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Inhaltsverzeichnis

 

Editorische Notiz

Machiavelli ´Der Fürst´

I. Wie viele Herrschaftsformen es gibt und auf welche Weise sie erworben werden

II. Von erblichen Fürstentümern

III. Von gemischten Fürstentümern

IV. Warum das Reich des Darius von Alexander erobert wurde und sich nach seinem Tod nicht gegen seine Nachfolger aufgelehnt hat

V. Auf welche Weise man Städte und Staaten regieren muss, die vor ihrer Eroberung nach ihren eigenen Gesetzen gelebt haben

VI. Von den neuen Prinzipaten, die man durch eigene Waffen und Virtuosität erwirbt

VII. Von den neuen Prinzipaten, die man durch fremde Waffen und durch Fortuna erwirbt

VIII. Vom Erwerb eines Prinzipats durch Verbrechen

IX. Von der Volksherrschaft

X. Wie sich die Stärke von Prinzipaten messen lässt

XI. Von kirchlichen Fürstentümern

XII. Von den Heeresarten und von den Söldnern

XIII. Von Hilfstruppen, gemischten Truppen und eigenen Truppen

XIV. Was ein Princeps hinsichtlich seines Militärs zu berücksichtigen hat

XV. Über diejenigen Sachen, für die Menschen und vor allem Principes Lob oder Tadel verdienen

XVI. Von der Freigebigkeit und Sparsamkeit

XVII. Von der Grausamkeit und Milde und ob es besser ist, geliebt oder gefürchtet zu werden

XVIII. Von der Freigebigkeit und Sparsamkeit

XIX. Dass man sich vor Verachtung und Hass hüten muss

XX. Ob Festungsbau und viele andere Maßnahmen für Principes nützlich oder schädlich sind

XXI. Wie sich ein Princeps benehmen muss, um sich Ansehen zu verschaffen

XXII. Über die Minister der Principes

XXIII. Wie man vor Schmeichlern flieht

XXIV. Warum die Principes Italiens ihre Staaten verloren haben

XXV. Was Fortuna in menschlichen Angelegenheiten leistet und auf welche Weise man ihr begegnen kann

XXVI. Aufruf zur Befreiung Italiens von den Barbaren

Fußnoten

Literaturverzeichnis

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Editorische Notiz

Der Principe floss aus der Feder von Niccolò Machiavelli. In diesem Werk skizziert der weitgereiste florentiner Politiker und Schriftsteller die Instrumente der Machtergreifung und des Machterhalts in einer feindlichen politischen Umwelt.

Die Entstehung des Principe ist vor dem komplexen Hintergrund der italienischen Kriege des beginnenden 16. Jahrhunderts zu sehen, als europäische Großmächte ihren hegemonialen Anspruch gewaltsam umsetzen wollten und die Apenninhalbinsel mit diplomatischen Intrigen und Krieg überzogen. Gleich zwei Päpste, Alexander VI. und Julius II., benannten sich nach großen Imperatoren der Geschichte: Alexander dem Großen und Julius Caesar. In dieser unübersichtlichen Zeit wurde Machiavelli zum Außen- und Verteidigungssekretär von Florenz gewählt. Jahrelang führte er Unterredungen mit Fürsten, inspizierte Festungen und Armeen, beteiligte sich am politischen Leben der Republik – und wurde dafür nach einem Machtwechsel gefoltert und ins Exil verbannt. Die Summe seiner praktischen Erfahrungen sind daher von erschreckender Sachlichkeit: sofern man Handlungen am Erfolg bemisst, müssen Herrscher hintersinnig, unehrlich und manchmal sogar tyrannisch sein. Mit diesen Ratschlägen steckt Machiavelli den Rahmen seiner politischen Philosophie ab, dem sprichwörtlich gewordenen Machiavellismus.

Die vorliegende Übersetzung steht unter dem Anspruch, sprachliche Verhüllungen aufzudecken, um die Gedankengänge Machiavellis möglichst exakt wiederzugeben. Der Stil des Principe zeugt zwar von ausgesprochener Präzision und äußert sich häufig in kurzen Maximen, die wissenschaftliche Sicherheit vermitteln, bedient sich aber zugleich einer Prosa, die zahlreiche Andeutungen versteckt hält. Durch einen gepflegten Bezug zur originären Sprache sollen Bedeutungsebenen eröffnet werden werden. Machiavelli war der erste, der auf Italienisch über das Staatswesen schrieb, und musste viele Begriffe erst schaffen, um seine Gedanken formulieren zu können. Und in vergleichbarem Maß mangelt es der deutschen Sprache an geeigneten Entsprechungen.

Die Übersetzungen des 19. Jahrhunderts und der Folgezeit zeichnen sich hauptsächlich dadurch aus, dass sie nicht nur unzeitgemäß, sondern vor allem unsachgemäß sind, weil sie realistischen Inhalt und das rustikale Italienisch der Renaissancezeit in die eine intellektuell verklärende Sprache zwängen wollen, womit der Inhalt gleichsam purgiert, entschärft und abgeschwächt wird. Diese Schwäche wird insbesondere bei den termini technici der politischen Philosophie von Machiavelli deutlich und zeigt sich bereits beim eigentlichen Untersuchungsgegenstand des Werks: den ´Prinzipaten´, da mit ihnen mehr als nur Fürstentümer gemeint sind – das Prinzipat war die Herrschaftsform des alten römischen Imperiums und beruft sich auf jenen Kaiser Augustus, der wegen seiner marmornen Regierungsführung für viele nachfolgende Herrscher zum Vorbild werden sollte. Seinerzeit behielt das Imperium die alten republikanischen Institutionen zwar bei, allerdings vereinigte der Herrscher alle Gewalten in seiner Person, weswegen er nicht als König (´rex´) regierte, sondern als der einflussreichste Bürger (´Princeps´). Der ´principe´ entspricht folglich vielmehr einem Princeps, als das er bloß aristokratischer Fürst wäre, – dies entspricht auch dem ursprünglichen Titel des Werks: De Principatibus. Und in diesem Sinn spricht Machiavelli über jede Form von Alleinherrschaft. – In vergleichbarer Weise wird der Terminus ´virtù´ häufig im Sinne des alten griechischen ἀρετή (Arete) als ´Tüchtigkeit´ oder sogar als ´Tugend´ übertragen, – dabei zeichnet sich Machiavellis Princeps weniger dadurch aus, dass er von Aristoteles´ Tugendbegriff oder anderen moralischen Begriffen geleitet wird, sondern vielmehr durch seinen Willen zur Macht und vor allem dadurch, dass er stark, fähig oder eben virtuos genug ist, diesen Willen zur Geltung zu bringen. Das Wort ´la virtù´ leitet sich vom lateinischen Wort ´vir´ her und verkörpert demnach männliche Attribute. Die Bezeichnung ´Fortuna´ hingegen lässt in Machiavellis Philosophie einige allegorische Anzüglichkeiten und literarische Weiblichkeit durchblicken, die durch strenge Übersetzungen in in neutrale Wörter wie ´Glück´ oder ´Schicksal´ nur verhüllt wird, – so ist Fortuna für ihn eine Frau, ´die man halten, schlagen und unterwerfen muss´ und daher ´stets Gespielin der Jungen, weil sie minder bedächtig und wilder sind und ihr mit größerer Kühnheit begegnen´ (vgl. Kapitel Fünfundzwanzig). Schon Petrarca befasst sich mit dem Widerspiel zwischen Virtù und Fortuna, für ihn besitzt Fortuna einen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte, ohne jedoch irgendeine berechenbare Notwendigkeit erkennen zu lassen. Und wie Petrarca diesen Weg vorzeichnet, bedient sich auch die machiavellistische Prosa der Spannung zwischen dem männlichen ´Virtù´ und der weiblichen ´Fortuna´ – dieses Widerspiel gibt seiner politischen Philosophie eine gewisse Grundstruktur.

Jede Übersetzung sieht sich vor das Problem gestellt, dass die exakte Transportierung des Inhalts von der einen Sprache in eine andere nahezu unmöglich ist. Ein Übersetzer sieht sich daher dazu genötigt, kreativ zu sein, – er muss diese Freiheiten nutzen, um den inhaltlichen oder sprachlichen Besonderheiten des Ursprungstextes gerecht zu werden. Aus den genannten Gründen ist die vorliegende Übersetzung generös im Umgang mit italienischen Lehnwörtern, sofern es den Lesefluss nicht stört. Interpunktionen und Einschiebungen sind so gewählt, dass sie Sinneinheiten herstellen und in einen harten, schlagenden Duktus packen.

Machiavelli hat den ´Principe´ als kurze Zweckschrift verfasst, sozusagen als Empfehlung. Das Werk soll einen Machthaber von den Erfahrungen und Fähigkeiten des früheren florentinischen Staatssekretärs überzeugen. Er selbst plädierte wohl weder für einen Diktator, der sich durch Gewalt zum Herrscher macht, noch die Republik, die die Bevölkerung allein entscheiden lässt, sondern neigt zu einem gewählten Diktator.

Textgrundlage des italienischen Textes ist die Version von 1812.

 

Die Appeninhalbinsel zu Beginn der Italienischen Kriege (1494)

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NICCOLÒ MACHIAVELLI

AN MAGNIFICO LORENZO DI PIERO DE‘ MEDICI1

Es pflegen zumeist diejenigen, die bei einem Fürsten um Gunst verlangen, sich ihm mit solchen Dingen zu nähern, die ihnen selbst am kostbarsten sind oder an denen sie sehen, dass er sich am meisten darüber freut. Deshalb werden ihm häufig Pferde, Waffen, Goldstoff, edle Steine und ähnlicher Schmuck überreicht, die Eurer Hoheit würdig sei.

Indem nun auch ich Eurer Hoheit irgendein Zeugnis meiner Ergebenheit widmen möchte, finde ich unter meinem Besitz nichts, was mir lieber und geschätzter wäre, als die Erkenntnis der Handlungen wichtiger Menschen, wie sie von mir durch lange Erfahrung der neuen und stete Betrachtung der alten Zeit erlernt wurden, und die ich lange und mit großem Fleiß durchdacht und untersucht habe und die ich jetzt in einem kleinen Band Eurer Hoheit überreiche. Und obwohl ich dieses Werk unwürdig für eine solche Person halte, vertraue ich doch zur Genüge darauf, dass es eure Milde mit Rücksicht darauf akzeptiert, dass ich Ihnen kein größeres Geschenk zukommen lassen kann, als die Möglichkeit, all dasjenige in kürzester Zeit überblicken zu können, was ich in so viel Jahren und unter so vieler eignen Gefahren und Mühen erkannt und beherzigt habe. Ich habe dieses Werk weder mit einer Fülle weitläufiger Reden geschmückt, noch mit hochtrabenden und prächtigen Worten oder mit anderem Prunk aufwändiger Verzierungen, womit so manche ihre Sachen zu schreiben und zu ornamentieren pflegen, weil ich wollte, dass es sich durch die Vielseitigkeit seines Inhalts und die Wahrheit des Gegenstands allein ansprechend macht.

Auch möge es nicht als Anmaßung verrufen werden, wenn ein untergeordneter Mann von niedrigem Stand es wagt, die Regierungen der Principes zu dis­kutieren und zu regulieren, denn wie sich Landschaftszeichner niedrig in die Ebene stellen, um die Natur der Berge und Höhen zu erkennen, jedoch den Stand­punkt auf Bergen und in der Höhe nehmen, wenn sie die Ebenen betrachten wollen, so muss man auch, um die Natur der Völker angemessen zu erkennen, Fürst sein; und man muss ein Mann des Volkes sein, um die der Principes gut zu erkennen

Nehmt Eure Hoheit dieses kleine Geschenk in dem Sinne an, in dem ich es Euch überreiche. Wenn Ihr es fleißig beherzigt und lest, wird Ihnen darin mein eifrigster Wunsch sichtbar, dass Sie die Größe erreichen mögen, die Ihnen sowohl Fortuna als Ihre übrigen Eigenschaften versprechen. Und wenn Eure Hoheit manchmal vom Gipfel ihrer Höhe zu diesen Niederungen hinabschaut, wird er einsehen, wie ungerechtfertigt ich eine große und dauer­hafte Laune der Fortuna zu ertragen habe.

 

ERSTES KAPITEL

Wie viele Herrschaftsformen es gibt und auf welche Weise sie erworben werden

 

Alle Staaten, alle Herrschaft, die über die Menschen regiert haben oder noch regieren, waren und sind entweder Republiken oder Fürstentümer.

Die Fürstentümer sind entweder erblich, in denen das Herrschergeschlecht schon lange regiert, oder sie sind neu.

Die neuen sind entweder gänzlich neu, wie Mailand unter Francesco Sforza2, oder sie werden als Gliedstaaten desjenigen Herrschers verbunden, der sie erwirbt, so wie dem König von Spanien das Königreich von Neapel3. Die so erworbenen Landstriche sind entweder schon daran gewöhnt, unter einem Herrscher zu leben, oder sie sind frei; und man erobert sie entweder mit fremder oder mit eigener Waffengewalt, entweder durch Fortuna oder durch Virtuosität.

 

ZWEITES KAPITEL

Von erblichen Fürstentümern

 

Ich will die Betrachtung der Republiken beiseite lassen, weil diese an anderer Stelle ausführlicher behandelt werden4. Ich wende mich einzig den Fürstentümern zu und werde in der oben angegebenen Reihenfolge zu zeigen versuchen, wie man dieses verwalten und behaupten kann.

