaphysik und Erfahrung; S.55). Der methodische Umgang mit Problemen wird ´Problematik´ genannt.

Die Ermittlung von Handlungsalternativen stellt eine besondere Herausforderung dar, denn sie zielt auf die Suche neuer Wege und umformulierter Probleme. Die Alternativen sind in der Problembestimmung bereits vorhanden; das Ziel zeigt, welche Möglichkeiten gegeben sind. Gemäß des lateinischen Wortsinnes von ‚Alternative‘ werden hier neue Möglichkeiten anders geboren, es wird eine weitere Möglichkeit gebildet, zwischen denen eine Auswahl entsteht. Innerhalb der politischen Rhetorik versucht jede Propaganda, mögliche Handlungsalternativen manipulativ dergestalt zu beeinflussen, dass sie zu Entscheidungen führt, die im Sinne des Propagandisten sind. Beispielsweise fand das Wort ´alternativlos´ in der neoliberalen Politik von Thatcher und Merkel regen Gebrauch, um dem Wähler vor Augen zu führen, dass es keine andere Möglichkeit als ihr eigener politischer Kurs gibt. Ein Problem ohne verschiedenartige Lösungsansätze ist kein Problem und daher ist  ‚alternativlos‘ zu Recht ein Unwort, das behaupten will, dass es in gewissen Streitfragen keinen Anlass zu Diskussionen mehr gibt, weil der Handlungsspielraum beschränkt ist. Politische Entscheidungen können nur dann als ‚alternativlos‘ bezeichnet werden, wenn das Problem hinsichtlich eines subjektiven, vor Augen geführten Ziels formuliert werden. Die Zielsetzung trägt maßgeblich zu Alternativbildungen bei. Es hängt von der Denktiefe ab, eine ausgearbeitete Strategie zur Problemlösung zu entwerfen, um komplexe Verflechtungen zu entflechten. Wahlfreiheit ist eine Freiheit unter Bedingungen, in Abhängigkeit von den jeweiligen Optionen. Mit mehreren Optionen wird auch die Wahlfreiheit größer, aber auch schwieriger. – Eine Schachpartie ist wegen seiner Komplexität für beide Spieler derart unübersichtlich, dass niemand absolute Gewissheit haben kann, weil gegnerische Züge nur bedingt vorhersehbar sind. Hier kommen psychische Momente ins Spiel, welche die fehlenden logischen Kapazitäten ersetzen. Während Spieler in übersichtlichen Zeiten unter logischen Gesichtspunkten eine Strategie entwickelt und dabei vielleicht sogar Friktionen und Volatilitäten einbezieht, muss er in konkreten, bedrohlichen Situationen eine gezeilte Taktik überlegen, ohne dabei völlige Gewissheit haben zu können, ob seine nächsten Spielzüge zum Erfolg führen oder nicht. Dieser Vergleich zwischen Strategie und Taktik macht oftmals den feinen Unterschied zwischen einer logisch motivierten und einer psychologisch motivierten Entscheidung aus. In der Meteorologie wird unter ähnlich chaotischen Bedingungen das Wetter erfasst. Es ist hier die Aufgabe der Ontologie und ihrer Logik, unkalkulierbare Einflüsse mit einzubinden, um Handlungsalternativen zu entwerfen.

Denker zu werden ist ein Weg, das eigene Leben zu bestreiten. Es ist weniger überschäumender Weltschmerz nihilistischer Prägung, der zu dieser Verrücktheit verleitet, über einen wie auch immer gearteten Sinn des Lebens nachzudenken, sondern vielmehr logische Einsicht. Denken ist ein Verhalten, dass Probleme löst, indem es durch logischen Schluss eine rationale Entscheidung herbeiführt. Seine Aufgabe ist es, eine dauerhafte Lösung für jedes Problem einer bestimmten Klasse zu finden. Die Logik geht von der Annahme aus, dass sich mit den richtigen logischen Prinzipien alle Probleme lösen lassen, womit zugleich Erkenntnis generell möglich ist. Das Denken löst hierbei dauerhaft vergleichbare Probleme. Gewisse systematische Schwierigkeiten ergeben sich heutzutage nicht mehr, weil sie bereits von antiken philosophischen Autoren beseitigt worden sind. Der Nachweis, dass kein befriedigendes Ergebnis gefunden werden kann, bedingt zwangsläufig die Korrektur der Voraussetzungen: so führt die Selbstbeschränkung der euklidischen Geometrie auf Lineal und Zirkel als Werkzeuge zur mechanischen Realisation einfacher Figuren wie Gerade und Kreis bei der Konstruktion komplexer geometrischer Figuren zu Problemen ganz eigener Art, bei denen eine Lösung ausgeschlossen ist, weil nachgewiesen wurde, dass – zumindest unter diesen Voraussetzungen – die Dreiteilung des Winkels unmöglich ist, ebenso wie die Verdopplung eines Würfels. Um eine entsprechende Lösung zu finden müsste man entweder weitere Instrumente einführen oder sich sogar des Lineals und des Zirkels entledigen. Das entspricht einer Herangehensweise der frühen algebraischen Zahlentheorie, die nur ganzzahlige Lösungen zulassen wollte, weil sie irrationale Zahlen nicht verstehen kann. Frühe Wegbereiter der Algebra wie Diophant von Alexandria gaben als Bedingung einer mathematischen Aufgabe an, nach welcher neben der Fragestellung und den gesuchten und den gegebenen Größen handelt, wobei die gegebenen Größen nicht willkürlich wählbar sein dürfen, sofern eine positive und rationale Lösung angestrebt wird. So verlangt eine rationale Lösung, dass auch die Aufgabe rationale Grundlagen haben muss, weil sie durch diese gegebenen Größen bedingt wird. Die Beschränkung der Lösung auf ganze Zahlen und die Entscheidung, nur solche als aufzufindende Erkenntnisse gelten zu lassen, beeinflusst ihrerseits die Möglichkeiten der Aufgabenstellung. Wenn Verhältnisse inkommensurabel erscheinen, dann lohnt es sich, die strukturellen Umstände anzupassen: eine entsprechende Krümmung der Raumstruktur ermöglicht die Quadratur des Kreises, und zwar dann, wenn π keine transzendente Zahl mehr ist. Dieses Verfahren wird in der praktischen Anwendung geometrischer Grundsätze schon lange umgesetzt, beispielsweise in der Architektur: so liegt der Entwurf zur Hagia Sophia einer mathematischen Komposition zugrunde, die infolge der Irrationalität der Quadratzahl 2 sowie der Kreiszahl π in Konstruktionsprobleme geführt hätte, weswegen es die beiden Bauherren Antithemios von Tralleis und Isidor von Milet vorgezogen haben, ausschließlich rationale Lösungen für irrationale Streckenverhältnisse geltend zu machen und beispielsweise die Kreiszahl π als durch die die näherungsweise übereinstimmende, aber rationale Zahl 22/7 zu interpretieren, und es ist hierbei nur eine Randbemerkung, dass Justitian als Bauherr der Hagia Sophia zugleich auch Platons alte Akademie schließen ließ, die sich traditionell auf formschöne geometrische Figuren beschränkte.In vergleichbarer Weise entstehen ernsthafte Lösungsversuche auf das Problem der Außenwelt, obwohl selbiges auf ungereimten Voraussetzungen fußt, sogar konträre Lösungsmöglichkeiten denkbar sind und das Denken in diverse Aporien leitet. Die Voraussetzung ist das Leib-Seele-Problem (- das eigentliche abendländische Schisma), die in vielen Philosophien untersucht wird, obwohl es einige Folgeprobleme nach sich zieht, – dabei ist die Kreation dieses Problems selbst schon ein Akt der Spekulation, da nur lose Begriffe es vermögen, dass Sprecher bestimmte Gegenstände als isoliert betrachten. Unter anderen Voraussetzungen würde sich dieses Problem nicht stellen, in anderen Systemen gab es die starke Überbetonung vom Unterschied vom Objekt durch das Ich durch die Wissenschaft noch nicht: im Licht des parmenidesischen Monismus kann man zum Beispiel sagen, dass es die Außenwelt nicht gibt, weil die Abgrenzung zur Innenwelt nicht gegeben sein kann, weswegen niemand, der einen solchen Seinsmonismus vertritt, in der Lage wäre, eine solche Frage nach der Existenz der Außenwelt zu stellen. Kant bezeichnet es als einen Skandal der Philosophie, dass bislang noch niemandem ein Beweis für das Dasein der Dinge außerhalb von uns gelungen ist, womit zumindest bewiesen ist, dass sich Kant kaum gefragt haben wird, ob er sich selbst gezeugt hat oder ob es nicht doch andere waren, die zu seinem Dasein beigetragen haben – der Grund unseres eigenen Daseins liegt außerhalb von uns. Oftmals sind die theoretischen Bedingungen eines Systems nur menschengemacht und ein Produkt unserer Abstraktion, jedoch können sie genau  deswegen vom Menschen wieder verändert werden.

Förderlich und produktiv wird das Denken, wenn es auf dem Wege der Logik bislang ungeahnte Ergebnisse fördert. Durch Ergänzung wird der Mangel behoben und der Makel aufgehoben, wir erhalten eine bislang unbekannt gebliebene Tatsache. Dies ist der erweiternde Akt der Erkenntnis. Und dies ist der Sinn der erotetischen Methode: sie verwendet logische Prinzipien, um Forschung gezielt auf die Gewinnung von Erkenntnissen auszurichten. Hierzu bedient sie sich eines gewöhnlichen Werkzeugs: das Fragezeichen, um einen Satz als Funktion auszuweisen, dem zu einer vollständigen Bestimmung noch eine konkrete Entscheidung fehlt. Dieser Index – das Fragezeichen – klammert sich wie ein Widerhaken an unvollständig verstandene Ereignisse, er verweist als Zeichen auf problematische Verhältnisse und rückt sie zugleich in Beziehung zu einer noch unentschiedenen Eigenschaft, die es zu untersuchen gilt. So versteht sich der Fragezeichencharakter der Dinge nicht so sehr als eine weitere Offenbarung, sondern liegt einer logischen Forderung zugrunde. Er entsteht unter existentiellen Bedingungen.

Ein Problem wird durch Logik zur Tatsache. Im Grunde ist es für das menschliche Auge eigentlich unsichtbar, seine Bedeutung erschließt sich nur indirekt durch ungereimte Verhältnisse, die auf unsichtbare Bedingungen schließen lassen, weswegen es Hinweisworte oder -zeichen benötigt, die als Stellvertreter fungieren und den Mangel sichtbar machen. Fragesätze drücken diesen Mangel greifbar aus. Und vielmehr noch: sie unterstellen ihr eine logische Fassbarkeit – als Entwurf. Probleme müssen irgendwie bezeichnet sein, um uns auf eine bestimmte Suche festzulegen. Durch solcherlei Bezeichnungen wird eine Suche unter bestimmte Bedingungen gestellt. Es lohnt sich, ein Problem erst adäquat zu erfassen und dann auszuformulieren, um es der logischen Berechenbarkeit zu unterstellen. Nach Pappos von Alexandria beginnt die Lösung des Problems bereits mit der Problemstellung durch die quaestio. Die begründete Stellung eines Problems ist bereits Teil ihrer Lösung, denn so werden zugleich die verfügbaren Möglichkeiten gesetzt, mit denen sich eine tatsächliche Lösung erreichen lässt. Die Problemformulierung stellt insofern selbst ein Entscheidungsproblem dar, das sich gezielt auf etwas Unbestimmtes fixiert, in dem sich Erkenntnis vermuten lässt. Strategen berechnen ausgehend von Umweltbedingungen bestimmte Pläne, mit denen noch unerreichte Ziele erreicht werden sollen. René Descartes erörtert in den regulae ad directionem ingenii seinen Problembegriff: Ein Problem muss irgendwie bezeichnet sein, um uns auf eine bestimmte Suche festzulegen, und diese Bezeichnung ist durch etwas anderes bekannt, durch hierfür verwendete Begriffe (vgl. Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft; Regel XIII, 1). Die Bezeichnung ist auf sämtliche Bestimmungsstücke zurückzuführen, wobei sich die zu beweisende Aussage aus den anderen zwangsläufig ergibt. Descartes versteht die wohlbestimmten Probleme als von ihren Gegenständen abgelöst und will eine Erkenntnis von Größen erreichen, die sich aufgrund spezifischer Verhältnisse ergeben (vgl. Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft, Regel XVII, 1). Da das Problem durch bestimmte Bedingungen festgelegt wird, soll das gesuchte Unbekannte eingegrenzt werden (vgl. Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft; Regel XIII, 9). Für Descartes liegen Vergleiche nur dann auf der Hand, ´wenn das Gesuchte und das Gegebene auf gleiche Weise an irgendeiner Natur teilhaben, daß alle übrigen aber nur deswegen einer Vorbereitung bedürfen, weil jene gemeinsame Natur nicht auf gleiche Weise in beiden steckt, sondern gemäß jeweils anderen Verhältnissen oder Proportionen, in die sie eingehüllt ist, und daß wir den Hauptanteil dessen, was der Mensch dabei leisten kann, nur darein setzen, diese Proportionen auf eine solche Form zu bringen, daß die Gleichheit zwischen dem Gesuchten und irgend etwas Bekannten klar in die Augen fällt´ (vgl. Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft; Regel XI, 3). ´Sodann ist zu beachten, daß nur das auf jene Gleichheit gebracht werden kann, was ein Mehr oder Weniger zuläßt, und daß alles dies unter dem Wort “Größe” gebracht wird, so daß wir, nachdem die Termini der Schwierigkeit gemäß der vorhergehenden Regel von jedem Gegenstande abgelöst worden sind, hier also erkennen, daß wir es von nun ab nur noch mit Größen im Allgemeinen zu tun haben´(vgl. Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft; Regel XIV, 4). Descartes gebraucht die Bezeichnung ´absolut´ für die reine und einfache Natur dessen, was gefragt ist. Die Frage nach etwa dem Unabhängigen, der Ursache oder dem Allgemeinen bezeichnet den leichtesten Weg zur Lösung eines Problems (vgl. Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft, Regel VI, 3). – Der cartesischen Auffassung folgend besteht der problematische Satz aus zwei gleichwichtigen Teilen: ein gegebener Teil, aus dem sich – sofern er ungesättigt ist – der geforderte Teil zwangsläufig ergibt. Probleme werden so in algebraische Gleichungen übersetzt. Zusammengenommen stellen beide Teile eine vollständige Konstruktion und Analysie des Problems dar. Der Abstraktions- oder Schwierigkeitsgrad eines Problems ergibt sich analytisch aus entsprechenden Verhältnissen, d.h. aus der ungereimten Zusammenstellung seiner Elemente. Der Schwierigkeitsgrad einer Beantwortung ergibt sich aus der Formulierung der Aufgabenstellung, d.h. welche Elemente sie beinhaltet und welche besonderen Grenzen dadurch gesetzt werden: wenn ebensoviel Bestimmtheiten aufkreuzen wie Unbekannte – wie es üblicherweise der Fall ist -, dann können alle Unbekannte bis auf eine einzige Schritt für Schritt eliminiert werden, wobei die letzte Unbekannte in der Konstruktion gefordert wurde; – sollten jedoch weniger Bestimmtheiten aufkreuzen als Unbekannte, dann bleibt nach der Eliminierung mindestens zwei oder gegebenenfalls sogar mehr Unbekannte übrig. Letztlich gibt es auch Probleme mit einer unendlichen Anzahl von Unbekannten.

David Hilbert zufolge müssen Probleme notwendig zu Lösungen führen (vgl. Die Hilbertschen Probleme; S.23f). Dieses Axiom von der Lösbarkeit einer jeden mathematischen Aufgabe unterliegt bestimmten Forderungen: so soll die Richtigkeit der Antwort durch eine endliche Anzahl von Schlüssen festgestellt werden, und dies gelingt aufgrund einer endlichen Anzahl von Voraussetzungen, welche in der Problemstellung liegen (vgl. Die Hilbertschen Probleme; S.27). Durch finite Vorgaben soll ein solches System entscheidbar sein, womit es für jeden Satz einen Algorithmus gibt, der zeigt, ob dieser Satz beweisbar ist oder nicht. Eine solche Deduktion mittels einer endlichen Anzahl von Schlüssen ist nichts anderes als die Forderung der Strenge in der Beweisführung (vgl. Die Hilbertschen Probleme; S.27). Die Strenge beim Beweisen gilt für Hilbert als Erfordernis für eine vollkommene Lösung eines Problems (vgl. Die Hilbertschen Probleme; S.27). Dieses Axiom von der Lösbarkeit einer jeden mathematischen Aufgabe besagt, dass ein Problem entweder direkt gelöst werden kann oder immerhin die Unmöglichkeit einer Lösung nachgewiesen werden muss (vgl. Die Hilbertschen Probleme; S.33).

Es ist die Aufgabe einer Ontologie, ein Entscheidungsverfahren für Sätze anzugeben – sie soll zeigen, wann ein Satz wahr ist und wann nicht, indem sie die Tatsache sichtbar macht, an dem er sich messen kann. Dies erinnert an Quines technischen Begriff der ontologischen Verpflichtung: bei kategorialen Existenzaussagen geht es nicht darum, ob Gegenstände einer Kategorie existieren oder nicht, sondern an welche Ontologie sich eine Theorie bindet – für Quine heißt existieren: Wert einer gebundenen Variable zu sein (vgl. Was es gibt; S.13). In vergleichbarer Weise verhält es sich mit Fragesätzen, deren Bedeutung ebenfalls geklärt werden kann, wenn man sie an eine solche Bedingung knüpft. Den Fragesatz in einer Ontologie geltend zu machen, ist eine Sache des jeweiligen Begriffs von Existenz. In der Sprache der Wirklichkeit werden assertorische Sätze formuliert, die ein eindeutiges Verhältnis ausdrücken, – wenn wir jedoch vor einem ununterschiedenen und daher unentscheidbaren Zustand stehen, dann kann in dieser Sprache die ausschlaggebende Bedingung nur dann adäquat erfasst werden, wenn sie in irgendeiner Form mehrdeutige Phänomene mit einschließt. Die Ontologie der problematischen Tatsache, der gereifte Problembegriff, der sich dahinter verbirgt, gibt den nahrhaften Boden der erotetischen Semantik, oder in anderen Worten: die Ontologie der Probleme wird durch Fragesätze ausgedrückt.

Zwischen den Begriffen Problem und Frage gibt es umgangssprachliche Überschneidungen und nicht selten werden beide Worte synonymisch gebraucht. Das liegt wohl auch an ihrer strukturellen Ähnlichkeit: Ein Problem stellt eine offene Alternative dar, bei der für alle Seiten ausreichend viele Gründe zu sprechen scheinen, die sich jedoch eindeutig entscheiden lässtund hat damit eine vergleichbare Struktur wie die Frage. Problem und Frage sind jedoch nicht bedeutungsgleich, da nicht jeder Fragesatz zugleich ein tatsächliches Problem ausdrückt. Der Unterschied besteht darin, dass sich Probleme von alleine lösen, indem sie einfach die mechanische Möglichkeit wählen, während die Frage sich vielmehr mit der Struktur derselben Auswahl beschäftigt und rationale Mittel in Erwägung zieht, um den mechanischen Prozess gezielt umzuleiten und vielleicht anders zu lösen: ein Experiment vornehmen heißt, gezielt nach Ergebnissen fragen. Durch mathematische Berechnungen sollen Lösungen erzielt werden. Fragesätze drücken ein strukturiertes Wissensbedürfnis aus, weil sie sich gezielt auf eine bestimmte Menge möglicher Tatsachen ausrichtet und – gemessen an einem begründeten Ziel – die logischen Antworten ermittelt. Die Problemformulierung ist ihrerseits ein Entscheidungsproblem, denn mit der Entscheidung für eine jeweilige Frage entscheidet man zugleich über die Auswahl möglicher Alternativen. Somit ist eine Frage eine bestimmte Problemformulierung. – Der Zusammenhang zwischen einem Problem und einer wissenschaftlichen Formulierung des Problems lässt sich anhand zahlreicher Beispiele aus der Geschichte der Wissenschaft verdeutlichenFN13. Innerhalb der gadamerschen Hermeneutik besteht die Problemgeschichte des Neukantianismus auf der leeren Abstraktion des Problems, wohingegen ein sachliches Problem durch seinen geschichtlichen Rahmen bestimmt wird (vgl. Wahrheit und Methode, S. 381; Zur Systemidee der Philosophie, S.61).

Der problematische Satz wird durch den Fragesatz verbalisiert. Fragen sind der sprachliche Ausdruck von Problemen, ihre formale Verkleidung. Sie beschreiben ihrer Bedeutung nach einen problematischen Sachverhalt, mehrere mögliche Alternativen, die ineinander übergehen und sich in einem Punkt überlagern; die vorhandene Situation ist noch unentschieden, es gilt das gediegene Sowohl-als-auch. Ihrer Bedeutung nach drückt ein Fragesatz die Unentschiedenheit zwischen diesen Fällen aus und macht wahr und falsch zugleich geltend. Die Frage ist das Sammelbecken der möglichen Sachverhalte, die durch die jeweils vorherrschenden Bedingungen realisiert werden können. Als ontologisch darstellbare Modalitäten stellen Probleme die Wahrheitsbedingung für Fragesätze dar. In ihnen finden Fragesätze ihre gegenständliche Seite, ohne die sie bloß eine sprachliche Hülle ohne erfassbaren Gehalt wäre, ohne dass jemals entschieden werden könnte, ob sie wahr sein könnten. Unter diesen Bedingungen handelt es sich bei der Ontologie der Fragesätze um eine Objektsprache. Als Phänomene weisen Probleme lediglich darauf hin, dass etwas durchdacht werden muss – dies ist eben ihre Existenz und zugleich die Wahrheit eines entsprechenden Fragesatzes. So gesehen kann eine Frage durchaus wahr oder falsch sein, je nachdem, ob sie auf eine problematische Tatsache und damit auf eine Lösung referiert oder nicht, – denn so stellt sie sich der, dass eine wahre Frage auf eine direkte Antwort zielt. Eine Frage ist hinsichtlich dieser Bedeutung entscheidbar. Eine korrekt gestellte Problemformulierung ist bereits Teil der Lösung. Die Bedeutsamkeit dieser Einsichten sind von philosophischer und vor allem gesellschaftlicher Tragweite, – oder wie der gewandte Marx es so treffend pointiert: ‚Die Formulierung einer Frage ist ihre Lösung. Die Kritik der Judenfrage ist die Antwort auf die Judenfrage.‘ (Zur Judenfrage, S.2) Eine solche Kritik begünstigt den sachhaltigen Gebrauch von Fragesätzen, sie prüft ihre Voraussetzungen, um sie auf eine direkte Antwort auszurichten, aus der sich schließlich eine Erkenntnis herleiten lässt. Im Prinzip ist dies nichts anderes als die Versachlichung logischer Argumentation. Auch systematisch begründete Mehrdeutigkeiten drücken ein Wissen aus und können durch ein Urteil ausgedrückt werden. Sie sind gewissermaßen bestimmt – und Bestimmtheit macht berechenbar. Durch Festlegung eines Problems als bestimmtes Sein wird das Problem selbst der Berechenbarkeit unterstellt.

Probleme und Fragen sind eigentlich zwei Seiten derselbe Sache – nur verkörpern Probleme vielmehr die sachliche Seite, während Fragen die formale Seite vertritt. Die begriffliche Unterscheidung von Problem und Frage ist nicht so trivial, wie man annehmen könnte, da Probleme als Tatsachen genuin nicht verrechenbar sind, sondern erst durch das logische Konzept, das sich in der allgemeinen Form eines Fragesatzes widerspiegelt, der Berechenbarkeit von Sätzen unterstellt wird. Der Fragesatz gibt Problemen einen formalen Rahmen, in welchem sie durch logische Mittel bearbeitet werden können. Durch Festlegung auf bestimmte Fragesätze werden Problembereiche definiert, die sich jeweils überlagern können. Durch logische Verklausulierungen werden Lösungsmethoden des einen Problems auf andere Probleme übertragen. Ein Fragesatz besitzt die Struktur gewöhnlicher sprachlicher Sätze. Insofern haben auch Fragesätze einen syntaktischen Aufbau vorzuweisen und können auf dieser logischen Grundlage formal miteinander verrechnet werden. Zudem bestehen semantische Gemeinsamkeiten verschiedener Fragesätze, um Überlagerungen verschiedener Probleme auszudrücken und sie zu verrechnen und durch das Denken effizienter zu lösen. Intelligenz zeichnet sich durch die Fähigkeit zur Problemlösung aus – und es ist schon ein großes Zeichen von Intelligenz nötig, um mehrere Probleme mit nur einer Handlung zu bewältigen. Die Etablierung von Zusammenhängen zwischen vormals als völlig verschieden betrachteten Gebieten der Mathematik hat die Mathematiker in die Lage versetzt, bestimmte Probleme, die in einem Gebiet nicht lösbar waren, in ein äquivalentes Problem eines anderen Gebietes zu übersetzen und es dort gegebenenfalls indirekt zu lösen.

Allein weil Probleme eine Grundeinstellung des Menschen sind, sind Fragen als deren Ausdrucksmittel nötig. Fragesätze werden von intellektuellen Geschöpfen verwendet, um eine bestimmte Einstellung gegenüber der Welt zu artikulieren: vor allem für die wissenschaftliche Kommunikation ist es durchaus bedeutsam, angeben zu können, welche Informationen problematisch sind, um durch allmähliche Ergänzungen die Mängel und Mäkel aufzuheben. Wird das zweifende Denken in sprachliche Sätze gefasst, dann können diese Strukturen untersucht werden, um aufzuklären, wo die Schwierigkeiten verborgen liegen, vor allem: wo Wissenschaft aufhört und Fabulierlust anfängt. In ihrer Gesamtheit bilden Frage- und Antwortsätze eine Objektsprache, mit der über Probleme und ihre jeweiligen Lösungen gesprochen werden soll. Auf Grundlage ihrer Wahrheit kann sie schließlich Mechanismen herstellen, mit denen sich Fragen verrechnen lassen, um sie effizienter zu lösen. Hierfür muss sie jedoch tiefer in den logischen Prinzipien des Denkens herumwühlen.

 

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Inwiefern die assertorische Logik und die erotetische Logik in Verbindung zu bringen sind

Jedes Urteil ist als Antwort auf eine Frage zu sehen. Jedes Urteil hat einen verborgenen Frageteil, der erst durch eine Zerlegung offensichtlich wird. Das zeigt das Strukturganze dieses Urteils, das aus einem Gegenstand und einer propositionalen Funktion zusammengesetzt wird, oder anders gesprochen: wird ein Fragesatz durch ein Antwortpartikel ergänzt, dann ergibt sich daraus ein entsprechender Behauptungssatz. Dies ist die Quintessenz der erotetischen Grammatik. Eine Behauptung kommt einem bereits entschiedenen Urteil gleich, das sich an irgendwelchen Kategorien bemessen muss. Zumindest entspricht dieser Unterscheidung ziemlich genau jenem Begriffsschnitt, den Pappos von Alexandria vorskizziert hat und der später von Descartes vertieft wird.

Diese Auffassung wurde von den modernen Strömungen der Philosophie aufgegriffen, jedoch in unterschiedlicher Weise interpretiert, abhängig davon, ob ein transzendentaler oder phänomenaler Standpunkt hinsichtlich der Bedeutung von Sätzen angenommen wird: so belässt es Gottlob Frege dabei, von ´Frage´ und ´Antwort´ zu sprechen, wobei ergänzungsbedürftiger Satz plus sättigender Teil gleich Behauptungssatz ist, womit sich genau jenes Prinzip vollzieht, nach dem eine brauchbare Problemformulierung bereits zur Lösung gehört, während Heidegger es vorzieht, von ´Gefragtem´ und ´Erfragtem´ zu sprechen, um die sachliche Überlagerung beider Seiten zu verdeutlichen, indem er sie mit dem befragten Dasein verbindet, das es zu durchdringen gilt, um die Seinsfrage zu durchleuchtenFN14.

Im allgemeinen Sprachgebrauch sind Ja und Nein nur als Antworten auf Fragen zu verstehen und haben nur die lexikalische Bedeutung, den im Fragesatz dargestellte Sinn jeweils als wahr oder falsch auszuzeichnen. Als Verbellipse ohne Zeitwort stehen Affirmation und Negation für sich und äußern nicht viel, – höchstens vielleicht einen Syntaxfehler, einen groben Solözismus, der für geheimdienstliche Aktivitäten nützlich ist, etwa wenn zwar diese bedeutungsarmen Partikel gegeben sind, aber die dazugehörige Frage nicht gehört wird. Diese Partikel sind wie Schlüssel zu gebrauchen, die jene Informationen freisetzen, die in der Frage stecken. Gottlob Frege geht zumindest davon aus, dass die Antwort ´Ja´ das gleiche besagt wie ein Behauptungssatz, weil durch ihn ein Gedanke als wahr hingestellt wird, der im Fragesatz schon vollständig enthalten ist, – doch während in einem Behauptungssatz noch die Behauptung steckt, enthält der Fragesatz noch die Aufforderung (vgl. Der Gedanke – eine logische Untersuchung; S.34f). Es ist also möglich, einen Gedanken auszudrücken, ohne ihn als wahr hinzustellen. In einem Behauptungssatze ist beides so verbunden, daß man die Zerlegbarkeit leicht übersieh.‘ (vgl. ebd.). Hinsichtlich dieser Debatte notiert der alte Wittgenstein, dass wir zwar sehr gut jede Behauptung in der Form einer Frage mit nachgesetzter Bejahung schreiben könnten, dadurch aber nicht gleich einsichtig werden würde, ob in jeder Frage eine Behauptung stecke (vgl. Philosophische Untersuchungen; 22).

Die logische Gleichung demonstriert eine gelungene Tautologie. Frageinhalt und Antwortinhalt stehen eigentlich in einer tautologischen Beziehung, sie überlagern sich gewissermaßen, wobei der Schlüssel zu ihrer einsehbaren Verbindung in der Materie liegt, weil sie Notwendigkeiten garantiert, die sich keine noch so sprühende Phantasie ausmalen könnte.

F: Ist Cobalt magnetisch?

A: Ja, Cobalt ist magnetisch.

Die Frage impliziert sowohl seine Position als auch seine Negation: ´Ja, Cobalt ist magnetisch´ und ´Nein, Cobalt ist nicht magnetisch´. Nach diesem Schema klären sich analytische Fragen, denn es gehört über kurz oder lang tatsächlich zum Begriff Cobalt, dass es magnetisch liegt. Wir würden schlichtweg in Widersprüche geraten, wenn wir über einen Gegenstand gegensätzliche Eigenschaften behaupten würden. Der Satz ´Schnee ist weiß´ drückt deshalb ein analytisches Urteil aus, weil es zum Begriff Schnee gehört, weiß zu sein, und wer Aristoteles zufolge dennoch fragt, ob schnee weiß ist, soll einfach hinschauen (Topik; 105a). Niemand kann ernsthaft eine Frage vorlegen, wo kein Zweifel herrscht. In solchen Fällen ist die Frage lediglich als Nachweis eines logischen Beweisgangs zu verstehen, – ein solcher Gebrauch entspricht jedoch vielmehr dem Horizont der mittelalterlichen Patristik, die keine neue Wahrheit erringen will, sondern eine bereits geoffenbarte durchdringen, weswegen ihre herausragenden Vertreter wie Wilhelm von Champeaux oder Anselm von Laon angesichts schwieriger Fragen lieber auf eine Antwort verzichtet haben, sofern sich keine passende Autorität für Bejahung oder Verneinung finden ließ, und sie sich hauptsächlich dem Kommentar als Literaturgattung verschrieben. Eine vollständig ergänzte Frage hat dieselbe Bedeutung wie eine Behauptung, wie folgendes Beispiel zeigt:

A: Die graue Katze fliegt vom Balkon herunter.

F + A: Wer oder Was fliegt vom Balkon herunter? – Die graue Katze.

Mit der Frage wird nach dem handelnden Subjekt des Satzes gefragt, das die erfragte Antwort liefert. Unter den gegebenen Umständen passt die Antwort wie der Schlüssel ins Schloss, sie kann rein mechanisch ermittelt werden – es gibt also ein gewisses Passen des Subjekts zu jenem Prädikat, welches durch die Frage vorgegeben wird, – sie gehören irgendwie zusammen, oder wie Wittgenstein schreibt: ‚Wie ist es denn wenn wir das Subjekt im Satz bestimmen lernen durch die Frage »Wer oder was….?« – Hier gibt es doch ein >Passen< des Subjekts zu dieser Frage; denn wie erführen wir sonst durch die Frage, was das Subjekt ist?‘ (LU; 137). Wittgenstein vergleicht dieses Prinzip des Passens mit dem Vorhaben, ein Element einer Buchstabenreihe zu bestimmen: Der Buchstabe L passt zur Buchstabenreihe A … K, weil es gewohnheitsmäßig hinter K gehört. Ebenso verhält es sich bei unserem Umgang mit Sätzen: auf einen Satz passt das Satzfragment ‚ist wahr‘ (vgl. LU; 137). So entspricht das mathematische Problem x = 20 + 7 nach dem Kalkül der Freiheit vielen Lösungen: 27 = 20 + 7 = 21 + 6 = 22 + 5 = 33 = usf. Die Worte ´Morgenstern´ und ´Abendstern´ beschreiben nach Frege dieselbe Bedeutung, aber einen anderen Sinn, da die Weisen der Bezugnahmeverschieden sind. Solche Paraphrasierungen sind die Grundlage logischer Verhältnisse, – das Vorstellen derselben Sache durch verschiedene Wörter wird in der logischen Formelsprache ist jedoch nur durch Reduktion auf die Bedeutung möglich, die extensionale Unstimmigkeiten einfach übergeht, denn könnte man die Zahl 27 nur aufgrund von Äußerlichkeiten nicht durch einem Term 20+7 ersetzen, weil die sinnlichen Erscheinungsformen eine reibungslose Vertauschung blockieren, dann ist zugleich jede Darstellung logischer Mechanismen unmöglich gemacht. Die Summe aus 20 + 7 ist 27 (oder x = 27) – nur gibt es weitere logisch korrekte Optionen, etwa (x = 20 – 7) oder (x = 33), die als direkte Antworten gelten können, da sie durch einfache Umrechnung mit 27 ausgetauscht werden kann. Es erschiene ganz und gar witzlos, wenn jemand auf eine entsprechende Frage alle denkbaren Möglichkeiten aufzählen möchte, doch im Kern behalten sie alle dieselbe Wahrheit, weil sie dasselbe meinen. Solche Fragen sind keine erweiternden Fragen im eigentlichen Sinn, da alle ihre Antworten dieselbe Bedeutung haben und sich nur der formale Ausduck ändert, – im uneigentlichen Sinn sind sie es doch, da sie auf die verschiedenen förmlichen Zusammensetzungen drängt.

Sofern der Zusammenhang von gesättigter Frage und Antwort bloß tautologisch ist, lässt sich daraus kein Wissen gewinnen, da die Untersuchung bloß analytisch vorgeht und von unbekannten Begebenheiten auf vorhandenes Wissen schließt. So verfährt die Dialektik: als Gesprächskunst übernimmt sie lediglich die Funktion der Verteidigung von Erkenntnissen im schon bestehenden System, um sie aufeinander abzuwägen und logisch abzustimmen, – die Dialektik ist insofern nur ein Teilbereich der Erotetik. Das Prinzip der Tautologie lässt sich jedoch ebensogut auf unbekannte Einsichten anwenden, wenn die gesuchte Tatsache noch unklar ist und damit auch die Frage ungesättigt, – sie zwingt geradezu zu einer logisch notwendigen Ergänzung, die sich harmonisch in das Gesamtbild einfügt. In diesem Fall drückt ein Fragesatz ein wirkliches Problem aus und fordert eine vollständige Antwort zum Zeichen des Erkenntnisgewinns. Eine solche Untersuchung schließt von vorhandenem Wissen auf unbekannte Begebenheiten. Auf synthetischem Weg soll das noch fehlende Teilstück erfragt werden, dessen Wahrheit sich schließlich aus der analytischen Gleichheit zu dem gesetzten Ziel zeigt:

F1: Wer ist der Mörder von Cäsar?

F2: Brutus ist der Mörder von Cäsar?

A: Brutus ist der Mörder von Cäsar.

Der Fragesatz F1 sagt bedeutungsmäßig soviel wie ´Irgendwer ist der Mörder von Cäsar´. Dieser Satz zieht sämtliche Personen als Mörder von Cäsar in Betracht, auch klar ist, dass die Eigenschaft nur auf einen kleinen Personenkreis zugeschnitten ist: die Satzteile ´irgendwer´ und ´der Mörder von Cäsar´ entsprechen sich nicht vollständig – deshalb verdeutlicht diese vorgebliche und paraliptische Auslassung ein unbefriedigendes Ergebnis, weswegen dieser Satz als Frage nach einer Ergänzung verlangt. Eine Frage ist eigentlich die Tautologie eines unvollständigen, ungereimten, vielleicht sogar widersprüchlichen Sachverhaltes und verweist auf einen Zusatz, der ihre Bedeutung erst vollständig werden lässt – der Index der Fraglichkeit erhält seine Bedeutung durch diese strukturell begründeten Unklarheiten, denn unter der Bedingung, dass die geltenden Gesetze keine Unklarheiten zulassen, wird eine bestimmte Entscheidung evoziert, die noch unbekannt ist; jede Frage schöpft daraus ihre Motivation. Diese Unklarheiten erklären nicht nur die sprachpragmatische Motivation, einen Fragesatz lösen zu wollen, sondern sogar die logische Notwendigkeit. Hier ist das Denken zuhause. Bislang ist dieser Umstand in Philosophie und Logik geflissentlich übersehen worden: sie unterwerfen sich einer Selbstbeschränkung und machen lediglich Entscheidungsfragen geltend, – so erörtert Gottlob Frege, dass wir in einer Wortfrage lediglich einen unvollständigen Satz aussprechen, ´der erst durch die Ergänzung, zu der wir auffordern, einen wahren Sinn erhalten soll´, weswegen Wortfragen in seinen Überlegungen außer Betracht bleiben (vgl. Der Gedanke – eine logische Untersuchung; S.34f). Bei Satzfragen hingegen erwarten Rezipienten hingegen ein klares Ja – dieses Ja sagt für Gottlob das gleiche wie ein Behauptungssatz (vgl. Der Gedanke – eine logische Untersuchung; S.34f). Der Fragesatz F2 verfolgt zwar die gleiche Lösung wie der erste Fragesatz, allerdings ist das Wer bereits durch Brutus ersetzt und benötigt lediglich noch eine Bejahung oder Verneinung. Der wahre Antwortsatz stellt schließlich eine Tautologie dar, die gar nicht viel aussagt, da sich beide Bezeichnungen, Brutus und Mörder von Cäsar in diesem Fall logisch aufwiegen, weswegen trotz Vertauschung des einen Wortes durch den andern ein Satz dasselbe bedeutet – sie sind wechselseitig paraphrasierbar, da logisch gleichwertig, und können sich gegenseitig vollständig definieren. Der erste Fragesatz entspricht dem zweiten Fragesatz dergestalt, dass mit Beantwortung des einen Satzes zugleich auch der andere beantwortet wird.

Wenn keine Fragen gestellt werden, dann kann dies zwei Ursachen haben: Entweder ist alles klar, oder alles ist so dunkel und unklar, dass sich keine gescheiten Fragen formulieren lassen. Tatsächlich entstehen Fragen aus der körperlichen Verfassung des Menschen heraus: wir leben im hier und jetzt und wollen mit der Frage etwas in Erfahrung bringen, was sich ihrer unmittelbaren Wahrnehmung entzogen hat – so fußt zum Beispiel die Suche nach dem Wo und Wann, mit denen ein Richter etwas über Tatort und Tatzeit in Erfahrung bringen will, auf einen Straftatbestand und der berechtigten Annahme, dass dieser Sachverhalt seine Gründe gehabt haben muss. Diese Straftat ist zumindest im Juristenjargon eine conditio sine qua non, eine Bedingung, ohne die keine seiner Fragen gestellt werden dürfte. Die Fragen sollen das, was sich der Erfahrung des Richters entzogen hat, mit Worten ermitteln. Es fehlen konkrete empirische Daten. Unter dieser Voraussetzung lässt sich mit hundertprozentiger Gewissheit nur sagen, dass sich der gesuchte Gegenstand sich irgendwo und irgendwann in der Raumzeit befindet, selbst wenn der exakte Ort und Zeitpunkt unbekannt sind. Zurück bleibt eine logisch begründete ontische Leerstelle, die offensichtliche Unklarheit des variablen Begriffs, des irgendwas, irgendwo, irgendwie, bei der sich nicht einschätzen lässt, wie es sich nun exakt verhält. Eine solche Stelle verkörpert einen Spielraum für diskrete Möglichkeiten. Es lassen sich etliche Beispiele denken, die sich widerspruchslos in diese einigermaßen bestimmte Leerstelle einfügen lassen, ohne jedoch eindeutig entscheiden zu können, welche dieser Sachverhalte nun genau zutreffen mag, und unter den gegebenen Bedingungen sind sie allesamt zwar logisch möglich, aber nur selten können sie Erfahrung sicher antizipieren. Dennoch wird die Gesamtheit ihrer möglichen Lösungen dadurch vollständig bestimmt. Zwar können sie ebenfalls in Urteilen verwendet werden, bleiben dabei aber entsprechend unterbestimmt. Sie bestehen als Kategorie.

Kategorien äußern sich für gewöhnlich in Fragewörtern wie Was, Wann, Wo, Worumwillen etc. Sie stehen stellvertretend für eine allgemeine Eigenschaft, die jeder Tatsache zugrunde liegen sollen und deshalb überall angefunden werden können. Diese erotetischen Kategorien ergeben sich durch Begriffschnitte, wie sie in vergleichbarer Weise schon von Aristoteles in seinem Syllogismus verwendet worden sindFN10. Auf logischem Weg sind theoretisch unendlich viele Fragepartikel generierbar, solange sie in Bezug zu ihrem jeweiligen Argument eine bestimmte Sinnhaftigkeit erzeugen und ihre Wahrheit oder Falschheit überprüfbar bleibt. Sie übernehmen allesamt das Verhalten einer Variablen und sind ergänzungsbedürftig.

F: Ist Cobalt magnetisch?

F: Ist Nickel magnetisch?

Der jeweilige begriffliche Inhalt kann wechselweise als Funktion oder als Argument aufkreuzen, ohne dass sich an der Bedeutung etwas ändert. Die hier gefasste Frage ist das Magnetische, wobei es zahlreiche weitere gibt: das Eiserne das Müssen, Dürfen, Notwendige, Flussartige etc.. Allerdings sind diese Partikel selbst bestimmungsbedürftig, da sie lediglich eine Eigenschaft bezeichnen, die bei Sätzen vorausgesetzt wird, um ihren Gehalt auf Wahrheit oder Falschheit zu prüfen. Sie tragen jedoch ebenso sehr zur Konstruktion weiterer Fragen und neuer Argumente bei.

Aristoteles umgrenzt die Wissenschaften nach der Klasse von Fragen, die sie zu beantworten versucht: ‚Die einen Fragestellungen sind bezogen auf sittliches Verhalten, die anderen beziehen sich auf die Natur, wieder andere beziehen sich auf Denkgesetze‘ (vgl. Analytica posteriora; 105b). Jede Wissenschaft kann als Fragestellung einen abgesteckten Objektbereich erfassen und wird durch jene Fragen definiert, die sie zu beantworten versuchen. Johann Hübner hatte mit seinem Buch ´Kurtze Fragen aus der alten und neuen Geographie´ die Geographie als eigenständige Wissenschaft etabliert und Kardinalfragen vorgehalten, etwa wie die Landschaften beschaffen sind oder welche soziale oder politische Realität vorherrschend ist. Der Fragekatalog bleibt Katechetik, ein Überbleibsel aus dem Mittelalter – es bleibt lediglich die Einsicht, dass die Festlegung auf Fragen bestimmte Problembereiche definiert, auf denen eigene Wissenschaftszweige wachsen, von denen aus eine weitere Perspektive auf denselben Gegenstand eingenommen wird.

 

Der Fragesatz als Grundsatz

Der Fragesatz ist ein hypothetischer Satz, der widersprüchliche Alternativen und damit eine Auswahl umfasst. Dieser Satz ermöglicht abwägende Hypothesen, die sich beispielsweise mit dem modus ponens und dem modus tollens vergleichen lassen, bei denen wenigstens eine Punktprobe vorgenommen werden muss, um entschieden zu werden, inwiefern sie wahr oder falsch sein können.

Variablen ergeben sich analytisch aus ungereimten logischen Verhältnissen, die innerhalb einer Relationsbeziehung bestehen. Sie sind das Ergebnis eines sauberen Begriffschnittes, der bekannte mit daraus resultierenden unbekannten bzw widersprüchlichen Elementen aufwiegt. In ihnen spiegeln sich die gesamten formalen Verhältnisse wider, in denen sie eingebettet liegen und die sie definieren. Variablen sind als komplexer Punkt zu sehen, als Sammelsurium einander konträr liegender Alternativen, die sich in diesem Punkt überlagern – sie verkörpern so gesehen ein bloßes Ding, einen unscharf gezeichneten Gegenstand. Dieses variable Ding drückt seinen Sachverhalt nur in einem sehr allgemeinen Sinn aus: es steht als nomen nomiandum, als Stellvertreter für eine Menge verschiedener Gegenstände, die innerhalb des vorgegebenen Rahmens wahlweise ausgetauscht werden können, wie etwa Bäume, Sträucher und Kräuter. Die Variable ist nur ein anderer Ausdruck für eine Menge austauschbarer Argumente. In der Mathematik werden Variablen, obwohl ihre Bedeutung vage ist und sie gleich eine Menge von Sätzen fassen, wie gewöhnliche Zahlen behandelt – ungeachtet ihrer eigentlichen Unbestimmtheit besitzen sie eine äußere logische Konstanz, die einem arithmetischen Gebrauch genügt, weswegen sie sich wie mathematische Gegenstände verhalten, die einen allgemein ausgedrückten, aber unterbestimmten Gegenstand bezeichnen. Variablen spiegeln lediglich die gesamten formalen Verhältnisse wider. Durch ihre Relation zu denn anderen logischen Größen wird ihr eigener Rahmen abgesteckt, der wahr von falsch unterscheidet. Werden diese variablen Gegenstände interpretiert und durch ein konkretes Ereignis ersetzt, ergibt sich eine – je nach Kontext und Komplexität –  mehr oder weniger lange Liste mit wahren und falschen Urteilen. Es bedarf erst einer Entscheidung, um seine volle Bedeutung zu erhalten. Nicht selten sind klare Gedanken schwieriger zu fassen als komplexe. A ist was, A ist wann, A ist wo etc. Die allgemeine Satzform enthält mindestens eine Variable:

A ist x

Der Ansatz, bei dem ein Satz eine Variable enthält und daher als unbestimmte Funktion zu deuten lässt, ist nicht neu. Bereits für den jungen Aristoteles stellt die πρότασις (protasis) eine dialektische Aussage dar, die sich auf kontradiktorische Standpunkte beruft, deren Sinn es noch zu beweisen gilt (vgl. Topik; 100a). Die πρότασις lässt sich hier als Entscheidungsfrage charakterisieren, die einen Gegensatz ausdrückt, weswegen erst nach der gefällten Entscheidung aus dieser Aussage geschlossen werden kann. Während im dialektischen Verfahren diese kontradiktorische Aussage einfach als Prämisse angenommen und bloß suggestiv wirkt, beziehen sich diese Aussagen in einem syllogistischen System auf Schlüsse und sind nichts weniger als disjunktive Probleme, die als vorgelegte Aufgaben gelöst werden müssen, indem man entweder die eine oder die andere Seite des Widerspruchs einnimmt; – um die dialektische πρότασις schließlich entscheiden zu können, muss sie erst als syllogistisches Problem aufgefasst werden (vgl. Topik; 101b). In der deutschsprachigen Philosophie war hierfür lange Zeit die umfassende Bezeichnung ´Ding´ im Gebrauch. Das Wort ´Ding´ findet seine Wurzeln im alten germanischen Wort ´thing´ für Versammlung oder Beschluss, jener Bezeichnung für den kultischen Ritus um die Gerichtslinde, die im Mittelalter als Ratsversammlung gebräuchlich war und noch heute unter anderem für die skandinavischen Parlamente namensgebend ist. So gesehen bezeichnet das ´Ding´ eine offene, unklare, geradezu unterbestimmte Sache, über die noch ein Urteil gefällt werden muss. Diese umfassenden Urteile bleiben mit Platon in einer dialogischen Logik gefangen und zeigen sich noch in Kants Untersuchungen zum ´Ding an sich´, das für den Menschen letztlich unerreichbar ist. Dem ´Ding´ fehlt eine Bedingung, durch die es seine Konkretion erhält. Später erörtert auch Frege den gleichen Ansatz. Er behandelt solche Sätze als unbestimmt ausgedrückte Sätze und bezeichnet die unbestimmte Funktion des Argumentes A mit Φ(A) (vgl. Begriffsschrift; §.10; S.18). In Freges logizistischer Welt ist eine Gleichung zerlegbar, wobei ein abgeschlossener Teil und eine ergänzungsbedürftige Funktion entsteht.

Für Russell und Whitehead enthält eine sogenannte Propositionalfunktion eine Variable x und drückt eine ganze Menge von Sätzen aus, solange der Wert der Variablen nicht genau festgelegt wird, weswegen diese beiden Denker zu der Auffassung gelangt sind, dass eine Propositionalfunktion tatsächlich nichts behaupten würde, da sie erst dann eine gewöhnliche Proposition sein soll, sobald man dem x einen Wert erteilt hat (vgl. Principia Mathematica; S.25, S.57f). Eine Propositionalfunktion wird durch die Gesamtheit ihrer möglichen Werte bestimmt – das Problem besteht hierbei, dass der Wertebereich der Variable soweit reicht, dass er seine eigenen Voraussetzungen mit einschließt. In bestimmten Fällen kann es daher sein, dass Werte eingefügt werden, die den Gesamtsatz widersprüchlich werden lassen, – eine solche Paradoxie lässt sich als Selbstbezug charakterisieren, der gegen das Zirkelfehlerprinzip verstößt, weil der zu beweisende Satz zugleich als Beweisgrund gebraucht wird. Durch eine Rückkopplung des Prädikates auf das Subjekt und der entsprechenden Folgewirkung auf das Prädikat wird ein augenscheinlicher Widerspruch erzeugt. Diesen Schein eines Widerspruches führen Russell und Whitehead auf das Auftreten von Worten mit versteckter Typenmehrdeutigkeit zurück, und sie wollen diesen Scheinwiderspruch lösen, indem sie die versteckte Mehrdeutigkeit ans Licht bringen (Principia Mathematica; S. 93). Die Russelsche Typentheorie will hierbei diejenigen Paradoxien beseitigen, die dann auftreten, wenn der Wert dieser Propositionalfunktion selbstreferentiell ist und etwas über sich selbst aussagt. Der junge Wittgenstein bezieht sich auf diesen Gedankengang, wenn er behauptet, dass, dass die Variable ´das Zeichen eines formalen Begriffs´ und ´der variable Name »x« das eigentliche Zeichen des Scheinbegriffs Gegenstand´ sei (vgl. TLP; 4.1272 & 4.1272) und dass diese Variable als ´der Inbegriff aller Angaben einer Sache´ die allgemeine Form des Satzes ausdrückt: es verhält sich so und so (vgl. TLP; 4.5 & 4.53). Allerdings verwirft Wittgenstein die Russelschen Antinomien und damit den Sinn einer Typentheorie grundsätzlich, da sich Russells Irrtum darin zeige, ´dass er bei der Aufstellung der Zeichenregeln von der Bedeutung der Zeichen reden musste´ (Tractatus logico-philosopicus; 3.331). Für Wittgenstein kann eine Funktion ´darum nicht ihr eigenes Argument sein, weil das Funktionszeichen bereits das Urbild seines Arguments enthält und es sich nicht selbst enthalten kann´(Tractatus logico-philosopicus; 3.333). Damit wird die Selbstreferentialität von Sätzen ausgeklammert und mithin auch das Phänomen der Russellschen Antinomie. Wittgenstein stellt fest, dass, dass die Sätze der Logik nur Tautologien sind (vgl. Tractatus logico-philosophicus; 6.1) und daher nichts sagen (vgl. Tractatus logico-philosophicus; 6.11), dass die Logik transzendental sei (vgl. Tractatus logico-philosophicus; 6.13). Die Logik liegt demnach für Wittgenstein nicht in der Welt, sondern ist nur ein konzeptioneller Entwurf, den das solipsistische Ich über die Welt legt. Mit seiner Auffassung über die Bedeutung logischer Sätze vollstreckt Wittgenstein die kantische Transzendentalphilosophie: die Logik beschränkt sich auf den Gebrauch synthetischer Schlüsse, die letztlich nicht viel sagen. Dieser Gebrauch zeigt sich konsequenterweise am kunstvollen Aufbau des Tractatus logico-philosophicus, am modus mathematicus und seiner synthetischen Gliederung analytischer Sätze, die mit ihrer Offenheit auf eine bedeutungsvolle Tiefe schließen lässt. – Wittgenstein klammert die Selbstreferentialität von Sätzen aus durch definitorische Feinheiten aus und damit auch das Phänomen der Russellschen Antinomie. Sofern die Logik jedoch nicht nur als Eigenschaft, sondern nicht als grundsätzliche Eigenschaft der Welt festgelegt wird, dann gelten auch logische Gräben, Verwerfungen, Zerwürfnisse, wie sie Zenon von Elea, Epimenides oder Eubulides vorgezeichnet worden sind.

Im alltäglichen Sprachgebrauch sind Homonyme unvermeidlich, jedoch besteht in rationalen Argumentationen zugleich die Gefahr von Trug- und Fehlschlüssen. Viele Unklarheiten in philosophischen Untersuchungen beruhen oftmals auf verschiedenen Voraussetzungen, da das Wort unterschiedlich interpretiert wird, – nicht wenige Kritiken beruhen darauf, dass die kritisierte Aussage nicht ganz verstanden worden ist. Ein Wort, viele Begriffe – die Quelle der Missverständnisse. Tatsächlich ist die Homonymie eine Schwachstelle der philosophischen Argumentation. Steht nun ein Fragesatz in Beziehung zu einem homonymen Wort, dann setzt die Frage in ihrer Weitläufigkeit eine gewisse Dynamik frei, da zugleich auch die Antworten weitläufig sind, je nach Person und ihrer Auffassung von Wahrheit. Wenn ein Fragesteller seine Frage sehr weitläufig gestellt hat, kann man einwenden, dass die Voraussetzungen der Frage nicht gültig sind, da sie keine eindeutige Antwort erwarten lässt. Erst durch die Festlegung der Variable erhält die Frage selbst ihre volle Bedeutung. Die Erotetik belässt es bei der Auffassung, dass mehrdeutige Propositionen dennoch etwas behaupten, und zwar eine Mehrdeutigkeit, die sich als Kategorie ausdrückt und durch Rahmenbedingungen entsprechend flankiert wird und definiert wird. Sie behauptet grundlegende Eigenschaften in Form einer gebundenen Variable.

Dass Propositionen syntaktisch mit Propositionalfunktionen in Verbindung treten können, ist aus ihrer Struktur ersichtlich. Im Verhältnis zu einer einfach aussagenden Proposition kann eine Propositionalfunktion wie folgt ausgedrückt werden:

Proposition: φx

Propositionalfunktion: φ(x)

Das komplexe Zeichen für Proposition φx deutet an, dass dieses Urteil als Antwort auf eine Frage angesehen wird, wobei x dem Urteil entspricht und φ die jeweilige Frage repräsentiert. Die Propositionalfunktion äußert hingegen eine unbestimmte Funktion von x. Da sie eine Variable beinhaltet, besteht die Bedeutung einer Propositionalfunktion aus einer umfangreichen Auswahl an Aussagen, die ihrer Ausrichtung entsprechen. Eine Propositionalfunktion gibt zwar eine Auswahl und zeigt Ausblicke, was bei der Interpretation der Variable jeweils geschieht (vgl. Principia Mathematica; S.26) – aber sie gibt keine Regel vor, mit der eine der vorgeschlagenen Möglichkeiten ausgewählt wird. Sie kann nicht nach wahren Urteilen greifen, weil sie keine Disjunktion ansetzt, keine wirkliche Alternative auswählt. Wenn die Bedingungen jedoch kontradiktorisch sind, führen sie zwangsläufig zu einem Entweder-Oder, die sich notwendig für die eine oder die andere Seite entscheiden muss, um widerspruchsfrei zu werden, – eine so gestellte Frage verlangt nach einem logisch geführten, wissenschaftlichen Beweis und nach einem Abgleich des eigenen ontologischen Weltbilds. Sind beide Seiten gültige Möglichkeiten, besteht der Nachweis ihrer fehlenden Widersprüchlichkeit, womit die Frage ihre Voraussetzung und Bedeutung verliert. φ bezeichnet dabei den Grundsatz bzw. jene Kategorie, die als Anforderung bestimmte Alternativen als wahr kennzeichnet.

Eine Frage hat die interrogative Grundform:

φ(x)?

Diese einfache Grundform drückt elementare Bedingungen jeder denkbaren Frage aus. Sie beschreibt das syntaktische Starrgerüst eines Fragesatzes und damit die allgemeine Grundlage für die Korrelation von Zeichen, die in einem problematischen Verhältnis stehen. Eine vergleichbare Wendung findet sich bereits bei Belnap und Steel, die das Fragezeichen ebenfalls als Bezeichnung für eine Funktion verstehen, die eine Anforderung und ein Subjekt als Argument verlangt, wobei sie ihr Schema aller elementaren Fragen mit ? ρ σ angeben (vgl. BS; S.19). Die Frage stellt Rahmenbedingungen einer Antwort und ist mit ihr im Grunde gleichbedeutend. Jeder Fragesatz verfügt über propositionale Struktur und hat assertorischen Charakter; das heißt: er behauptet etwas – was dieser Satz der Form nach nun genau behauptet und welches Verhältnis sich dadurch ausdrückt, ist eine Sache der erotetischen Grammatik. Dieser Form entspricht einer abstrakten, variablen, sozusagen mehrdeutigen Bedeutung. Eine gestellte Frage verlangt nach einem mathematischen Beweis, nach Argumenten und Gedankengängen, die eine ungerechtfertigte Variable aufklären.

Ein Fragesatz ist der Inbegriff seiner Antworten und kann durch die Summe der Antworten x1, x2, x3… xn, folglich durch die Propositionalfunktion φ(x) ausgedrückt werden. Insofern ist eine Frage als Funktion zu verstehen und die einzelnen Antworten entsprechen als Argumenten einem Funktionswert. Die Bezeichnung φ begrenzt den Variablenspielraum (x) hinsichlich einer Kategorie, die dem Satz eine Qualität vorschreibt und ihn somit hinsichtlich seiner Wahrheit und Falschheit auszeichnet; – sie entspricht den Fragepartikeln Was, Wann, Wo, Weshalb und allen anderen, sich generieren lassen. Diese Partikel sind selbst bestimmungsbedürftig, weil sie nur eine Eigenschaft vorgeben. In diesem Sinn enthält ein Fragesatz durch seine variable Bedeutung sämtliche Antwortsätze, die sich aus seiner Struktur ergeben, und zwar alle, vollständig aufgelesen, solange sie widerspruchslos und kontingent bleiben. Eine Frage ist die grundlegende Bedingung ihrer Antworten, d.h. dass sämtliche Informationen, die in einer Frage gegeben sind, auch in der jeder ihrer Antworten vorfindlich sein müssen, – eine Antwort darf zumindest nicht weniger Informationen enthalten als die Frage. Steht im Raum: ´Sind alle Menschen sterblich?´, dann gibt es nur die brauchbare Entgegnung: ´Alle Menschen sind sterblich´, da andere Antworten zu weit oder zu kurz greifen würden, wie zum Beispiel: ´Alle Säugetiere sind sterblich´ oder ´Alle Männer sind sterblich´. Demzufolge kann eine Frage nicht mit Aussagen beantwortet werden, die außerhalb seiner Menge liegen, denn dies wäre nichts anderes als eine gezielte Kontradiktion und logisch sinnfrei, oder vereinfacht gesprochen: wenn mich jemand nach Tönen fragt, brauche ich ihm nicht mit Farben zu antworten. Dieser apagogische Beweis legt nahe, dass die Beziehung von Frage und Antwort mit einer gewissen Notwendigkeit verlaufen muss. Fragen müssen semantisch mit Antworten in Verbindung treten, sonst könnten sie nicht in in eine logische Beziehung zueinander gebracht werden; sie sind bedeutungsmäßig aufeinander bezogen. Verändert sich ein Teil des Korrelats, dann verändert sich notwendig auch der andere Teil, – der Schlüssel zu einer einsehbaren Verbindung beider Seiten ist die jeweilige Tatsache, auf die sie sich bezieht.