Ich sage, dass ererbte Staaten, die an ein Herrschergeschlecht gewöhnt sind weitaus weniger schwer zu behaupten sind als die neuen: es genügt bereits, dass man die Staatsordnung seiner Vorfahren weiterführt und sich dann der entsprechenden Zeitverhältnisse anpasst. So gesehen wird sich ein solcher Herrscher, auch wenn er nur gewöhnliche Fähigkeiten hat, immer in seinem Staat behaupten, sofern nicht eine außerordentliche und übergewaltige Macht ihn darum bringt; doch selbst wenn er darum gebracht wird, erhält er ihn durch das geringste Missgeschick der Okkupanten wieder zurück. Wir haben in Italien das Beispiel am Herzog von Ferrara5, der den Einfällen der Venezianer im Jahr 14846, und denen von Papst Julius II.7 im Jahr 1510 nur deshalb widerstehen konnte, weil er in diesem Gebiet alter Landesherr war.

Weil der Erbfürst geringeren Anlass zur Härte hat, deswegen muss er mehr geliebt werden. Und wenn er sich nicht durch ungewöhnliche Laster verhasst macht, so ist es der Vernunft gemäß, dass seine Untertanen ihm von Natur aus gewogen sind. Dazu erlischt im Alter und der Dauer einer Herrschaft das Gedächtnis der Neuerungen sowie der Gründe dazu, denn eine Veränderung gibt immer Anstoss zu weiteren Veränderungen.

 

DRITTES KAPITEL

Von gemischten Fürstentümern

 

Bei einem neuen Fürstentümern hingegen bestehen Schwierigkeiten. Sie entstehen, wenn nicht alles neu ist, sondern nur teilweise, dass man ihn gewissermaßen vermischt nennen kann. diese Variationen entstehen vornehmlich in einer natürlichen Schwierigkeit, die allen neuen Fürstentümern eigen ist, denn die Menschen wechseln ihre Herren, wenn sie ihre Lage zu verbessern glauben, und dieser Glaube lässt sie zu den Waffen greifen. Aber sie täuschen sich, weil die Erfahrung zeigt, dass sie ihre Lage nur verschlechtert haben.

Dies ist die Folge einer anderen, natürlichen und gewöhnlichen Notwen­digkeit, die sich stets denjenigen aufdrängt, die neue Fürsten werden: dass sie diejenigen mit Heerscharen und unendlich vielen anderen Gewaltakten schinden müssen, die sich in Neuerwerbungen herumtreibt. So machst du dir all diejenigen zu Feinden, die du durch deine Eroberungen geschadet hast, und du kannst auch diejenigen nicht zu deinen Freunden zählen, die dich hineinbefördert haben, weil du sie nicht in der Weise befriedigen kannst, wie sie sich das vorgestellt haben, und da du ihnen verpflichtet bist, kannst du keine starken Mittel gegen sie einsetzen. Denn auch wenn man noch so stark durch seine Armee ist, so muss man doch das Wohlwollen der Einwohner haben. Aus diesen Gründen eroberte der König von Frankreich Ludwig XII.8 Mailand schnell und schnell verlor er es wieder. Das erste Mal genügten die eigenen Streitkräfte des Ludovico Sforza9, um es ihm wieder abzunehmen, denn die gleichen Leute, die ihm mit der Hoffnung auf künftiges Wohlergehen die Tore geöffnet hatten, sahen sich betrogen und konnten die Härte des neuen Gebieters nicht ertragen.

Es ist wahr, dass wenn rebellische Länder zum zweiten Mal erobert werden, nicht so leicht wieder verloren gehen, weil der Herrscher die Rebellion zur Gelegenheit nimmt, seine Macht durch Aufspüren der Verdächtigen, durch Bestrafung der Schuldigen und durch Stärkung der eigenen Schwachpunkte rücksichtslos abzusichern. Um Mailand den Franzosen das erste Mal wieder zu entreißen, musste Herzog Lodovico an den Grenzen lediglich Unruhe stiften; um Mailand den Franzosen das zweite Mal zu entreißen, musste er die ganze Welt aufbieten10, bis ihre Armeen vernichtet oder aus Italien verjagt waren. Dies ergibt sich aus den oben aufgeführten Gründen. Dennoch verloren die Franzosen Mailand zwei Mal. Die allgemeinen Gründe für das erste Mal sind bereits besprochen worden. Bleiben nur noch die zweiten Gründe, und zwar welche Hilfsmittel er hatte und welche Mittel derjenige haben muss, der sich bei seinen Eroberungen besser behauptet als der König von Frankreich.

Ich behaupte deshalb, dass diejenigen Staaten, die bei einer Eroberung einem bestehenden Staat angegliedert werden, entweder demselben Land oder derselben Sprache angehören oder nicht. Im ersten Fall besteht eine große Leichtigkeit, sie zu behaupten, besonders wenn die Menschen nicht an freies Leben gewöhnt sind, und um sie sicher zu behaupten, genügt es, das bisherige Herrschergeschlecht unschädlich gemacht zu haben. Sofern man der Bevölkerung seine alten Lebensumstände lässt und keine Sittenverschiedenheit vorherrscht, wird sie sich ruhig verhalten, wie man es in Burgund, Bretagne, Gascogne und der Normandie sieht11, die so lange bei Frankreich geblieben waren. Denn auch wenn die Sprache etwas abweicht, so sind doch ihre Sitten ähnlich, weswegen sie sich leicht zusammenfügen. Ein Eroberer muss zweierlei vor Augen haben: erstens muss das alte Herrschergeschlecht unschädlich gemacht werden und zweitens darf nichts an ihren Gesetzen und Steuern geändert werden; binnen kürzester Zeit entsteht zusammen mit dem alten Staat ein einheitlicher Körper.

Werden jedoch Staaten in einem Gebiet erworben, das an Sprache, Sitten und Gesetzen ungleichartig ist, da finden sich Schwierigkeiten und es bedarf großer Fortuna und großer Geschicklichkeit, um sie zu behaupten. Und eines der besten und wirksamsten Mittel wäre es, wenn der Eroberer seine Residenz dorthin verlegen würde.

Dies würde einen solchen Besitz weit sicherer und dauerhafter machen, wie es der Türke in Griechenland hielt12, der mit allen seinen Maßnahmen die Neuerwerbung nicht hätte halten können, wenn er nicht selbst dort seine Residenz genommen hätte. Denn wenn man da ist, kann man die Unruhen keimen sehen und dagegen schleunigst etwas unternehmen; wohnt man jedoch nicht da, erfährt man davon erst, wenn sie ausgewachsen sind und wenn es kein Mittel mehr dagegen gibt. Zudem kann das Gebiet von den eigenen Beamten ausgeplündert werden. Die Untertanen sind froh darüber, den Herrscher in ihrer Nähe zu wissen, sie werden häufiger Anlass finden, ihn zu lieben, und wenn dies nicht der Fall ist, werden sie Anlass finden, ihn zu fürchten. Auch ein fremder Eroberer wird sich scheuen, ein solches Land anzugreifen, denn solange der Fürst darin wohnt, kann es ihm nur mit äußerster Schwierigkeit wieder entrissen werden.

Das zweitbeste Mittel ist, an einigen Orten Kolonien anzulegen, die für dieses Land gleichsam wie Fesseln wirken. Entweder muss man dies tun oder eine starke Streitmacht darin halten. Kolonien verursachen keine oder nur wenig Kosten; man gründet sie und unterhält sie ohne großen Aufwand, und man kränkt nur diejenigen, denen man Felder und Häuser wegnimmt, um sie den neuen Bewohnern zu geben, die von jenem Staat nur einen sehr geringen Bestandteil ausmachen. Diejenigen, denn er dadurch Unrecht tut, bleiben arm und wohnen verstreut und können ihm niemals schaden; alle anderen bleiben ungekränkt zurück und ruhig, auch hüten sie sich vor Verfehlungen aus Furcht, damit es ihnen nicht so ergehe wie denen, welche man beraubt hat. Daraus ergibt sich, dass diese Kolonien keine Kosten verursachen, treuer sind und die Bevölkerung nicht kränken, zudem sind die Unterdrückten arm, zerstreut und unschädlich, wie ich schon ge­sagt habe. Es ist daher zu bemerken, dass Menschen entweder freundlich zu behandeln oder sie aufzureiben hat, da sie sich aufgrund geringfügiger Kränkungen rächen, bei schweren sich aber nicht rächen können. Die Kränkung, die man einem Menschen zufügt, muss von der Art sein, dass man seine Rache nicht zu fürchten hat.

Haltet Ihr statt Kolonien ein stehendes Heer, so kostet das ungleich viel mehr, denn man benötigt alle Einkünfte des eroberten Staates zu dessen Bewachung, wodurch der Erwerb zum Verlust wird. Die Kränkung wird vermehrt, weil man das ganze Volk durch die ständigen Umquartierungen des Heeres in Mitleidenschaft zieht, was jeder als Last empfindet und weswegen jedermann zum Feind wird; und war sind dies Feinde, die ihm schaden können, weil sie mit ihrem Hass in ihren alten Häusern bleiben. Daher ist diese Art der Bewachung in jedweder Hinsicht unnütz, wie die Kolonien nützlich sind.

Wer ein ungleichartiges Land erobert, der muss sich zum Oberhaupt und Verteidiger der kleineren Nachbarfürsten machen und die Mächtigeren schwächen. Er muss verhindern, dass nicht zufällig ein Fremder in die Provinz gerät, der ebenso stark ist wie er selbst. Es kann jederzeit geschehen, dass ein solcher von den Unzufriedenen des Landes entweder aus großem Ehrgeiz oder aus Furcht herbeigerufen wird: so riefen damals die Ätoler die Römer nach Griechenland und in allen eroberten Ländern wurden sie durch Einheimische hineingebracht. Es ist der Lauf der Dinge, dass, sobald ein mächtiger Fremder ein Land betritt, sich ihm alle minder Mächtigen anbiedern, aus Missgunst gegenüber demjenigen, der bisher über sie geherrscht hat. Er kostet ihn keine große Mühe, diese minder Mächtigen für sich zu gewinnen, denn sie machen gerne mit dem Staat, den Ihr erworben habt, gemeinsame Sache. Nur wird er bedenken müssen, dass sie sich nicht zu viel Stärke und Autorität nehmen, doch durch seine Macht und ihre Gunst wird er die Mächtigen leicht klein halten, um im gesamten Land selbst oberster Spielmacher zu bleiben. Wer diesen Teil nicht versteht, wird bald verlieren, was er zuvor erworben hat, und solange es Ihr Boden ist, haben Sie grenzenlose Schwierigkeiten und Mühen.

Die Römer achteten in den eroberten Provinzen gut auf diese Dinge. Sie gründeten Kolonien und verpflichteten die weniger Mächtigen, ohne ihre Gewalt zu verstärken; sie erniedrigten die Mächtigen und verhinderten den Einfluss auswärtiger Potentaten. Als einziges Beispiel soll mir die Provinz Griechenland genügen13: die Achäer und die Ätoler wurden von den Römern unterstützt, das Königreich Mazedonien erniedrigt, Antiochus vertrieben. Selbst die Anstrengungen der Achaier oder Ätoler konnten nicht bewirken, dass die Römer eine Vergrößerung ihres Staates erlaubten; auch die Überredungskünste Philipps verleiteten sie keineswegs, mit ihm Freundschaft zu schließen, ohne ihn gleichzeitig unter Kontrolle zu halten; ebenso konnte Antiochus mit seiner Macht nicht erreichen, in jener Provinz sein Reich zu behalten. Die Römer taten in diesem Fall das, was alle klugen Principes tun müssen: sie dürfen nicht nur auf gegenwärtige Unruhen ihre Rücksicht nehmen, sondern müssen auch die zukünftigen bedenken und diesen mit aller Kraft begegnen. Denn was man schon lange vorhersieht, dem kann man leicht vorbeugen; aber wenn man wartet, bis die Krankheit unheilbar geworden ist, dann hilft keine Arznei mehr. Es verhält sich wie mit der Schwindsucht, die den Ärzten zufolge am Anfang der Krankheit leicht zu heilen und schwer zu erkennen ist, jedoch im Laufe der Zeit, wenn man sie anfangs weder erkannt noch behandelt hat, leicht zu erkennen und schwierig zu heilen wird. Ebenso geht es auch in der Politik: hat man die im Staat entspringenden Übel von weitem erkannt, wozu nur ein umsichtiger Kopf fähig ist, so heilt man sie bald; lässt man sie aber aus Unkenntnis wachsen, bis jeder sie erkennt, so gibt es keine Hilfe mehr dagegen. Die Römer sahen diese Störungen jedoch schon von weitem und haben diese stets beseitigt und niemals auswachsen lassen, nur um einem Krieg zu entgehen, denn sie wussten genau, dass man einen Krieg zum Vorteil des Feindes nicht entgeht, sondern nur aufschiebt, und darum wollten sie Krieg mit Philipp und Antiochus in Griechenland, um nicht mit ihnen in Italien kämpfen zu müssen. Sie konnten in diesem Augenblick sowohl das eine wie das andere vermeiden, wollten es aber nicht; ihnen missfiel das, was die Besserwisser unserer Tage stündlich im Munde führen: man solle die Gaben der Zeit genießen. Nur ihre Virtuosität und Vorsicht war entscheidend. Denn die Zeit treibt alles vor sich her und kann Gutes wie Böses, Böses wie Gutes in gleichem Maße mit sich führen.

Aber kommen wir auf Frankreich zurück und untersuchen, ob es einen der oben genannten Maßnahmen beachtet hat. Ich möchte von Ludwig XII. und nicht von Karl VIII.14 sprechen, weil er sich länger in Italien gehalten hat und man seinen Gang leichter nachvollziehen kann. Es wird einem in die Augen springen, wie er das Gegenteil von allen Dingen getan hat, die zur Behauptung eines ungleichartigen Staates nötig sind.