Das Fragezeichen ? leitet seine Bedeutung vom lateinischen ´quaestio´ her und kennzeichnet einen jeden noch so vollständigen Satz als Fragesatz, womit er die Bedeutung erhält, zu prüfen, inwiefern überhaupt ein wahres Urteil möglich ist. Im erotetischen Sinn ist das Fragezeichen ein konstanter Begleiter und ergibt sich aus der Einstellung des Daseins zur Welt, – dieses Zeichen steht stellvertretend für die Abwesenheit wichtiger Informationen, für die Bewegung der Wissenschaft, die Aussicht auf Erkenntnis. Das Fragezeichen bezeichnet die Aufgabe, aus einer Menge von Sätzen diejenigen Sätze auszuwählen, die den logischen Gesetzen gemäß sind, – um dies bewerkstelligen zu können, muss sich unter den vorliegenden Antworten überhaupt ein wahres Urteil befinden. Die vorliegenden Antworten und die Forderung nach einem wahren Urteil müssen dergestalt aufeinander abgestimmt sein, dass dieses Amalgam eine gültige Antwort ermöglicht. Ob und inwiefern die Frage beantwortet werden kann, ist hierbei abhängig von ihren Voraussetzungen: sofern eine Frage logische Ungereimtheiten ausdrückt, kann sie axiomatisch entschieden werden, durch algorithmisches Ausrechnen. Die Beantwortung einer Frage ist nichts anderes als die Ersetzung eines variablen Satzes durch einen bestimmten Satz und damit eine semantische Festlegung. Eine Frage und ihre Antworten stehen eigentlich unter vergleichbaren Bedingungen – sie unterscheiden sich lediglich dadurch, dass sich eine Frage durch eine freie Variable ohne konkreten Gegenstand auszeichnet, wohingegen bei Antworten diese Variable bereits durch einen Gegenstand gebunden ist und einen festen Wert hat. Durch die Beantwortung wird entschieden, ob eine Eigenschaft zu einer Menge gehört oder nicht, – diese Entscheidung ist letztlich Kulminationspunkt jeder intellektuellen Erregung. Das sogenannte ´Entscheidungsproblem´, bei dem durch Lösung grundsätzlich festgestellt werden soll, ob und inwiefern einer Menge eine Eigenschaft zufällt, ist ein selbstreferentielles Konzept, da die korrekte Formulierung und damit die Entscheidbarkeit dieses Problems von seiner eigenen Lösung abhängt. Daher ist es ratsam, die Regeln der Konstruktion des Problems spekulativ abzuwägen: die Bestimmung des Entscheidungsproblems darf sich in seinen Konsequenzen wenigstens nicht widersprechen, sondern muss sich selbst wieder bestätigen.

Die syntaktische Form von Fragesätzen spiegelt sich in der Menge der Antworten wider: eine Ergänzungsfrage erwartet eine große, gegebenenfalls überabzählbare Menge von Antworten, wohingegen eine Entscheidungsfrage eine schlichte Bejahung oder Verneinung fordert und entsprechend begrenzt ist. Die interrogative Grundform φ(x1, x2,…)? berücksichtigt hierbei den jeweils verschiedenen Umfang von Fragesätzen, sowohl von Ergänzungsfragen als auch Entscheidungsfragen, da das φ lediglich die Qualität vorschreibt, die sowohl in Ergänzungsfragen als auch Entscheidungsfragen vorgeschrieben ist, unbesehen von der syntaktischen Form.

´sowie die eingeklammerte Variable x einen Spielraum hinsichtlich der Menge ihrer Antworten offen lässt.

Eine Wort- bzw. Ergänzungsfrage gibt lediglich die Qualität einer Antworten vor und entspricht einer umfangreichen Alternativfrage, die ihrerseits  auf eine bestimmte Entscheidungsfrage gebracht werden kann, – ob nun eine umfangreiche Ergänzungsfrage oder eine konkrete Entscheidungsfrage verwendet werden kannn, ist abhängig von den gegebenen Informationen, da sich unter den Antworten lediglich ein wahres Urteil befinden muss. Hierbei entscheidet das jeweilige Vorwissen, welche Frage sinnvoll verwendet werden kann, um eine Antwort zu erhalten: so eignet sich bei unzureichenden Informationen die umfangreiche Ergänzungsfrage, da der Umfang ihrer Antworten größer ist und sich die gesuchte Antwort darin befindet, wohingegen eine beschränkte, aber präzise Entscheidungsfrage für Situationen taugt, in denen die vorhandenen Informationen ausreichen, um rein analytisch zu Antworten vorzudringen. Abhängig von dieser Informationslage kann eine simple Entscheidungsfrage schwieriger zu beantworten sein als eine komplexe Ergänzungsfrage.  Der jeweilige Unterschied besteht in der jeweilige Menge von Antworten: sie ist entweder begrenzt oder theoretisch unbegrenzt. Dieser Umfang der Antwortmenge ergibt sich zwangsläufig aus der gesuchten Tatsache und den zur Verfügung stehenden Informationen, – sie erfordern jeweils eigene logische Operationen, die zu einer wahren Antwort beitragen. Innerhalb der Logik besteht eine tendenziöse Vorliebe zur Entscheidungsfrage, da sie bereits eine Aussage vorlegt, die lediglich durch Bejahung oder Verneinung, also einer begrenzten Auswahl, entschieden werden soll, – diese Überbetonung beruht vor allem auf dem aristotelischen Vorurteil, dass nur kategorische Aussagen logiktauglich sind. Diese Methode besticht durch seine rigorose Einfachheit, die alle Zwischenstufen beiseite schiebt, um leicht und schnell Entscheidungen treffen zu können. Sie ist besonders beliebt bei Megarikern, die in unangebrachten Momenten ein Entweder-Oder in Betracht ziehen. Unter den gegebenen Voraussetzungen ist die Auswahl entgegengesetzt und widersprüchlich: nur ein Ja oder Nein führen zur Antwort – ein Jein ist ausgeschlossen. Das Antwortfeld ist entsprechend begrenzt, da eine Entscheidungsfrage ausreichend viele Informationen mitbringt und die einfache Entscheidung genügt, ob der dargestellte Sachverhalt zutrifft oder nicht:

φ(x1 ∨ x2)? bzw.

φ(x1 ∨ ¬x1)?

Die Bedeutung von φ erschließt sich hier durch die gegebene Auswahl und ist entsprechend konkreter. Eine Entscheidungsfrage beschreibt zwei Fälle und ist insofern – um es mit einem philosophischen Terminus auszudrücken – verbalisierter Zweifel. Hier gilt das Bivalenzprinzip, sowohl Affirmation als auch Negation stehen sich gegenüber: es eröffnet sich der dialektische Kampflatz und es deutet sich ein verbales Kräftemessen an, weil noch unentschlossen bleibt, ob es sich so oder so verhält. Die Behandlung einer Entscheidungsfrage erfolgt wegen seiner begrenzten Auswahl unter deterministischen Gesichtspunkten. Das alternierende Entweder-Oder ist ein Rahmen, der logische Notwendigkeit vorschützt: wenn es nicht das eine ist, muss es das andere sein. Die Analytik der Antworten ist hier einfach, da Entscheidungsfrage nur mit ja oder nein beantwortet werden kann.

Eine Ergänzungsfrage ist entsprechend komplex. Sie entspricht einer umfangreichen Alternativfrage und schließt eine potentiell unendliche Menge mit ein, beispielsweise dem Wer, das sämtliche Personen umfasst, und die letztlich nur durch den Gegenstand φ, den es analysieren will, beschränkt wird. Eine Ergänzungsfrage entsteht durch die rekursive Anwendung auf das Entweder-Oder von Entscheidungsfragen.

φ(x1 ∨ x2 ∨ x3… ∨ xn)?

Die Bedeutung von φ erschließt sich bei der Ergänzungsfrage ebenfalls aus der Auswahl, ist nur etwas komplexer als die Entscheidungsfrage. Sie kann ebenfalls mechanisch enschieden werden, allerdings gibt es schnellere Methoden zur Antwort. 

In der Alltagssprache unterscheiden sich Entscheidungs- und Ergänzungsfragen lediglich hinsichtlich ihrer syntaktischen Zusammenstellung. Die Syntax dieser Fragesätze und der sich dadurch bestimmende allgemeine Inhalt des Satzes ist von der jeweiligen Informationslage abhängig: die Entscheidungsfrage enthält mehr Informationen und lässt daher die exklusive Entscheidung zwischen wahr und falsch zu, wohingegen die Ergänzungsfrage weniger Informationen enthält zu weitschweifigen Ausführungen verleitet. Dies äußert sich jedoch nur hinsichtlich der Mächtigkeit der Menge ihrer Antworten, der Größe des zur Verfügung stehenden Raumes: den semantisch sind beide Frageformen durchaus miteinander in Verbindung zu bringen, da beide Weisen auf die gleiche direkte Antwort zielen – dies ist ihre Bedeutung. Eine komplexe Ergänzungsfrage kann problemlos in eine Entscheidungsfrage übersetzt werden, indem sie den Bereich möglicher Antworten reduziert, bis sie lediglich zwei Optionen zur Wahl stellt. Die Erweiterung oder Verknappung des Inhalts verändert lediglich den syntaktischen Aufbau desjenigen Fragesatzes, der verwendet wird – statt sich wie die Ergänzungsfrage zwischen verwirrend vielen Antworten, zwischen Nebensächlichkeiten, schmückendem Beiwerk, Ornamenten, Nippes, Staffage entscheiden zu müssen, zielt die Entscheidungsfrage auf ein bestimmtes Ergebnis. Eine komplexe Ergänzungsfrage kann auf dieser Grundlage durch eine geschlossene Entscheidungsfrage beantwortet werden:

F1: George Washington ist der erste Präsident der Vereinigten Staaten?

ist somit die gleiche Frage wie:

F2: Wer ist der erste Präsident der Vereinigten Staaten?

da sie beide die gleiche Antwort evozieren:

A: George Washington ist der erste Präsident der Vereinigten Staaten.

Eine Entscheidungsfrage F1 will einen konkret formulierten Sachverhalt auf seine Bedeutung prüfen und einen Wert feststellen – die Ergänzungsfrage F2 will hingegen auf eine wahre Antwort hinaus, also auf eine positiv entschiedene Entscheidungsfrage. Im Grunde können beide Weisen zur gleichen Antwort führen. Zwei Fragen sind gleich, wenn sie auf die gleiche Antwort zielen und wechselseitig ausgetauscht werden können, ohne dass der Wahrheitswert verloren geht. Sie beziehen sich auf das gleiche Problem, formulieren es nur jeweils anders. Die Antwort der einen Frage ist dabei immer auch die Antwort der anderen Frage. Ohne die zugehörige Entscheidungsfrage ist auch die Ergänzungsfrage nicht gelöst und umgekehrt. Die interne semantische Struktur einer Frage erlaubt die Übersetzung in eine Frage anderer Art, sofern bei der Lösung nichts wegfällt oder hinzukommt – dabei ist es völlig unerheblich, welchen Umfang diese Fragen eigentlich haben, ob durch hinzufügen von George Washington erst die Entscheidbarkeit zwischen Ja und Nein gewährleistet ist. Das Antwortfeld zu erweitern oder zu verkleinern, verändert zwar das Problem, das die zugehörige Frage eigentlich beschreiben soll, aber das ist keineswegs tragisch, weil die gesuchte Lösung davon nicht berührt wird. Im Verlauf tiefergehender wissenschaftlicher Untersuchungen kann dieses Prinzip durchaus brauchbar sein, sofern sich während der Forschung das Wissen nur stückweise einstellt. So mag die Entscheidungsfrage in ihren Ausführungen ungemein präsise und exakt sein, aber ihre Antwortmöglichkeiten sind entsprechend beschränkt, was sich bei der Behandlung komplexer und verschachtelter Schwierigkeiten seinerseits als Problem darstellen wird. Das Antwortfeld entsprechend zu vergrößern erhöht zumindest die Wahrscheinlichkeit, auf eine positive Antwort zu stoßen. Die Entscheidung des Fragenden für diese oder jene Frage hängt davon ab, auf welche Antworten er abzielt.

So lautete im Jahr 1749 die Preisfrage der Académie von Dijon:

F1: Le Rétablissement des sciences et des arts a-t-il contribué à épurer les mœurs? („Hat die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste dazu beigetragen, die Sitten zu läutern?“)

Jean-Jacques Rousseau verneinte diese Frage mit der starken Begründung, dass der Mensch nur im Naturzustand unabhängig und frei leben kann und von gesellschaftlichen Konventionen nur gefesselt wird und Wissenschaften sowie Künste nur dazu beitragen, den eigentlichen Niedergang durch Luxus und sittliche Dekadenz zu verschleiern. Er hat damit zugleich die Frage beantwortet:

F2: Was trägt zum sittlichen Verfall bei?

F3: … etc.

Fragen gleichen sich, wenn sie auf dieselbe Antwort abzielen. Aufgrund ihrer Struktur hat jede Frage eine Bedeutung und drückt etwas aus. Solange eine Frage eine Bedeutung hat, wird sie von jedem seiner direkten Antworten semantisch impliziert.

φ(x) ist Element von x

Die Frage ist eigentlich auf der Suche nach ihren eigenen Voraussetzungen, die sie eliminieren muss, um zu einer Antwort zu führen. Die Voraussetzung löst nicht nur die Frage aus, sondern macht sie zugleich entscheidbar. Der jeweilige Inhalt dieser Form kann demnach durchaus wahr oder falsch sein, je nachdem, ob sie sich auf gültige Bedingungen berufen kann. Auf dieser elementaren Grundlage können Fragen miteinander verrechnet werden. – Das Universum selbst ist die Lösung. In der Tat werden hier Fragen ausschlaggebend sein, die von einem bestimmten Individuen erfüllt werden.

Da Antworten nichts anderes sind als Aussagen, können sie durch die gewöhnliche formale Logik behandelt werden. Insofern Fragen sowohl syntaktisch als auch semantisch mit Antworten in Verbindung zu bringen sind, reichen die Prinzipien der erotetischen Logik in die assertorische Logik hinein. Der beantwortete Fragesatz gleicht einer Aussage. Wenn Urteile als Antworten auf Fragen angesehen werden, muss die assertorische Logik bei näherer Betrachtung eine weitere Komponente aufweisen, die darauf hinweist.

Durch die Übertragung der Prinzipien von wahr und falsch auf Fragesätze können die logischen Eigenarten von Aussagesätzen (auf die wahr und falsch ursprünglich zutrifft) übertragen werden. Von diesen assertorischen Grundlagen hängen die Feinheiten des erotetischen Programms ab, da sie das semantische Verrechnen ermöglichen. Die Übersetzung von Normalsprache zuer erotetischen Formelsprache macht zugleich eine spezielle Ontologie nötig, eine besondere syntaktische Form, die entsprechende Möglichkeiten des Ausdrucks bietet, und zwar die Modulation zu einem Aussagesatz der Form: es ist wahr, ob dies oder das der Fall ist. Hier gilt das Sowohl-als-auch. Dadurch etabliert sich das zweifelnde Denken als sachliche Wahrheit, als ein ganz bestimmter, wenngleich mehrdeutiger Zustand. – Für Alltagsohren mögen Sätze wie ´Es ist wahr, ob jede Zahl eine Primzahl ist oder nicht´ bzw. ´es ist wahr, wann und zu welchem Zeitpunkt die Evolutionstheorie von Darwin entwickelt wurde´ ungewöhnlich und syntaxwidrig klingen, doch dies geschieht nur, weil uns während unserer kindichen Entwicklung ein gewisser Sprachgebrauch anerzogen wurde. Dennoch sind sämtliche Regeln (- zumal sprachliche) sehr flexibel in ihrer Anwendung. Für die Linguistik sind sie nicht unmöglich und auch für Informatiker müssen diese Gedankengänge nicht ungewöhnlich sein. Die Phrase ´es ist wahr, ob…´ drückt nicht nur indirekt einen Fragesatz aus: er entspricht darüber hinaus einem Konditionalsatz. Nach dieser Formel ist es notwendig, dass entweder das eine oder das andere eintrifft, aber damit ist nicht gesagt, welche der Seiten notwendig eintreffen soll, – dies fordert erst der wissenschaftliche Beweis.

 

Über wahre und falsche Fragen

Wissenschaft ist auf wahre Urteile aus. Sie nutzt hierfür assertorische Sätze, die ein eindeutiges Verhältnis ausdrücken. Aristoteles behauptet, dass sich Wahrheit und Falschheit nur an Aussagen feststellen lassen, weil sie dort ihren logischen Ort haben (vgl. Kategorien; 2a/ Lehre vom Satz, 16a/ Hermeneutik; 16a,17a). Fragen oder Wünsche hingegen behaupten nichts und sind daher nicht mit wahrheitsfähigen Sätzen zu vergleichen. Auf diese Diskursgrundlage haben sich viele seiner Anhänger gestützt – in seinem Gefolge streiften Scholastiker durchs Land und erhoben Einspruch gegen die Gleichstellung solcher Sätze mit (unter anderem) Fragen. Dieser Bedeutungshorizont von Wahrheit und Falschheit ist durch philosophische Vermittlung in spätere Denktraditionen überliefert worden; die Wissenschaftssprache hat sich nach dieser Lehre auf die behauptende Satzform zu beschränken. Der Preis, den sie dafür bezahlen mussten, waren jene Verständigungsprobleme, an denen sich die Wissenschaft abmüht. Unter den aristotelischen Vorzeichen lassen sich Fragen nur schwer logisch erfassen. So versucht beispielsweise Bernard Bolzano, den Inhalt von Fragesätzen in eine solche Satzform zu zwängen. Für ihn hat jeder Satz an sich die kanonische und gestelzt wirkende Form ‚A hat b‘ und besteht ganz klassisch aus einer Subjektvorstellung und einer Prädikatvorstellung, der mit dem Kopula hat verbunden wird; ein solcher Satz an sich ist – auch bei ihm nicht ungewöhnlich – ‚entweder wahr oder falsch, und dies für immer und allenthalben‘ (vgl. Wissenschaftslehre II,S.7). Dennoch erklärt er (ganz unaristotelisch), dass ‚auch bloße Fragen, Wünsche, Bitten u. dgl., selbst bloße Außrufungen, nach dem Sinne, den sie durch den Zusammenhang erhalten, für wirkliche, wenn gleich zuweilen sehr unbestimmt ausgedrückte Sätze, zu erklären‘ (Wissenschaftslehre I; §22, S.88). Für Bolzano erschließt sich der Sinn eines Fragesatzes dadurch, dass jemand sein Verlangen nach Wissen zum Ausdruck bringt. Dieses Verlangen gibt die Bedeutung einer Frage, daher kann sie ‚eben beides, wahr und falsch sein. Das letztere ist sie, wenn jenes Verlangen durch sie unrichtig angegeben wird.‘ (vgl. Wissenschaftslehre I, §22). Auf dieser Grundlage ließe sich der bedeutungsmäßige Gehalt eines Fragesatzes in die kanonische Form konvertieren. Husserl kommentiert den bolzanischen Versuch, eine Frage dergestalt zu paraphrasieren, sodass sie letztenendes die Form einer Aussage hat: durch die Verwandlung eines gewöhnlichen Fragesatzes in einen Ausdruck der Form ‚ich frage, ob…‘ wird die Bedeutung des Satzes nunmehr ‚durch die Beziehung zur augenblicklich redenden Person bestimmt‘ (Logische Untersuchungen, zweiter Band; S.740). Der jeweilige Sinn ist ein anderer. Doch selbst bei Husserl spricht einiges für den Erhalt der aristotelischen Auffassung, dass Wahrheit und Falschheit nur auf Aussagen zutreffen sollen – man kann einem Fragenden nicht mit der sachlichen Einrede kommen, dass seine Äußerung wahr oder unwahr ist, ‚da er eben keine Sache vertritt‘, weswegen nur spezifische Frageinhalt die Bedeutung eines Fragesatzes ausmachen kann (vgl. Logische Untersuchungen, zweiter Band, S.738). Husserl zufolge spricht spricht für die Aristotelische Auffassung, dass die Wirkung ’nicht die Bedeutung des Ausdrucks konstituieren‘ kann (vgl. Logische Untersuchungen, zweiter Band; S.741). Frege argumentiert übrigens ähnlich wie Husserl (vgl. Die Verneinung – eine logische Untersuchungen; S.56).

Wer die Logik auf die Assertion bzw. behauptende Reden versteift, der macht zugleich die logische Begründbarkeit von Fragen theoretisch unmöglich. Damit könnten wir zugleich jedwede Forschung einstellen, weil sie nur eingeschränkt durch assertorische Sätze ausdrückbar wäre. Doch wenn es nur darum ginge, alte physikalische Sätze weiterzuspinnen, dann würden die Sterne wohl heute noch am Himmelsgewölbe kleben, statt sie schwebend zu wissen. Die Menschheit würde heute noch in einem sehr natürlichen Stadium stecken, wenn sich die Wissenschaft, die sie sich zurechtlegt, auf behauptende Aussagen über die wahrnehmbare Umgebung versteift und die Bedeutung neuer Horizonte verkannt hätte. Durch eine gewollte Beschränkung auf Aussagen werden neugewonnene Erkenntnisse vom bloßen Zufall abhängig sein, von einer Fügung des Weltprozesses, und das gezielte Experiment wäre unmöglich, weil niemand mehr in der Lage wäre, sich ein hypothetisches Geschehnis auszumalen. Was ihren Wahrheitswert betrifft, so ist eine Frage in anderer Weise zu behandeln, als es Aristoteles, Bolzano oder Husserl vielleicht mutmaßen, und dass sie und ihre Logik einer dahingehend etwas eigenwilligen Behandlung bedarf. In ihnen steckt eine eigene Art von Aussagekraft. Sätze haben für Menschen eine beschreibende Absicht: als Aussagen mögen sie einen wahren Sachverhalt abbilden, aber das tun Fragen auch, weil sie darstellen, welche Eigenschaften für uns an einem Ereignis fehlen. Sie drücken einen Gegenstand in seinem sehr allgemeinen Gebrauch aus, als Zielsetzung. Dass die Frage bereits eine sehr bestimmte Bedeutung besitzt, wird am Beispiel des platonischen Sokrates deutlich: Sokrates betritt als Suchender die philosophische Bühne und verlangt auf dem Marktplatz der Meinungen von ahnungslose Passanten eine befriedigende Antwort auf komplexe Fragen. Als Resultat auf seine komplexen Fragen folgte ein ganzer Schwarm von Antworten, obwohl nur eine verlangt war. So weist Sokrates hinsichtlich der vielen verschiedenen Meinungen ein gewisses Nichtwissen nach, auf dem sich sein beharrliches Festhalten am οἶδα οὐκ εἰδώς, dem ´Ich weiß, dass ich nicht weiß´ motiviert. Die Gültigkeit einer Frage ergibt sich durch die sokratische Phrase: ich weiß, dass ich nichts weiß. Mit dem Hinweis auf die vielen Meinungen ist in der sokratischen Frage bereits die Forderung nach dem Allgemeinen implizit – erst hinsichtlich dieses Ziels lässt sich einsehen, warum einzelne Antworten nicht ausreichen. Sokrates sammelt den gesamten Umfang eines Wortes und fragt nach dem Wesen in seiner Gesamtheit. Und deshalb ist beim Sokratisieren, wie Bernard Bolzano bemerkt, die Wahrheit, nach der gefragt wird, sehr wohl bekannt (vgl. „Wissenschaftslehre“, Band II; §145). Mit der Maieutik entwirft Sokrates eine erotetische Methode, die seinen leutseligen Gesprächspartnern mittels einer semantischen Zauberkraft gewisse Aussagen in den Mund schiebt und sie sogar im dialogischen Rahmen zu Jasagern verdammt. Dies ist das logische Gewicht der Frage. Wer geschickt seine Fragen einzusetzen weiß, der kann seinen Gegenüber mit logischen Mitteln an sich heranziehen wie ein Fischer den Fisch.

Fragesätze befinden sich in der Wirklichkeit und besitzen demnach propositionale Struktur. Auch Fragesätze beschreiben einen Sachverhalt dergestalt, dass man mit ihnen über Gegenstände reden und etwas über deren Zustände aussagen kann: sie legen klar, welche Eigenschaften an einem Ereignis fehlen, um vollständig zu sein, und drücken einen Gegenstand in seinem sehr allgemeinen Sinn aus. Weil auch sie eine Zeichenverbindung sind, können Fragesätze nach Belieben gebildet werden.; – als komplexe Entitäten haben sie eine Form, in der die Bausteine zu einem neuartigen Sinn zusammengeschweißt werden können, weswegen eine Problemformulierung entweder wahr oder falsch sein kann. Sätze haben für Menschen eine behauptende Absicht, aber das tun Fragesätze auch: der Fragesatz ist assertorisch. Das bedeutet zugleich, dass hier durchaus eine sachliche Einrede möglich ist und die Satzfrage nach wahr oder falsch gestellt werden darf, weil der Fragende mit seiner Äußerung tatsächlich eine Sache vertritt. Eine Frage ist wahr, wenn sie ein Problem angemessen ausdrückt, andernfalls ist sie falsch. Im Prinzip kann jede noch so haarsträubende Frage gestellt werden, aber erst wenn eine direkte Antwort verlangt werden kann, ist die Frage sinnvoll. Das heißt, dass eine Frage wahr ist, sofern ihre Antwort eindeutig auffindbar ist, die sie entscheidet und überflüssig werden lässt. – Die Herren Belnap und Steel formulieren ihrerseits eine erotetische Logik, demzufolge eine Frage beantwortbar ist, solange sie über entsprechende Voraussetzungen verfügt: die Präsupposition einer Frage ist die hinreichende Bedingung dafür, dass sie eine direkte Antwort besitzt (vgl. Logik von Frage und Antwort; S.4 & S.105f). In diesem Sinn nennen Belnap und Steel eine Frage wahr oder falsch, sofern sie eine direkte Antwort hat,  – ob sie eine solche Antwort hat, entscheidet sich anhand einer wahren oder falschen Präsupposition des entsprechenden sprachlichen Ausdrucks. (vgl. Logik von Frage und Antwort; S.108) Konsequenterweise argumentieren die beiden Herren, dass zu einer Frage die Verantwortung für die Wahrheit der Präsupposition gehört und man deswegen implizit eine Behauptung tätigt (vgl. Logik von Frage und Antwort; S.108). Innerhalb der Logik ist es gängige Praxis, die Wahrheit einer Aussage an ihre gültigen Voraussetzungen zu binden: so ist zumindest für Gottlob Frege die Wahrheit eines Satzes wie ‚Kepler starb im Elend‘ von der Voraussetzung abhängig, dass das Subjekt, über das geurteilt wird, tatsächlich existiert (vgl. Sinn und Bedeutung; in Funktion, Begriff, Bedeutung); S.36). Eine gültige Voraussetzung sorgt dafür, dass die Aussage wahrheitswertfähig und nachprüfbar wird. Durch die Übertragung des logischen Musters von wahr und falsch auf Fragesätze können die logischen Eigenarten assertorischer Sätze – auf die wahr und falsch ursprünglich zutrifft – auf die erotetische Formelsprache übertragen werden. Die Semantik von Fragesätzen, die Grundlage der gemeinsamen Entscheidung verschiedener Fragen durch eine direkte Antwort ermöglicht hierbei die Verrechenbarkeit und die effiziente Lösbarkeit von Problemen.

Eine wahre Frage beschreibt ein wirkliches Problem. Ihre Bedeutung erschließt sich aus einer unschlüssigen Argumentation und verweist auf eine logische Ungereimtheit, die es zu klären gilt. Die Wahrheit einer Frage drückt sich durch die sokratische Phrase aus: ich weiß, dass ich nichts weiß. Fragen sind beantwortbar, wenn ihre Voraussetzungen gültig sind – dies ist eben ihre Wahrheit. Es müssen gewisse Informationen gegeben sein, die zur Entscheidung einer Frage notwendig ist. Die begründete Formulierung einer Frage ist schon Teil ihrer Antwort. Ihrer Bedeutung nach besteht eine wahre Frage aus einer Menge von konträr liegenden Alternativen (- wie zum Beispiel die Prädikate wahr oder falsch) und der Forderung, von diesen Alternativen diejenige Teilmenge auszuwählen, die als Tatsache gekennzeichnet werden kann, indem sie ihre inneren Widersprüche durch einen logischen Zusatz durchsichtig macht. Beispielsweise setzt die Frage nach der Anzahl der Elektronen in einem Cobaltatom voraus, dass Cobaltatome überhaupt existieren und dass Atome eine bestimmte Anzahl an Elektronen haben – erst dadurch wird einsichtig, dass es eine wahre Antwort auf diese Frage geben muss, wenngleich die genaue Quantität unbekannt ist. Desweiteren dürfen wir uns fragen: warum ist Mali derzeit eigentlich reich und zugleich arm? Die Bedingungen für diese Frage sind gegeben, die Antwort kann durch erotetische Weitschweifigkeiten geklärt werden, indem wir die Bedingungen ausloten, die zu dieser Konsequenz geführt haben, – beispielsweise ist es plausibel, dass Ressourcen und andere Kapitalien aus diesem strukturschwachen Land nach Frankreich verschifft wurden. Fragen führen zu direkten Antworten bzw. wahren Urteilen, sofern sie auf gültigen Voraussetzungen stehen, denn so ist sichergestellt, dass sie überhaupt entscheidbar sind. Bejahung einer Frage ist erst dann mit wahrem Urteil gleichbedeutend, wenn die Frage zu der Bejahung wahr ist. Eine wahre Frage plus Bejahung ergibt demnach ein wahres Urteil. Oder andersherum: Ein wahres Urteil sagt soviel wie die Bejahung einer stichhaltigen Frage. Die Erotetik muss Kriterien angeben, ab wann eine Erklärung das Fragebedürfnis stillt und diese somit als vollständig beantwortet gilt.

Eine falsche Frage, also eine Frage ohne gültige Voraussetzungen, bezeichnet daher nicht das Nebeneinander von wahr und falsch, sondern ist weder das eine noch das andere und kann daher niemals auf eine direkte Antwort führen. Es gibt hier nichts auszuwählen, nichts zu entscheiden, nichts Greifbares zu fassen, – es gibt hier keine einsehbaren Probleme. Als komplexe Entitäten besitzen Fragesätze eine Form, die eine freie Kombination ihrer Bausteine und damit die Konstruktion jener Scheinprobleme ermöglicht, die zu kategorischen Weitschweifigkeiten in der Forschung führen, und so werden Begehrlichkeiten geweckt, die unerfüllt bleiben müssen. Solcherlei Scheinfragen behaupten zwar, auf Wahrheit zu zielen, ohne dass sie es wirklich tun. Sie bestehen als kategorialer Fehler, d.h. sie entstehen, wenn die Anforderung nicht zur Menge der Alternativen passt bzw. wenn sich für x keine geeigneten Argumente finden lassen, beispielsweise wenn gefragt wird, welche natürliche Zahl sich zwischen 6 und 7 befindet, oder wenn man einen 50-Euro-Schein sinnvoll wechseln soll, man aber lediglich 20-Euro-Scheine zur Verfügung hat. Ebenso verhält es sich bei einer sich abwechselnden Reihe a, b, a, b, a…, sofern sie auf eine ungerade Ordinalzahl beschränkt wird: denn es lässt sich keine Lösung finden, bei der die gleiche Letter sowohl am Anfang als auch am Ende steht. Die Konstruktionsbedingungen solcher Fragen sind falsch. Hierbei verhält es sich wie bei einem Schachspiel: es ist besser zu erkennen, dass der Kampf aussichtslos geworden ist und aufzugeben, als sich noch verbissen in die Niederlage zu spielen. Die Form von Fragesätzen zeichnet sich durch ihre Offenheit aus, die in schier unendlicher Beliebigkeit zerfällt. Diese Offenheit erklärt, warum sich aus allem eine Philosophie machen lässt. Ihre freie und grundlose Benutzung ermöglicht es, Fragezeichen dort anzustreichen, wo es unangebracht ist, und wenn Philosophen ihren Zweifel überspitzen, zwingen sie sich durch ihre Kreuz- und Querfragen zur eigenen Unverständlichkeit, – Konstruktionslust ist Ursprung metaphysischer Fragestellungen. Bei der Beantwortung metaphysischer Fragen ergeben sich gelegentlich Schwierigkeiten, wenn sie nicht eindeutig auf empirische Daten zurückgreifen kann und bei der philosophischen Interpretation verbleibt, doch niemand kann darf nicht unterschlagen, dass Menschen metaphysische Fragen haben und dass sich diese nicht so einfach exstirpieren lassen, denn dazu müsste man sich des Sprachapparates entledigen. Da sie sich nicht abschließend durch Tatsachen klären lassen, ist der Raum für Spekulation eröffnet: hier greift das Denken auf seine ontologische Bestimmung zurück, um schließlich zu einer Antwort zu gelangen. Eine berüchtigte Frage der Scholastik will wissen, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können, – die Antwort hängt davon ab, welcher ontologische Standpunkt eingenommen wird. ob allgemeine Bezeichnungen durch einen Nominalismus für existierend erklärt werden oder ob jemand einen Realismus vertritt. Die einen werden meinen, dass alle Engel auf der Nadelspitze ihren Platz finden, wohingegen die anderen davon ausgehen, dass überhaupt kein Engel existiert, der sich auf einer Nadelspitze befinden könnteFN15. Die Frage lässt sich nicht abschließend beantworten, da ihre Voraussetzungen nicht gültig sind. Sie benötigt noch einen Zusatz, um entschieden zu werden. In vergleichbarer Weise fasst Rudolf Carnap falsche Fragen als Scheinfragen auf, die weder bejahbar noch verneinbar sind und daher überhaupt keinen Sinn haben (Scheinfragen in Metaphysik und Theologie, in: Scheinprobleme der Philosophie; S.50). Für Carnap setzt eine falsche Frage unzusammengehörige Worte zusammen, etwa wenn nach dem Wo gefragt wird, obwohl es sich bei dem Gegenstand der Frage nicht um einen dinglichen Gegenstand handelt, der sich räumlich verorten lässt (Scheinfragen in Metaphysik und Theologie, in: Scheinprobleme der Philosophie; S.52). Carnap zufolge soll im Streit, ob der Realismus und Idealismus gilt, nicht die Frage gestellt werden, welche der beiden Thesen recht hat sondern die tieferliegene Frage, ob die genannten Thesen überhaupt einen wissenschaftlichen Sinn haben, weil erst durch diesen Sinn könnte man hier zustimmen oder ablehnen bzw. die Frage nach der Gültigkeit einer These abschließend beantworten (Scheinprobleme der Philosophie; S.34f). Der Streit zwischen Realisten und Idealisten ist für Carnap sinnlos, weil zwischen beiden Positionen keine sachhaltigen und empirisch feststellbaren Unterschiede gibt. Sie beide kommen jedoch bei der Beantwortung einer empirischen Frage über die empirische Wirklichkeit zum selben Ergebnis, weil in solchen Fragen stets Einigkeit herrscht (Scheinprobleme der Philosophie; S.35). Karl Marx stellt sich ebenfalls die Frage nach der Frage und geht bei seiner Untersuchung von einem materiellen Ausgangspunkt aus: diese Frage ist bei ihm in die Vergesellschaftungsfrage eingefasst, die das ´ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse´ und insbesondere bei der Arbeit erörtert, denn dort ‚hat man es unmittelbar mit dem Menschen selbst zu tun‘ (vgl. MEW; Band 40,521f). In seiner scharfsinnigen Polemik stellt Marx klar, dass manche Fragen ein Produkt der Abstraktion wären und man in solchen Fällen nachfragen soll, ob die Frage nicht von einem verkehrten Standpunkt ausgeht: wer verbissen an seiner Abstraktion festhält, muss sich selbst als nichtseiend annehmen und kann von dort aus weder denken noch fragen, denn ohne diese verquerte Voraussetzung hat die ‚Abstraktion von dem Sein der Natur und des Menschen keinen Sinn‘ (vgl. MEW; Bd.40, S. 545 bis 547). Wer seinen abstrakten Standpunkt jedoch aufgibt, stellt sich die Frage auch nicht (ebd.). Über den seinerzeit virulenten Denkstil der Junghegelianer schreibt Marx, dass nicht nur in ihren Antworten, sondern schon in ihren Fragen eine Mystifikation lag (vgl. MEW; Band 3, 19). Ihm zufolge musste die spekulative Philosophie ‚alle Fragen aus der Form des gesunden Menschenverstandes in die Form der spekulativen Vernunft übersetzen und die wirkliche Frage in eine spekulative Frage verwandeln, um sie beantworten zu können (MEW; Band 2, 95). – Die Selbstbeschränkung der euklidischen Geometrie auf Lineal und Zirkel als Werkzeuge zur mechanischen Realisation einfacher Figuren, Gerade und Kreis, führt bei der Konstruktion komplexer geometrischer Figuren zu Problemen ganz eigener Art, bei denen eine Lösung ausgeschlossen sein kann – beispielsweise galt die Konstruktion eines regelmäßige Siebzehnecks mit euklidischen Werkzeugen lange Zeit als unmöglich, bis Carl Friedrich Gauß im Jahr 1796 schließlich der Nachweis gelang. Diese verzerrende Beschränkung kommt vor allem in Vexierfragen voll zur Geltung, als besondere Form fragelogischer Spitzfindigkeit, und findet sich schon im Hörnerparadox des Eubulides, der wissen will, ob eine Person xy seine Hörner verloren hätte, womit gemäß der Voraussetzung zugleich die Unterstellung fällt, dass diese Person jemals Hörner gehabt haben soll, ganz gleich, ob die Frage nun mit ja oder nein beantwortet wird, – dieses Paradox macht sich jenes Prinzip zunutze, demzufolge durch Setzung eines Fragesatzes die gewünschten Prämissen etabliert werden, sofern er nur auf unbehutsame Rezipienten trifft, die diese Frage ungeachtet ihrer verquerten Voraussetzungen auch beantworten. Jedoch ist dieser methodische Gebrauch von Fragesätzen in den Bereich der eristischen Dialektik einzuordnen, als Instrument zur intellektuellen Konfusion. Solche Fragen sind unbegründet, weil der Fragesatz seinerseits fragwürdige Voraussetzungen hat und notwendig auf falsche Ergebnisse zielt: denn der Mensch hat per se keine Hörner. Dieses Paradox ist eigentlich kein Paradox – hier bietet sich lediglich das alte exceptio doli an, die als Einrede der Arglist die Voraussetzungen überprüft. Es würde sich ganz ähnlich verhalten, wie es Diogenes Laertius über das Gespräch zwischen Alexinos und dem Kyniker Menedemos berichtet: denn auf  die Frage des Alexinos, ob er jemals aufgehört hätte, seinen Vater zu schlagen, antwortete Menedemos dass er ihn weder geschlagen hätte noch jemals damit aufgehört habe, und die typisch megarische Aufforderung, diese Frage unzweideutig mit Ja oder Nein zu beantworten, kommentierte Menedemos dergestalt, dass es doch lächerlich wäre, solchen Gesetzen zu folgen, wenn es doch möglich ist, bereits zu Beginn Widerstand zu leisten (vgl. Erster Band; Zweites Buch, 17. Kapitel). In der Tat könnte man hier Augenmaß anlegen und seine Pfeile verschießen, – allerdings nur solange, bis keine mehr im Köcher sind, da das Problem nicht besteht, das sie treffen sollen. Die Frage muss konsequenterweise verneint und abgelehnt werden, weil sie in keinem denkbaren Fall eine brauchbare Aussage zur Folge hätte – wer trotz eines solchen Nachweises nach einem direkten Ergebnis sucht, hat dann kein logisches Problem mehr, sondern ein psychisches.

Fragen üben eine Begründungsfunktion aus, ganz gleich, wie sie entschieden werden, denn sie unterstellen bei ihrer Äußerung zugleich das Urteil, dass ihren Voraussetzungen ein Sein zukommt. In einer Frage steckt eben diese Behauptung. Diese suggestive Weise zeigt sich beispielsweise in Platons Politeia, wo Platon die Frage stellt: Wer soll herrschen? Gemäß der Frage muss es jemanden geben, der herrschen soll – das ist die unausgesprochene Existenzaussage, die der Frage implizit ist und stillschweigend vorausgesetzt wird. Für Platon als Aristokrat bedeutet dies zugleich ein Herrschaftsanspruch. Menschen, die sich an die Aristokratie gewöhnt, wie beispielsweise Fürsten, Könige oder überzeugte Untertanen, entwickeln nur selten die Fähigkeit, über ihre Gewohnheiten hinauszublicken. Selbst wenn die Frage beantwortet werden würde, so ließe sich zwar Protest und Kritik an dieser Antwort üben – die Frage aber bliebe bestehen, und mit ihm der Paternalismus. Doch was ist, wenn wir dieser vorausgesetzten Behauptung den Nährboden wieder entziehen, auf dem sie gewachsen ist? Wenn wir zum Beispiel behaupten, dass es keinen Herrscher geben soll und ein abwinkendes weder-noch liefern. Braucht es einen Herrscher überhaupt? Alternativ beschrieben ist sowohl bei A und ¬A jeweils ein A vorhanden, nur wird die Bedeutung bei ¬A durch die Negation ergänzt. Bei der Annullation von etwas wird dieses etwas zugleich vorausgesetzt, so hält sich die Existenzbehauptung trotz der wechselnden Vorzeichen, die Grundaussage bleibt bestehen. So werden Gedanken zum Thema gemacht. Wenn angenommen werden kann, dass jede Äußerung einen gewissen Umfang hat, dann muss man zugleich annehmen, dass z.B. durch die Setzung eines Satzfragmentes wie ‚die Vorstellung eines Nichts‘ zugleich der Umfang mitgedacht wird und das ominöse ‚Nichts‘ zur Existenz kommt. In vergleichbarer Weise verlangt die dialektische Frage nach der Existenz eines Gottes, von Göttern oder Göttinnen die Setzung, dass entweder die Behauptung oder sein Gegenteil wahr ist. Dieser Auswahlumfang ist der Entscheidungsfrage implizit und lässt die Urteile ‚Gott existiert‘ bzw. ‚Gott existiert nicht‘ zu – aber ganz gleich, für welches Urteil sich die Antwortende jetzt entscheiden: die Voraussetzung bleibt bestehen: Gott muss irgendwie existieren. Denn beide, Behauptung und Gegenteil, haben dieselbe Voraussetzung; sie bleiben bei der modalen Abwandlung von Sätzen erhalten. Sofern der Atheist versucht ist, die Frage zu verneinen, behält er in jedem Fall das nachsehen: selbst durch eine negative Existenzbehauptung kann ein klarer Gedanke ausgedrückt werden. Mit dem Atheismus ist zugleich das Urteil über die Existenz Gottes bereits gefälltFN17. Der Atheismus als Einstellung begründet sich – schon dem Namen nach – durch Gott, er wird ihn nicht los, und so verstrickt er sich durch das Negieren in Widersprüche. Selbst im Akt seines Zweifels bleibt einem denkenden Wesen jener Gegenstand erhalten; er muss ihm gegenüber aufgeschlossen sein, wenn er wahrhaftig bleiben will. Das Holzkreuz als Frageverbotszeichen. Was wie ein Gottesbeweis klingt, ist nichts anderes als ein Missverständnis. Mit der Substantivierung haben wir den Begriff ontisiert und seinen Gehalt zur Substanz gemacht; der Begriff lässt uns glauben, er existiere da draußen, irgendwo. So geht es vielen Worten, mit denen Zustände verdinglicht werden, um sie als Sachen zu verstehen. Damit wird ein Abstraktum als Faktum gesetzt. Nur eine Logik kann zu Gott führen, – er besteht als rationales Konzept, als absolute Metapher, umfassende Vollkommenheit, über die hinaus nichts gedacht werden kann, und dessen Wille schließlich alles legitimiert, auch wenn diese Bezeichnung schon durch seine abstrakte Entstehung widersprüchliche Auffassungen umfasst.

Wenn eine Frage in widersprüchliche Meinungen führt und beide Parteien berechtigte Gründe für ihre Behauptung vorbringen können, haben wir die begründete Aufforderung, die Frage selbst auf grundlose Voraussetzungen zu prüfen. Diese pragmatische Vorgehensweise wird unter anderem von Kant beschrieben, der seine transzendentale Dialektik mit einer Exposition der Entscheidungsfrage beginnt, derzufolge es klug sei, hier eine Punktprobe vorzunehmen und insofern nur Nonsens dabei herauskommt, die Frage selbst kritisch zu untersuchen, ob sie auf einer grundlosen Voraussetzung beruht (vgl. Kritik der reinen Vernunft; A485f/B513f). Gegenfragen sind selten obszön, wenn sie sich zum besseren Verständnis der Frage beiträgt. Sie sind nur indirekte Antworten, um die Methode weiterzutreiben, und sind daher keine Enthaltung der Sachfrage, sondern verweist ausdrücklich auf diese Sachfrage. Das kann unter Pragmatik von Fragen fallen. Wir können uns ungereimte Fragen nach Gott, Freiheit oder Unsterblichkeit zwar vorlegen, aber nicht befriedigend beantworten, sofern wir sie nicht an entsprechende Bedingungen knüpfen. Wir können den Gehalt von Ideen wie Gott, Seele, Welt nicht als transzendente Entitäten und unnahbare Wesen verstehen, sondern müssen sie verändern und ersetzen – es sind nüchtern gesehen schwarze Lettern oder willkürlich zusammengeballte Laute von logisch konstruierten Gedankengebilden, denen alle Arten von Bedeutungen nachgesagt werden können, weshalb auch eine Behauptung sowie sein Gegenteil wahr sein kann. Selbst wenn wir Gott als eine hypothetische Existenz setzen, so könnten wir sein Wie nicht erfassen, denn dieses zeigt sich erst in den Phänomenen. Hier ist eine Reduktion auf Sachlichkeit nötig, um Voraussetzung einer Frage auf eine berechenbare Ebene herunterzubrechen. Wir müssen wir müssen solche Begriffe wieder zwischen Anführungsstriche setzen und als Worte sehen, um sie auf ihre Bedeutung überprüfen, – sprachlich ausgedrückte Bezeichnungen sind wie Objekte zu behandeln, die sich mit herkömmlichen Mitteln behandeln lassen. Nicht jede scheinbare contradictio ist zugleich eine quaestio, denn Alternativen wie omnis homo est corpus – non omnis homo est corpus stellen kein Problem dar, da beide Hälften nichts für sich ins Feld führen. Mit diesem reduzierenden Verfahren tritt eine Problemverschiebung in Kraft, da wir die Gottesfrage in ihrem gemeinten Sinn nicht mehr nachvollziehen können. So lässt einen die Philosophie täglich dümmer werden, weil man durch sie manche Fragen nicht mehr versteht, weil sie keinen Unterschied mehr zwischen Ruhm und Ruhmlosigkeit sehen lässt und folglich auch keine dialektische Vermittlung dazwischen, die sich beständig im Kreis dreht. Der Wahrheit kann man nur schwer widersprechen, ohne sich irgendwie dumm vorzukommen, denn man kann zwar nachfragen, ob es sich tatsächlich so verhält, das ändert aber nichts, wenn das zugrundeliegende Problem bereits gelöst ist.

 

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Zum Verrechnen von Fragesätzen – Grundlagen der erotetischen Logik

Die Erotetik versteht sich als Methode, die einer naturbelassenen Metaphysik zugrunde liegt. Ihre Metaphysik spannt einen logischen und damit zugleich geometrischen Raum auf, der zwar vieldeutig verstanden werden kann, allerdings die Summe sämtlicher Ereignisse und Erfahrungen hervorragend wiedergibt: sie befasst sich mit dem bestehen von Widersprüchen und deren Auflösung bei gleichzeitiger Erzeugung von neuen Widersprüchen, die das Rad der Bewegung beständig weiterdrehen lassen. Im Grunde genommen ist es ein Dauerzustand, dass uns über kurz oder lang irgendwelche Kenntnisse fehlen, weil sich unser Dasein naturgemäß mit Problemen konfrontiert sieht, – das Leben ist eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Vor allem für beweisende Wissenschaften wird es stets Probleme geben, die nicht bejaht oder verneint sind. Die Menge wissenschaftlicher Probleme geht gegen unendlich. Um diesen Gedankengang in die malerischen Flussufer des Styx zu tauchen, wird der Beweis für die Wahrheit von Fragen durch die Einsicht geführt, dass jeder Gegenstand sich selbst gleich ist, also durch folgende Funktion: x = x. Diese Gleichung verrät viel und sagt dabei doch wenig, denn ganz gleich, welches Argument für x eingesetzt wird: der Wert dieser Funktion ist immer wahr. Frege stellt so Allgemeinheit dar (Funktion und Begriff, in: Funktion, Begriff, Bedeutung; S.16). In dieser Funktion wird ein Argument durch das x lediglich angedeutet. Diese Gleichung ist daher nicht nur problematisch, sondern die Grundlage jeder Freiheit. Der Begriff der Freiheit ist eng mit dem des Problems verwandt, sie entstehen auseinander: wo Freiheiten sind, dort sind Probleme und vice versa, da ohne Alternativen kein frei entscheidendes Individuum denkbar wäre. Erst auf dieser Grundlage werden Entscheidungen sinnvoll. Es verhält sich damit ganz ähnlich, wie Nietzsche in seiner Fröhlichen Wissenschaft über den modernen Menschen sagt: dass dieser in seiner Behutsamkeit gegenüber Idealismen eine geradezu epikureische Erkenntnislust ausbilde, der den Fragezeichencharakter der Dinge nicht so leicht übergeht (vgl. Die Fröhliche Wissenschaft; 375). Der Fragezeichencharakter der Dinge und mit ihr das fortwährende, unbändigbare Chaos gilt hier als metaphysisch Letztes. Man könnte dieser Metaphysik lediglich den Vorwurf fehlender Planungssicherheit stellen, – allerdings ist wenigstens eine eine Sache klar: unsere Zuflucht ist pro forma die Unwissenheit, das asylum ignorantiae. Und an dieser Einsicht der generellen Unkenntnis setzt ihre Ontologie an.

Die erotetische Metaphysik befasst sich – wie jede andere Metaphysik auch – mit der logischen Struktur ihrer Sätze. Diese Struktur gilt ihr als Substanz, womit sie einen geometrischen Raum erzeugt, der von einer tatsächlichen Problemstruktur ausgeht und die Syntax von Fragesätzen erklärt. Die Erotetik verwendet eine logische Objektsprache, mit der in formaler Weise über Probleme und Lösungen gesprochen wird und die sich in Frage- und Antwortsätzen äußern. Dies ist ihr propositionaler Gehalt. Auf Grundlage dieser Existenz ist die Wahrheit von Fragesätzen möglich, die in ihrer Bedeutung vorerst mehrdeutig erscheinen, es aber auf den zweiten Blick nicht mehr sind, weil sie sich in Erkenntnis aufgelöst haben. Ein Fragesatz besitzt eine entsprechende Bedeutung und bezieht sich in seiner jeweiligen Form auf konkrete Vorgänge in der Welt. Sein Wahrheitskriterium besteht in einer Menge von konträr liegenden Alternativen und der Forderung, von diesen Alternativen diejenige Teilmenge auszuwählen, die als Tatsache gekennzeichnet werden kann, indem sie innere Widersprüche durch einen logischen Zusatz durchsichtig macht. Fragesätze müssen semantisch mit anderen Fragesätzen in Verbindung stehen, sonst könnten sie nicht in Beziehung zueinander gebracht werden. Auf dieser semantischen Ebene können zwei verschiedene Fragen aus jeweils anderen Richtungen mit dem gleichen Gegenstand befassen, womit sich die Vagheit qualitativ sowie streckenweise quantitativ überlagert. Wird die eine Frage entschieden, so entscheidet sich damit zugleich die andere Frage. Insofern sind sie auch der Verrechenbarkeit unterstellt. Durch ihren Wahrheitswert können Fragesätze semantische Beziehungen zu anderen Fragen eingehen, um von der Wahrheit der einen Frage auf die Wahrheit der anderen zu schließen. So lassen sich Fragesätze verrechnen, um mehrere Probleme auf einmal zu lösen. Fragen zu verrechnen heißt zugleich, das Denken zu verrechnen. Die erotetische Logik bildet die Grundlage für den gezielt methodischen Gebrauch von Fragesätzen.

Trotz der unüberschaubaren Vielfalt von Fragesätzen gibt es ebenso unübersehbare Gemeinsamkeiten, die sich beschreiben lassen. Insofern sich verschiedene Fragesätze bedeutungsmäßig auf einen gemeinsamen Gegenstand beziehen, ist auf semantischer Grundlage eine Verrechenbarkeit möglich. Schon allein hier ergibt sich die Nützlichkeit einer geeigneten Notation, – sie ist gleichsam eine Notation des Denkens und das theoretische Herzstück der Erotetik. Eine Typologisierung zeigt allgemeine Merkmale, die sich erst durch die Reduktion dieser vielfältigen Fragesätze auf die eigentliche Sache, d.h. auf ihre propositionale Struktur. Sämtliche Fragesätze haben dieselbe Grundform: eine Frage der allgemeinen Form φ(x)? und konkrete Fragen der Form φ(a)?, φ(b)? oder φ(c)? stehen hierbei unter äquivalenten Bedingungen, sie teilen einen bestimmten Stil der Entscheidung. In der jüngeren Zeit gab es zwar Versuche, allgemeine erotetische Formen als ´Interrogative´ zu bezeichnen, aber wir belassen es bei Grundsatzfragen. Die Beantwortung einer einzelnen Grundsatzfrage ist demnach in der Lage, weitere Fragen, die semantisch irgendwie mit ihr zusammenhängen, zu entscheiden, – und es ist schon ein großes Zeichen von Intelligenz, mehrere Fragen mit nur einer Antwort zu lösen. Innerhalb der Komplexitätstheorie werden stets allgemeine Fälle eines Problems betrachtet, um von einer theoretischen Entscheidung des allgemeinen Problems alle weiteren Probleme dergleichen Menge ebenfalls zu lösen. Auch Kant zufolge ist schon viel gewonnen, wenn eine Menge von Untersuchungen unter die Formel einer einzigen Aufgabe gebracht werden kann, und formuliert daher die eigentliche Aufgabe der reinen Vernunft in der Frage, wie synthetische Urteile a priori möglich sind, weil mit der korrekten Antwort auf diese Frage weitere Fragen entschieden werden, wie reine Mathematik möglich ist, wie reine Naturwissenschaft möglich ist und schließlich wie Metaphysik als Wissenschaft möglich ist (vgl. Kritik der reinen Vernunft; B19ff). – Innerhalb der erotetischen Metaphysik klären sich durch die Beantwortung logischer und physikalischer Fragen zugleich Fragen der Chemie, der Psychologie oder sogar in Fragen der Zusammensetzung einer Gesellschaft und der Ökonomie – die Ergebnisse der einen Wissenschaft reichen in den Aufgabenbereich einer anderen hinein, weil die gleiche Tatsache nur unter verschiedenen Gesichtspunkten beschreiben. Auf dieser Grundlage ist es möglich, dass Probleme, die in einem Bereich nicht lösbar scheinen, auf formalem Weg in ein äquivalentes Problem zu übersetzen, um es gegebenenfalls indirekt zu lösen. So ist es weniger Verunstaltung, sondern vielmehr ergänzende Bereicherung, wenn man die Grenzen der Wissenschaften ineinanderlaufen lässt, weil ihre Fragen im Grunde nur versuchen, die gemeinsame Substanz aufzuklären. Für die Verrechenbarkeit verschiedener Fragesätze ist lediglich ein Algorithmus nötig, der mit Variablen spielen kann und anzeigt, wann mit der Entscheidung eines Problems zugleich andere Probleme gelöst sind.

Das Kalkül ist ein System von Regeln, mit denen sich aus bestehenden Aussagen weitere Aussagen erzeugen lassen. Das Fragekalkül klärt indirekt weitere Fragen und gewinnt so mehrere Antworten gleichzeitig. Diese überaus elegante Form der Problemlösung wird bereits vielfach in der Wissenschaft und insbesondere in der Mathematik angewendet. Sie entspricht einer Hebelwirkung zur Beseitigung von logisch ausformulierten Problemen. Dies entspricht ziemlich genau jenem Verständnis von methodischer Herangehensweise, die Hilbert in seinen Untersuchungen zu mathematischen Problemen skizziert, indem er sagt, dass sich eine Lösung als schwierig herausstellt, wenn wir noch nicht den Gesichtspunkt erkannt häben, von dem aus das vorgelegte Problem nur als einzelnes Glied einer Kette verwandter Probleme erscheint, und wenn wir nun das vorgelegte Problem verallgemeinern, hieraus eine Methode erhalten, die auf verwandte Probleme angewendet werden kann (vgl. Mathematische Probleme, von David Hilbert; in: Die Hilbertschen Probleme; S.31f). So gelingt auch jener Mechanismus, den Hilbert als ´Spezialisieren´ bezeichnet und mit denen er das Auffinden leichterer Probleme meint, deren Lösung mit mit verallgemeinerungsfähigen Begriffen bewerkstelligt werden soll (Die Hilbertschen Probleme; S.32). Ein Ingenieur setzt mit einem einzigen Zahnrad weitere Zahnräder in Bewegung, um auf diesem Weg viele verschiedene Probleme gleichzeitig zu lösen.

Ein einzelner Algorithmus kann mehrere Probleme auf einmal lösen, sofern sie sich ganz oder teilweise überlagern, – fällt eine Entscheidung auf der einen Seite, fällt sie automatisch auch auf der anderen. Einem Diktum Spinozas zufolge bestimmt sich jede Figur aus seiner Abgrenzung zum restlichen Teil der gesamten Materie, es gilt: determinatio negatio est, Bestimmung ist Verneinung (vgl. Briefwechsel; 50. Brief). Das heißt, wenn p wahr ist, dann ist ¬p automatisch falsch. Sofern durch Bestimmung automatisch eine Negation folgt, kann durch Verschränkung einer einzigen Bestimmung mehrere Probleme gleichzeitig durch nur einen Algorithmus gelöst werden. Vorausgesetzt wird lediglich, dass durch Klärung einer Frage φ(x)? festgestellt wird, dass p tatsächlich wahr ist, womit sich zugleich eine andere Frage klärt, die darauf hinaus will, dass ¬p wahr ist (und die in diesem Fall notwendig negativ entschieden werden muss). Wenn die Beantwortung einer Frage weitere Fragen klärt, so ist eine wechselseitige Verrechnung von Fragesätzen möglich. Dieses Prinzip kommt bei apagogischen Beweisverfahren zur Geltung, bei denen ein Urteil widerlegt wird, indem man zeigt, dass das Gegenteil des Urteils wahr ist: diese sogenannte reductio ad absurdum folgt einer umgekehrten Problemstellung, bei der ein negativer Beweis zeigen sll, dass kein allgemeines Verfahren angegeben werden kann, durch den man die Lösung erreicht – es gibt also keinen Algorithmus, der dieses Problem entscheiden kann. Die reductio ad absurdum ist in der Mathemathik gebräuchlich; so wurde das berühmte Problem der Quadratur des Kreises ‚gelöst‘, indem Ferdinand von Lindemann nachgewiesen hat, dass es unlösbar ist, weil π eine transzendente Zahl ist. Das Problem war ungereimt und ist von queren Voraussetzungen ausgegangen, allerdings nur solange die Lösung unbekannt war. – Bei Quantenrechnern ist weniger dunkle Magie im Spiel, als vielmehr kühle Berechnung: im Quantenraum befinden sich Mikroteilchen an mehreren Orten gleichzeitig, in einer kontingenten Welt, – wenn Moleküle auf ihre Weise bestimmte Probleme lösen, dann löst ein superponierendes Molekül zwei Probleme gleichzeitig. Ein weiteres Beispiel aus Politik: Waffenlieferungen an befreundete Staaten stabilisieren die dortige Region nicht nur im eigenen Sinne, sondern erhöht zugleich die Handelsbilanz. Da Algorithmen mehrere Probleme auf einmal entscheiden können, sofern unter vergleichbare Bedingungen gestellt sind und den gleichen Gegenstand beschreiben, können mächtige Entscheidungsfragen sogar weitschweifige, überabzählbare Ergänzungsfragen klären.