König Ludwig wurde durch den Ehrgeiz der Venezianer, sich das halbe lombardische Reich einzuverleiben, nach Italien eingeladen. Weder tadle ich diesen Einfall noch das Unternehmen des Königs, denn da er in Italien Fuß fassen wollte und keine Freunde in dieser Provinz besaß, vielmehr alle Türen durch König Karls Verhalten verschlossen waren, sah er sich genötigt, jedes mögliche Bündnis zu schließen. Und dieses Vorhaben hätte von Erfolg gekrönt sein können, wenn er auf seinen weiteren Schritten nicht den einen oder anderen Fehler begangen hätte. Mit Eroberung der Lombardei verdiente sich der König sogleich jene Reputation wieder, um das Karl ihn gebracht hatte. Genua gab nach, die Florentiner wurden ihm Freunde, der Markgraf von Mantua, Herzog Ferrara, die Bentivogli, die Frau von Forli, Herren von Faenza, Pesaro, Rimini, Camerino, Piombino, Luecheser, Pisaner, Saneser. Sie gingen ihm alle entgegen und wollten seine Freunde werden. Jetzt konnten die Venezianer die Unvorsichtigkeit ihres Schrittes einsehen, dass sie, um sich in der Lombardei zwei Städte anzueignen, den König von Frankreich zum Oberherren von zwei Dritteln Italiens gemacht hatten.

Man beachte nun, mit wie weniger Mühe der König in Italien seinen Ruf hätte behaupten können, wenn er die oben genannten Regeln berücksichtigt und all jene Freunde sichergestellt und sie verteidigt hätte. Weil sie schwach und doch so viele waren und teils die Kirche, teils Venedig zu fürchten hatten, mussten sie für immer auf seiner Seite bleiben. Mit ihnen hätte er sich gegen jeden anderen Mächtigen behauptet. Allerdings war er kaum nach Mailand gekommen, tat er schon das Gegenteil, da er Papst Alexander15 bei der Eroberung der Romagna half. Bei diesem Entschluss bemerkte er nicht, dass er sich dadurch selbst schwächte und sich seine Freunde von ihm ent­fernten, und dass er zudem die Kirche vergrößerte, der er zur geistlichen Macht, die ihr bereits große Autorität gibt, noch so viel weltliche hinzufügte. Und nachdem er den ersten Fehler begangen hatte, war er gezwungen fortzufahren. Um den Ehrgeiz des Alexander in seine Schranken zu weisen, da­mit dieser nicht zum Herr der Toskana wird, musste er selber nach Italien. Und es war noch nicht genug, dass er die Kirche groß gemacht und sein Freunde verprellt hatte: um sich Neapel anzueignen, teilte er es mit dem König von Spanien. Während er der bislang alleinige Herr Italiens war, setzte er sich einen Mitregenten an die Seite und gab damit Ehrgeiz und Unzufriedenheit in diesem Gebiet einen Vorschub. Und obwohl er im Land einen ihm hörigen König lassen konnte, entfernte er diesen und ersetzte ihn durch einen, der ihn vertreiben konnte.

Eroberungssucht ist ein natürliches und weitverbreitetes Verlangen. Stets werden Eroberer gelobt und nicht getadelt. Doch wenn sie nicht das Vermögen hierfür besitzen, es aber doch probieren, ist das ein tadelswerter Fehler. Wenn Frankreich mit eigenen Mitteln hätte Neapel überfallen können, so hätte es dies tun müssen; wäre es dazu nicht imstande gewesen, dann hätte es Neapel nicht teilen dürfen. Die Teilung der Lombardei mit Venedig entschuldigt sich dadurch, als dass er dadurch in Italien Fuß fasste; die Teilung Neapels hingegen verdient Tadel, weil diese Notwendigkeit nicht bestand.

So beging Ludwig XII. diese fünf Fehler: die minder Mächtigen wurden entledigt, die Macht eines Mächtigen vergrößert, ein mächtiger Fremder wurde ins Land geholt, die Residenz ist nicht dorthin verlegt worden und er gründete auch keine Kolonien. Selbst diese Fehler hätten ihm zu seiner Lebzeiten nicht schaden können, wenn er nicht noch den sechsten begangen hätte: dass er den Venezianern ihren Besitz raubte. Hätte er weder die Kirche vergrößert, noch Spanien nach Italien geführt, so wäre Venedigs Er­niedrigung wohl nötig und vernünftig gewesen, aber nachdem diese Schritte bereits vollzogen waren, hätte er in den Untergang Venedigs nie einwilligen dürfen. Solange Venedig mächtig geblieben war, hätten andere von einem Angriff auf die Lombardei abgesehen, teils weil die Venezianer es nicht geduldet hätten, wenn sie nicht selbst Herren geworden wären, teils weil die anderen dieses Gebiet nicht Frankreich entreißen wollten, um es den Venezianern zu geben. Und um beide Mächte zu bekriegen hätte ihnen der Mut gefehlt.

Sollte nun einer einwenden, dass König Ludwig sowohl die Romagna an Alexander als auch Neapel an Spaniern übergeben wollte, um einem Krieg zu entgehen, so muss ich mit den oben genannten Gründen antworten: dass man, um einen Krieg zu vermeiden, nie einer Unordnung Raum geben darf, weil der Krieg damit nicht vermieden, sondern vielmehr zu eigenem Nachteil weiter hinausgeschoben wird. Und wenn andere sich darauf berufen, dass der König dem Papst sein Wort gegeben hat, die Romagna als Gegenleistung für die Scheidung seiner Ehe und die Kardinalswürde für den Erzbischof von Rouen zu erobern, so antworte ich damit, was ich später über über die Versprechen der Principes und wie sie eingehalten werden zu bemerken habe.

Deshalb hat König Ludwig die Lombardei verloren, weil er keine der Regeln befolgte, welche von anderen befolgt wurden, die ein Gebiet erobert hat­ten und sich darin behaupten wollten. Und dies ist nicht verwunderlich, sondern vielmehr allzu natürlich. Ich sprach darüber in Nantes mit dem Kar­dinal von Rouen, als Valentino (wie man gewöhnlich den Cesare Borgia, den Sohn von Papst Alexander nannte) die Romagna einnahm16. Als mir der Kardinal sagte, dass die Italiener nichts von Kriegskunst verstehen, so entgegnete ich, dass die Franzosen sich nicht auf den Staat verstehen, weil sie sonst die Kirche nicht hätten so mächtig werden lassen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Macht der Kirche in Italien und die von Spanien von Frankreich abhängig war und der Untergang Frankreichs von denselben initiiert worden war. Daraus lässt sich eine Regel ableiten, die nie oder nur selten trügt: wer einen anderen mächtig macht, stirbt. Denn diese Macht ist von ihm entweder durch Tüchtigkeit oder Gewalt geschaffen worden, und beides ist dem verdächtig, der mächtig wird.

 

VIERTES KAPITEL

Warum das Reich des Darius17 von Alexander18 erobert wurde und sich nach seinem Tod nicht gegen seine Nachfolger aufgelehnt hat

 

Hinsichtlich der Schwierigkeiten, die bei der Erhaltung von neu erworbenen Staaten eintreten, könnte es einen vielleicht verwundern, wie es dazu kam, dass Alexander der Große in nur wenigen Jahren zum Herr von Asien wurde und kurz nach seinen Eroberungszügen starb, ohne dass das ganze Reich zerfiel. Im Gegenteil behaupteten sich seine Nachfolger darin und hatten keine anderen Schwierigkeiten als diejenigen, sie sie sich untereinander machten.

Hierauf antworte ich, dass alle Prinzipate, die aus der Geschichte be­kannt sind, auf zweierlei Arten verwaltet werden: entweder durch einen Princeps und alle anderen sind seine Bediensteten, die auf Grundlage seiner Gnade und Erlaubnis sein Reich verwalten, oder durch einen Princeps und Barone, die sich nicht durch Gnade des Herrn, sondern sich durch das Alter ihres Stammbaumes behaupten. Diese Barone haben eigene Herrschaftsgebiete und eigene Untergebene, die sie als Herren anerkennen und von Natur aus zugetan sind. In jenen Staaten, die von einem Fürsten und seinen Knechten verwaltet werden, hat der Fürst größeres Ansehen, weil niemand in seinem ganzen Reich ein anderes Oberhaupt anerkennt, und wenn doch, dann nur deshalb, weil er Minister oder Beamter ist. Man hegt ja keine persönliche Zuneigung zu ihm.

Beispiele dieser beiden Regierungsarten in unserer Zeit ist der Türke und der König von Frankreich. In der türkischen Monarchie wird der Staat von einem einzigen Herrn regiert und alle anderen sind seine Knechte. Er teilt sein Reich in Sandschaks ein und schickt verschiedene Verwalter dorthin, die er versetzt und ablöst, wie es ihm gefällt. Der König von Frankreich dagegen befindet sich inmitten einer alten Schar von Herren, die bei ihren Untertanen beliebt sind. Sie genießen Vorrechte, die ihnen der König nicht gefahrlos entreißen kann. Nimmt man beide Staaten in Augenschein, so wird man feststellen, dass das Türkenreich schwierig zu erobern ist, – wenn es jedoch erstmal bezwungen wird, kann man sich leicht darin behaupten.

Die Ursachen der Schwierigkeit bei der Eroberung des Türkenreiches bestehen darin, dass der Eroberer nicht von der Aristokratie dieses Reichs gerufen werden kann und auch nicht darauf hoffen kann, durch eine Geg­nerschaft der Nachbarn sein Unternehmen zu erleichtern. Das liegt an den oben genannten Ursachen. Da sie Abhängige ihres Herrschers sind, kann man sie nur schwer bestechen, und falls sie sich bestechen lassen, kann man sich nur wenig Nutzen daraus erhoffen, weil sie aus den oben genannten Gründen das Volk nicht mitreißen können. Wer das Türkenreich angreifen will, muss auf dessen innere Einheit gefasst sein und darauf, dass es mehr auf die eigene Stärke ankommt und nicht auf die Instabilität des Feindes. Doch wenn dieser Staat erst einmal besiegt und auf offenem Feld geschlagen und kein Heer mehr aufstellbar ist, braucht man nichts anderes mehr zu fürchten als die Familie des Fürsten selbst. Ist diese unschädlich gemacht, bleibt nichts zu Fürchtendes mehr übrig, da niemand sonst Vertrauen beim Volk genießt. Wie der Sieger vor dem Sieg nichts erhoffen konnte, so braucht er nach ihm nichts zu fürchten.

Das Gegenteil trifft zu bei Staaten, die wie Frankreich regiert werden. In solche kannst man mit Leichtigkeit einfallen, sobald man irgendeinen Einflussreichen des Reiches auf seine Seite gezogen hat, denn es finden sich stets Unzufriedene und Neuerungssüchtige. Diese können aus den oben ge­nannten Gründen den Weg in ihr Land bahnen und einen Sieg erleichtern. Will man sich aber in einem solchen Land behaupten, wird man auf unendliche Schwierigkeiten stoßen, verursacht von denen, die dir geholfen haben, als auch mit jenen Unterjochten, zumal es nicht ausreicht, das Herrschergeschlecht zu eliminieren, denn solange die anderen Aristokraten bleiben, können sie sich zu Häupten neuerer Umwälzungen aufwerfen. Da du sie weder zufrieden stellen, noch aus dem Weg räumen kannst, verlierst du einen solchen Staat, sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet.

Wenn ihr nun berücksichtigt, nach welcher Regierungsart der Staat des Darius geführt wurde, so zeigt sich, dass es dem Türkenreich ähnlich ist. Deswegen musste Alexander diesen Staat gleich von Anfang an zerbrechen und auf offenem Felde schlagen, konnte dort aber nach seinem Sieg und dem Tod des Darius aus den oben erörterten Gründen sicher verbleiben. Selbst seine Nachfolger, wären sie einig geblieben, hätten sich ruhig und gelassen desselben erfreuen können, weil keine andere Unruhe herrschte als jene, die sie sich gegenseitig verursachten. Es ist jedoch unmöglich, Staaten wie Frankreich ruhig zu halten. So erklären sich auch die vielen Unruhen in Spanien, Frankreich und Griechenland unter den Römern, die wegen der vielen Prinzipate, die es in jenen Reichen gab, ihres Besitzes niemals sicher sein konnten, solange die Erinnerung daran weiterbestand. Erst nachdem die Erinnerung daran mit der Macht und Dauer des Imperiums erloschen war, konnten sie sichere Besitzer derselben werden. Selbst als sich die Römer untereinander bekämpften, konnte jeder je nach Ansehen einen Teil der Provinzen auf seine Seite ziehen, eben weil sie nach dem Untergang des alten Stammes niemand außer die Römer kannten.

In der Summe wird sich wohl kaum jemand wundem, dass es Alexander so leicht fiel, sein Asiatisches Reich zu behaupten, es anderen hingegen schwierig gefallen war, ihr erobertes Gebiet zu erhalten, wie etwa Pyrrhus19 und vielen anderen. Der Grund hierfür liegt nicht in der größeren oder geringeren Virtuosität des Siegers, sondern in der Ungleichartigkeit der von ihm überfallenen Länder.

 

FÜNFTES KAPITEL

Auf welche Weise man Städte und Staaten regieren muss, die vor ihrer Eroberung nach ihren eigenen Gesetzen gelebt haben

 

Wenn die auf oben beschriebene Art erworbenen Staaten nach ihren eigenen Gesetzen und in Freiheit zu leben gewohnt sind, so gibt es drei Wege, sie zu behaupten: erstens sie zu vernichten, zweitens seine Residenz dort aufzuschlagen und drittens ihnen zwar ihre Gesetze zu lassen, diese aber tributpflichtig zu machen, und eine Regierung von Menschen einzusetzen, die freundlich gesonnen ist, weil eine solche Regierung vom Princeps geschaffen ist und weiß, dass sie sich nicht ohne seine Macht und Zustimmung sich behaupten kann und alles tun muss, ihn wohlgestimmt zu halten, zumal man eine an Freiheit gewöhnte Stadt mit Hilfe ihrer Bürger weit leichter bewahren kann, als auf irgendeine andere Weise, wenn man sie sich dauerhaft erhalten will. Letzteres beweisen Spartaner und Römer.