Produktiv wird das Denken, wenn es auf dem Wege der Logik bislang ungeahnte Ergebnisse fördert. Ein logischer Schluss ist gerade dann informativ und aussagekräftig, weil er sicheres Wissen vermittelt über etwas, das eigentlich nicht bekannt ist. Sofern eine Frage ein wirkliches Problem ausdrückt, richtet sie sich auf unbekannte Begebenheiten. Der analytische Schluss ist dann ergänzungsbedürftig und benötigt synthetische Schlüsse, die nötige Informationen hinzufügen. Sie erschließt sich durch synthetische Gleichheit jenes fehlende Teilstück, mit dem eine korrekte Analyse möglich wird. Durch die Ergänzung wird der Mangel behoben und der Makel aufgehoben. Wir erhalten eine neue Bedeutung. Dies ist der erweiternde Akt der Erkenntnis.

Die Logik zeigt, was denkbar und möglich ist. Sie lässt uns wilde Skizzen zeichnen, die der Natur ähnlich sind, weil mit ihren Gesetzen spielen und uns eine analoge Welt vorstellen. Sie ist die Grundlage für Mythos und Literatur, aber auch für die exakte Wissenschaft, für die Ingenieurskunst oder Ökonomie. In der Renaissancezeit gelang Brunelleschi durch Imitation der alten römischen Baumeister etwas, das seinerzeit niemand für möglich gehalten hatte: und zwar die wuchtige Kuppel des florentiner Doms zu vollenden, um mit einem Schlag das Mittelalter und seine Gesetze zu überwinden. Nur wenig später folgte Leonardo da Vinci, dessen schöpferische Leistungen vielmehr auf Beobachtung und Nachahmung der Natur beruhen, die er auf seine technologischen Konzepte überträgt, um funktionierende Maschinen zu skizzieren. Nicht weniger legendär und nicht weniger beeindruckend sind die Versuche von Nicola Tesla, elektrischen Strom auf dem Luftweg zu transportieren, wohl aus der einfachen Übertragungsleistung, dass Blitze ebenfalls durch die Luft gehen. Ebenso naheliegend ist, dass sämtliche Formen physikalischer Strahlung irgendwelche Vorgänge im Gehirn auslöseen und dabei sogar geringfügige Merkmale wie Topspin oder Downspin eine tragende Rolle spielen, dass diese Schwankungen den Börsenkurs beeinträchtigen können. Kant behauptet, dass das Genie dem Nachahmungsgeist gänzlich entgegengesetzt sei, jedoch besitzt das Genie eine ausgeprägte Fähigkeit zur Nachahmung. Der synthetische Schluss ist die einzige Möglichkeit, sichere Schlüsse auf unbekannte Sachverhalte zu bringen, da sie sich formallogischer Äquivalenzen bedient: es ist bekannt dass 1 + 1 = 2 ergibt, ohne dass die 2 im Term 1 + 1 erkennbar ist, und in vergleichbarer Weise lassen sich sogar juristische Streitfragen oder politische Intrigen erklären, solang unter den formallogischen Bedingungen nur eine einzige logische Alternative stehen bleibt.

Antisthenes behauptet, dass A = A zwar wahr, aber uninformativ ist, wohingegen A = B zwar falsch, aber informativ ist. Analytisch wahre Behauptungen, etwa ‚Ein Viereck ist viereckig‘ sind apriorisch und stets wahr, da Vierecke immer und überall mit vier Ecken angetroffen werden – nur sagen solche Äußerungen offensichtlich nichts informelles, während hingegen analytisch falsche Behauptungen wie ‚Ein Viereck ist rund‘ zumindest frappierend sind, weil man sie nirgendwo antreffen kann, ja sogar nur schwer denkbar sind und die durch die Aneinanderkettung der Zeichen – wenn überhaupt – sprachlich formuliert werden können. Analytisch wahre Behauptungen sind tautologisch und sagen nicht viel aus: sie fügen dem Subjekt nichts hinzu und lassen nichts weg. Für eine Erkenntniserweiterung ist sie in dem Sinne aber untauglich. – In der Wissenschaft geht es aber um das Suchen und Finden von Befunden, sie ist kein hermetisch abgeriegeltes Ganzes. Sie kann nicht davon ausgehen, dass sie bereits alles Wissenswerte wüsste und sich nur auf die bestehende Ordnung beschränken muss. Sofern die Wissenschaft auf umfassende Erkenntnis aus ist, dann ist das rein analytische Verfahren ergänzungsbedürftig. Sollten die gegebenen Umstände ungereimt sein, dann müssten sie durch eine hypothetische Variable ergänzt werden, die sie wenigstens prinzipiell wahr oder falsch werden lassen. Wenn wir A = B wahrnehmen bzw. einen Gegenstand so deklarieren, so muss man herausfinden, welche Bedingungen noch fehlen, damit A zu B wird. Wenn B versteckterweise in A als Element enthalten ist, bedarf es lediglich einer Erläuterung, andernfalls ringt es um eine erweiternde Erklärung. So gibt es zwar denkbare Widersprüche, doch sind diese analytisch falsch und damit nicht möglich, – wir werden unter den gegebenen Bedingungen auf jener zweidimensionalen Ebene der gewöhnlichen Planimetrie wohl kaum auf ein rundes Viereck treffen, eine Lösung ist kategorisch ausgeschlossen. Jedoch lassen sich die Rahmenbedingungen verändern: Im Extremfall gibt es vielleicht in anderen Raumstrukturen runde Vierecke, etwa einem vom Mittelpunkt ausgehend konvex gekrümmten Raum, denn in einem nichteuklidischen Raum ist eine Gerade nicht zwingend gerade. Durch den Wechsel der zugrunde gelegten Raumstruktur wird die Gleichung A ist A erst dann durch einen operativen Eingriff wahr, wenn sie zu der Aussage A ist B modifiziert wird, die dann ebenfalls wahr ist, solange die identitätsstiftende Gleichung den Wechsel der Raumstruktur mit berücksichtigt. Dieses Verfahren bliebe von der Interpretation der Wahrheit ab, die eine Gleichung erst wahr macht. In manchen nichteuklidischen Räumen ist die Eigenschaft, viereckig zu sein, versteckterweise in den Bedingungen des Kreises implizit, und man hat lediglich nach diesen Bedingungen zu forschen. In einem solchen Raum führt auch die berühmte Winkelsumme des Dreiecks zu jenem absurdum, dass es gleichseitige Dreiecke mit ungleichen Winkeln gibt. Nach allgemeinem Dafürhalten ist die Gleichung 2 + 2 = 5 eine kontradiktorische Aussage und daher weder notwendig, noch möglich. Doch auch hier ist es Standpunktsache, die Wahrheit einer solchen Gleichung anzuerkennen, – man wird lediglich mit den logischen Konsequenzen leben müssen, denn mit einer solchen Bestimmung von Wahrheit machen die klassischen Begriffe von Tautologie und Kontradiktion keinen herkömmlichen Sinn mehr, da sie ineinander übergehen. – In der Kartographie wird die dreidimensionale Kugelgestalt der Erde auf eine zweidimensionale Ebene projiziert, obwohl aus mathematischen Gründen unmöglich ist, eine Karte zu zeichnen, die gleichzeitig flächen-, längen-, winkel- und lagegetreu ist, weil sich diese Eigenschaften einander ausschließen. Wird die zweidimensionale Fläche jedoch wieder zurück in die Kugelform gebracht, müssten sich die Widersprüche wieder auflösen, bis sie sich zu einem komplexen Punkt verdichten. Dieser komplexe Punkt zeigt nur durch die Veränderung der Raumstruktur seinen inneren Widerspruch. Innerhalb einer Ganzheit besteht die Tautologie einer konträren Bedeutung, die zum konstruktiven Prinzip wird, weil sie Möglichkeiten eröffnet.

Es wird sich zeigen, dass diese logischen Regeln unweigerliche Konsequenzen auf praktisches und sogar moralisches Handeln haben. Wenn Lösungen in  einem System schwer zu finden sind, dann muss das System verändert werden, – wenn Gerechtigkeit nicht einmal erreicht wird, muss das politische System geändert werden. Die Frage nach der Entdeckung von Handlungsalternativen gilt damit als beantwortet.

 

Die Konversion von Fragesätzen zum Zweck der effektiven Beantwortung vieler Fragen

Die Konversion von Fragesätzen ist ein heuristischer Weg, schwierige Fragen auf indirektem Weg zu beantworten. Dieses Verfahren ist dann nötig, wenn die gegebenen Informationen nicht ausreichen, um das Ziel zu erreichen. Durch die Konversionslogik wird eine Frage entschieden, indem eine andere Frage beantwortet wird:

F1: Wo befindet sich das Kollosseum?
F2: Befindet sich das Kollosseum in Rom?

Bei der Frage F1 handelt es sich um eine weitschweifige, überabzählbare Ergänzungsfrage, bei der es schwer ist, auf eine eindeutige Lösung zu kommen, da sie zusätzliches Wissen benötigt, um eine begrenzte Auswahl vorzulegen und schließlich entschieden zu werden. In diesem Fall drückt ein Fragesatz ein wirkliches Problem aus und fordert eine vollständige Antwort zum Zeichen des Erkenntnisgewinns. Die Frage F2 hingegen formuliert eine Entscheidungsfrage, die ausreichend Informationen vorlegt und lediglich noch ein Zeichen der Bejahung oder Verneinung benötigt, um ihre Wahrheit preiszugeben. Ungeachtet dessen, dass eine Ergänzungsfrage wie F1 und eine Entscheidungsfrage wie F2 verschiedene Mächtigkeiten hinsichtlich der Menge ihrer Antworten haben, kann ein einzelner Algorithmus beide Fragen entscheiden, sofern sie unter vergleichbare Bedingungen gestellt sind und den gleichen Gegenstand beschreiben, da sie auf dieser Grundlage mit der gleichen Antwort zufrieden sind. Beide Fragen sind existentiell voneinander abhängig: wird eine Frage entschieden, dann entscheidet sich zugleich die andere, – die Bedingung der Wahrheit des einen hängt unmittelbar mit den Bedingung der Wahrheit des anderen zusammen. Insofern sind beide Fragen konvertierbar. Der Schlüssel zur Verbindung beider Seiten liegt in der Semantik: verschiedene Fragen können gemeinsame direkte Antworten haben, sofern sie semantisch in Verbindung zu bringen sind. Wenn dies zutrifft, kann eine vergleichbare Frage verwendet werden, die auf die gleiche Antwort zielt, aber das Problem einfacher formuliert. Unter diesen Vorzeichen kann die Beantwortung einer einfachen Entscheidungsfrage sogar eine weitschweifige Ergänzungsfrage klären. Der platonische Sokrates verwendet im Menon die Hypothesismethode, die von einer bestimmten Voraussetzung her argumentiert: so möchte der Menon wissen, ob Tugend lehrbar ist, allerdings hält Sokrates diese Frage nicht für entscheidbar, wenn nicht zuvor geklärt ist, ob die Tugend überhaupt Wissen darstellt, denn erst wenn Tugend Wissen ist, ist sie lehrbar.

Eine Ergänzungsfrage mit ihren überabzählbaren Antworten kann in eine Entscheidungsfrage konvertiert werden, sofern beide auf die gleichen direkten Antworten abzielen, – in diesem Fall sind beide Fragen trotz ihres äußerlichen, bloß formalen Unterschiede gleichgeltend. Jede Ergänzungsfrage drückt nur Qualität aus benötigt noch zusätzliche Bestimmungen, um eine Entscheidungsfrage auszudrücken, – diese Bestimmungen können indirekt aufgefunden werden, sofern mit der Entscheidungsfrage zugleich eine entsprechende Ergänzungsfrage beantwortet wird. Das Prinzip der Tautologie lässt sich auf unbekannte Einsichten anwenden, wenn die eigentliche Tatsache noch unklar ist und damit auch die Frage ungesättigt, – sie zwingt geradezu zu einer logisch notwendigen Ergänzung, die sich harmonisch in das Gesamtbild einfügt. In diesem Fall drückt ein Fragesatz ein wirkliches Problem aus und fordert eine vollständige Antwort zum Zeichen des Erkenntnisgewinns. Eine solche Untersuchung schließt von vorhandenem Wissen auf unbekannte Begebenheiten, um dort einen Ankerpunkt für gültige Entscheidungen zu finden – so soll auf synthetischem Weg das noch fehlende Teilstück erfragt werden, dessen Wahrheit sich schließlich aus der analytischen Gleichheit zu dem gesetzten Ziel zeigt. Beispielsweise gewinnt die Astrophysik ihre Einsichten oftmals indirekt: so gilt heute als gesichert, dass es sich bei Sagittarius A* im Zentrum der Milchstraße um ein Schwarzes Loch handelt, obwohl diese Entität bislang nicht unmittelbar erkannt worden ist, – dennoch deuten sämtliche Indizien unter Einbeziehung aller relevanter Faktoren darauf hin. Sofern sie von ausreichenden Voraussetzungen ausgeht, sind diese Einsichten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wahr. Es handelt sich hierbei um einen gelungenen synthetischen Schluss, vergleichbar mit der einfachen Gleichung 1 + 1 = 2.

Das Prinzip der Konversion baut auf logischen Äquivalenzen auf und löst auf diesem Weg bestimmte Probleme indirekt. Auf dem Weg der Konversion lassen sich Fragen ohne rhetorische Weitschweifigkeiten beantworten: wenn jemand ergänzend fragt, ob Zustand x bei allem zutreffe, könnte man es bei einer Aufzählung der gesamten Menge belassen – oder aber ein Gegenbeispiel liefern: denn ein einzelnes reductio ad absurdum genügt zur Vernichtung einer umfassenden Theorie: zieht man beispielsweise für die Behauptung, dass sich keine Zahl durch die Null teilen lässt, den induktiven Beweisgang zu Rate, so lässt sich feststellen, dass sich tatsächlich keine Zahl durch Null teilen lässt, da sich ständig Widersprüche auftun, außer bei der Null selbst, da 0 / 0 = x eine wahre Aussage ergibt. Logisch gesehen macht es nur einen kaum merklichen Unterschied, ob man eine direkte oder eine indirekte Frage beantwortet, da beide letztlich von der gleichen Wahrheitsbedingung abhängig sind, anhand der sich eine Antwort entscheidet, weswegen beide bei entsprechender Bejahung bzw. Verneinung den gleichen Sachverhalt formulieren – in der Praxis macht es jedoch durchaus einen Unterschied, da der indirekte Beweis gelegentlich leichter fällt, Zeit einspart und Rückschlüsse auf den negativen Beweis zulässt, abgesehen von seinen wilden psychischen Suggestionen, die eine negative Frage implizieren kann. Das Prinzip der Konversion lässt sich ebensogut auch auf prädikatenlogische Verfahren anwenden: eine umfassende Ergänzungsfrage, ob alle Schwäne weiß sind, lässt sich in eine Entscheidungsfrage konvertieren, ob es wenigstens einen Schwan gibt, der schwarz ist, um die Ergänzungsfrage indirekt zu beantworten. Die Konversion von Fragesätzen ermöglicht die Überprüfung allgemeiner Sätze, die sich durch Interpolation ergeben.

Die Interpolation ist der Schluss von gegebenen Informationen auf ein allgemeines Gesetz. Dieser Schluss bezeichnet die Festlegung auf die Menge derjenigen Funktionen, aus denen sich die vorhandenen Funktionswerte erschließen lassen. Hierbei misst sich die Entscheidung nicht an irgendwelchen x-beliebigen Gründen, sondern schließt auf eine möglichst rationale Erklärung, die wissenschaftliche Vorhersagen zulässt. Da die Interpolation oftmals jedoch von ungenügenden Voraussetzungen ausgeht, eröffnet dieser Schluss einen variablen Spielraum, der eine ganze Menge Funktionen umfasst, die einander jeweils austauschbar sind, ohne die Wahrheit der eigentlichen Annahme zu stören. Da dieser Schluss die Gleichheit unter verschiedenen Bedingungen feststellt, verfährt er synthetisch und spekulativ, – ob dieses Gesetz schließlich für alle Fälle gültig ist, bleibt von seinen Voraussetzungen abhängig, beispielsweise ob und inwiefern die Funktionen einen limitierten Wertebereich haben.

Ein Beispiel für die Konversion von Fragesätzen gibt die Übersetzung der dialektischen Protasis in ein syllogismusrelevantes Problem innerhalb der aristotelischen Wissenschaftstheorie, die nichts anderes ist als die Veränderung der Fragestruktur von einem ideell gedachten Was hin zu einem viel mechanischeren, bedingteren Warum. Der Aristotelismus entwickelte sich in seiner stetigen Auseinandersetzung mit dem Platonismus. Die platonische Tradition beruft sich auf die Ideenlehre, sie versteht reine Ideen als Sein (οὐσία) und fordert die Festlegung von Definitionen, wohingegen sich Aristoteles auf Demonstrationen bezieht, womit er den Begriff οὐσία wieder an die Realität der seienden Dinge bindet. In der Analytica Posteriora versucht Aristoteles, die platonische Denkweise in seinen Wissenschaftsvorstellungen einzugliedern: hier wird zwischen dem Dass und dem Warum unterschieden, wobei das Dass nur eine bloße Ansammlung von Fakten darstellt und kein genuin wissenschaftliches Wissen beinhaltet, während das Warum einen ätiologischen Kern enthält und auf die eigentliche Ursache dieser Fakten verweist (Zweite Analytik; 78a). Für eine demonstrative Wissenschaft ist es unerlässlich, zuerst die Frage nach dem Dass zu klären, ehe man das Warum dazu untersucht. Aus den gegebenen Fakten ergibt sich automatisch die Forderung nach dem Warum. So ist für Aristoteles das Wissen um das Was letztlich das gleiche wie das Wissen um das Warum (vgl. Analytica Posterioria; 90a). Sie führen auf dieselben Antworten: Was ist eine Verfinsterung? Verfinsterung bedeutet die Wegnahme des Lichts vom Mond aufgrund des Dazwischentretens der Erde. Warum gibt es eine Verfinsterung? Das Licht wird vom Mond genommen aufgrund des Dazwischentretens der Erde.Die Unterscheidung zwischen dem Warum und dem Was besteht lediglich darin, dass sich ersteres auf die Faktizität des Daß bezieht, während letzteres auf eine Existenzbestimmung geht (vgl. Analytica posteriora; 90a). Auf dieser semantischen Grundlage lassen sich hypotetisch gesehen auch die Fragen nach dem Was und dem Warum dergestalt konvertieren, dass die Beantwortung der einen Frage stets die Beantwortung der anderen ist.

Ein weiteres Beispiel liefert Wittgenstein mit seinem Tractatus logico-philosopicus. Sein Tractatus ist der Versuch, die Russelschen Antinomien und damit den Sinn einer Typentheorie grundsätzlich zu verwerfen, denn Russells Irrtum zeige sich darin, ´dass er bei der Aufstellung der Zeichenregeln von der Bedeutung der Zeichen reden musste´ (Tractatus logico-philosopicus; 3.331). Für Wittgenstein kann eine Funktion ´darum nicht ihr eigenes Argument sein, weil das Funktionszeichen bereits das Urbild seines Arguments enthält und es sich nicht selbst enthalten kann´(Tractatus logico-philosopicus; 3.333). Damit wird die Selbstreferentialität von Sätzen schlichtweg ausgeklammert und mithin auch das Phänomen der Russellschen Antinomie. Wittgenstein stellt fest, dass, dass die Sätze der Logik nur Tautologien sind (vgl. Tractatus logico-philosophicus; 6.1) und daher nichts sagen (vgl. Tractatus logico-philosophicus; 6.11), dass die Logik transzendental sei (vgl. Tractatus logico-philosophicus; 6.13). Die Logik liegt demnach für Wittgenstein nicht in der Welt, sondern ist nur ein konzeptioneller Entwurf, den das solipsistische Ich über die Welt legt. Mit seiner Auffassung über die Bedeutung logischer Sätze vollstreckt Wittgenstein die kantische Transzendentalphilosophie: die Logik beschränkt sich auf den Gebrauch synthetischer Schlüsse, die letztlich aufgrund ihrer tautologischen Bedeutung nicht viel sagen.

Ein praktisches Beispiel aus dem Bereich der Ethik unter Anwendung modallogischer Bezeichnungen. Die eigenwillige Semantik der Modallogik erlaubt die Konversion von einer Frage in eine andere, um indirekt auf eine sichere Antwort zu schließen. Die Ausgangsfrage lautet:

F1: Dürfen wir Tiere essen? φ◇(x1, x2)?

Dieser Entscheidungsfrage zufolge muss sein Inhalt durch Bejahung oder Verneinung entschieden werden. Voraussetzung für die Frage ist die Tatsache, dass Menschen Tiere essen bzw. das Menschen prinzipiell Tiere essen können und daher vor die Wahl gestellt sind, es zu tun oder zu lassen, sowie die moralische Zweifelhaftigkeit solchen Handelns – dürfen ist eine moralische, wenn nicht sogar sittliche Kategorie. Wegen ihrer dialektischen Weitläufigkeit wird die Frage entweder bejaht oder verneint hinsichtlich des weltanschaulichen Hintergrundes und ist allenfalls etwas für große Redner. Ganz gleich, welche Seite der Punktprobe eingenommen wird: die Antworten könnten Bücherberge füllen, ohne dass die Untersuchung jemals zu einem Ende kommt. – Eine Untersuchung der Fragestruktur ermöglicht ihre semantische Konvertierbarkeit auf Grundlage der Modallogik mit seinen logisch verbundenen Begriffen der Möglichkeit und der Notwendigkeit, um mit der Antwort der einen Frage die jeweils andere zu beantworten. In diesem Sinne impliziert die oben gestellte Ausgangsfrage zumindest die bloße Möglichkeit des Fleischkonsums, hinterfragt aber zugleich die Moralität eines solchen Tuns. Durch Konversion der Ausgangsfrage erhält man schließlich statt einer Äußerung über die Möglichkeit und Moralität des Fleischkonsums die semantisch hieraus erschlossene und das Thema vertiefende Folgefrage über die unabweisbare Notwendigkeit:

F2: Müssen wir Tiere essen? φ☐(x1, x2)?

Eine direkte Antwort auf diese Frage genügt bereits, um die oben gestellte Eingangsfrage positiv zu entscheiden. Jede Entscheidung benötigt eine aufschlussreiche Begründung, ohne die sie nicht funktioniert: Wenn wir in bestimmten Fällen zum Konsum fleischhaltiger Nahrung genötigt sind, weil wir sonst existentielle Schwierigkeiten bekommen würden, erübrigt sich die Frage, ob wir Tiere essen dürfen. Im Grunde besitzen Menschen wie jedes andere Lebewesen auch einen Selbsterhaltungstrieb, der sie sogar in Extremsituationen nötigt, rationale Entscheidungsmuster und Verantwortlichkeit außer Kraft zu setzen. Der Mensch muss sich ernähren, wenn er nicht sterben soll. Gegen Ende des Zweiten Weltriegs wurden in Europa oft Tiere geschlachtet oder sogar Kadaver verspeist, um Nahrungsmitteldefizite auszugleichen, und man kann es den Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht vorwerfen, sich einige Stücke Fleisch von sterbenden Pferden herausgeschnitten zu haben, vor allem dann nicht, wenn sie eine Familie zu ernähren haben; – nach Flugzeugabstürzen wird selbst von Kannibalismus berichtet. In solchen Momenten vertilgt der Vegetarismus seine eigenen Gründe, selbst wenn ihn Peter Singer noch so rational begründet. Selbst die Freiheit kann ihre eigenen existentiellen Grundlagen nicht untergraben. Deswegen ist es situationsabhängig, ob wir die Wahlfreiheit haben, etwas tun zu dürfen, ohne es zu müssen. Die Entscheidung, ob wir Tiere essen dürfen oder nicht, stellt sich daher in wohlhabenden Luxusgesellschaften, nicht in armen Landstrichen. Der veränderte logische Raum lässt die Frage indirekt beantworten. Mit der Antwort auf eine Frage über die Notwendigkeit irgendeines Handelns kann eine weitere Frage über die Möglichkeit geklärt werden, die mit ihr in Verbindung steht. Die Antwort auf die letzte Frage lautet:

A2: Ja, in Extremsituationen müssen wir Tiere essen. φ(☐x1)

Nach modallogischem Verständnis ist ◇x1 logisch äquivalent zu ¬ ◇ ¬ x1

Ergo ist damit auf die Ausgangsfrage beantwortet:

A1: Ja, wir dürfen Tiere essen, wenn wir es müssen. φ(◇x1)

Auf den ersten Blick haben schwierige und verwickelte Probleme nur selten einfache Lösungen – der einfache Lösungsweg erschließt sich erst nach langen Streifzügen des Denkens. So findet Max Planck durch geschicktes Abwägen der theoretischen Ungereimtheiten der klassischen Physik die einzige Frage, die zu einer Lösung führt, weil sie einen anderen Raum aufspannt und die Resultate empirisch interpretiert, um schließlich zu einer passenden Formel zu gelangen.

 

Die Welt als Fragezeichen oder die peircesche Abduktion

Ein Problem tritt in Form logisch begründeter Widersprüche auf. Wir können zum Beispiel die Regel geltend machen, dass Länder mit reichen Goldvorkommen stets vermögend sind, sehen uns aber vor das Resultat gesetzt, dass beispielsweise Mali arm ist. Wir können uns fragen: Mali ist reich an Gold – wieso ist Mali arm? Was ist passiert? Die Geschichte erzählt vom legendären König Mansa Musa, der von Timbuktu auszog, um eine Pilgerreise nach Mekka zu unternehmen, und unterwegs so derart viel Gold ausgab, dass der Goldpreis sank und er sich auf der Rückreise sogar Geld leihen musste. – Weswegen ist das Land trotz seiner Bodenschätze so wenig vermögend? Das sollen nun erotetische Weitschweifigkeiten erörtern.

In der Theorienfindung spielt Logik eine ganz tragende Rolle. Die Logik vermittelt unter bereits vorhandenen Argumenten und wägt ihr Wissen einander ab. Sie kann – sofern die Voraussetzungen ungereimt sind – Aufgaben entwickeln, um zu erklärenden Hypothesen zu gelangen, die einer Tatsache genügen. Die Urteile der Logik können insofern nicht nur erklären, sondern darüber hinaus noch endecken. Das analytische Verfahren ist gelegentlich ergänzungsbedürftig. Hinsichtlich eines wissenschaftlichen Gesetzes kann eine Tatsache überraschend erscheinen, weil sie eine Leerstelle in der Welterklärung schafft, und wir müssen die möglichen Regeln ausloten, die zu dieser Konsequenz geführt haben. Die Tautologie eines inneren Widerspruches führt zur Erweiterung. Wenn sich Beweise für diese Hypothese nachspüren lassen, dann festigt sie sich als neue Regel.

Charles Sanders Peirce beschäftigt sich in seinen Untersuchungen mit logischen Schlussfolgerungen, die zu plausiblen Hypothesen führen. Für Peirce liegt der Zweck einer plausiblen Hypothese in der Vermeidung von Überraschungen; den Schluss auf einer solche Hypothese nennt er Abduktion (vgl. Vorlesungen über Pragmatismus; S.96; 5.145; S.115; 5.171). Die überraschende Tatsache C wird beobachtet; aber wenn die Hypothese A wahr wäre, würde C eine Selbstverständlichkeit sein; folglich besteht Grund zu vermuten, daß A wahr ist (vgl. Vorlesungen über Pragmatismus; S.128f; 5.189). Dieses Verfahren findet als conditio sine qua non auch in der Rechtslehre seine Verwendung, indem sie bestimmte Handlungen als Bedingung für gegenwärtige Tatsachen voraussetzt. Peirce reduziert sogar seinen Pragmatismus als die Frage nach der Logik der Abduktion (vgl. Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus, S.407f; vgl. Vorlesungen über Pragmatismus, S.133).

Die Abduktion erweitert das Verständnis vom wissenschaftlichen Schlussfolgern. Es reicht über den reinen Erklärungsaspekt hinaus und wird um einen Endeckungsaspekt ergänzt. Die erweiternde Kraft beruht auf der Grundlage eines neuen Wissensstandes, da sich der Schluss mit einem bislang ungeahnten Gegenstand befasst: überraschende Tatsachen werden hier als problematisch genommen, um entsprechende Hypothesen aufzustellen, die sie lösen. Insofern kann Peirce auch behaupten, dass uns abduktive Annahmen wie der Blitz treffen, denn so waren zwar ´die verschiedenen Elemente der Hypothese schon vorher in unserem Verstand, aber erst die Idee, das zusammenzubringen, welches zusammenzubringen wir uns vorher nicht hätten träumen lassen, lässt die neu eingegebene Vermutung vor unserer Betrachtung aufblitzen´(Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus; 5.181). Jedoch wäre es ein wenig dürftig, einen Schluss dadurch zu begründen, dass er wie ein Blitz erfolgt, – er wäre nur die Spekulation auf die beste Erklärung.

Bei seinen Untersuchungen ließ sich Peirce von Aristoteles anregen, der diesen Schluss im zweiten Buch der Ersten Analytik ebenfalls erwähnt. Aristoteles nennt ihn ἀπαγωγή (Apagoge) und vergleicht ihn mit dem induktiven Schluss, eines seiner Beispiele ist die Interpolation aus der Mathematik, bei der zwar einzelne Punkte bekannt sind, jedoch die Funktion noch gefunden werden muss, wie es bei der Annäherung eines Kreises durch unendlich viele Linien geschieht, dessen Form lediglich mit dem runden, perfekten Kreis koinzidiert (vgl. Erste Analytik; 69a). Doch hier wird lediglich eine Lösung approximiert, ohne sie vollständig zu erreichen. Vielwisserei lehrt nicht, Weisheit zu besitzen: diesen Sprung vorzunehmen, jene Gemeinsamkeit herzustellen, ist Aufgabe des abduktiven Schlusses.