Die Spartaner hielten Athen20 und Theben21 durch eine ihnen gewogene Re­gierung von Wenigen und dennoch gingen sie ihnen verloren. Die Römer zer­störten Capua, Karthago oder Numantia, um sich sie Gebiete zu erhalten und verloren sie deshalb nicht. Sie wollten Griechenland regieren, wie die Spartaner es getan haben, befreiten es, ließen ihm seine Gesetze und hatten dennoch kei­nen Erfolg, weswegen sie, um diese Provinz zu halten, viele Städte zerstören mussten. Denn in der Tat, um neueroberte Gebiete sicher zu haben, gibt es kein besseres Mittel als die Vernichtung. Und wer deshalb Herr über eine an Freiheit gewöhnte Stadt wird und diese Stadt nicht selbst zerstört, muss erwarten, von ihr zerstört zu werden. Denn im Falle von Aufständen dient der Name alter Freiheit und Ordnungen als eine Zuflucht, die weder durch die Dauer der Zeit hindurch, noch durch Wohltaten je in Vergessenheit kommen. Was ein Eroberer auch tun und vorbeugen mag, dieser Name und diese Ordnungen werden nicht untergehen, solange man nicht die Bewohner infiltriert oder zerstreut, und bei jedem Anlass greifen sie unverzüglich danach, wie es Pisa noch so vielen Jahren der florentinischen Dienstbarkeit tat22. Wenn sich aber die Städte oder Provinzen bereits an einen Princeps gewöhnt haben und dessen Stamm vernichtet ist, dann werden sie untereinander – teils zum Gehorsam erzogen, teils ihres alten Herrn beraubt – über die Wahl eines neuen nicht ei­nigen können. Zudem verstehen sie es nicht, frei zu leben, sie zögern sogar, zu den Waffen zu greifen. Ein Princeps kann sie leicht gewinnen und sich ihrer versichern.

In den Republiken herrscht hingegen mehr Leben, mehr Gier nach Rache. Die Erinnerung an alte Freiheiten lässt sie nicht und kann sie auch nicht ruhen lassen. Der sicherste Weg bleibt daher, sie zu vertilgen oder selbst unter ihnen zu wohnen.

 

SECHSTES KAPITEL

Von den neuen Prinzipaten, die man durch eigene Waffen und Virtuosität erwirbt

 

Es soll sich niemand darüber wundem, wenn ich künftig in meinen Betrachtungen über gänzlich neue Prinzipate, sowohl von Principes sowie von Staa­ten, nur die bedeutendsten Beispiele anführen werde. Denn Menschen gehen fast immer auf bereits von anderen betretenen Wege und ihre Handlungen sind von Nachahmung geleitet, wenngleich diese Wege der anderen und ihre Virtuosität gänzlich unerreicht bleiben. So muss ein umsichtiger Mann beständig den Spuren der großen Männer nachgehen und die Trefflichsten nachzuahmen suchen, damit, wenn seine eigene Virtuosität nicht dahin reicht, er wenigstens einen Hauch davon wiedergebe. Er muss es machen wie kluge Schützen, die ihren Bogen weit höher als ihr Ziel halten, sofern der Ort, auf den sie zielen, zu fern erscheint, nicht um mit ihrem Arm oder Pfeil in ei­ne solche Höhe zu treffen, sondern um mittels so hohen Anvisierens ihr Ziel erreichen zu können, wohl wissend, wie weit die Kraft ihres Bogens trägt.

Deshalb behaupte ich, dass gänzlich neue Prinzipate, in denen sich ein neuer Princeps aufhält, mehr oder minder schwierig zu halten sind, je nachdem, wie virtuos er ist. Das Ereignis, aus einem Privatmann Princeps zu werden, setzt entweder Fortuna oder Virtuosität voraus, weswegen viele Schwierigkeiten von beiden zum Teil erleichtert werden. Dennoch haben sich diejenigen besser behauptet, bei denen Fortuna die schwächere Seite gewesen ist. Es wird dem Princeps, der keine anderen Besitzungen hat, eine Erleichterung sein, als Person dort zu residieren.

Um nun auf diejenigen zu sprechen zu kommen, die durch eigene Virtuosität und nicht durch Fortuna zu Principes wurden, so nenne ich als die Exzellentesten: Moses, Cyrus, Romulus, Theseus und andere. Obwohl man über Moses nicht sprechen soll, da er nur ein bescheidener Vollstrecker des ihm von Gott Befohlenen war, so verdient er Bewunderung für die Gnade, mit Gott reden zu dürfen. Betrachtet man aber Cyrus und die Übrigen, die Reiche gründeten und erwarben, wird man sie allesamt bewundernswert halten, ja selbst ihre Handlungen und Anordnungen werden im Einzelnen nicht von denen des Moses abweichend erscheinen, obwohl schon er einen hohen Lehr­meister hatte. Berücksichtigt man ihr Leben und ihre Taten, dann sieht man, dass ihnen Fortuna nichts weiter als die Gelegenheit schenkte, die Materie in eine bestimmte Form zu fassen. Ohne jene Gelegenheit wäre jede Virtuosität ihrer Seele versiecht, ganz ähnlich wie die Gelegenheit ohne Virtuosität umsonst erschienen wäre. Es war also notwendig, dass Moses das israelitische Volk in der ägyptischen Sklaverei von den Ägyptern unterdrückt fand, damit sie ihm zu folgen bereit waren, um aus diesem Joch zu kommen. Romulus durfte sich nicht in Alba aufhalten, sondern musste bei seiner Geburt ausgesetzt werden, um den Entschluss fassen zu können, sich zum König von Rom und Gründer eines neues Vaterlandes zu machen. Für Cyrus war es unentbehrlich, dass er die Perser missvergnügt über die Meder und die Meder wiederum durch einen langen Frieden verweichlicht vorfand. Und Theseus hätte seine Virtuosität nicht demonstrieren können, wären die Athener nicht zerstreut gewesen.

Vornehmlich machten diese Gelegenheiten das Glück dieser Männer aus. Durch ihre ausgeprägte Virtuosität erkannten sie jene Gelegenheit, sodass es ihr Land zu großem Glück und Berühmtheit brachte. Diejenigen nun, die ähnlich wie die eben genannten durch die Werke ihrer Virtuosität zu Principes werden, erwerben das Prinzipat zwar mit Schwierigkeit, aber behaupten es leicht. Die Schwierigkeiten bei der Erwerbung entspringen dabei zum Teil aus der Fülle neuer Gesetze, die sie zur Staatsgründung und ihrer Sicherheit einführen müs­sen. Denn es bleibt nämlich zu bedenken, dass es kein schwierigeres Abenteuer, kein zweifelhafteres Unterfangen gibt, als sich zum Verfasser einer neuen Ord­nung aufzuschwingen, denn der Neuerer bekommt all diejenigen zu Feinden, die es sich innerhalb der alten Ordnung gemütlich gemacht hatten und all diejenigen zu zurückhaltenden Beschützern, die sich von der neuen Ordnung gewisse Vorteile erhoffen, und deren Zurückhaltung teilweise aus Furcht vor den Gegnern, die die Gesetze auf ihrer Seite haben, teils aus der menschlichen Kleingläubigkeit, die neue Verhältnisse erst dann für wahr halten, wenn sie von deren Dauerhaftigkeit durch sichere Erfahrung bestätigt worden sind. Daher rührt es auch, dass sie sich jedes Mal parteiisch verhalten werden, wenn sich Feinde der neuen Ordnung zu einem Überfall veranlasst sehen, und nur schwach verteidigen, sodass man mit ihnen zusammen auf dem Spiel steht.

Um diesen Punkt gründlich zu behandeln, muss man abwägen, ob solche Neuerer aus eigener Kraft bestehen können oder ob sie von anderen abhängen, das heißt, inwiefern zur Durchsetzung ihrer Interessen Hilfe benötigen, oder ob sie von allein dazu in der Lage sind. Im ersten Fall kommen sie immer übel an und erreichen nicht das Geringste, wenn sie aber eigene Truppen haben und können selber forcieren, dann wird selten was für sie zu fürchten sein. Daher kommt es, dass alle bewaffnete Propheten siegreich gewesen sind, die unbewaffneten aber untergingen. Denn zu den oben genannten Schwierigkeiten kommt noch die wankelmütige Natur der Menge, dass man sie zwar leicht zu einer Sache überreden, sie aber nur mit Mühe bei einer Überzeugung halten kann. Daher muss man so eingestellt sein, dass wenn sie nicht mehr glauben wollen, man sie mit Gewalt glaubend macht. Moses, Cyrus, Theseus und Romulus hätten ihre Gründungen nicht lange erhalten können, wenn sie nicht Waffen getragen hätten. So wie es noch in unseren Tagen dem Fra Girolamo Savonarola23 ergangen ist, den seine neue Ordnung ruinierte, sobald die Menge anfing, ihm nicht mehr zu glauben, und keine Mittel mehr hatte, die zuvor Gläubigen im Glauben zu halten und die Ungläubigen glauben zu machen. Das Vorgehen solcher Männer ist mit der großen Schwierigkeit beladen und auf dem Wege zu ihrem Ziel liegen sämtliche erdenkliche Gefahren. Doch wenn sie diese beseitigt haben, beginnen sie, nach Hinwegräumung der Virtuosität ihrer Neider, die Verehrung zu genießen und bleiben sicher mächtig, geachtet und glücklich.

Diesen vorbildhaften Beispielen will ich noch ein geringfügigeres beiseite stellen, das zu diesen hier in Beziehung zu bringen ist und mir statt aller an­deren genügen soll. Es ist Hiero von Syrakus24, der vom Privatmann zum Herrscher von Syrakus aufstieg. Auch er verdankte Fortuna nichts als die Gelegenheit, von den bedrängten Bürgern der Stadt zu ihrem Feldherrn gewählt zu werden, und verdiente sich so den Thron. Er war noch im Privatstand, als Schreiber von ihm Meldung taten, dass ihm zum Herrschen nur noch das Königreich fehlen würde. Er löste das alte Heer auf und errichtete ein neues, gab seine vorigen Freundschaften auf und schloss neue, und sobald er Soldaten und Freunde hatte, die er sein eigen nennen durfte, konnte er auf einen solchen Grund jedes Gebäude aufbauen. Demnach kostete ihm die Erwerbung zwar einige Mühe, aber die Behauptung wenig.

 

SIEBTES KAPITEL

Von den neuen Prinzipaten, die man durch fremde Waffen und durch Fortuna erwirbt

 

Wer lediglich durch Fortuna von einem Privatmann zum Princeps aufsteigt, wird dies zwar mit weniger Mühe, aber er benötigt umso mehr von ihr, um sich zu behaupten. Auf dem Weg dorthin hat er keinerlei Schwierigkeiten, denn sie erwerben ihre Macht im Flug. Die Schwierigkeiten entstehen erst, nachdem sie zum Herrn emporgestiegen sind.

Dies ist der Fall, wenn einem ein Reich entweder durch Geld zufällt oder durch die Gnade eines anderen. So erging es vielen in Griechenland, den Städten am Hellespont und lonien, als sie von Darius zu Princeps gemacht wurden, damit sie zu seiner Sicherheit und Ehre die Städte bewahren sollten.25 So ent­standen auch jene römischen Imperatoren, die durch Bestechung der Soldaten aus dem Privatstand zur Kaiserwürde aufgestiegen sind. Solche hängen lediglich vom Willen und Glück derjenigen ab, die ihre Größe begründet haben, und damit von zwei sehr schwankenden und wandelbaren Sachen. Zudem verstehen sie es nicht, sich auf einer solchen Position zu halten; sie verstehen es nicht, weil es nicht in ihrer Natur liegt, dass jemandem aus dem Volk, dem nicht ein wacher Geist und Fähigkeiten beschieden sind, gleich zu befehlen versteht. Sie können es nicht, weil es ihnen an einem treuen Heer fehlt. Darüber hinaus können plötzlich entstandene Staaten, wie alle anderen natürlichen Dinge auch, die plötzlich entsprießen und in die Höhe schießen, in ihren Wurzeln und Ausstattung nicht dergestalt befestigt sein, dass nicht gleich der erste feindliche Sturm sie aus der Erde wurzelt. Es müssten, wie bereits gedacht, diejenigen zu Principes werden, die von so vorzüglicher Virtuosität sind, dass sie sich schnell in die Fassung setzen und dasjenige, was ihnen Fortuna in den Schoß geworfen hat, festhalten und die Fundamente, die ein anderer vor seiner Machtergreifung legt, nachträglich dem Staat mitzugeben.

Ich will von den beiden Weisen, durch Virtuosität oder durch Fortuna zur Herrschaft zu gelangen, zwei Beispiele aus unseren Tagen anführen: Francesco Sforza und Cesare Borgia.

Francesco stieg durch geeignete Mittel und seine überaus große Virtuosität vom Privatmann zum Herzog von Mailand auf; und was er sich mit einigem Aufwand erworben hatte, konnte er mit nur wenig Mühe bewahren. Cesare Borgia hingegen, den das Volk Herzog von Valentino nannte, gewann den Staat durch die Fortuna seines Vaters und verlor es wieder mit ihm, obwohl er jedes Mittel gebraucht und keine Anstrengungen gescheut hatte, die umsichtige und virtuose Männer benötigen, um in einem Staat Wurzeln zu schlagen, die ihm die Waffen und die Fortuna eines anderen erkämpft hat­ten. Wer zu Beginn das Fundament nicht gelegt hat, kann dies hinterher, wie oben schon erwähnt, nur noch mit großer Virtuosität legen, wenngleich nicht ohne Aufwand des Baumeisters und Gefahr für das Gebäude. Wenn wir nun alle Schritte des Herzogs ins Auge fassen, dann werden wir sehen, was für sichere Fundamente er zu seiner künftigen Macht gelegt hatte und die ich nicht für überflüssig halte. Denn ich wüsste einem neuen Princeps keine besseren Regeln zu geben als eben das Beispiel seiner Taten. Und wenn seine Maßnahmen erfolglos waren, dann war es nicht seine Schuld, sondern ist auf eine extreme Laune der Fortuna zurückzuführen.

Alexander VI. hatte bei seiner Absicht, den Herzog, seinen Sohn, groß zu machen, mit vielen gegenwärtigen und künftigen Schwierigkeiten zu kämpfen. Zunächst sah er keinen anderen Weg, ihm einen Staat zu überlassen, als ihm Land des Kirchenstaats anzueignen. Wenn er der Kirche jedoch Land nehmen wollte, so wusste er, dass sowohl der Herzog von Mailand als auch die Venezianer damit nicht einverstanden sind, denn Faenza und Rimini standen schon unter der Hoheit Venedigs. Zudem sah er, dass sich die Heere in Italien, insbesondere diejenigen, die er hätte brauchen können, unter dem Kommando von Männern standen, die einen starken Papst zu fürchten hatten. Er konnte ihnen deshalb nicht trauen, weil die Orsini und die Colonna sie durchweg befehligten. So war es für den Papst wichtig, die bestehenden Verhältnisse durcheinander zu bringen und Zwietracht unter den Staaten in Italien zu säen, wenn er sich ein Teil davon mit Gewissheit bemächtigen wollte. Dieses Vorhaben wurde ihm leicht gemacht, weil die Venezianer bereits aus anderen Gründen erwogen hatten, die Franzosen zu sich zu rufen, was er nicht nur nicht verhinderte, sondern durch die Annullierung der ersten Ehe von König Ludwig erleichterte.

Der König kam mit Hilfe der Venezianer und Alexanders Segen nach Italien und war kaum in Mailand angelangt, da sandte er dem Papst schon Teile sei­ner Truppen zu für den Feldzug in der Romagna, und aus Respekt vor dem König wagte sich niemand zu widersetzen. Nachdem nun der Herzog Cesare Borgia die Romagna erobert und die Colonna besiegt hatte, war bezüglich der Behauptung dieses Sieges und weiterer Unternehmen zweierlei hinderlich: das erste waren seine eigenen Truppen, die ihm unzuverlässig schienen, das andere waren die Absichten Frankreichs. Er fürchtete sich davor, dass ihn die orsinischen Truppen, die er befehligt, verraten und ihm nicht nur am weiteren Erobern hindern, sondern ihm selbst das Eroberte wieder nehmen können. Der König konnte ihm Vergleichbares antun. Die Orsini bereiteten ihm Schwierigkeiten, als er nach der Eroberung Faenzas Bologna belagerte, da er sie nur halbherzig teilnehmen sah. Die Einstellung des Königs erkannte er, als er nach der Unterwerfung Urbinos die Toskana okkupieren wollte und ihm dies vom König verwehrt wurde.

Von nun an entschloss sich der Herzog, künftig weder von der Fortuna eines anderen noch von fremden Waffen abhängig zu sein. Als Erstes schwächte er in Rom die Parteien der Orsini und Colonna, indem er alle Anhänger, sofern sie Edelleute waren, für sich gewann und in seine Dienste nahm, ihnen fürstliche Besoldungen gab und sie, jedem seinem Rang gemäß, mit Regierungs- oder Ehrenämtern betraute, so dass sie nach wenigen Monaten ihre Loyalität verloren und sich der Person des Herzogs zuwandten.

Nachdem er die Anhänger der Colonna ausgeschaltet hatte, wartete er auf die Gelegenheit, auch die Orsini zu zerstreuen, und als diese kam und er wusste sie noch besser zu nutzen. Als die Orsini bemerkten, dass der Einfluss des Herzogs und des Kirchenstaats ihr Ende war, berieten sie sich auf einem Treffen in Magione bei Perugia, woraus die Unruhen von Urbino, die Aufstände der Romagna und zahllose weitere Gefahren den Herzog entwachsen waren. Und er bezwang sie allesamt mit Hilfe der Franzosen. Nachdem er seinen Ruf wieder hergestellt hatte, vertraute er weder auf Frankreich noch auf eine andere äußere Macht, und da er dies nicht auf die Probe stellen konnte, griff er zu einer List. Er wusste seine Absichten so gut zu verbergen, dass sich die Orsini auf Vermittlung durch Signore Paolo Orsini26 mit ihm aussöhnten. Um sie zu überzeugen, geizte er nicht mit Höflichkei­ten, schenkte ihm Kleider, Pferde, Geld, bis ihre Einfältigkeit sie in Sinigaglia ihm auslieferte27. Nachdem der Herzog diese Häupter beseitigt und sich mit den Anhängern angefreundet hatte, gab der Herzog seiner Macht eine ziemlich gute Grundlage. Nun war er Herr über die Romagna sowie über das Herzogtum Urbino und hatte sich jene Völker schon gewonnen, da es vom Wohlstand zu schmecken begann. Und weil dieser Punkt der Beherzigung und Nachahmung wert ist, will ich ihn nicht verschweigen.

Nach der Eroberung der Romagna sah der Herzog, dass es von unfähigen Herren regiert wurde, die ihre Untertaten vielmehr ausgeraubt als in Ordnung gehalten und ihnen nur verstärkten Anlass zu Entzweiung als zu Einigkeit gegeben hatten, weswegen es überall im Land von Korruption und jeder andere Sorte der Zumutung voll war. Es schien ihm unerlässlich, dem Land eine gute Regierung zu geben, um sie ruhig und königlichem Ansehen gefügig zu machen. Daher setzte er dort Signore Ramiro d’Orco28 als Statthalter ein, einen grausamen und tatkräftigen Menschen, und gab ihm uneingeschränkte Macht. Dieser stellte beeindruckenderweise in kurzer Zeit sowohl Ruhe als auch Einigkeit wieder her. Später hielt der Herzog so ausgeprägte Machtbefugnisse für unpassend, da es ihn selbst verhasst machen könnte, und setzte mitten in der Provinz ein bürgerliches Gericht mit einem hervorragenden Vorsteher, bei der jede Stadt ihren Anwalt hatte. Und weil er sah, dass seine vormalige Härte ihm einigen Unmut eingebracht hat, wollte er, um die Stimmung im Volk zu kippen und sie in seinem Sinne zu überzeugen, beweisen, dass die Grausamkeiten nicht auf ihn zurückzuführen sind, sondern auf den bösartigen Charakter des Abgesandten. Bei dieser Gelegenheit ließ er ihn eines Morgens auf dem Markt in Cesena in zwei Stücke hauen und nebst einem blutigen Messer auf einem Pfahl aufgerichtet. Durch dieses scheußliche Schauspiel wurde das Volk befriedigt und blieb nachhaltig beeindruckt.

Aber kehren wir zu unserem Ausgangspunkt zurück. Ich sage also, dass sich der Herzog mächtig genug und vor drohenden Gefahren abgesichert sah, weil er nun mit eigenen Truppen ausgerüstet war und Heere zerstört hatte, die ihm in der Nähe hätten gefährlich werden können. Es blieb ihm, wenn er nun weiter gehen und Eroberungen erwerben wollte, nur die Rücksicht auf Frankreich übrig, denn er sah ein, dass dies vom König, der seinen Irrtum zu spät entdeckt hatte, nicht geduldet werden würde. Deshalb suchte er nach neuen Bündnispartnern und trieb mit Frankreich ein tückisches Spiel, als die Franzosen gegen Neapel zogen und auf die Spanier trafen, die Gaeta belagerten. Seine Absicht bestand darin, sich der Franzosen zu versichern, und es wäre ihm auch schnell gelungen, wenn Alexander noch leben würde. Und das waren die politischen Schritte hinsichtlich seiner gegenwärtigen Situation.

Für die zukünftige hingegen musste er sich davor fürchten, dass ein neues Kirchenoberhaupt ihm ablehnend gegenübersteht und das wegnimmt, was ihm Alexander gegeben hatte. Das dachte er auf vielerlei Weisen zu verhin­dern: zum einen durch Ausrottung all jener Adelsgeschlechter, die er ausgeplündert hatte, um dem Papst diesen Anlass zu nehmen, zum zweiten indem er den ganzen Adel von Rom auf seine Seite brachte, um durch ihn den Papst im Zaum zu halten, zum dritten indem er das Kardinalskollegium soweit wie möglich auf seine Seite zog, zum vierten, wenn er noch vor dem Tod des Papstes so viel Macht gewonnen hätte, dass er aus eigener Kraft einen ersten Angriff standhalten könnte.

Von diesen vier Aufgaben hatte er drei bei Alexanders Tod vollstreckt, das vierte beinahe. Von den geplünderten Herren erschlug er so viel wie er habhaft werden konnte und nur die wenigsten entkamen, den römischen Adel hatte er für sich gewinnen können und auch vom Kardinalskollgium den größten Teil. Hinsichtlich neuer Eroberungen hatte er schon die Absicht, sich die Toskana zu unterwerfen; Perugia und Piombino besaß er schon und über Pisa hatte er sich zum Protektor aufgeschwungen. Als hätte er keine Rücksicht auf Frankreich zu nehmen, die er auch gar nicht mehr benötigte, weil Neapel den Franzosen von den Spaniern entrissen worden war, so dass jetzt beide genötigt waren, seine Gunst zu erschleichen, überrum­pelte er Pisa. Bald darauf ergaben sich Lucca und Siena, teils aus Ablehnung gegenüber Florenz, teils aus Furcht. Die Florentiner schützte jetzt nichts.

Wäre ihm dies gelungen (und es wäre im selben Jahr gelungen, in dem Alexander starb), so hätte er sich so viel Macht und Ruhm erworben, dass er sich von allein hätte behaupten können und weder auf Fortuna noch auf eine fremde Macht vertrauen müsste, sondern einzig auf seine eigene Virtuosität und Stärke. Doch Alexander starb im fünften Jahr nachdem Cesare das erste Schwert gezogen hatte. Er ließ ihn zurück, als die Romagna gerade befestigt und die anderen noch ungesichert waren zwischen zwei mächtigen feindlichen Heeren und zudem todkrank. Der Herzog war mit reichlich Virtuosität und Unbeugsamkeit angefüllt und er verstand es gut, wie man Menschen gewinnen oder verlieren kann; er hatte in kurzer Zeit so sichere Fundamente gelegt, dass er jeder Gefahr trotzen würde, wenn er nicht inmitten dieser Bedrohung gestanden oder sogar gesund gewesen wäre. Dass die Grundlagen seiner Macht von Dauer waren, zeigt sich darin, dass man in der Romagna über einen Monat auf ihn wartete, und dass er in Rom zwar halb tot, aber doch in Sicherheit war. Obwohl auch die Baglioni, Vitelli und die Orsini nach Rom kamen, hatten sie nichts gegen ihn ausgerichtet. Auch wenn er nicht bestimmen konnte, wer Papst werden sollte, so konnte er wenigstens beeinflussen, wer es nicht wird. Wäre er beim Tod Alexanders gesund gewesen, so wäre ihm alles leicht gefallen. Er selber sagte mir in jenen Tagen29, in denen Julius II. gewählt wurde, dass er an alles gedacht hätte, was sich beim Tod seines Vaters ereignen könnte, und für alles hätte er Wege herausgefunden, nur hatte er niemals daran gedacht, dass er bei dessen Tod selbst im Sterben liegen würde.

Alle diese Aktivitäten des Herzogs zusammengerechnet ergeben noch keinen Vorwurf. Er scheint vielmehr ein Vorbild für all denjenigen zu sein, die durch Fortuna oder fremde Waffen zur Macht gelangt sind, wie er es auch für mich war. Da er gescheit und voller umfassender Pläne war, konnte er sich nicht anders verhalten. Seine Pläne wurden lediglich durch Alexanders Lebenskürze durchkreuzt sowie durch seine eigene Endlichkeit.

Wer es in einem neueroberten Staate für notwendig hält, sich vor seinen Feinden zu sichern, Freunde zu gewinnen, durch Gewalt oder List zu siegen, beim Volk sowohl Liebe als auch Furcht gewinnen, im Heer Gehorsam sowie Achtung zu erzwingen, wer es für notwendig hält, diejenigen zu vernichten, die ihm schaden können oder es nach dem Sachverhalt tun müssten, die alten Gesetze mit neuen Zielen umzuformen, streng und liebenswürdig, großherzig und freigiebig zu sein, wer es für notwendig hält, untreue Heere aufzulösen und neue zu schaffen, Freundschaften mit Königen oder Fürsten aufrecht zu erhalten, so dass sie ihm gefällig sind und sich hüten, ihn anzugreifen, kann keine frischeren Beispiele finden als die Handlungen dieses Mannes. Man kann ihm nur sein Verhalten bei der Wahl Julius‘ II. zum Vorwurf machen, die für ihn weitaus weniger günstig war als gedacht. Wenn er auch den Papst nicht selbst bestimmen konnte, so war es ihm möglich, zu bewirken, dass jemand nicht Papst werden würde. Und er durfte niemals einen derjenigen Kardinäle in das Papstamt hieven, die er zuvor beleidigt hatte oder die sich vor ihm fürchten müssen, wenn sie das Pontifikat ausüben. Denn Menschen befehden sich entweder aus Furcht oder aus Hass. Er hatte unter anderem San Pietro in Vincoli30, Colonna, San Giorgio31, Ascanio32 beleidigt. Alle anderen hätten während ihres Pontifikats vor ihm gezittert, ausgenommen die Spanier und Rouen. Die einen waren Freunde und Verbündete und der andere hatte den König von Frankreich hinter sich. Daher musste der Herzog einen Spanier zum Papst wählen und wenngleich er dies nicht erzwingen konnte, so konnte er doch zulassen, dass es der Kardinal von Rouen würde und nicht San Pietro in Vincoli. Wer von großen Persönlichkeiten glaubt, dass sie um neuerer Wohltaten wegen alte Beleidigungen vergessen, betrügt sich selbst. Bei der Wahl beging der Herzog also diesen Fehler und er war schließlich der Grund für seinen Ruin.