In der peirceschen Methodologie wird die Unterscheidung zwischen Induktion und Abduktion hervorgehoben (vgl. Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus; 7.218). Beide Schlussweisen ähneln sich und kommen jeweils von einem besonderen Einzelfall auf eine allgemeine Regel, weswegen es zu strukturellen Überschneidungen kommen kann, nur behandeln beide ihren Gegenstand – den Einzelfall – in anderer Weise: während die Induktion einen logischen Zusammenhang der Begründung herstellt, geht es der Abduktion um den logischen Zusammenhang der Entdeckung. Die Abduktion ist ein synthetischer Schluss (Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus; 2.77, 5.145, 5.171). Peirce zufolge besteht Aufgabe der Abduktion darin, ‚daß man eine Masse von Fakten prüft und diesen Fakten zugesteht, uns eine Theorie einzugeben‘ (Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus; 8.209). Allerdings lässt sich feststellen, dass diese Schlussfolgerung nicht bündig genug ist und letztenendes nicht mehr bietet als Raterei (vgl. Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus; 5.181, 5.604, 7.18, 8.209). Damit wäre dieser Schluss jedoch kein Gegenstand der Logik mehr. Denn Wissenschaftler lösen keine Probleme, indem sie sich vor eine Masse von Fakten stellen und auf eine plötzliche Einsicht warten, mit der sich die vielen Fakten plausibel erklären lassen. Eine untersuchende Forschung bedient sich nicht nur einer Abduktion – wie es der späte Peirce versteht –, sondern folgt einer längeren Kette von Einzelschritten, indem er das Gesamtproblem in seine Teilprobleme zerlegt und diese nacheinander abarbeitet, womit sich ein hermeneutisches Verfahren abzeichnet. Abduktion ist ein Iterationsprozess und ihre Resultate können als eine neue Eingabe behandelt werden. Peirce zufolge gehen abduktive Schlüsse allmählich ins Wahrnehmungsurteil über, ‚ohne daß es irgendeine scharfe Trennungslinie zwischen ihnen gäbe; oder, mit anderen Worten, unsere ersten Prämissen, die Wahrnehmungsurteile, sind als extremer Fall von abduktiven Schlüssen zu betrachten, von denen sie sich dadurch unterscheiden, daß sie absolut außerhalb der Kritik stehen‘ (Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus; 5.181). Peirce zufolge liefert abduktive Logik lediglich Schlüsse, die einen problematischen oder konjekturalen Charakter haben. (vgl. Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus; 5.188) Eine reine Abduktion bringt nur den Vorschlag einer Hypothese und ist als ‚pure Interrogation‘ aufzufassen (vgl. Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus; vgl. 6.528). Eine Hypothese wird als Frage akzeptiert (vgl. Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus; 6.452 -6.493; insbes. 6.476). Er grenzt sie von der abduktiven Induktion ab, diese eine Auswahl aus einer vorhandenen Menge beinhaltet (vgl. Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus; 6.526).

Die induktive Frage, wie eine Zahlenreihe 1, 1, 2, 3, 5, 8, 12… sinnvoll fortgesetzt werden kann, unterscheidet sich von der abduktiven Frage, wie die Regel lautet, die dieser Zahlenreihe zugrunde liegt, denn obwohl die Antworten auf beide Fragen auf denselben Lösungsweg hindeuten, bringt die Frage nach der Regel eine logische Färbung mit ein. Während die Induktion bloß beobachtet und begründet, kann die Abduktion dieselbe Zahlenreihe durch eine Regel erzeugen bzw. generieren. Im Beispiel dieser Zahlenreihe bestünde die Regel aus der Fibonaccifolge, die mit der rekursiven Funktion fn = fn-1 + fn-2, n>2 erklärt wird.

Regel: Wenn Input in rekursive Funktion fn, dann Output Fibonacci-Zahlen a, b, c…

Resultat: Fibonacci-Zahlen a, b, c…

Fall: => Die generative Regel für die infiniten Fibonacci-Zahlen ist die rekursive Funktion fn.

Der abduktive Schluss liefert lediglich plausible Voraussetzungen, die allerdings nicht zwingend (gültig) sein müssen, – die abduktive Erklärung ist zwar deduktiv, aber nicht eindeutig. In Deduktionen sind nicht mehr Informationen enthalten, wie ihr in Regel und Fall vorgegeben sind, und da die beiden Prämissen denselben Inhalt haben wie die Konklusion, können Deduktionen die Funktion einer Messlatte für gültige Abduktionsschlüsse übernehmen: Wenn A wahr wäre, lässt sich daraus das überraschende C deduktiv wieder erschließen. Nach diesem Schema lassen sich etliche Hypothesen finden, die zwar in einen logischen Bezug zur überraschenden Tatsache gestellt werden können, aber unplausibel sind. Wenn ein Haus in Flammen steht, dann ist das noch lange kein Zeichen dafür, dass es womöglich ein Kurzschluss oder ein Blitzschlag war: vielleicht hat jemand den Brand mutwillig gelegt. Wegen einer logischen Inkonsistenz besteht die Gefahr eines erschlossenen Irrtums: denn selbst wenn sich die Tatsache mit sicherer Notwendigkeit aus dieser Voraussetzung schöpfen lässt, so muss deshalb die gesetzte Voraussetzung noch lange nicht der faktische Verursacher dafür sein. Einem solchen Denkstrang folgen beispielsweise Verschwörungstheoretiker, die mit plausibel klingenden Hypothesen schattenhafte politische Vorgänge erklärbar machen wollen und eine neue Weltordnung propagiert, obwohl deren Ursachen weitgehend im Dunkeln stehen. Sie nehmen der gesellschaftlichen Tatsachen wegen an, dass Regierungen in konspirative Machenschaften mit einer elitären Oberschicht verstrickt sei müssen, oder mit unbekannten Geheimdiensten oder sogar Außerirdischen. Möglicherweise ist die Überführungsfreude so stark, dass hier nach der erstbesten Voraussetzung gefragt wird, schlichtweg weil diese Behauptung plausibel ist. Nur werden diese ungeprüften Urteile häufig nicht nur hingenommen, sondern dogmatisch ausgelegt, um die eigene These von der Weltverschwörung zu untermauern. Dabei bleibt die Verschwörungstheorie nur eine Theorie, eine Konstruktion. Verschwörungstheorien sind zwar kohärent, aber deswegen noch lange nicht wahr: kohärente Theorien können auch falsch sein. Wissenschaftliche Theorien werden entwickelt, um Probleme zu lösen, oder um es zumindest so aussehen zu lassen, als wären sie gelöst.

Eine Abduktion rechtfertigt sich dadurch, dass Deduktionen aus ihren Vermutungen jene Vorhersagen ziehen können, die hernach induktiv bewertet werden. Es stimmt nicht, dass Hypothesen zu einem Gegenstand willkürlich getroffen werden. Newtons Gravitationslehre wurde durch die Relativiätstheorie obsolet, beschreibt die Phänomene dennoch erstaunlich gut. Für Peirce indes erfüllt die Abduktion ihren praktischen Zweck, sofern sie die Maxime des Pragmatismus befolgt, nach der eine logische Wirkung einen Sinn macht, solange eine Vorstellung von einer zweiten Vorstellungen nicht allzu sehr verschieden ist. Diese Maxime macht, sofern sie erfüllt ist, jedes Nachfragen über seine Geltung überflüssig, wenn die aufgestellte Hypothese die neue Tatsache ausreichend erklärt (vgl. Schriften zum Pragmatismus; 5.196). Es ist gänzlich unwahrscheinlich, dass ein Waldbrand von einem Springbrunnen ausgelöst werden kann, und schon gar nicht von irgendwelchen boshaften Göttern. Andererseits liegt die Vermutung nahe, dass, wenn in einem tiefen Meer ein erhöhtes Vorkommen von Plutonium gemessen wird, sich dort möglicherweise beschädigte Plutoniumfässer befinden. Innerhalb der peirceschen Wissenschaftslogik gilt der Dreiklang von Abduktion, Deduktion und Induktion, der sich in einem ständigen Reigen befindet. Abduktion, Deduktion und Induktion ergänzen einander durch ihren jeweiligen Aufgabenbereich, eine gelungene Schlussfolgerung besteht ihrem einem Zusammenspiel. ‚Deduktion beweist, dass etwas sein muss; Induktion zeigt, dass etwas tatsächlich wirksam ist; Abduktion deutet lediglich daraufhin, dass etwas sein kann‘ (Schriften zum Pragmatismus; 5.171).

Der Index der Fraglichkeit erhält daraus seine Sinngenese. Für Peirce hat ein Index sein ´Sein in gegenwärtiger Erfahrung´ (vgl. Schriften zum Pragmatismus; 4.447). Ein Index stellt ein reaktionshaftes Zeichen dar, dessen Bedeutung von einer bestimmten Bezugnahme abhängt; es besteht aus einem eigentlich bezugsarmen Bedeutungskern und dem besonderen Kontext, in dem er fällt, – so sind beispielsweise Krankheitssymptome oder ein Fingerzeig als Index zu begreifen, aber auch Fragepronomen wie Wer, Wann oder Was (vgl. Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus; 3.361, 5.75; – aber auch: Phänomen und Logik der Zeichen; S.65). Ohne die Umstände seiner Äußerung ist ein Index unverständlich und der Mehrdeutigkeit ausgesetzt. Dieser Index – das Fragezeichen – rückt in seiner jeweiligen Stellung eine Tatsache automatisch in Beziehung zu einer noch unentschiedenen Eigenschaft, die es zu untersuchen gilt. So versteht sich der Fragezeichencharakter nicht so sehr als eine weitere Offenbarung, sondern liegt einer logischen Forderung zugrunde und steht unter existentiellen Bedingungen. Die Erotetik will Wege einer sicheren Schlussfolgerung vorzeichnen, indem sie klarlegt, welche Hypothesen überhaupt geltend gemacht werden können. Hierfür benötigt sie Vergleichsmomente. Es ist durchaus möglich, einen stichhaltigen abduktiven Schluss zu liefern: jeder Mensch, der den Grundregeln der Mathematik einigermaßen mächtig ist, wird sich zugestehen, dass 2 + 2 = 4 ergibt, d.h. dass man von 2 + 2 = (…) zwangsläufig auf die 4 als richtige Lösung schließen kann, obwohl die 4 von anderer Form ist, als 2 + 2 = (…). Die Gemeinsamkeit ergibt sich durch einen synthetischen Schluss. Bei verschiedenen Lösungswegen erschließt sich ein vergleichbares Resultat – aus Induktion und Abduktion können gleichwertige Ergebnisse folgen. Völlig grundlos ergeben sich diese Gemeinsamkeiten nicht, denn eine Hypothese erfüllt den Zweck, die gleiche Tatsache in ihrem Lichte durchleuchten zu lassen. Die Tatsache gibt den inhaltlichen Rahmen ihrer Hypothesen vor. Ihre Resultate sind logisch gleichwertig – wenn die eine Seite fällt, tut es notwendig auch die andere.

 

Die sokratische Frage und ihre Logik

Infolge seiner überlegenen Rhetorik gelingt es Sokrates, den Sophismus zur Rechtfertigung des eigenen Handelns zu zwingen, bis sich schließlich die Einsicht in das eigene Nichtwissen herausstellt. Die sokratische Gesprächsführung ist ein Gewaltakt, weil sie mit dem logischen Gewicht der Frage spielt.

Sokrates untergräbt landläufige Meinungen, indem er fragend auf Widersprüche und Ungereimtheiten aufmerksam macht. Hierfür benutzt er die unscheinbare, harmlos anmutende Semantik von Fragesätzen, um völlig neue Gedankengänge und Argumente einzuführen. In einer Entscheidungsfrage steckt bereits eine gesamte Behauptung drin – es wird lediglich erwartet, dass sie bejaht oder verneint wird. Solche Fragen eignen sich hervorragend für Befragungen. Dieses Prinzip machen sich Sokrates und seine Epigonen zunutze. Dies wird beispielsweise in Platons Menon deutlich: schon eine oberflächliche Analyse des Gesprächsverlaufs zwischen Sokrates und dem jungen Sklaven zeigt, dass Sokrates häufig ausformulierte Entscheidungsfragen gebraucht, denen der Sklave mit knappen Bejahungen oder Verneinungen entgegnet. Demnach gibt Sokrates vielmehr Behauptungen vor und legt sie dem leutseligen Sklaven in den Mund, der zu nichts weniger als einem hölzernen Jasager verkommt. So spricht der platonische Sokrates häufig einen in Dialogform gefassten Monolog, während eher beiläufig ein Anwesender zugegen ist, mit dem er spricht. In Platons kunstvollen Dialogen waltet die Dramatik des Geistes, ein Selbstgespräch des Denkens, das in Erfolglosigkeit endet.

Infolge der sokratischen Gesprächsführung tritt irgendwann die erwartbare Aporie ein. Seitens der Gesprächsteilnehmer wird ein Nichtwissen eingeräumt – jedoch ist der gezielte Nachweis des Wissens um das eigene Nichtwissen nur vor dem Hintergrund einer bestimmten Einstellung möglich. Sämtliche Beispiele sind unvollständig – und zwar hinsichtlich eines Ziels. Das ist die berühmte sokratische Ironie. Sokrates führt hier einen apagogischen Beweis, um durch Logik auf eine qualitativ andersartige, kategorische Ebene zu schließen, sogar um auf eine andere metaphysische Substanz aufmerksam zu machen. Um es mit den Worten von Aristoteles auszudrücken: Sokrates betreibt ἀπαγωγή (Apagoge) bzw. Sokrates abduziert. In seinen Analytiken referiert Aristoteles auf Platons Menon, um ein Beispiel von ἀπαγωγή zu geben, und verdeutlicht zugleich den eigentümlich approximativen Charakter dieser Schlussfolgerung (vgl. Erste Analytik; 69a). In vielen Fällen sind Fragen selbst schon problematisch und bedürfen einer Untersuchung, weil es manchmal nicht möglich ist, eine Entscheidungsfrage zu beantworten, ohne zuvor die Ergänzungsfrage geklärt zu haben (vgl. Laches, 189d; Menon, 70a; Protagoras, 329a, 360e; Politeia 354b; Euthyphron, 4b; Charmides, 158c). Die Apagogie folgt einem synthetischen Schluss.

Platon will die Aufgaben, die Sokrates aufgeworfen hat, mit eigenen Mitteln lösen und entwickelt die Dialektik als eine Methode, die sich im Dienste der Sache sieht und sich im Frage-Antwort-Spiel entfaltet (vgl. Kratylos; 390c). Durch dieses Spiel soll sich der Gegenstand einer Unterredung durch Hin- und Herreden als richtig oder nichtig erweisen. Wer die sokratische Frage platonisch gebraucht, der wählt seine Fragen dergestalt, dass sie irgendwann zwangsläufig zur Erkenntnis des Guten, Schönen, Wahren führen, – das Apriorische ist bei Platon schon durch die Fragelogik ausgedrückt und hat seine suggestive Setzung erfahren. Dies äußert sich in der Frage, ob sich etwas suchen lässt, das noch unbekannt ist. Im Menon bejaht der platonische Sokrates diese Frage ausdrücklich und begründet dies mit einem metaphysischen Konzept, nach dem die Seele unsterblich ist und öfter geboren wird (vgl. Menon; 82a – 85b). Platon spricht von der Wiedererinnerung an verborgene Wahrheiten, von ἀνάμνησις (anamnesis) und erhebt damit zugleich den pädagogischen Anspruch, dass er den Sklaven nicht belehrt, sondern nur befragt, und dieser die Erkenntnisse aus sich selbst heraus gewinnt. So geschieht es mit dem jungen Sklaven im Menon, der als Archetyp eines ungebildeten Menschen vorgestellt wird und aus dem fragend die Grundgesetze der Geometrie entlockt werden, ohne dass sich der Sklave dieser Grundgesetze vorher im Klaren war. Mit dem Konzept der Wiedererinnerung überbrückt Platon das sophistische ἀργὸς λόγος (argos logos); für ihn gibt es weder Forschung noch Fortschritt: eine Suche gibt es weder bei Wissen noch bei Nichtwissen, sondern setzt bei einem Vorwissen an, – ein Gedankengang, der der vielleicht nicht grundlos an Parmenides anknüpft, dessen Philosophie davon spricht, dass nur das Sein wirklich ist und jede Forschung von diesem Standpunkt ausgehen müsse, wohingegen das Nichtsein nicht ist und jede Forschung daran scheitern muss (vgl. Fragmente der Vorsokratiker; 28; Verse 2, 6, 7). Während Sokrates noch ἀπαγωγή (apagoge) betreibt, um die einzelnen Beispiele ad absurdum zu führen, betreibt Platon schon ἀναγωγή (anagoge): die Rückführung auf geoffenbarte Ideen. Die Wiedererinnerung ist Teil seines metaphysischen Konzeptes, dem es um das Wesen der Dinge geht, um das Was, um das x als x-heit, um das dunkle Reich der Ideen, – diese Auffassung wurde nach seinem Erfinder ‚Platonismus‘ genannt. Damit war die abendländische Denktradition auf die Irrwege der Metaphysik geschickt.

Die Frage nach dem Was der Dinge ist nicht mehr als eine unvollständige, variable und bloß kategorische Aussage, die eine komplexe Menge von Antworten umfasst und gegebenenfalls nicht abschließend beantwortet werden kann, da eine einzige Antwort reicht hier nicht ausreicht. Sie wird erst dann entscheidbar und zugleich entschieden, wenn sie entsprechend des kategorial vorgezeichneten Rahmens ergänzt wird. Der platonische Sokrates überträgt seine unentscheidbaren Fragen nach dem Was schließlich in eine Entscheidungsfrage, womit er zugleich eine Abschließbarkeit der Antworten vorschützt, denn eine Entscheidungsfrage ust in ihrer Bedeutung präzise und ihre Antwortmöglichkeiten sind entsprechend begrenzt. Durch eine Konversion kann eine schwer abschätzbare, aber kategorische Ergänzungsfrage auf eine berechenbare Formel gebracht werden, indem man sie in eine konkrete Entscheidungsfrage übersetzt und handhabbar macht. Denn zwei Fragen sind gleich, wenn sie auf die gleiche direkte Antwort zielen. Sie formulieren das gleiche Problem, tun dies nur in jeweils unterschiedlicher Weise, und haben daher denselben Wahrheitswert, der eine sinnvolle Übersetzung erst möglich macht. Die spezielle Semantik einer Frage erlaubt die Übersetzung in eine Frage anderer Art, sofern bei der Lösung nichts wegfällt oder hinzukommt. Es wird in dieser Interpretation lediglich eine bestimmte Entscheidungsfrage benötigt, um die Frage nach dem Was vollständig zu entscheiden. Wenn zwei Probleme auf einmal gelöst werden können, dann können auch viele Probleme auf einmal gelöst werden, prinzipiell ins Unendliche strebend. – Aristoteles kommentiert in seinen Sophistischen Widerlegungsschlüssen dieses methodische Vorgehen, allerdings fällt sie in den Bereich der Topik und damit in den Bereich besserer oder schlechterer Rhetorik. Es führt Aristoteles zufolge in Trugschlüsse, wenn zwei oder mehr Fragen zu einer einzigen Entscheidungsfrage verschmolzen werden, da unter diesen Bedingungen entweder alles zu bejahen oder eben alles zu verneinen ist und man vor der Beantwortung die Frage erst ausdifferenzieren müsste, um eine zielführende Strategie einzuschlagen (vgl. Topik; 167b). Durch Unterscheidung mehrdeutiger Ausdrücke einer Entscheidungsfrage lässt sich eine Voraussetzung schaffen, bei dem der Gefragte schließlich mit ´ja´ oder ´nein´ antworten kann (Topik; 175b). Später in der Hermeneutik erörtert Aristoteles diesen Gedankengang erneut: hier ist die Frage nach dem Was keine Gesprächsfrage mehr, da man aus dieser Fragestellung nicht auswählen kann, welche Seite des Widerspruchs ausgesagt werden soll, weswegen zusätzlich eingegrenzt werden muss, ob es sich so oder so verhält (vgl. Hermeneutik; 20b). Aristoteles bleibt bei einzelnem Seienden und klärt sie durch das entscheidbare Warum, das jedoch mit dem Was in Verbindung steht.

Der platonische Sokrates gesteht im Gorgias, kein Wissen zu besitzen und sich nur solange auf seine logischen Argumente zu stützen, bis jemand mit besseren Argumenten kommt (vgl. Gorgias; 509a). Diese heuristische Zurückhaltung im Urteil, diese zaghafte Vorsicht vor der Wahrheit zeichnet ihn als annehmbaren Denker aus. Darin, dass Sokrates zeitlebens die Einsicht vertritt, nicht viel zu Wissen, ist er den meisten seiner Schüler – sogar Platon – überlegen, und darin ist er bis heute ein echter Liebhaber der Weisheit.

 

 

Epilog

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

 

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Fußnoten

Fußnote 1: So schreibt Robin George Collingwood in seinem Werk An Essay on Metaphysics: ‚Every statement that anybody ever makes is made in answer to a question‘ (Collingwood; An Essay on Metaphysics; Clarendon Press; 1998; S.23). Collingwood spricht von einer logischen Priorität der Frage vor der Antwort, da ohne den Bezug zu einer Frage eine Antwort nicht mehr als eine bedeutungslose Form von Wörtern wäre (vgl. An Essay on Metaphysics; S.24f). Auch Frege lässt diese Auffassung gelten, wenngleich er sie auf Satzfragen einschränkt. Für ihn besagt die Antwort ´ja´ dasselbe wie ein Behauptungssatz, weil sie einen Gedanken als wahr hinstellt, ´der im Fragesatz schon vollständig enthalten ist´ (Der Gedanke – eine logische Untersuchung; S.34). Hans-Georg Gadamer knüpft ausdrücklich an Collingwood an, wenn er sagt, dass wer einen Text verstehen will, fragend hinter das Gesagte zurückgehen muss (vgl. Wahrheit und Methode, S.375). Gadamer spricht in Wahrheit und Methode selbst vom hermeneutischen Vorrang der Frage (Wahrheit und Methode; ab S.368). So Gadamer weiter‘, das ‚Verhältnis von Frage und Antwort hat sich also in Wahrheit umgekehrt. Das Überlieferte, das uns anspricht – der Text, das Werk, die Spur – stellt selbst eine Frage und stellt damit unser Meinen ins Offene. Um diese uns gestellte Frage zu beantworten, müssen wir, die Gefragten, selber zu fragen beginnen. Wir suchen die Frage zu rekonstruieren, auf die das Überlieferte die Antwort wäre‘ (Wahrheit und Methode; S.379). Belnap und Steel beschreiben in ihrer Logik von Frage und Antwort eine direkte Antwort ebenfalls als eine Aussage, die jedoch wegen ihrer Beziehung zu einer Frage – anders als in der klassischen assertorischen Logik – eine zusätzliche Form besitzt, da sie zeigen muss, wie sie eine Frage beantwortet. Eine Frage gilt als beantwortet, wenn sie die Kriterien der Auswahl, der Verschiedenheitsbehauptung und der Vollständigkeitsbehauptung erfüllt (vgl. Logik von Frage und Antwort; S.31f).

Fußnote 2: So erwähnt sie Plutarch in seinen Lebensbeschreibungen in einer Anekdote über Alexander den Großen, der in Indien auf nackte Asketen traf, die als Meister im Beantworten von Fragen bekannt waren. Auf die von Alexander vorgelegte Frage, ob der Tag oder die Nacht älter ist, entgegnete der fünfte von ihnen: der Tag ist älter – um mindestens einen Tag, und entgegnete auf Alexanders verwunderte Blicke, dass er sich nicht wundern müsse, wenn auf seltsame Fragen seltsame Antworten gegeben werden (vgl. Lebensbeschreibungen; Kapitel 64, Alexander). Tatsächlich war diese Weisheit schon bei den Vorsokratikern gebräuchlich. Später erwähnt Kant diese Einsicht in seiner Kritik der reinen Vernunft ebenfalls: für ihn haben ungereimte Fragen ‚den Nachteil, den unbehutsamen Anhörer derselben zu ungereimten Antworten zu verleiten, und den belachenswerten Anblick zu geben, daß einer (wie die Alten sagten) den Bock melkt, der andere ein Sieb unterhält‘ (vgl. Kritik der reinen Vernunft; B82f).

Fußnote 3: In seinem Dialog Kratylos versucht sich Platon an einer etymologisch motivierten Wesensbestimmung, die den Erotetiker in die abenteuerliche Nähe des Helden rückt. Die etymologische Wesensbestimmung geht von der kühnen Annahme aus, dass jede Sache von Natur aus einen passenden Namen hat, wobei sich die Richtigkeit dieser Benennungen daraus erschließt, dass phonetisch ähnlich klingende Lautgestalten auch wesenhaft in Verbindung zu bringen sind – in diesem Sinne ähneln die Erotetiker (ἐρωτητικοὶ) dem Namen und Wesen nach den Rhetorikern (ῥήτορές) und schließlich den Helden (ἥρωες), die als Halbgötter wiederum durch den Eros (Ἔρως) entstehen, der Liebe zwischen einem Gott und einem Sterblichen (vgl. Kratylos; 387d, 397a-399b). Hier vollzieht Platon die Apotheose des Fragekünstlers, der für ihn nichts anderes als ein Dialektiker ist (vgl. Kratylos 390c; vgl. ebenso Phaidros, wo der Eros mit Rhetorik und Dialektik in Verbindung gebracht wird). Die Verbindung von Eros und Erotetik erklärt auch, was an Sokrates trotz seiner sagenumwobenen Hässlichkeit so erotisch gewesen sein soll: er ist an der (homo-)erotischen Thematik stark interessiert und bringt auf diesem Gebiet beträchtliche Erfahrung mit.

Friedrich Schleiermacher übersetzt ´ἐρωτητικοὶ´ gewohnt konservativ, sperrig und unbeholfen mit dem Notwort ´Ausfrager´, da ihm Lehnwörter wie ´Erotetik´, ´Erotetiker´ oder ´erotetisch´ unnötig scheinen oder in einem Anfall von Nationalromantik sogar nicht nicht einmal in den Sinn kommen. Dabei kann es für eine Übersetzung durchaus förderlich sein, entsprechende Lehnwörter zu gebrauchen, da sich mit ihen die eigentliche Bedeutung besser ausdrücken lässt. Die Bezeichnung ´Erotetik´ fand bei den alten Griechen einen geradezu systematischen Gebrauch und übernahm gewissermaßen die Funktion eines terminus technicus: diese Bezeichnung findet sich nicht nur in Platons Dialogen, sondern auch in der Topik des Aristoteles. Hier heißt es ebenfalls, dass die Dialektik eine Erotetik ist: Ἡ δὲ διαλεκτικὴ ἐρωτητικὴ ἐστιν (vgl. Topik; 172a). Aristoteles gliedert die Erotetik als Techne in seine Wissenschaft ein, um mit ihnen auf die Ursachen zu schließen – die Bedeutung einer sinnvollen Frage erschließt sich aus dem Zusammenhang innerhalb eines syllogistischen Systems. In seinen Werken stellt Aristoteles mehrfach formale Strukturen von Fragesätzen sowie von Frage-Antwort-Beziehungen fest (vgl. Topik, 103b – 104a, 155b-158a; Sophistische Widerlegungsschüsse, 167b-168a; De interpretatione; 20b)

Fußnote 4: Die platonische Gesprächsführung wurde aufgrund ihrer pädagogischen Vorzüge in den mittelalterlichen Klöstern und Disputierstuben gebräuchlich, wo die Dialektik zur scholastischen Methode mit ihren vielen Quaestionen weiterentwickelt wurde. Die Quaestio war schon in der antiken Rhetorik geläufig: schon Augustin hat reiche Ansätze zu einer Theorie der Quaestio geliefert. (vgl. De diversis quaestionibus; quaestiones ad simplicianum; de octo dulcitii quaestionibus; quaestiones evangeliorum; de consensu evangelistarum). Einige Jahrhunderte später entwirft Abaelard mit ´Sic et non´ die Grundlagen der Frühscholastik: hier werden widersprüchliche Texte von Kirchenlehrern oder der Bibel gegenübergestellt, um sie einander abzuwägen. Aus der Disputatio entstand die Quaestonenliteratur mit ihren vielen ungezählten Kommentaren, die schließlich wieder zu Summen ausgebaut wurden, um sie zu systematisieren, wie etwa bei Thomas von Aquin, der als systematischer Gipfel der Hochscholastik gilt und die Struktur seines De veritate an zahlreichen solcher quaestiones herabhängen lässt. Die Summe will eine wissenschaftliche Darstellung sein, die sich an (theo-)logischen Maßstäben misst. Pro und Contra abzuwägen, gebunden an die Fragestellung und das Weisungsrecht einer Autorität, war wesentliches Element des intellektuellen Mittelalters. Den namhaften scholastischen Kommentaren der Zweiten Analytik von Aristoteles ist zu entnehmen, dass sie die Quaestio als Satz über gegensätzliche Auffassungen übereinstimmend zu jenen Prinzipien zählten, von denen sich Wahrheiten ableiten lassen. Die scholastische Methode unterscheidet sich von der platonischen Dialektik darin, dass die Dialektik sowohl Konklusionen als auch Prämissen in Zweifel zieht, um auch Wahrscheinlichkeiten abzuwägen, während die Quaestio lediglich die conclusio in Frage stellt, um an die Notwendigkeit von unbezweifelbaren Prinzipien gebunden zu sein. Ungeachtet dessen, dass es seinerzeit im mittelalterlichen Universitätsbetrieb üblich war, sich dem Erörtern einer beliebigen Frage auszusetzen – ´quodlibeta´ genannt, was einer der Höhepunkte des akademischen Lebens war und deren wohl berüchtigste Frage jene war, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können -, bleibt die scholastische Methode nicht viel mehr als ein platonisches Hin- und Herreden, das sich hoffnungslos von kirchenväterlichen Autoritäten und großen Ideen abhängig macht. Hier wird völlig zu Recht vom Schwarzen Mittelalter gesprochen.