 

ACHTES KAPITEL

Vom Erwerb eines Prinzipats durch Verbrechen

 

Da ein Privatmann noch auf zweierlei Arten zum Princeps werden kann, die sich weder gänzlich Fortuna noch der Virtuosität zuschreiben lassen, so denke ich, sie hier nicht übergehen zu dürfen, auch wenn man von einer Art ausführlicher sprechen kann, wo von Republiken die Rede ist.

Diese Möglichkeiten sind folgende: entweder man steigt durch frevelhaftes und rücksichtslose Mittel zum Herrscher auf oder ein normaler Bürger wird durch die Gunst seiner Mitbürger zum Herrscher seines Landes. Bezüglich der ersten Art führe ich zwei Beispiele an, ein altes aus der Antike und ein neues aus unseren Tagen, ohne jedoch auf die Verdienste dieses Falles einzugehen, denn es genügt, dass sie notwendig nachzuahmen sind.

Der Sizilianer Agathokles30 kam nicht nur aus dem Privatstand, sondern durch die infame und niederträchtige Fortuna auf den Thron von Syrakus. Er war Sohn eines Töpfers und führte schon immer ein rücksichtsloses Leben, auch wenn er auf seine Schandtaten so viel Energie verwendete, dass er auf seiner gewählten militärischen Laufbahn zum Prätor von Syrakus wurde. Als er diese Position erreicht hatte, war er fest entschlossen, Herrscher zu werden und wollte mit Gewalt und Rücksichtslosigkeit das behaupten, was man ihm ohnehin freiwillig zusprach. Über seine Absicht unterhielt er sich mit dem Karthager Hamilkar31, der sich mit seinen Truppen auf Sizilien befand. Eines Morgens berief er das Volk und den Senat von Syrakus, als würde er sich mit ihnen über Angelegenheiten der Stadt beraten wollen, und ließ auf ein bestelltes Zeichen hin alle Senatoren und die Reichsten im Volk von seinen Soldaten niedermetzeln und übernahm nach deren Tod ohne republikanischen Streit die Regierung über die Stadt und behauptete sie. Obwohl er gleich zweimal von den Karthagern geschlagen und zuletzt belagert wurde, konnte er seine Stadt nicht nur verteidigen, sondern fiel, während er einen Teil seiner Leute zum Schutz der Stadt zurückließ, mit dem anderen in Afrika ein, befreite Syrakus von der Belagerung, und brachte die Karthager in harte Bedrängnis, sodass sie sich mit dem Besitz von Afrika begnügten und Agathokles Sizilien überlassen mussten.

Wer die Fähigkeiten und Taten dieses Mannes berücksichtigt, der wird nichts oder nur wenig finden, was auf Fortuna zurückzuführen wäre, da er, wie eben angeführt, ohne Unterstützung, nur auf militärischen Stufen, die er mit tausend Gefahren und Mühen erklommen hatte, zur Herrschaft gelangt war und sich durch ebenso kühne und gefährliche Schritte darin behauptet hatte. Man kann es freilich keine besondere Virtuosität nennen, wenn jemand seine Mitbürger ermordet, Freunde verrät, ohne Treue und Glauben, ohne Mitleid und Religion ist, da sie dadurch zwar Macht, aber keinen Ruhm erwerben. Berücksichtigt man daher die Virtuosität von Agathokles, mit denen er Gefahren überwand und entging, und den großen Mut im Ertragen und Überwinden widriger Dinge, so ist nicht einzusehen, warum er geringer zu schätzen ist als irgendeiner der trefflichsten Feldherrn. Trotzdem lassen es seine bestialische Blutgier und Barbarei und ungezählten Frevel nicht zu, dass man ihn zu den vortrefflichsten Menschen zähle. Man kann es daher weder Fortuna noch der Virtuosität zuschreiben, was er auch ohne beides erreicht hat.

In unserer Zeit, unter der Regierung Alexander VI. haben wir das Beispiel von Oliverotto da Fermo32, der früh verwaist von seinem Onkel mütterlicherseits, Giovanni Fogliani33, aufgezogen und später im Knabenalter dem Militär unter Paolo Vitelli34 übergeben, damit er entsprechend ausgebildet zu einem der höheren Posten der Armee aufrücken konnte. Nach Paolos Tod trat er sei­nen Dienst auch unter dessen Bruder Vitelozzo an und wurde bald, weil er mit Körper und Seele geschickt und wacker umging, zu einer der Besten unter seinen Leuten. Da es ihm aber zu sklavisch war, im Dienste anderer zu stehen, dachte er daran, mit Hilfe einiger Bürger von Fermo, denen die Knechtschaft lieber war als die Freiheit ihres Landes, und durch die Gunst der Vitelli, Fermo zu überfallen. Sofort schrieb er an Giovanni Fogliani, dass er ihn und die Stadt nach seiner mehrjährigen Abwesenheit von zu Hause besuchen wolle, teilweise auch um sich nach seinem Vaterland zu erkundigen, und weil er sich so um Ehre bemüht hatte, wolle er seinen Mitbürgern zeigen, dass er seine Zeit nicht umsonst verbracht hätte, begleitet von hundert Pferden seiner Freunde und Diener: er bat ihn, mit der Anordnung eines ehrenvollen Empfangs eine Freude zu bereiten, was nicht nur für ihn, sondern auch für Giovanni als seinem ehemaligem Zögling ehrenvoll wäre. Giovanni ließ es daher seinem Neffen an keinerlei Höflichkeiten fehlen. Er ließ ihn von den Bürgern in Fermo fürstlich empfangen, quartierte ihn in seinem ei­genen Haus ein und nachdem er zwei Tage dort verbracht hatte, ordnete er heimlich alles an, was zur Ausführung seines späteren Verbrechens erforderlich war. Er organisierte ein stattliches Bankett, zu dem er Giovanni Fogliani und alle wichtigen Bürger von Fermo einlud, und nach Vertilgung der Mahlzeiten und aller anderen Naschereien, die bei solchen Banketten üblich sind, berührte Oliverotto geflissentlich gewisse Wunden, indem er auf die Größe Papst Alexanders und Cesare Borgias zu sprechen kam und von ihren Unternehmen. Als ihm dann Giovanni und die anderen auf diese Reden antworten wolten, stand er plötzlich auf und begab sich, darauf hinweisend, dass dies Sachen sind, die man an geheimen Orten besprechen müsse, in ei­ne Kammer, in die ihm Giovanni und die anderen Bürger folgten. Kaum hatten sie sich niedergesetzt, als aus dunklen Ecken Soldaten drangen, die Giovanni und alle anderen niedermetzelten. Nach diesem Blutbad stieg Oliverotto auf das Pferd und sprengte durch die Straßen und belagerte im Palast die höchste Obrigkeit, bis sie sich aus Furcht dazu zwingen ließ, ihm zu gehorchen und eine Regierung einzusetzen, über die er sich zum Fürsten aufschwang. Und da bereits alle beseitigt waren, die ihm in ihrer Unzufrie­denheit hätten schaden können, stärkte er seine Herrschaft durch die neue Verfassung von Verwaltung und Militär, sodass er nicht nur binnen eines Jahres seiner Herrschaft in der Stadt Fermo sicher, sondern sogar von seinen Nachbarn gefürchtet war, weil es ebenso schwer wie bei Agathokles gewesen wäre, ihn zu stürzen, wenn er sich nicht hätte von Cesare Borgia täu­schen lassen, als sich dieser in Sinigaglia die Orsini und Vitelli vornahm, worauf ich schon hingewiesen habe. Auch er wurde dort festgenommen und ein Jahr nach Ermordung seines Onkels gemeinsam mit Vitellozzo, der ihn zur Virtuosität und zu allen Schandtaten erzogen hatte, stranguliert.

Nun könnte man sich fragen, wie es möglich gewesen ist, dass Agathokles und seinesgleichen nach unzähligen Verrätereien und Grausamkeiten lange und sicher in ihrem Land leben und sich gegen äußere Feinde verteidigen konnten und dass selbst die Bürger niemals Konspirationen gegen sie angezettelt haben, wo viele andere mit Grausamkeit nicht einmal in friedlichen Zeiten ihre Herrschaft behaupten können, geschweige denn während be­denklicher Kriegsläufe. Ich denke, dass hier die Ursache im guten oder schlechten Gebrauch von Grausamkeiten liegt. Eine gute Grausamkeit – sofern es überhaupt erlaubt ist, das Schlechte gut zu nennen – kann man die nennen, die einmal und nur aus Sicherheitsgründen geschieht und die nicht mehr weiter verfolgt wird und zum Nutzen der Untertanen verwendet. Die schlechten Grausamkeiten sind solche, die zu Beginn zwar nicht zahlreich, sich im Laufe der Zeit aber häufen, als dass sie ein Ende nehmen.

Diejenigen, die den ersten Weg einschlagen, können mit Hilfe Gottes und der Menschen für ihre Herrschaft sorgen, wie Agathokles es tat. Die anderen können sich unmöglich behaupten. So muss man sich merken: bei der Ergreifung eines Staates soll der Okkupant alle Übeltaten, die er zu verüben genötigt ist, mit einem Schlag durchführen, damit er nicht immer wieder von Neuem damit anfangen zu müssen. Und indem er solche Wiederholungen vermeidet, kann er die Menschen beruhigen und mit Wohltaten für sich gewinnen. Wer aus Angst oder in Ermangelung guter Ratschläge anders handelt, muss stets das Messer in Händen halten und kann sich auf seine Untertanen niemals verlassen, weil sie wegen der neuen und andauernden Gewalttaten nie vor ihm sicher fühlen können. Daher müssen solche Gewalttaten alle auf einmal exekutiert werden, damit sie weniger spürbar sind und weniger verletzen. Wohltaten hingegen müssen nach und nach erwiesen werden, damit das Gefühl länger hält. Insbesondere muss ein Princeps dergestalt mit seinen Untertanen zusammen leben, dass kein Ereignis in bösem oder gutem Sinn zu einer Veränderung zwingt. Wenn in schwierigen Zeiten eine Not eintritt, kommt man für das Böse schon zu spät und das Gute hilft dir nichts, weil man es für erzwungen hält und dir kein Mensch dafür dankt.

 

NEUNTES KAPITEL

Von der Volksherrschaft

 

Aber kommen wir zu einem anderen Teil: wenn ein bürgerlicher Princeps weder durch Frevel noch durch irgendwelche unerträgliche Gräuel, sondern durch das Wohlwollen der anderen Bürger zum Herrscher seines Landes wird, was Volksherrschaft genannt werden kann und zu dessen Erwerbung weder Virtuosität noch Fortuna, sondern vielmehr eine glückliche Verschlagenheit erforderlich ist. Deshalb behaupte ich, dass man sich zu dieser Herrschaft entweder durch die Gunst der Bevölkerung oder durch die Gunst der Großen erhebt.

In jeder Stadt finden sich diese beiden verschiedenen Strömungen, was darauf zurückzuführen ist, dass die Bevölkerung nicht von den Großen be­herrscht oder unterdrückt sein will, die Großen jedoch die Bevölkerung beherrschen und unterdrücken wollen, weswegen aus diesen zwei Strömungen eines von drei Ereignissen entspringt: Alleinherrschaft, Freiheit oder Anarchie.

Die Alleinherrschaft wird entweder von der Bevölkerung oder von den Großen verursacht, je nachdem, welche der beiden Parteien die Gelegenheit dazu hat. Denn wenn die Großen sehen, dass sie dem Volk keinen Widerstand leisten können, fangen sie damit an, einem aus ihrer Mitte den Vorzug zu geben und ihn zum Princeps zu machen, um unter seinem Schatten ihre Triebe auslassen zu können. Ebenso gibt auch die Bevölkerung einem aus ihrer Mitte den Vorzug, sobald es bei den Großen auf Widerstand stößt, und macht ihn zum Princeps, um hinter seinem Ruhm geschützt zu sein. Wer mit Hilfe der Großen zum Fürsten wird, kann sich nur mit größerem Aufwand behaupten als derjenige, der es mit Hilfe der Bevölkerung wird. Denn als Princeps findet er viele um sich herum, die sich für ebenbürtig halten und die er deshalb nicht nach seinem Gutdünken befehligen noch behandeln kann.

Wer aber die Herrschaft durch die Gunst der Bevölkerung erreicht, steht dort allein und hat niemanden oder, wenn überhaupt, nur wenige um sich, die sich seinen Anweisungen widersetzen würden. Außerdem kann man die Großen auch nicht zufrieden stellen, ohne den anderen zu verletzen, aber man kann das Volk zufriedenstellen, weil seine Absichten ehrlicher sind als die der Großen, da diese das Volk unterdrücken wollen, jenes Volk aber nicht unterdrückt werden will.

Darüber hinaus kann sich ein Herrscher, dem die Bevölkerung feindlich gegenübersteht, niemals sicher sein, weil es zu viele sind, wohingegen er sich der Großen versichern muss, weil sie wenige sind. Das Schlimmste, was ein Princeps von einer feindlich gesinnten Bevölkerung erwarten kann, ist, dass es ihn ihm Stich lässt; von den feindlich gesinnten Großen muss er nicht nur befürchten, verlassen, sondern sogar bekämpft zu werden. Denn sie besitzen mehr Durchblick und List, um sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen und sich bei demjenigen anzubiedern, von dem sie erwarten, dass er den Sieg behalten werde. Ferner sieht sich auch der Fürst genötigt, stets mit ein und derselben Bevölkerung zu leben, kann aber sehr gut ohne die anderen Großen bestehen, indem er sie gelegentlich adeln und absetzen, ihnen Ehre gebühren oder nehmen kann, wie es ihm gefällt.

Und um diesen Punkt noch besser zu abzuzeichnen, behaupte ich nun: dass man die Großen hauptsächlich auf zweierlei Weise betrachten muss. Entweder benehmen sie sich dergestalt, dass sie alles auf deine Karte setzen oder nicht. Wer ergeben und nicht räuberisch auftrumpft, den muss man ehren und lieben. Wer nicht ergeben ist, den muss man auf zweierlei Weisen berücksichtigen, dass sie entweder aus einer Beklommenheit und einem natürlichen Mangel an Mut handeln, weswegen man sich ihrer bedienen muss, besonders wenn sie gut beraten können, und in glücklichen Zeiten wirst du Ruhm mit ihnen haben, im Unglück brauchst du sie nicht zu fürchten, oder sie ergeben sich mit Absicht und aus Ehrgeiz nicht, was ein Zeichen dafür ist, dass sie mehr an sich als an dich denken, und vor ihnen muss ein Princeps sich hüten und sie wie offene Feinde halten, weil sie im Unglück jederzeit seinen Sturz unterstützen werden.

Wer durch Gunst des Volkes zum Princeps wird, der muss sich dessen Freundschaft zu erhalten wissen, und dies ist leicht, da es lediglich verlangt, als nicht unterdrückt zu werden. Wer gegen das Volk und durch Gunst der Großen zum Princeps wird, muss vor allem das Volk überzeugen, was ihm leicht gelingen wird, wenn es nur dessen Schutz garantiert. Wenn Menschen etwas Gutes von jemandem erfahren, von dem sie Böses erwartet hatten, fühlen sie sich umso mehr ihrem Wohltäter verpflichtet, und das Volk wird ihm sofort gewogen sein, als wäre er selbst durch dessen Gunst zur Herrschaft gelangt. Ein Princeps kann auf vielerlei Weisen die Bevölkerung für sich gewinnen, über die sich keine Regeln aufstellen lassen, weil sich die Verhältnisse beständig ändern, und die deshalb unerörtert bleiben. Nur so viel will ich schließen: ein Princeps muss notwendig die Bevölkerung zum Freund haben, sonst erhält er im Unglück keine Unterstützung.

Nabis35, der Machthaber von Sparta, hielt die Belagerung aller Griechen und eines höchst siegreichen Römerheeres aus, verteidigte sein Land und seine Herrschaft gegen sie. Als die Gefahr auf ihn hereinbrach, musste er nur wenige in Gewahrsam nehmen, was nicht genügt hätte, wenn er die Be­völkerung zum Feind gehabt hätte. Diese Meinung wolle niemand mit dem Sprichwort anfechten, dass wer auf das Volk baut, auf Sand baut. Denn dies ist nur wahr, wenn sich ein Privatmann darauf stützt und in der Hoffnung lebt, dass ihn das Volk rettet, wenn er von Feinden oder von der Obrigkeit bedrängt wird. In diesem Fall würde er sich meist getäuscht sehen, so wie es in Rom den Gracchen36 erging und in Florenz Signore Giorgio Scali37. Handelt es sich allerdings um einen Fürsten, der sich darauf versteht, zu befehlen, einen Mann, der Herz hat und in der Not nicht aufgibt, es an sonstigen Vorkehrungsmaßnahmen nicht mangeln lässt und das Volk durch seinen Mut und seine Erlasse ebenfalls ermutigt, so wird er von ihm nie enttäuscht werden und sehen, dass auf festen Grund gebaut hat.

Es pflegen diejenigen Prinzipate in Gefahr zu geraten, wenn sie dabei sind, von einer bürgerlichen Ordnung zu einer unumschänkten Herrschaft überzuspringen, weil diese Principes befehlen entweder selbst oder über Beamte. Im letzteren Falle ist ihre Regierung schwächer und gefährdeter, weil sie insgesamt vom Willen jener Bürger abhängig sind, die die obrigkeitlichen Würden bekleiden und ihnen, besonders in schwierigen Zeiten, die Regierung mit großer Leichtigkeit entreißen können, indem sie entweder den Gehorsam verweigern oder ihnen offen entgegenwirken. Für den Princeps ist ein gefährlicher Moment nicht der Zeitpunkt, um unumschränkte Gewalt zu ergreifen, weil Bürger und Untergebene, die daran gewöhnt sind, Befehle von Obrigkeiten zu empfangen, dieselben in Momenten der Bedrängnis nicht achten. In unseren Zeiten wird er stets einen Mangel an Leuten haben, auf die er sich verlassen kann. Ein solcher Princeps kann nicht auf das bauen, was er in ruhigen Zeiten sieht, wenn die Bürger eine Regierung benötigen, denn da verspricht jeder und jeder will für ihn sterben, wo der Tod so weit entfernt liegt. In dunkler Zeit aber, wenn eine Regierung die Bürger nötig hat, da finden sich nur wenige. Und diese Erfahrung ist deshalb so gefährlich, weil man sie nur einmal machen kann. Deshalb muss sich ein kluger Princeps die Maßnahmen ausdenken, durch die seine Bürger immer und unter allen Umständen den Staat und ihn selbst benötigen. So werden sie ihm immer treu sein.

 

ZEHNTES KAPITEL

Wie sich die Stärke von Prinzipaten messen lässt

 

Eine weitere Rücksicht muss man bei Untersuchung der Eigenschaften dieser Prinzipate nehmen, und zwar, ob ein Princeps so viel Macht hat, um sich im Notfall auf sich selber verlassen zu können, oder ob er stets fremden Schutz benötigt.

Um diesen Punkt aufzuklären, bemerke ich, dass sich diejenigen auf sich selber verlassen können, die durch Überfluss an Mensch und Material ein regelmäßiges Heer aufstellen können und es mit jedem, der sie bekriegen möchte, aufnehmen können. Ebenfalls bin ich davon überzeugt, dass diejenigen immer fremde Hilfe nötig haben, die sich nicht auf dem Feld mit dem Feind messen können, sondern sich hinter Festungen verschanzen und diese bewachen müssen. Vom ersten Fall ist bereits gesprochen worden und wird bei Gelegenheit weiter erörtert. Zum zweiten Fall kann man nichts sagen, als dass man einem solchen Princeps empfiehlt, seine eigene Stadt zu befestigen und das Umland preiszugeben. Wer seine Stadt ordentlich befestigt und hinsichtlich des übrigen Regierungswesens mit seinen Untertanen verständigt hat, wie oben schon gesagt und weiter unten gesagt werden wird, der wird nur mit äußerster Behutsamkeit befehdet werden, da Menschen jene Unternehmungen scheuen, bei denen sie Probleme sehen, und es ist nichts Leichtes an der Befehdung eines Mannes zu sehen, der eine ordentliche Festung hat und von seiner Bevölkerung nicht gehasst wird.

Die deutschen Städte sind am freiesten, weil sie wenig Landfläche haben und dem Kaiser nur gehorchen, insofern sie es auch wollen, und fürchten weder diese noch andere Mächtige in ihrer Nähe, weil sie dermaßen befes­tigt sind, dass jedem die Erstürmung derselben langwierig und beschwerlich scheint; indem sie alle die nötigen Gräben und Mauem, ausreichend Geschütz und in den kommunalen Speichern für ein Jahr zu trinken, zu essen und zu brennen haben. Darüber hinaus haben sie, um die Landbevölkerung ohne Verluste für die Stadtkasse zu ernähren, für Jahre hinweg Arbeit in öffentlichen Gewerbebetrieben, in denen sie beschäftigt werden können, die der Lebensnerv dieser Städte und der Anstoß ihrer Betriebsamkeit ist und von denen das Volk lebt. Ebenfalls stehen militärische Übungen zur Ver­fügung und haben diesbezüglich allerlei Verordnungen.

Ein Princeps, der seine Stadt ordentlich befestigt und sich nicht verhasst macht, kann nicht angegriffen werden, und wenn ihn Einer schon angreifen möchte, würde er mit Schande wieder abziehen müssen, weil in der Welt so vieles vorfällt, dass es fast unmöglich ist, mit den Truppen ein Jahr lang untätig vor der Stadt zu stehen. Sollte jemand einwenden, dass wenn die Bevölkerung seine Besitzungen draußen hat und verbrennen sieht, es die Geduld verlieren und wegen der langen Belagerung und aus Eigennutz den Princeps vergessen wird, dem erwidere ich, dass ein couragierter und mächtiger Princeps alle solche Schwierigkeiten überwinden wird, indem er den Untertanen bald Hoffnung macht, dass das Übel nicht lange dauern werde, bald schon Furcht vor der Grausamkeit des Feindes einjagt, bald mit Geschick diejenigen bemächtigt, die ihm allzu heißblütig erscheinen. Außerdem muss der Feind das Land gleich bei seinem Anmarsch vernünftiger Weise sengen und niederbrennen, zu einer Zeit, wo die Gemüter noch kampfeslustig und verteidigungswillig sind. Daher muss sich der Princeps weniger sorgen. Denn nach einigen Tagen, wenn die Gemüter abgekühlt sind, ist schon der Schaden eingetroffen, das Übel erlitten, es nützt keine Hilfe mehr, und bald hängen sie ihrem Princeps umso mehr an, weil es ihnen so vorkommt, dass er ihr Schuldner geworden ist, nachdem zu seinem Wohl ihre Häuser verbrannt und ihre Güter verwüstet worden sind.

Es liegt in der Natur des Menschen, sich ebenso verbunden zu fühlen durch die Wohltat, die sie erweisen, als durch diejenigen, die sie empfangen. Wenn man alles gut überlegt, wird es einem klugen Princeps nicht schwer fallen, zu Beginn und im Verlauf der Belagerung die Bürger bei Laune zu halten, sofern es ihm nicht an Unterhalt und an Verteidigungsmitteln fehlt.

 

ELFTES KAPITEL

Von kirchlichen Fürstentümer

 

Es bleibt uns nur noch, die kirchlichen Fürstentümer zu überdenken, bei denen sämtliche Schwierigkeiten vor der Machtergreifung liegen, denn man erobert sie entweder durch Virtuosität oder durch Fortuna und behauptet sie ohne das eine wie das andere, weil sie sich auf die in der Religion verwurzelten Ordnungen stützen und so mächtig und von der Art sind, dass sich ihre Principes an der Macht hielten, ganz gleich, wie sie leben und sich betragen. Nur diese allein regieren Staaten und verteidigen sie nicht, sie haben Untertanen, ohne sie zu regieren, und ihre Landstriche werden ihnen wegen fehlender Verteidigungen nicht genommen, und um die nicht vorhandene Regierung kümmern sich die Untertanen wenig, noch wollen oder können sie ihnen deswegen abtrünnig werden. Allein diese Art von Fürstentum die sicherste und glücklichste.

Da aber die Führung derselben von höheren Gründen geleitet wird, zu denen der menschliche Geist nicht hinaufsteigen kann, so werde ich davon vermeiden, zu reden, denn da sie von Gott gegründet und beschützt werden, wäre es das Amt eines vorlauten und vermessenen Menschen, sie untersuchen zu wollen. Sollte mich dennoch jemand fragen, woher es kommt, dass die Kirche in den weltlichen Sachen zu solcher Größe angewachsen ist, wo doch bis zu Papst Alexander die italienischen Potentaten – und nicht einmal nur diejenigen, die sich Potentaten nennen, sondern selbst der kleinste Baron und Herrscher – die Kirche bezüglich wegen ihres weltlichen Einflusses wenig schätzten, nun aber ein König von Frankreich selbst vor ihr zittern muss, den sie mit ihrer Macht aus Italien verjagt und mit der sie Venedig ruiniert hat38. Obwohl das alles bekannt es, scheint es mir nicht überflüssig, es einigermaßen ins Gedächtnis zurückzurufen.

Bevor König Karl VIII. nach Italien kam, stand dieses Gebiet unter der Herrschaft des Papstes, Venedigs, des Königs von Neapel, des Herzogs von Mailand, und der Florentiner. Diese Potentaten hatten vorab auf zweierlei aufzupassen: zum einen, dass niemand Fremdes bewaffnet in Italien einfällt, zum anderen, dass niemand von ihnen noch mehr Einfluss erwirbt. Besondere Sorgen machten Venedig und der Papst. Um Venedig zurückzuhalten, benötigte es lediglich der Vereinigung aller anderen, wie es bei der Verteidigung von Ferrara der Fall war39, und um den Papst kleinzuhalten, bedienten sie sich des römischen Stadtadels, deren Spaltung in die zwei Parteien der Orsini und der Colonna beständigen Anlass zu Verwicklungen unter ihnen gab. Da sie unter den Augen des Pontifex ständig bewaffnet gegenüberstanden, hielten sie auch das Pontifikat ohnmächtig und schwach, und wenn auch einmal ein mutiger Papst wie Sixtus40 aufstand, dann konnte selbst ihn weder Fortuna noch Klugheit jemals dieser Streitigkeiten entledigen. Schuld war ebenfalls die kurze Lebensdauer, weil in den zehn Jahren, die ein Papst im Durchschnitt lebte, konnte niemand eine von den Parteien dämpfen, denn wenn zum Beispiel jemand die Colonna vernichtet hatte, so kam ein anderer, ein Feind der Orsini, der ihnen wieder hoch half, und es blieb ihm keine Zeit übrig, um die Orsini selbst zu vernichten. So kam es, dass die weltliche Macht des Papstes in Italien wenig beeindruckte.

Danach kam Alexander VI., der vor allen anderen Kirchenfürsten bewies, wieviel ein Papst durch Geld und Gewalt bewirken konnte, und der durch sein Werkzeug, den Herzog von Valenza, und mit der Gelegenheit des Einfalls der Franzosen alles das ausführte, worüber ich in den Taten des Herzogs oben geschrieben habe. Obwohl es nicht seine Absicht war, die Kirche, sondern vielmehr den Herzog groß zu machen, führte doch alles, was er tat, zur Vergrößerung der Kirche, die nach seinem Tod und dem Sturz des Herzogs zur Erbin seiner Bemühungen wurde.