Fußnote 5: Der Unterschied zwischen analytischen und synthetischen Schlüssen wurde bereits von Pappus erörtert und von Descartes der Form nach gewahrt (vgl. Arndt; S.57). Die Analyse zeigt, wie Aussagen durch Zerlegung gefunden werden, wohingegen die Synthese bereits gefundene Aussagen mithilfe einer Folgerelation ordnet, die bei Definitionen und Axiomen ihren Ausgangspunkt nimmt. Ob jedoch die analytische oder synthetische Methode gebraucht wird, ist für Descartes nachrangig: die Entscheidung betrifft seiner Auffassung nach lediglich die Form der Darstellung desselben Inhalts (vgl. Meditationen, Zweiter Einwand). Descartes bevorzugt er im Fortgang seiner meditativen Untersuchungen die Analyse, weil sie zeige, wie eine Sache a priori gefunden werden kann: im analytischen Verfahren werden Probleme zerlegt und in Teilschritten gelöst, um einzelne Elemente als wahr oder falsch zu erkennen. Die Synthese hingegen taugt nach Descartes lediglich als Darstellungsart, weil nur noch einmal in geordneten Schritten herleitet, was wir sowieso schon wissen. Hier vollzieht Descartes die bewusste Emanzipation von der Scholastik und ihrer genuin aristotelischen Lehre, dem Quodlibet und allem, was damit zusammenhängt – es ging um das Sehen statt syllogistischer Deduktion (vgl. Recherche de la Vérité; X,524). Descartes will mit dem scholastischen Dogmatismus brechen und setzt deshalb einen konsequenten Zweifel an: er verlangt hundertprozentige Gewissheit und bedient sich ausgerechnet mittelalterlicher Quaestionen, um seinen Zweifel konsequent durchzuexekutieren. Infolge seines methodischen Zweifels gelangt Descartes zu jenem Standpunkt, den in seiner berühmten Sentenz ´ego cogito´ fasst: dass man an seinem Zweifel nicht zweifeln kann, und dass das Ich die Substanz ist. In seinen Meditationen sieht er die Welt aus den Augen des Subjekts. Dadurch ist bei Descartes das Mentale der Ausgangspunkt des Philosophierens. Ungeachtet dessen entwirft Descartes im zweiten Teil des Discours de la Méthode seine methodologischen Hauptregeln in ständiger Auseinandersetzung mit der vorherrschenden Scholastik: – akzeptiere nur als wahr, was unbezweifelbar gewiss ist;zerlege jede Frage in Teilprobleme und einfache Fragen, die mit Gewissheit entschieden werden können; – baue das Wissen der Reihe nach aus den Antworten auf diese einfachen Fragen auf und unterstelle für alle komplexe Fragen einen solchen einfachen Aufbau; – überprüfe diese Elemente daraufhin, ob sie eine vollständige Ordnung bilden (vgl. Discours de la Méthode; zweiter Teil). Vor allem die letzte Regel, die vollständige Ordnung der Elemente, lässt darauf schließen, dass Descartes von einem übergeordneten, hintergründigen Kosmos ausgehen muss. Diese These wird dadurch unterstützt, dass die Wahl zwischen analytischen und synthetischen Schlussweisen nachrangig ist, weil sie über kurz oder lang auf das gleiche hinauswollen. Husserl sieht die cartesischen Grundlagen ebenfalls: ´Descartes selbst hatte im voraus ein Wissenschaftsideal, das der Geometrie, bzw. der mathematischen Naturwissenschaft. Es bestimmt als ein verhängnisvolles Vorurteil die Jahrhunderte und bestimmt auch, kritisch unerwogen, die Meditationen selbst. Es war für Descartes vorweg eine Selbstverständlichkeit, daß die universale Wissenschaft die Gestalt eines deduktiven Systems haben müsse, bei dem der ganze Bau ordine geometrico auf einem die Deduktion absolut gründenden axiomatischen Fundament ruhen müsse´ (vgl. Cartesianische Meditationen; §3).

Spinoza war indes Kenner der cartesischen Philosophie und schätzte seinen Kollegen sehr – dennoch entschied sich Spinoza beim Aufbau seiner Ethik für die synthetische Geometrie Euklids und nicht für die analytische Geometrie Descartes´. Spinoza zufolge hat Descartes die erste Ursache und den Ursprung aller Dinge nicht erkannt und er hat die wahre Natur des menschlichen Geistes nicht erkannt, denn die erste Ursache war für ihn nicht die unendliche Substanz Gott (vgl. Briefwechsel; S.6). In seiner Philosophie versucht Spinoza jedoch, einen streng wissenschaftlichen Gottesbegriff zu formulieren: Gott ist der Inbegriff aller Existenz und Wesenheit. Bei ihm ist Gott jene metaphysische Substanz, die alles verursacht und bei der alles auf vollkommene Weise erfolgt – und eine solche Vollkommenheit verlangt nach einer ebenso vollkommenen Methode. Spinoza gliedert seine Philosophie deshalb in geometrischer Ordnung. Seinerzeit galt die Geometrie als Ausdruck der Vernünftigkeit und Inbegriff wissenschaftlicher Auffassung. Spinoza war der Überzeugung, dass man – ähnlich der Geometrie und Mathematik – auch in der Philosophie aus obersten Grundsätzen alle übrigen Aussagen deduzieren kann. Er hat deshalb keine eigene Methode entwickelt, sondern schlicht das Verfahren der Elemente Euklids, in denen das geometrische Wissen der damaligen Zeit in einem axiomatischen System geordnet gefasst wurde, auf die Philosophie übertragen. Im Zusammenhang von Metaphysik und Methode wird deutlich, dass Spinoza die geometrische Methode gezielt verwendete, weil es sein Substanzbegriff so erfordert. Er hat sich vorgenommen, Gott auszumessen. Gemäß der Sentenz Deus sive natura sive substantia schöpft sich Spinoza einen Gottesbegriff, der alles durchdringt: ausgedehnte sowie gedachte Welt. Beides sind Attribute der einen Substanz Gott. In letzter Konsequenz müssen auch die Ideen in entsprechender Weise dargestellt sein. Die geometrische Darstellung spiegelt demnach nicht nur die Notwendigkeit Gottes wider, mit der die Idee aller Dinge in Gott einbezogen wird: die geometrische Darstellung ist letztenendes selbst Teil dieser Notwendigkeit. Hätte Spinoza seine Einsichten nicht more geometrico dargestellt, dann hätte dies seiner eigenen philosophischen Auffassung zutiefst widersprochen. Vor dem Hintergrund, dass Metaphysik und Methode in Verbindung zu bringen sind, kann die Verwendung der ordo geometricus in Spinozas Philosophie offensichtlich nicht nur Darstellungsform und Explikationsverfahren sein, sondern ist auch seiner Metaphysik in höchstem Maße angemessen – sie ist Beweisverfahren. Die geometrische Methode ist seiner Metaphysik deshalb angemessen, da sie die Abhängigkeit der Dinge von Gott widerspiegelt: Spinoza will nicht nur zeigen, dass alles aus Gott hervorgeht, sondern dass alles notwendigerweise so ist. Ohne Gott weder etwas sein noch etwas begriffen werden. Im Sinne der rationalistischen Vollkommenheit wäre es völlig inkonsequent gewesen, wenn Spinoza seine Philosophie nicht in geometrischer Ordnung gestellt hätte. Diese umfassende Bedeutung des Gottesbegriffs rechtfertigt die methodische Vorgehensweise Spinozas.

Wenn die philosophischen Systeme des 17. sowie 18. Jahrhunderts sich dadurch auszeichneten, dass der Begründungsgedanke in der Darstellung der Theorie greifen muss, dann verhalten sich beide: sowohl Descartes mit seiner prosaischen Darstellung des analytisch meditierenden Ichs als auch Spinoza mit seinem geometrischen Schema, durchaus konsequent. Jede Ontologie muss, wenn sie umfassend und gültig sein will, sich selbst beschreiben – es handelt sich hierbei um ein selbstreferenzielles Konzept, das deshalb verfänglich ist, weil die korrekte Formulierung einer Ontologie von ihrer eigenen Bestimmung abhängt und weil sie daher den Standpunkt der relativen Selbstgenügsamkeit einnimmt.

Ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr Metaphysik und Methode in Verbindung zu bringen sind, liefert der junge Wittgenstein mit seinem Tractatus logico-philosophicus, der von der synthetischen Darstellung des modus matematicus regen Gebrauch macht. Sein Tractatus ist der Versuch, die Russelschen Antinomien und damit den Sinn einer Typentheorie grundsätzlich zu verwerfen, denn Russells Irrtum zeige sich darin, ´dass er bei der Aufstellung der Zeichenregeln von der Bedeutung der Zeichen reden musste´ (Tractatus logico-philosopicus; 3.331). Für Wittgenstein kann eine Funktion ´darum nicht ihr eigenes Argument sein, weil das Funktionszeichen bereits das Urbild seines Arguments enthält und es sich nicht selbst enthalten kann´(Tractatus logico-philosopicus; 3.333). Damit wird die Selbstreferentialität von Sätzen ausgeklammert und mithin auch das Phänomen der Russellschen Antinomie. Wittgenstein stellt fest, dass, dass die Sätze der Logik nur Tautologien sind (vgl. Tractatus logico-philosophicus; 6.1) und daher nichts sagen (vgl. Tractatus logico-philosophicus; 6.11), dass die Logik transzendental sei (vgl. Tractatus logico-philosophicus; 6.13). Die Logik liegt demnach für Wittgenstein nicht in der Welt, sondern ist nur ein konzeptioneller Entwurf, den das solipsistische Ich über die Welt legt. Mit seiner Auffassung über die Bedeutung logischer Sätze vollstreckt Wittgenstein die kantische Transzendentalphilosophie: die Logik beschränkt sich auf den Gebrauch synthetischer Schlüsse, die letztlich aufgrund ihrer tautologischen Bedeutung nicht viel sagen. Dieser Gebrauch zeigt sich konsequenterweise am kunstvollen Aufbau des Tractatus logico-philosophicus, am modus mathematicus und seiner synthetischen Gliederung analytischer Sätze, die durch die relative Offenheit ihres Zusammenhanges auf eine bedeutungsvolle Tiefe schließen lassen.

Der Zusammenhang von Metaphysik und Methode ist für Philosophie und Wissenschaft grundsätzlich, weil er deutlich werden lässt, dass methodologische Erwägungen und Entscheidungen nur dann fruchtbar sind, wenn man ihnen ein entsprechendes Sein zugrundelegt. Der unübersehbare Einfluss dieses Zusammenhangs wird nicht zuletzt in diesem Werk hier deutlich.

Fußnote 6: Diese Gedankengänge entsprechen jenen des Anaxagoras, der sie ganz ähnlich in seinem Werk ´Über die Natur´ niederschrieb: alle Dinge waren zusammen; dann kam der Geist dazu und ordnete sie, und so wurde auch er selbst Geist genannt. Anaxagoras stellt den stofflichen Gesetzen der vorsokratischen Naturphilosophie einen Geist, den νοῦς (Nous), zur Seite. Mit ihm beginnt der Natur-Geist-Dualismus, der in der Geschichte der Philosophie in vielfältigen Farben ausgemalt worden ist: Natur-Geist, Leib-Seele, Subjekt-Objekt. Er hat damit jene klassisch gewordene Dichotomie in die philosophische Naturbetrachtung hineingekeilt, die überhaupt so etwas wie Erkenntnistheorie möglich macht, aber mit zahlreichen Folgeproblemen belastet ist. Sein Dualismus ist ein kosmischer Riss, der den Raum in zwei miteinander koinzidierende Teile spaltet, um das dabei entstehende Verhältnis zu durchleuchten. Und dieser Riss ist das eigentliche abendländische Schisma.

Schon Achelaos – seinerseits Schüler des Anaxagoras und mutmaßlicher Lehrer von Sokrates – bemüht sich um die Auflösung dieser Spaltung, indem er auf die Existenz einer Grundmaterie spekuliert, die mit Luft gleichzusetzen sei und mit dem νοῦς korreliert, um auf diesem Weg zu zeigen, dass der νοῦς doch irgendwiie stoffliche Eigenschaften hat. Mit der platonischen und aristotelischen Philosophie erreichte das Denken über das Verhältnis von Geist und Natur ihren ersten Höhepunkt.

Viele Jahrhunderte später belebt René Descartes die Debatte erneut. Die Leib-Seele-Dichotomie ist innerhalb der cartesischen Philosophie ein fundamentaler Gedankengang: infolge seines methodischen Zweifels gelangt Descartes zu der Auffassung, dass der Körper vom Geist verschieden sein müsse, weil der Geist ohne den Körper auskomme. Aus Gründen der Konsequenz zweifelt Descartes zwar an allem, gelangt aber zu der Einsicht, dass er seinen eigenen Zweifel nicht bezweifeln kann, ohne in Widersprüche zu geraten, woraus für ihn die Sentenz ´ego cogito´ folgt. Descartes findet im Geist etwas, das existiert. Die Entdeckung des Ego durch Descartes hatte im Grunde nicht viel mehr Bedeutung als das νοῦς des Anaxagoras: auf dieser Grundlage konnte schließlich die gebräuchlich gewordene Bestimmung zweier Seinsweisen erfolgen: im cartesischen Fall das denkende res cogitans die ausgedehnte res extensa. Descartes argumentiert mit einem streng ontologischen Dualismus, um durch diese theoretische Differenz dem Geist zu seiner eigenen Identität zu verhelfen, – und nach ihm haben viele Denker fruchtbare Mechanismen entworfen, um diese Differenz aufzulösen: Bewusstsein, Wahrnehmung, Vorstellung, Ding an sich, Verstand und Vernunft und all die anderen Lehnübersetzungen des Christian Wolff. Dabei verdeckt der Streit um die richtige Ausrichtung des Bewusstseins und seiner Intentionalität die eigentliche Frage, wie man diese Dichotomie tatsächlich überwinden kann. Der Rationalismus ist nicht mehr als ein Akt der Verzweiflung. Mit einem rationalen Gedankenexperiment hat Descartes ein künstliches Problem erzeugt, dem der Rationalismus zwangsläufig unterliegt, denn selbst die schönen und schwergewichtigen Worte können nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Grundlagen nicht ordentlich genug formuliert sind und seine Worte häufig nur wie Blendwerk daherkommen, weil es ihnen notwendig an logischer Stringenz fehlt. Die wohl stärkste Schwäche des ontologischen Dualismus von Descartes besteht beispielsweise darin, dass er keine kausale Interaktion zwischen materiellen Leibern und immaterieller Seelenvorgänge herstellen kann. Auf die Inkonsequenzen dieser Auffassung hat ihn bereits Elisabeth von der Pfalz hingewiesen, – die Pfalzgräfin argumentierte mit den Begriffen der cartesischen Phyik, dass die Seele keine kausale Verursachung in der Körperwelt bewirken kann. Es war Descartes nicht gelungen, die intellektuellen Einwände von Elisabeth zu lösen. Weitere Lösungsvorschläge äußerten sich später beispielsweise in Spinozas Monismus (- der eine ähnliche Strategie wie schon Achelaos auffährt und den spezifisch cartesischen Dualismus von Leib und Seele dahingehend zu lösen versucht, indem er beide als Attribute der einheitlichen Substanz Gott begreift), desweiteren in Malebranches Okkasionalismus, ferner in Leibnizens Monadenlehre, vor allem aber in Humes Skeptizismus und dessen Kritik am cartesischen Ego, durch die die rationalistische Philosophie selbst zweifelhaft geworden war.

Naturgemäß befasst sich auch Immanuel Kant mit dieser Dichotomie, da sie in seinen erkenntnistheoretischen Erwägungen grundsätzlich zur Geltung kommt: in seinem Begriff vom Ding an sich, in seinen Auffassungen von Anschauung, Verstand, Vernunft, insbesondere im Begriff des Noumenon, in denen sich erneut der Geist des anaxagoreischen νοῦς widerspiegelt – sie sind allesamt Konsequenzen dieser Voraussetzung. Die Transzendentalphilosophie geht davon aus, dass ein irgendwie phänomenal für uns erscheint, das Ding an sich aber notwendig unerkannt bleiben muss. Kant spielt hier auf die Unausweichlichkeit der Metaphysik an, die sich spekulativ und auf dem Weg der Vernunft regulative Prinzipien geben soll. Er bezeichnet es sogar als einen Skandal der Philosophie, dass bislang kein Beweis für die Existenz der Außenwelt gelungen ist (vgl. Kritik der reinen Vernunft; B XXXIX Anm.). In seinen Paralogismen der reinen Vernunft geht Kant in erkenntniskritischer Absicht davon aus, dass das Leib-Seele-Problem nicht lösbar ist, weil unklar bleibt, wie in einem denkenden Subjekt überhaupt räumliche Anschauung möglich sein soll (vgl. Kritik der reinen Vernunft; A 392f). In seinen Antinomien zur reinen Vernunft verlangt Kant eine deutliche Darlegung der Dialektik, um jene Antinomien zu klären, die ihre Ursache in der Idee haben und ohne Erfahrung auskommen (vgl. Kritik der reinen Vernunft; A482/B510). Diese Bemerkung wird sich niemand weniger als Hegel zu Herzen genommen haben.

Hegel folgt auf Kants transzendentalphilosophische Wende und hat ebenfalls eine Dichotomie zur Grundlage: Subjekt und Objekt, für die er eine logische Brücke sucht. Sein methodisches Werkzeug ist die Dialektik, ein begriffliches System, – für ihn ist die dialektische Triade von These-Antithese-Synthese selbst bloß äußerliches lebloses Schema. Die Dialektik verfährt nach einer bestimmten Logik: sie unterscheidet zwischen Position und Negation und lässt beide miteinander hadern, bis sie sich dialektisch aufheben und gemeinsam in ihrem Widerspruch eine Synthese darstellen, die ihrerseits wieder eine Position ist. Mit dieser Methode versucht Hegel, Differenzen dialektisch aufzuheben und über diese Aufhebung der Gegensätze Einheiten zu erzeugen; er setzt gewisse Denkbestimmungen, aus deren Bestimmungen schließlich eine Prozessualität folgt. Der spiritus rector der ganzen Bewegung im Fortgang des Bewusstseins zur Freiheit ist die Forderung des hegelschen Geistes nach dem Allgemeinen. Indem dieser Geist die Welt anschaut, erfährt er, dass dieses Reich selbst voller Widersprüche ist. Das spekulative Korrektiv, das diesen Widersprüchen und ihrem Relativismus begegnet, ist die vom Bewusstsein gesetzte Forderung nach dem Allgemeinen. Hegel setzt voraus, dass sich irgendwo in dieser Erfahrung des Bewusstseins das Wahre finden lässt. Er bekommt als Allgemeines sowohl das Allgemeine als auch dessen Negation, – kurzerhand nimmt er den Widerspruch zwischen beiden als das Allgemeine. Der Geist behauptet das Allgemeine stets im Subjekt, weil der Verstand durch die transzendentale Einheit der Apperzeption nur die Einheit des Ich voraussetzen kann. Die hegelsche Dialektik, das stetige Hineindringen in das Refugium des Geistes, klingt wie Ravels Bolero, der das selbe Thema immer wieder in verschiedene Variationen kleidet, hinein in ein sich entwickelndes Spiel seiner Konstanten. Dieses Spiel treibt sich solange fort, bis es das Bewusstsein immer tiefer in die Abgründe des Selbstbewusstseins zieht und schließlich zum Stadium des Geistes angelangt. Das Wahre ist für Hegel der Geist oder das Allgemeine; sie ist Selbsterkenntnis der Erkenntnis und darüber hinaus. Dem natürlichen Bewusstsein muss die Philosophie einen Läuterungsprozess darstellen und den Geist bis zum Innersten zu erforschen, bis er darin den christlichen Wertekanon wiederentdeckt. So positioniert sich die Philosophie in Gestalt Hegels gegen die sogenannten ´heidnischen´ Religionen und wirft deren Wertvorstellungen zugunsten der christlichen Dogmatik. Hegel ist davon überzeugt, dass die christlichen Wertvorstellungen positiv zu bewerten sind und will die Positivität der Religion nutzen, um sie gegen stets wechselnde Tendenzen zu erhalten und so gegen jeden Zweifel zu erheben. Er wurde ins Tübinger Stift geschickt, wo er das Pfarrershandwerk lernen sollte – später predigte er vom Katheder aus seine Philosophie herunter, die eine höhere Wahrheiten darstellen sollen. Gott ist der logische Ankerpunkt, in dem alle Widersprüche zusammenfallen. Und erst wenn Position und Negation vollkommen identisch sind und es keinerlei nennenswerten Veränderungen in der der Bewegung des Geistes und seiner Geschichte mehr gibt, ist das Stadium des Absoluten erreicht. Am Ende dieser Bewegung steht das zum Absoluten verklärte Ende der Geschichte, jene uneinnehmbare Geistesanstalt, in der die Geschichte hoffnungslos erstarrt und sich sogar auflöst, – dies ist das abendländische Finale. Und dies ist vielleicht die Mächtigste aller Hegeleien. Der ewige Absolutismus, das hegelsche System hat diesen bitteren Beigeschmack, dass in ihm der Keim historisch begründeter Ideologien liegt: das Ende der Geschichte ist die Mutter aller Ideologie. Sie ist das Heilsversprechen jener allgemeinen Wahrheit, die alle Relativität verschlucken und den Skeptizismus bändigen sollte. Der positive Gebrauch des Satzes vom Widerspruch ist logisch ungewöhnlich, doch genau das hat den verwegenen Hegel erst einen so außergewöhnlichen Rang verschafft: seine parakonsistente Logik ist widerspruchsfrei, weil die Widersprüche offensiv bejaht werden, und folgerichtig können wir an der Dialektik nichts mehr korrigieren und keine Vernunftkritik mehr ansetzen. Hegels idealistisch motivierter Zweckoptimismus führt zur Selbstaufopferung zugunsten des Allgemeinen, dem sich das Bewusstsein in seinem Fortschritt zur Freiheit unterzuordnen hat. Der Begriff des ´Absoluten´ ist darin das starrsinnige Denken, eine Doktrin, die sich hinter einer Bastion verschanzen kann und sich jede weitere Kritik verbittet. Hegels Geschichtsbild verläuft mit einer Notwendigkeit, dass man sich in einen Fatalismus fallen lassen müsste, – das Absolute lässt sogar eigentlich überflüssige Schädelstätten als notwendig, sinnvoll, sogar vernünftig erscheinen. Wie Friedrich Nietzsche scharfsinnig bemerkt, führt Hegel – im kühnen Durchgriff, durch alle logischen Gewohnheiten hinweg – den Begriff der Entwicklung in die Wissenschaft ein, und schließt daraus: ohne Hegel kein Darwin (vgl. Die fröhliche Wissenschaft; §357).

Der Dualismus ist ein kosmischer Riss, der den Raum in zwei Teile spaltet, um das dabei entstehende Verhältnis zu durchleuchten und gewisse Korrelationen besser zu verstehen. Durch das Verhältnis von Natur und Geist erklärt sich unter anderem das philosophische Interesse an der Erkenntnis und vor allem ihrer strategischen Ausrichtung, – dieser Dualismus ist daher als epistemologisches Mittel zu sehen, wenn nicht sogar als Grundlage jeder Erkenntnistheorie. Jeder Epistemologe macht von der Voraussetzung einer Natur-Geist-Dichotomie stillschweigend Gebrauch, ob gewollt oder nicht. All den soeben genannten Beispielen ist gemeinsam, dass sie durch willkürliche Differenzen künstliche Probleme beschwören und diese Probleme durch Angabe einer metaphysischen Substanz spekulativ lösen. Die Lösung ist hierbei spekulativ – dabei war die Kreation des Problems selbst schon ein Akt der Spekulation, da sie auf einer willkürlichen, einseitigen und unausgewogenen Beschreibung beruhen. Dieses Verfahren geht oft mit der Neigung einher, philosophische Fragen im Rahmen großer Alternativen auszuloten: Antike versus Moderne; Athen versus Jerusalem; Kapitalismus gegen Kommunismus, – nur wird mit diesen trennenden Unterscheidungen weitere Widersprüche erzeugt, die mit dem erhalt dieser Differenzen auch nicht verschwinden werden. Aufgrund ihrer einseitigen Beschreibung geben die Überlebensgarantie für jeden Skeptizismus. Dabei ist das scheinbar unlösbare Problem im Grunde nicht einmal ein Problem, da es keinen nennenswerten Unterschied zwischen beiden Seiten gibt und sich – wenn überhaupt – diese im Namen und den entsprechenden Konnotationen äußern. Wir stolpern über Steine, die wir uns selbst vorgelegt haben.  Die einzig sinnvolle Lösung bleibt ein Eigenschaftsdualismus, bei dem der einzige Unterschied zwischen beiden Seiten in den jeweiligen Bezeichnungen zu sehen ist und daher marginal und vernachlässigbar bleibt: beide Seiten können durch den jeweils anderen vollständig beschrieben werden. Es ist daher mühelos möglich, sich auf derlei spekulative Setzungen nicht einzulassen. Die Einsichten der Quantenphysik machen es ohnehin schwer, zwischen körperlichen und geistigen Vorgängen einen großartigen Unterschied zu sehen.

Fußnote 7: In seiner Vorlesungsreihe ´language and thought´ erörtert Noam Chomsky den Zusammenhang von Sprache und Gedanken. Seine Darlegungen über Linguistik folgen einem Verständnis von Psychologie als Erklärung des menschlichen Wissens, – die Linguistik ist hierbei ein Teilbereich der Psychologie und fällt der Humanpsychologie zu (vgl. Sprache und Geist; S. 129 & S. 145). Und wie selbstverständlich stolpert er über jene Schwierigkeiten, die sich zwangsläufig ergeben, wenn man Sprache und Grammatik vor dem Hintergrund der Psychologie zu erklären versucht.

In seinen Vorlesungen befasst sich Chomsky mit den Schwierigkeiten dieser Auffassung. Sie nimmt mit Descartes rationalistischer Philosophie ihren Anfang: der Grundlegung der res cogitans durch die Abgrenzung von der res extensa und die Möglichmachung einer generellen Theorie der Sprachstruktur, einer philosophischen Grammatik, wie sie daraufhin in der Logik von Port Royal versuchsweise grundgelegt wurde. Chomsky beschreibt die Unzulänglichkeiten der behavioristischen Phase der Linguistik: denn der Behaviorismus schafft es auf seiner empiristischen Grundlage nicht, zu erklären, wie freie Rede möglich ist bzw. wie Sprache mit ihren Versatzstücken völlig neuartige Sätze generieren kann. Chomsky selbst behält die psychologische Haltung der behaviouristischen Linguistik war bei, erweitert ihre Grundsätze jedoch um das Prinzip der generativen Grammatik. Diesen Eingriff begründet er damit, dass der kreative Aspekt des Sprachgebrauchs nicht durch empiristische Theorien zu klären sei und der behavioristische Standpunkt unzulänglich bleiben muss, weswegen die generative Grammatik den Lückenschluss in der psychologischen Theorie darstellen soll, indem sie die Verhaltenswissenswissenschaft um den Begriff der Sprachkompetenz ergänzt (vgl. Sprache und Geist; S.119). Sprachkompetenz wird bei Chomsky durch eine Grammatik repräsentiert, die auf generative Weise Satzfolgen herstellen lässt und die irgendwie angeboren ist. Es geht ihm hierbei nicht um die grammatikalischen Muster selbst, sondern die dahinterliegenden Regelsysteme (vgl. Sprache und Geist; S.124). Konsequenterweise klärt Chomsky – wie er in einem Akt der Selbsteinsicht erklärt – den Erwerb der Sprachkenntnis mit epistemologischen Worten, statt mit psychologischen (vgl. Sprache und Geist; S.147). Es ist deshalb auch weitaus weniger verwunderlich, dass Chomsky im letzten Teil seiner Vorlesungsreihe das peircesche Konzept der Abduktion erörtert, die den zulässigen Hypothesen in der Wissenschaft eine Grenze auferlegt (vgl. Sprache und Geist; S.149f).

Für die erotetische Methode ergeben sich diese heiligen Umstände deshalb nicht, da sie von grundsätzlich anderen Voraussetzungen ausgeht: sie klammert die cartesische Unterscheidung zwischen res cogitans und res extensa aus – innerhalb der erotetischen Metaphysik dominieren weder Bewusstsein noch Materie, sondern nur Logik. Entsprechend löst sich das Verhältnis von Sprache und Gedanke auf, denn alles, was wir sehen oder spüren ist Logik, Formen, Verhältnisse, Kommunikation oder Information. Der Gedanke ist hier kein Abziehbild der Materie, sondern beide sind eine sich jeweils entsprechende Form der Wirklichkeit, die sich in den jeweiligen Strukturen des Gehirns äußert, weswegen ein psychologischer Vorgang über kurz oder lang auch mit den Mitteln der Biochemie erklärbar ist, wenngleich sie die Phänomene einseitig beschreibt. Sprachliche Sätze äußern sich hier durch eine Begriffsschrift: trotz Verschiedenheit der jeweiligen Sprachen haben alle Sätze – selbst die mathematischen – eine vergleichbare Struktur, die der Welt zugrundeliegt und ihren Regeln folgt. Die Welt ist hierbei selbst schon generativ und erzeugend, und hier ist notwendige Freiheit und mithin freie Rede möglich: es ist die Logik, die den Sätzen die Freiheit gibt, sich nach Belieben zu artikulieren, sich zu entwerfen, um ständig neue Verhältisse zu erzeugen. Deshalb wissen Menschen (und im vergleichbaren Sinn auch Tiere) zu kommunizieren, weil die Struktur der Welt es ihnen möglich macht – sie überlässt ihnen nüchtern besehen nicht einmal eine andere andere Wahl.

Fußnote 77: ´Intra due cibi, distanti e moventi, d´un modo, prima si morria di fame, che liber´ omo l´un recasse ai denti; sí si starebbe un agno intra due brame di fieri lupi, igualmente temendo; sí si starebbe un cane intra due dame: per che, s´ i´ mi tacea, me non riprendo, da li miei dubbi d´un modo sospinto, poi ch´era necessario, né commendo´ (c.f. Commedia; Paradiso, Canto IV).

Fußnote 8: Bereits die Stoiker – allen voran Chrysipp – versuchen, das Problem der Willensfreiheit mit streng deterministischen Argumenten zu lösen, und dabei dienen ihnen nicht selten physikalische Beispiele. Chrysipp beschreibt beispielsweise einen zylinderförmigen Stein, der einen steilen Abhang hinuntergeworfen wird: in diesem Fall lässt sich zwar die Ursache und der Beginn seines Absturzes zwar feststellen, allerdings rollt der Stein nicht deshalb bergab, weil irgendwelche Menschen daran beteiligt waren, sondern weil der Stein die entsprrechende Form besitzt, um zu rollen – und so gibt die gesetzmäßige Ordnung und Notwendigkeit des Fatums den Anstoß zur Bewegung der verschiedenen Ursachenfolgen, wohingegen der Antrieb für unsere Pläne und Gedanken und unsere Handlungen vom Willen jedes Einzelnen und von den natürlichen Anlagen seines Charakters bestimmt sind (vgl. Cicero; de fato; 18). Der Mensch ist demnach so frei wie ein fallender oder weggeworfener Stein, – die natürlichen Anlagen des Menschen beeinflussen zwar den Lauf der Dinge genauso wie die Form des Steins dessen Absturz, und der Mensch kann darin durchaus den Einfluß seiner Person sehen, aber in beiden Fällen geschieht alles mit Notwendigkeit. Die Chrysippsche Zerlegung des Problems in zwei Teile: einen die Randbedingungen (ein zylinderförmiger Stein startet auf steilem Abhang) und einen die Dynamik charakterisierenden Teil (der Stein rollt infolge der Schwerkraft hinab ), geht vollständig im Newtonschen Formalismus auf. Newton hat gewissermaßen mathematisch vollendet, was in der langen Tradition des Determinismus bereits vorbereitet war.

Fußnote 9: Der junge Aristoteles setzt sich mit der Philosophie und der Methode seines Lehrers Platon auseinander. Die Kritik am dialektischen Umgang mit Problemen prägt sein gesamtes Werk maßgeblich.

Bereits in seinen frühen Schriften – allen voran in der Topik und den Analytiken – unterscheidet er vorgelegte Fragen und gestellte Aufgaben: während die Dialektik mit der πρότασις (Protasis) eine Entscheidungsfrage als gültige Prämisse nimmt und ihr Untersuchungsgegenstand noch nicht festgelegt ist, wird ein wissenschaftliches Problem durch eine Auswahl ausgedrückt, bei der die Existenz des Untersuchungsgegenstandes bereits vorausgesetzt wird (vgl. Topik; 101b). Wer jedoch einen wissenschaftlichen Beweis vornimmt, der stellt keine Fragen – von ihnen gehen nur weitschweifige Reden aus -, sondern demonstriert Schlüsse. Jedoch ist Aristoteles zufolge das, worüber geredet wird, und das, worüber Schlüsse gezogen werden, der Sache und der Menge nach dasselbe, weswegen man einfach, indem man die Form umstellt, aus einer Frage eine Aufgabe machen kann (vgl. Topik; 101b).

Die dialektische Behauptung (διαλεκτκὴ πρότασις) kann, als Frage ausgesprochen (ἑρώτησις ἒνδοχος), von allen möglichen Prämissen ausgehen (vgl. Topik 104a). Ihre die Aufgabe besteht lediglich darin, den Gehalt der Aussage zu bejahen oder zu verneinen; sie verstrickt sich so durch ihre Aufgaben in gegenteilige Schlüsse und haben den Zweifel an sich (vgl. Topik; 104b). In den Sophistischen Widerlegungen notiert Aristoteles, dass keine demonstrative Wissenschaft sich der dialektischen Fragestellung bedient, da es gleichgültig ist, wofür man sich entscheidet, weil aus der jeweiligen Seite kein Schluss erfolgen kann (vgl. Soph. Wid.; 172a). Ferner fragt die Dialektik auf Ebenen, die nicht zu einem Beweis führen, weil sie alles zu ihrem Gegenstand erklärt und sich nicht spezifiziert (vgl. Zweite Analytik; 77a). Dadurch verliert sie jedoch die gezielte Sachgebundenheit des wissenschaftlichen Diskurses. Aristoteles bezeichnet sie andernorts als Methode, die jedes Problem zu erörtern versucht, das ihr vorgelegt wird (vgl. Topik; 100a; Metaphysik IV, 1004b).

Die syllogistische Frage (ἐρώτημα συλλογιστικὸν) ist eingespannt in einen formalen Rahmen und lässt sich durch logische Schlussregeln demonstrieren, womit sie sich als Aufgabe gezielt stellt (vgl. Zweite Analytik; 77a). Für Aristoteles setzt sich die beweisende bzw. demonstrative Wissenschaft mit spezifischen Gattungen auseinander und hält fest, welche Eigenschaften auf sie zutreffen. Insofern werden wissenschaftliche Probleme als demonstrable Entitäten verstanden, die irgendwie durch einen logischen Fingerzeig andeutbar sind und gelöst werden müssen. Wer eine demonstrierende Wissenschaft betreibt, der muss Fragen stellen, die einen gattungsspezifischen Bezug aufweisen, weil er auf Grundlage eines logischen Schlusses zu einer Lösung gelangen kann. In anderen Worten ausgedrückt heißt das, dass im Grunde jedes Problem, das sich logisch erschließen lässt, zugleich entscheidbar ist. Offene Fragen gibt es in der aristotelischen Wissenschaft nicht – jede Aussage muss bejaht oder verneint werden (vgl. Erste Analytik, 24a; Zweite Analytik, 77a; Sophistische Widerlegungen, 172a). Eine schlussfähige Prämisse erhält man erst, wenn man sich bei einer πρότασις auf eine der beiden Seiten eines ausschließenden Widerspruches stellt (vgl. Erste Analytik; 24a / Zweite Analytik; 72a). Das Warum wissen heißt, vom Grund her zu wissen (vgl. Zweite Analytik; 75a). So kommen die gattungsspezifischen Vordersätze zur Geltung, aus denen sich schließlich ein dementsprechend eigentümlicher Schluss ergibt (vgl Zweite Analytik, 77a). Einige Textstellen belegen, dass wissenschaftliche Probleme, wie sie Aristoteles versteht, mit einer gewissen Notwendigkeit auftreten und einen beweiskräftigen oder apodiktischen Kern haben; in diesen Fällen beziehen sich die Begriffe apodiktisch und Problem aufeinander (vgl. Zweite Analytik 88a und 99a; – diese Auffälligkeit stammt von Detel; Kommentar zur Analytica Posteriora; S.789). Für Aristoteles ist ein Problem dann korrekt formuliert, wenn es nicht auf zufällige Weise und somit ohne Zusatz gewusst werden kann (Analytica Posteriora, Kommentar von Detel; S.783). Demnach haben diese Fragen weniger dialektische Zankäpfel zum Gegenstand, sondern kümmern sich um wissenschaftliche Probleme in aristotelischen Sinn. In den Sophistischen Widerlegungen bemerkt Aristoteles, dass die Quelle von Fehlschlüssen im mangelhaften Gebrauch von syllogistischen Fragen beruht (vgl. Sophistische Widerlegungen; 177a, 184a)

Hier wird der Zusammenhang von Metaphysik und Methode deutlich, der in der Philosophie grundsätzlich anzutreffen ist. Der dialektische und der syllogistische Gebrauch von Fragen unterscheidet sich dahingehend, welche Substanz sie behandelt: ist dies bei Platon noch die Ganzheit des Seins, wird sie bei Aristoteles schon zum Seienden als einzelne Wesenheit. Der Platonismus beruft sich auf die Ideenlehre, sie versteht reine Ideen als Sein (οὐσία) und fordert die Festlegung von Definitionen, wohingegen sich der Aristotelismus auf Demonstrationen bezieht, womit er den Begriff οὐσία wieder an die Realität der seienden Dinge bindet. Diese metaphysischen Feinheiten werden insbesondere durch die unterschiedlichen Auffassungen von Geometrie deutlich: während Platon sie zu sehr in der Sinnenwelt verortet sieht, wo sie unbeholfene Sätze aufstellt (vgl. Politeia; 7. Buch), befürwortet Aristoteles genau dies (vgl. Metaphysik; 1051a).

In der Analytica Posteriora versucht Aristoteles, die platonische Dialektik in seine Wissenschaft einzugliedern: für ihn das Wissen um das Was letztlich dasselbe wie das Wissen um das Warum, weil sie auf die gleichen Antworten führen: Was ist Verfinsterung? Fortnahme des Lichts vom Mond infolge des Dazwischentretens der Erde. – Aufgrund wovon erfolgt Verfinsterung? – Weil der Mond kein Licht mehr enthält, indem die Erde dazwischentritt (vgl. Zweite Analytik; 90a). Insofern ist auch für Aristoteles das Wesen ursächlich – und er denkt herbei ganz platonisch -, allerdings wird das Wesen vom Standpunkt des einzeln Seienden gesen, als Sosein. Daher ist die Übersetzung der dialektischen πρότασις in ein syllogismusrelevantes Problem nichts anderes als eine Veränderung der Fragestruktur von einem ideell gearteten Was hin zu einem bedingten, vielleicht sogar mechanischen Warum. Die Unterscheidung zwischen dem Warum und dem Was besteht darin, dass das Warum die Faktizität der Tatsache voraussetzt und sie als A = B hinterfragt, während das Was auf eine Existenzbestimmung geht und fragt, ob A überhaupt existiert. Für Aristoteles setzt sich eine beweisende oder demonstrative Wissenschaft mit spezifischen Gattungen auseinander, weswegen sich ihre Fragen aus logischen Zusammenhängen stellen und konkret sind, – damit verändert sich zugleich die Ausrichtung des Problembegriffs. In anderen Worten ausgedrückt heißt das, dass im Grunde jedes Problem – sofern es sich logisch erschließen lässt – entscheidbar ist. Die Suche geht auf eine Vermittlung, ganz ähnlich wie wie bei jenen, die nach der Verfinsterung des Mondes fragen. – Diese Ausführungen berühren wie selbstverständlich das alte Argument der faulen Vernunft (ἀργὸς λόγος), demzufolge jedes Lernen unsinnig ist, weil es ohne vorausgesetztes Wissen unmöglich ist und durch Erfüllung dieser Voraussetzung überflüssig wirdein sophistisches Argument, das bewusst mit unvermittelten Gegensätzen spielt und bei dem weder Schüler noch Lehrer in der Lage sind, Probleme zu artikulieren. Für Aristoteles jedoch ist das Nichtwissen ebenfalls eine Form von Wissen: so geht jedes Lernen von einer vorhandenen Kenntnis aus, oder wie er die Konseqenz aus dem eristischen Logos von Platons Menon zieht: ‚Was einer lernt, weiß er in gewissem Sinne schon, in anderem Sinne hat er noch keine Kenntnis davon‘ (Zweite Analytik; 71b). So beantwortet Aristoteles die Frage danach mit seiner bewährten goldenen Mitte: Einesteils ja, andernteils nein. Mit dem Nichtwissen hat man zugleich die Klarheit, dass man ohne weiteren Zusatz davon kein Wissen hat (Zweite Analytik; 71a). Es bleibt beim so oder so, bis dieser Zustand durch das ´ob´ (d.h. ohne Zusatz) geklärt ist. Gewisse Vorbedingungen müssen erfüllt sein, ehe sich von Wissen sprechen lässt. Der problematische Satz kommt ohne Mittelbegriff daher, durch den er bewiesen werden könnte, wenngleich dieser Mittelbegriff erschlossen werden kann. Noch in den ersten Analytiken sagt Aristoteles über die Behauptung im Menon, dass es kein Vorwissen an Einzelheiten gibt, sondern dass sich hier die Heranführung ein An-sich-Nehmen einzelfallbezogenen Wissens vollzieht und dieses sich durch das Allgemeine (aus dem Heranführen) wiedererkennt (vgl. Erste Analytik; 67a). Durch die Heranführung zeigt jemand, dass alles so ist, weil nichts anderes ist. Damit klärt er nicht, was es ist, sondern daß es ist oder nicht ist (vgl. Zweite Analytik; 92b). Deswegen kann auch behauptet werden, dass man lernen kann, was man in anderer Weise bereits weiß. – Konsequenterweise setzt sogar seine Erste Philosophie als Zielgegenstand das Prinzip der einzelnen Substanzen bzw. die metaphysische Ursache (vgl. Metaphysik; 982a, 1025b, 1069a). Dieser Zielgegenstand wird an einem Seienden untersucht, weswegen das Dass und das Sein bereits vorausgesetzt und zugrundegelegt werden müssen (vgl. Metaphysik; 1041a). Es wird sich bei Aristoteles ebenfalls herausstellen, dass Ausgangsgegenstand und Zielgegenstand das gleiche sind: die Substanz (vgl. Metaphysik, Buch XII). Diese Substanz besitzt einen gedoppelten Sinn: die erste Substanz ist das sinnlich wahrnehmbare Einzelding, während die zweite Substanz die Wesenheit, das Prinzip bzw. die Formursache ist.

Fußnote 10: Innerhalb des syllogistischen Systems ist ein Problem dann korrekt formuliert, wenn ein entsprechender Begriff mit geeigneten Begriffschnitten derart geteilt wird, dass die allgemeinen Eigenschaften des Begriffs mit den jeweiligen Ober- und Unterbegriffen, die durch die Teilung entstanden sind, festgestellt werden können. Der zu untersuchende Begriff muss dergestalt seziert werden, dass ihm bei seiner Betrachtung eine allgemeine Gattung zugrundegelegt wird, nach dem schließlich gefragt werden kann, da so der Nachweis möglich ist, welche Deduktionen und Demonstrationen sich überhaupt verwenden lassen. So wird es angesichts eines einzelnen Gegenstandes möglich, nach dem Was von allen Lebewesen zu suchen (vgl. Zweite Analytik; 98a). Für Aristoteles gelten Probleme dann als gelöst, wenn sich hierfür geeignete Mittelbegriffe finden lassen, – der Mittelbegriff stellt nichts anderes als jene Ursache dar, die seiner wissenschaftstheoretischen Auffassung zufolge durch das Warum ausgedrückt werden soll. Bewiesenes Wissen liegt mit Notwendigkeit vor, wenn der Mittelsatz notwendig ist. Ohne einen solchen fest gebauten Mittelsatz kann weder das deshalb noch das dass notwendig gelten (vgl. Zweite Analytik; 75a). Folglich zielen wissenschaftliche Fragen auf Voraussetzungen für bestimmte wissenschaftliche Behauptungen, die damit – weil sie sich durch syllogistische Vermittlung notwendig ergeben und somit potentiell beweisbare Prämissen darstellen – zu sicherem Wissen führen. So begründet Aristoteles auch die Gleichheit verschiedener Probleme: Zwei Probleme gleichen sich, sofern sie die gleiche Vermittlung haben: Folgerichtig sind zwei Probleme verschieden, wenn sich ihre jeweiligen Mittelbegriffe unterscheiden (vgl. Zweite Analytik; 98a).

Hinsichtlich dieser Darlegungen wird klar, inwiefern sich innerhalb der syllogistischen Logik aus problematischen Aufgaben neues Wissen gewinnen lässt: Zu Beginn seiner Zweiten Analytik erwähnt Aristoteles einen Fall, nach dem man durch die Erkenntnis eines Sachverhaltes gleichzeitig ein davon verschiedenes Wissen erreicht (vgl. Zweite Analytik; 71a). Ausgehend von einer allgemeinen Tatsache AaB erreichen wir durch ein Einzelding C durch Induktion die Kenntnis von nicht nur BzC, sondern erhalten damit unser Wissen von AzC, also Wissen schlechthin; – wir erweitern unser Wissen somit dahigehend, dass C als ein B auch A ist. (vgl. Analytica Priora, Detel; Zweiter Halbband; S.13) So sind zum Beispiel ‚Es gibt Menschen‘ und ‚Mensch ist (seinem Was nach) ein zweifüßiges Lebewesen‘ zwei voneinander verschiedene Sätze; nur während der erste Satz unabhängig vom anderen besteht, braucht der zweite den Satz über die positive Existenz notwendigerweise, um Sinn zu machen (vgl. Zweite Analytik; 92b). So entwirft Aristoteles erste Grundzüge einer Algebra.

Dass der Problembegriff für das aristotelische Verständnis von Wissenschaft existentielle Bedeutung hat, lässt sich allein schon daran feststellen, dass sich heute nicht mehr einwandfrei feststellen lässt, ob die sogenannten ´Problemata Physica´ tatsächlich von Aristoteles selbst stammen oder ob diese Sammlung von Problemen von Angehörigen des Peripatos aufgezeichnet und zusammengestellt wurden. Wie Gadamer feststellt, degradiert die aristotelische Lehre vom Beweis und vom Schluss zwar die Dialektik zu einem untergeordneten Moment der Erkenntnis, lässt allerdings den gleichen Vorrang der Frage erkennen, an dem sich die Grenze des Methodengedankens zeigt (Wahrheit und Methode; S.371). Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass der systematische Gebrauch des Problembegriffs bei Aristoteles durch die zahlreichen vagen Übersetzungen verdeckt wird, denn im Grunde besitzt die syllogistische Frage, so wie sie logisch eingespannt, demonstriert und gelöst wird, eine formelle Ordnungsfunktion innerhalb seiner Architektur der Wissenschaft. Deutlich wird dies in der aristotelischen Hermeneutik, in denen der alte Grieche den relationalen Charakter von Wissen auf Grundlage der Fragestruktur abzeichnet, beispielsweise in seiner Konzeption von kontradiktorisch und konträr (vgl. Hermeneutik; 20a). Zudem ermöglicht es die Frage aufgrund ihrer notwendigen Auslassungen und Offenheiten und ihrem hintergründigen festhalten an der dialektischen Frage, dass im bestehenden System wissenschaftlicher Aussagen neues Wissen eingegliedert werden kann. Ungeachtet dessen ist die generelle Ursachenforschung der aristotelischen Wissenschaftstheorie überholt und seine Formelsprache antiquiert. Das Potential des Syllogismus reicht bei weitem nicht aus, um eine vollständige Theorie der Frage zu liefern, weil sie es als einzig notwendige Aufgabe sieht, nach einer unbekannten Ursache zu forschen. Was von den Ausführungen dieses genialen Mannes bleibt, ist seine Einbindung des Problembegriffes in ein logisches Verfahren, das sich durch die Vergegenständlichung von Problemen und einer Analyse der Problemstruktur auszeichnet. Es ließe sich sogar dafür plädieren, die Fragekunst mit Rücksicht auf die Topik und die Zweite Analytik weiterzuentwickeln.

Fußnote 11: Bereits die Vertreter der alten indischen Logik waren in der Lage, erstaunliche astronomische Vorhersagen zu machen: so entwarf Aryabhata ein mathematisches Modell, demzufolge sich die Erde um die eigene Achse drehen muss, sogar ein heliozentrisches Weltbild lässt sich aus seinen Formeln herleiten. Einige Jahrhundert später konstatierte Eratosthenes die Kugelgestalt der Erde, weil der den Einfallwinkel der Sonnenstrahlen an verschiedenen Orten untersuchte und merkte, dass er an unterschiedlichen Orten verschieden ist, – wir hätten innerhalb des durch die Erfahrung gegebenen Rahmens schlichtweg Probleme, wenn wir nicht die Kugelgestalt der Erde annehmen würden. Dieser gelungene Schluss demonstriert, dass das richtige Ergebnis durchaus unabhängig von sinnlicher Erfahrung erschlossen werden kann, und und dass man mit seiner Karavelle lediglich die sichere Küste auch einmal verlassen muss, um die Welt zu entdecken. In vergleichbarer Weise ergaben sich nach der zufälligen Entdeckung des Uranus durch Herschel größere Abweichungen bei seinen Positionsbestimmungen gemäß der damaligen Planetentheorie, weswegen Le Verrier aus den vielen mathematischen Tabellen einen störenden hypothetischen Planeten herausgelesen hat: den späteren Neptun. Ein weiteres einleuchtendes Beispiel gibt das Periodensystem der Elemente nach Mendelejew, einer Tabelle, die chemischen Elemente streng nach Atommasse unterschiedet und nach Eigenschaften gliedert, womit sie eine übersichtliche Klarheit über die Bezüge zwischen den Elementen herstellt und ihre Möglichkeit zur Bildung komplexer Moleküle veranschaulicht, weswegen Mendelejew auf Grundlage des Periodensystems weitere Elemente erschließen konnte, die seinerzeit noch empirisch unbelegt blieben, obwohl ihre Existenz unzweifelhaft gewiss war, und die mit dem Präfix ´Eka-´ versehen wurden: Mendelejews Eka-Bohr wurde von Lars Fredrik Nilson entdeckt und ´Scandium´ genannt, sein Eka-Aluminium wurde durch Paul Émilie Lecoq de Boisbaudran ohne Kenntnis des Periodensystems entdeckt ´Gallium´ getauft und das Eka-Silizium wurde durch Clemens Winkler entdeckt und als ´Germanium´ bezeichnet.

Fußnote 12: Auf der Solvay-Konferenz 1929 wurde die legendäre Einstein-Bohr-Debatte ausgetragen. Niels Bohr gelingt dabei die Verteidigung der Quantenphysik, weil er die Effekte der Relativitätstheorie berücksichtigte. Sowohl Zeitdilatation als auch Längenkontraktion bei der Bewegung einer Kugel ermöglichen die Unschärfe in Messungen des Quantenraums. Insofern sind Relativität und Unschärfe vergleichbare Phänomene. Dies führt zugleich zur These, dass überall dort, wo sich Gravitation ausbreitet und mechanische Gesetze ausdehnen, auch Quanteneffekte im Spiel sein müssen, die auf Grundlage relativistisch-mechanischer Formeln, d.h auf Grundlage von Wahrscheinlichkeiten, zu klären

Fußnote 13: Die Industrialisierung forderte mit ihrem Maschinenbau eine funktionierende Theorie von Energie und Wärme, um dem Abrieb und dem Verlust von Energie durch Wärme etwas entgegenzusetzen, – James Prescott Joule entdeckte die Wärmeäquivalenz zwischen mechanischer Energie und Wärmeenergie und Lord Kelvin formulierte daraus den Energieerhaltungssatz. Problem wurde durch gezielte Fragen konkretisiert und durch die Errungenschaften des Maschinenbaus unterstützt. – Ein weiteres anschauliches Exemplum liefert das von Kirchhoff formulierte Schwarzkörperproblem in der Physik, dessen Lösung wegen der modernen technologischen Entwicklung wie der Elektrizität wichtig wurde. So verändert sich den klassischen Gesetzen der Thermodynamik zufolge durch Erhitzen eines Körpers zugleich dessen Färbung entsprechend des Farbspektrums, jedoch müssten diese Körper bei bestimmten Temperaturen eine auftreffende Strahlung vollständig absorbieren und nur die Strahlung abgeben, die von ihnen selbst ausgehen, weswegen sie der klassischen Physik zufolge durchsichtig sein werden würden, was den bisherigen Erfahrungen widerspricht. Auf diese theoretischen Überlegungen formulierte Kirchhoff das sogenannte Schwarzkörperproblem formulierte, um auf eine universelle Strahlungsfunktion aufmerksam zu machen. Und war Max Planck gewesen, der zu diesem Problem schließlich die passende Frage entwarf, indem er die gegebenen Daten einfach empirisch interpretierte und so das konstante Wirkungsquantum h ermitteln ließ, mit dem sämtliche Strahlungsphänomene entschlüsselt und korrekt erklärt werden konnten. Strahlung wird dieser Theorie zufolge nicht kontinuierlich abgegeben, sondern in wohldosierten Energiepaketen, deren Frequenzen stets die Plancksche Konstante als gemeinsamen haben. Diese Hilfsgröße h löste den Widerspruch zwischen der klassischen, unzutreffenden Beschreibung der Strahlung und den Beobachtungen auf, denn es stellte sich heraus, dass es sich trotz oder gerade wegen seiner Obskurität hervorragend für die Erklärung weiterer Phänomene verwenden ließ – so zum Beispiel in Bohrs Atommodell, nach dem die Elektronen auf ihrer Orbitale um den Atomkern keinem kontinuierlichen Zufluss oder Entzug von Energie ausgesetzt ist, sondern die kleine Konstante h nur diskrete Energieniveaus zulässt und nur diese diskrete Energie auf die Elektronen übertragen werden kann, weswegen die Elektronen den Quantensprung springen. Die quantenmechanische Beschreibung von Strahlungsphänomenen kommt nicht aus dem Nichts, sondern ist unabwendbar, weil sie Erfahrungen und Aufzeichnungen ausgezeichnet beschreibt – nur wurde mit der gestellten Formulierung eine Lösung geradezu fixiert.

Hinsichtlich des modernen Stickstoffproblems im 19. Jahrhundert und seiner Lösung durch die Entwicklung der Ammoniaksynthese ewähnt Alwin Mittasch, ein Mitarbeiter der beiden Chemiker Fritz Haber und Carl Bosch, dass sämtliche Bemühungen um eine Synthese von Ammoniak ohne positives Resultat blieb und die empirische Forschung erst nach streng wissenschaftlicher Festlegung des theoretisch überhaupt Erreichbaren und den modernen technologischen Errungenschaften das gesteckte Ziel erreichen konnte, womit emsiger Zweckforschung über Jahrzehnte versagt geblieben war, was rationale Grundlagenforschung erreicht hatte (vgl. Geschichte der Ammoniaksynthese; S.63). Erst nachdem deutlich wurde, dass Stickstoffverbindungen von unschätzbaren industriellen Nutzen waren, hatte man sich um die Entwicklung der Ammoniaksynthese bemüht und durch zahlreiche Experimente schließlich jene Katalysatoren entdeckt, die bis heute Verwendung finden.

Fußnote 14: Sowohl Frege als auch Husserl schöpfen aus der gleichen philosophischen Quelle: sie beschäftigen sich beide jeweils mit Zeichen, mithin mit logischen oder mathematischen Zeichen im Sinne Bernard Bolzanos, – jedoch formuliert Frege seine Untersuchungen als Begriffschrift, Husserl als Phänomenologie. Sie ergänzen einander darin, dass sie von einer strengen Auffassung von Logik ausgehen und auf psychologische Erzählungen sowie metaphysisches Obskurantentum verzichten – ihre Haltung unterscheidet sich lediglich in ihrer transzendentalen beziehungsweise sachlichen Aufassung von Zeichen, denn Freges Logizismus interessiert sich nur für die rein formalen Aspekte der Wahrheit, die sich durch Sätze und Satzkonstellationen zeigen, wohingegen die Phänomenologie sprachliche Sätze selbst als Sache versteht. Während für Frege die logischen Zeichen transzendental sind und ihre Sinngenese durch die abstrakte logische Wahrheit gekennzeichet ist, erörtert Husserls Schüler Heidegger in den einleitenden Worten zu ´Sein und Zeit´ die Struktur der Seinsfrage dahingehend, dass sie ihre Sinngenese durch den historischen und sozialen Kontext erhält, in dem sich das Dasein aufhält, weswegen er nicht nach dem Sein selbst fragt, sondern nach den sinnhaften Bezügen des Seins – eine Struktur, die wesentlich von Aristoteles vorgezeichnet worden ist. Dass die Seinsfrage einer solch ausschweifenden Explikation bedarf, liegt Heidegger zufolge im besonderen Charakter des Seins. Heidegger fragt nicht: ´Was ist das Sein?´, denn damit wäre das Sein selbst zu einem Seienden gemacht, sondern er fragt hier vielmehr nach den sinnhaften Bezügen innerhalb dieses Seins und die Stellung des Daseins darin, wonach sich der Sinn einer Sache durch seinen Gebrauch erschließt. Dieser methodologische Umriss erinnert stark an jene syllogistischen Fragen, die Aristoteles in seinen zwei Analytiken skizziert, um sich von dialektischen Problemen abzugrenzen (vgl. Zweite Analytik; 77a). Dass im Gefragten – dem naiven Seinsverständnis – der Sinn von Sein als das eigentlich Erfragte verborgen sein soll, entspricht der aristotelischen Auffassung der Ersten Philosophie (vgl. Metaphysik; Buch I). Damit sich die Seinsfrage ordentlich stellen lässt, muss das menschliche Dasein, das sich hinsehend, forschend und verstehend auf seine Umwelt bezieht, in seinem Sein durchsichtig gemacht werden, womit der Mensch fest in diese Fragestruktur eingebunden wird. Mit der Verknüpfung von Dasein und Zeitlichkeit ist der Frage nach dem Sinn von Sein die Grenze vorgegeben, die einer Antwort den Weg bereiten soll. Mit dieser ausführlichen Erörterung distanziert sich Heidegger endgültig von der sachlosen und bloß formalen, transzendentalphilosophisch orientierten Problemgeschichte des Neukantianismus, von der er seit seiner phänomenologischen Schulung gewarnt hatte (vgl. Einführung in die phänomenologische Forschung; S.77f). Niemand verkörpert den Unterschied dieser beiden Positionen zur Sprache angemessener als Wittgenstein und sein Werdegang. In seinen jungen Jahren beschäftigte sich Wittgenstein mit der relationalen Form von Sätzen und und den Bedingungen der Darstellung logischer Sätze, zeichnet die Logik jedoch noch als transzendental aus, da sie aus Tautologien besteht, weswegen sie keine möglichen Gegenstände sein können und selbst unaussprechlich und schweigenswert werden, – hier vollzieht sich die alte kantianische Auffassung synthetischer Urteile a priori, die ihrem Grund nach unzugänglich sind und sich nur durch Äußerlichkeiten andeuten, und konsequenterweise verwendet Wittgenstein in seinem Tractatus den modus mathematicus, eine synthetische Darstellungsart, um diese Komplexität zu verdeutlichen. Bis dahin war Wittgenstein davon überzeugt, die Probleme der Philosophie gelöst zu haben – jedoch eröffnete ihm die Beschäftigung mit der Phänomenologie, insbesondere die die Lektüre von Heideggers ´Sein und Zeit´, einen neuen Blickwinkel auf die Sprache, und so äußerte er sich 1929 gegenüber dem Wiener Kreis, dass er sich sehr gut vorstellen könne, was Heidegger mit ´Sein´ und ´Angst´ meine, wo er doch sehe, dass der Mensch den Trieb habe, gegen die Grenzen der Sprache anzurennen, etwa wenn ein Erstaunen darüber geäußert wird, dass überhaupt existiert, denn hierzu lässt sich keine Frage ausprechen, zu der sich eine Antwort finden ließe, weswegen alles, was wir sagen, a priori nur Unsinn sein könne (vgl. Wittgenstein und der Wiener Kreis; 30. Dezember 1929). Es lässt sich feststellen, dass die Phänomenologie maßgeblich zur Entstehung der analytischen Philosophie beigetragen haben, insbesondere zum sprachpragmatischen Verständnis von Sätzen, deren Bedeutung durch ihren Gebrauch geklärt werden soll.

Fußnote 15: Scholastikerprobleme (Christian Morgenstern)

Wieviel Engel sitzen können
auf der Spitze einer Nadel –
wolle dem dein Denken gönnen,
Leser sonder Furcht und Tadel!

»Alle!« wirds dein Hirn durchblitzen.
»Denn die Engel sind doch Geister!
Und ein ob auch noch so feister
Geist bedarf schier nichts zum Sitzen.«

Ich hingegen stell den Satz auf:
Keiner! – Denn die nie Erspähten
können einzig nehmen Platz auf
geistlichen Lokalitäten.

II

Kann ein Engel Berge steigen?
Nein. Er ist zu leicht dazu.
Menschenfuß und Menschenschuh
bleibt allein dies Können eigen.

Lockt ihn dennoch dieser Sport,
muß er wieder sich vererden
und ein Menschenfräulein werden
etwa namens Zuckertort.

Allerdings bemerkt man immer,
was darin steckt und von wo –
denn ein solches Frauenzimmer
schreitet anders als nur so.

 

Fußnote 17: Gibt es einen Gott? (Bertolt Brecht)

Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe.

Herr K. sagte: „Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde.
Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallen lassen.

Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, dass ich dir sage, du hast dich schon entschieden:
Du brauchst einen Gott.

 

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