Darauf folgte Papst Julius und fand die Kirche mächtig vor, im Besitz der gesamten Romagna, und der römische Stadtadel war unschädlich ge­macht und ihre Parteien unter den Streichen Alexanders erstickt. Zudem wurde der Weg zur Erschließung neuer Geldquellen freigegeben, den man bis hin zu Alexander noch niemals beschritten hatte.

Bei all diesen Vorgängen hatte es Julius nicht nur belassen, sondern er ver­größerte es und wollte Bologna gewinnen, Venedig unterdrücken und die Franzosen aus Italien werfen. Und diese Unternehmungen gelangen ihm alle, was für ihn umso ehrenvoller war, weil er alles tat, um die Kirche zu vergrößern und keinen Privatmann. Ebenfalls hielt er die Parteien der Orsini und Colonna in der Fassung, in die er sie vorfand, und obwohl es nicht an einigen Gründen zu Spannungen mangelte, so haben sie trotzdem zwei Dinge in Ruhe gelassen: zum einen die Größe der Kirche, die sie abschreckte, und zum zweiten, dass sie keine Kardinäle stellten, die Ursachen ihrer Spannungen sind. Niemals werden diese Parteien friedlich bleiben, solange sie Kardinäle in ihren Reihen haben, weil diese innerhalb und außerhalb Roms die Parteispaltungen hineintragen und sich der jeweilige Stadtadel genötigt sieht, sie zu beschützen. So erzeugt der Ehrgeiz der Prälaten jene Zwistigkeiten und Verwicklungen des Stadtadels.

So hat seine Heiligkeit Papst Leo X.41 dieses Pontifikat schließlich unvorstellbar mächtig vorgefunden. Und wenn seine Vorgänger es mit Waffengewalt vergrößert haben, so erhofft man sich, dass er es durch die Gnade und seine anderen zahllosen Fähigkeiten zu großem Ruhm bringen werde.

 

ZWÖLFTES KAPITEL

Von den Heeresarten und von den Söldnern

 

Nachdem ich nun im Einzelnen alle die Eigenschaften der Prinzipate besprochen habe, von denen ich mir zu Beginn vorgenommen hatte, die Gründe für den Wohl- oder Übelstand von einigen Seiten abzuwägen und die Mittel aufzuzeigen, mit denen viele erobern und zu bewahren, bleibt mir lediglich noch übrig, ganz allgemein die Fälle von Angriff und Verteidi­gung zu untersuchen, wie sie jedem der Genannten begegnen können.

Wir haben oben darauf hingewiesen, wie ein Princeps für gute Grundlagen sorgen müsse, sonst geht er notwendig zugrunde. Die Fundamente aller Staaten, neue wie alte oder gemischte haben können, sind gute Gesetze und ein gutes Heer. Da es aber keine durchsetzungsfähigen Gesetze gibt, wo keine Waffen sind, und wo ein brauchbares Heer sein soll, die Gesetze zwingend gut sein müssen, will ich mich mit den Gesetzen nicht weiter be­schäftigen und mich mit dem Militär befassen.

Ich stelle demnach fest, dass das Heer, mit denen ein Princeps seinen Staat verteidigt, entweder seine eigenen oder Söldner oder Hilfstruppen oder gemischte Truppen sind. Die gemieteten Söldner und die Hilfstruppen sind unnütz und gefährlich und wer seinen Staat auf angemietete Waffen gründet, wird niemals sicher und fest stehen; denn sie sind uneins, ehrgeizig, treulos, ohne Disziplin, tapfer vor Freunden, feige vor dem Feind. Sie haben weder Respekt vor Gott noch Treue bei Menschen. Man schiebt seinen eigenen Untergang nur auf, solange es zu keinem Kampf kommt. Im Frieden wirst du von ihnen, im Krieg vom Feind geplündert.

Der Grund hierfür ist, dass sie keine weitere Liebe noch anderen Antrieb haben, der sie im Feld erhielte, als ein wenig Sold, der jedoch nicht ausreicht, um zu bewirken, dass sie für dich sterben wollen. Sie wollen selbstverständlich deine Soldaten sein, solange du keinen Krieg beabsichtigst, sobald es aber zum Krieg kommt, laufen sie davon und werden fahnenflüchtig.

Das zu demonstrieren sollte mir nicht viel Mühe kosten, weil der gegenwärtige Niedergang Italiens aus keinem anderen Grund herrührt, als dass man sich viele Jahre lang auf Söldnertruppen verlassen hat, die diesem oder jenem zwar einen gewissen Vorteil eingebracht hat und tapfer untereinander zu kämpfen, sobald aber der Fremde nahte, sich als das entpuppten, was sie waren. Daher konnte sich König Karl VIII. von Frankreich ganz Italien in einem Stück verschlingen. Wollte jemand behaupten, dass ausgerechnet unsere Sünden daran schuld gewesen wären, dann hatte er recht, auch wenn es nicht die Sünden waren, an die er dachte, sondern diejenigen, die ich aufgezählt habe42. Und weil es die Sünden der Principes waren, so mussten sie auch diese Strafe dafür büßen.

Ich will das Unheilbringende dieser Truppen noch eingehender aufzeigen. Die Söldnerführer sind entweder vortreffliche Männer oder nicht. Wenn sie es sind, so kannst du dich ihnen nicht anvertrauen, weil sie immer nach ihrer eignen Größe trachten, und setzen entweder dich, ihren Gönner oder andere gegen deinen Willen unter Druck. Wenn der Söldnerführer nicht virtuos ist, so vernichtet er dich grundsätzlich. Und wirft jemand ein, dass jedermann, der Waffen in Händen hält, eben handeln wird, ob gemietet oder nicht, so muss ich erwidern, dass es darauf ankommt, ob die Waffen ein Princeps oder eine Republik führt. Der Princeps muss persönlich mitgehen und selbst Feldherr sein, die Republik hat ihre Bürger zu schicken und wenn sie einen geschickt hat, der sich nicht tüchtig zeigt, muss sie ihn ablösen oder nötigenfalls durch die Gesetze in seinen Schranken halten, damit er seine Kompetenzen nicht überschreitet.

Die Erfahrung lehrt, dass allein Principes und die bewaffneten Republiken bedeutende Fortschritte machen, die Söldnerheere aber nie etwas anderes als Unruhe stiften. Zudem kommt eine mit eigenen Truppen ausgestattete Republik nicht so leicht in das Umstürzlertum eines ihrer Bürger als die mit fremden Söldnern bewaffnete.

Rom und Sparta blieben viele Jahrhunderte bewaffnet und frei. Die Schweizer sind die bewaffnetsten und die freiesten. Ein Beispiel für Söldnertruppen des Altertums liefern die Karthager, die am Ende des ersten Krieges mit den Römern durch ihre eigenen Söldner beinahe unterdrückt worden wären, obwohl Karthago seine eigenen Bürger zu Feldherren bestimmt hatte. Philipp von Mazedonien43 wurde nach dem Tod des Epaminondas von den Thebanern zum Führer ihrer Armee gewählt und entriss ihnen nach seinem Sieg die Freiheit. Die Mailänder nahmen, als Herzog Filipo Visconti44 gestorben war, den Francesco Sforza gegen die Venezianer in Sold, der sich nach seinem Sieg bei Caravaggio mit ihnen zur Unterjochung der Mailänder, seiner Herren verbündete. Sforza, sein Vater45, der im Dienst der Königin Johanna von Neapel stand, ließ sie auf einmal wehrlos im Stich, so dass sie sich, um das Reich nicht einzubüßen, dem König von Aragon in den Schoß werfen musste.

Und sollten Venedig und Florenz ihr Hoheitsgebiet mit solchen Truppen bisher erweitert und ihre Befehlshaber sich nicht über sie zu Principes erho­ben haben, sondern sie verteidigten, so erwidere ich, dass die Florentiner in diesem Fall vom Zufall begünstigt gewesen waren, weil von den tüchtigen Feldherren, die sie fürchten sollten, die einen nicht siegten, die anderen auf Widerstand stießen, wieder andere ihren Ehrgeiz auf andere Dinge lenkten. Wer nicht siegte, war Giovanni Acuto46, dessen Treue man deshalb nicht auf die Probe stellen konnte, weil er nicht siegte, aber jeder wird zugestehen dass wenn er gesiegt hätte, die Florentiner in seine Hand gefallen wären. Sforza hatte immer die Bracceschi zu Gegnern, einer bewachte den andern. Francesco richtete seinen Ehrgeiz auf die Lombardei, Braccio auf die Kirche und das Königreich von Neapel.

Kommen wir aber auf das zu sprechen, was sich erst neulich zugetragen hat. Die Florentiner machten den Paolo Vitelli zu ihrem Feldherrn, einem gewandten Mann, der sich schon als Privatperson das größte Ansehen erworben hatte. Wenn er Pisa erobert hätte, das wird niemand leugnen, wären die Florentiner an ihn gebunden gewesen, denn hätte er in Diensten des Feindes gestanden, gäbe es für sie keinen Ausweg mehr, und behielten sie ihn, so mussten sie ihm Gehorsam leisten.

Untersucht man die Erfolge der Venezianer, so zeigt sich, dass sie sicher und ruhmreich operiert haben, solange sie den Krieg mit eigenen Leuten bestritten, was der Fall war, bevor sie noch mit ihren Unternehmungen sich auf das feste Land einließen. Zuvor zeigte sich der Adel tapfer und die Bevölkerung wehrhaft, aber als sie auf dem Lande zu kämpfen begannen, verloren sie ih­re Virtuosität und folgten dem italienischen Brauch. In der ersten Zeit ihrer Eroberungen auf dem Festland hatten sie, weil ihre Ländereien klein waren und der Ruf groß, nicht viel von von ihren Feldherren zu befürchten. Als sie ihr Land jedoch vergrößern wollten, was unter Carmignola geschah47, beka­men sie diesen Fehler zu spüren. Sie erkannten seine ausgeprägte Virtuosität, weil sie unter seiner Leitung dem Herzog von Mailand besiegt hatten. Auf der anderen Seite erkannten sie auch, wie lahm er auf dem Feld geworden war und glaubten daher, nicht mehr siegreich mit ihm sein zu können, weil dies nicht in seiner Absicht lag, und dass sie ihn auch nicht entlassen konnten, um ihre Gewinne nicht wieder einzubüßen. So waren sie genötigt, ihn zu töten, um vor ihm sicher zu sein.

Später wählten sie Bartolomeo von Bergamo48, Ruberto da San Severino49, den Conte da Pitigliano50 und andere zu Söldnerführern, mit denen sie viel­mehr um die Verluste als um die Gewinne sorgen machten. So geschah es bei Vaila, wo sie an einem Tag verloren, was sie achthundert Jahre lang mit so viel Anstrengungen aufgebaut haben, weil eben von solchen Truppen nichts kommt, als langsame, späte und schwache Gewinne, und plötzliche, wundergleiche Verluste. Und da ich mit diesen Beispielen einmal in Italien angelangt bin, das so viele Jahre von den Söldnern beherrscht gewesen war, so will ich diese noch etwas mehr von vom an betrachten, damit man, wenn man ihren Ursprung und Fortschritte sieht, sie umso schneller verbessern könne.

Es ist zu bedenken, dass Italien, nachdem der deutsche Kaiser aus Italien verdrängt worden war, in viele kleine Staaten zerfiel und der Papst selbst zu größerer Macht gelangte. Viele der größeren Städte griffen gegen ihren Adel zu den Waffen, da er sie, vom Kaiser begünstigt, unterdrückt hatte. Und die Kirche half ihnen dabei, um ihrer weltlichen Macht mehr Glanz zu geben. Über viele andere schwangen sich Bürger zu Fürsten auf, weswegen sie, als nun Italien fast ganz in den Händen der Kirche und einiger Freistaaten war und jene Priester ebenso wenig wie diese anderen Bürger an Waffen gewöhnt, noch vertraut damit waren und anfingen, Fremde zu besolden. Der erste, der diese Soldateska aufnahm, war Alberico von Como51 aus der Romagna, aus dessen Schule neben anderen sowohl Braccio als auch Sforza kamen, die zu ihrer Zeit die Schiedsrichter Italiens waren.

Auf diese folgten alle anderen, die bis in unsere Tage hinein die Heere Italiens befehligt haben. Das Resultat ihrer Virtuosität war, dass dieses Land von Karl überrannt, von Ludwig geplündert, von Ferdinand gebrandschatzt sowie von den Schweizern geschändet worden war. Ihre Politik bestand darin, dass sie, um den eigenen Ruhm zu erhöhen, dem Fußvolk seinen Ruhm nehmen müssen. Sie taten dies, weil sie sich mit ein paar Fußsoldaten, ohne Land und nur auf ihr Waffenhandwerk gestützt, keinen Respekt verschaffen und die vielen Anhänger nicht ernähren konnten. Daher beschränkten sie sich auf die Reiterei, die auch in geringer Zahl unterhalten und geehrt werden konnten. So kam es dazu, dass man in einem Heer von zwanzigtausend Soldaten keine zweitausend Fußknechte fand. Zudem hatten sie jede erdenkliche Anstrengung unternommen, um sich und den Soldaten die Mühe und Furcht zu ersparen, indem sie sich bei einem Aufeinandertreffen niemals gegenseitig töteten, sondern ohne Schwertstrich gefangen nahmen. Nachts nahmen sie keine Angriffe auf belagerte Festungen vor und die Belagerten unternahmen keine Ausfälle. Sie befestigten ihr Lager weder mit Pfählen noch mit Gräben und im Winter kämpften sie überhaupt nicht. Alle diese Dinge waren gemäß ihrer militärischen Regeln erlaubt und von ihnen erfunden worden, um alle Fährnisse und Gefahren zu meiden, bis sie damit, wie bereits angesprochen, Italien in die Knechtschaft und Schande gebracht haben.

 

DREIZEHNTES KAPITEL

Von Hilfstruppen, gemischten Truppen und eigenen Truppen

 

Von Hilfstruppen, der zweiten Art unnützer Truppen, wird gesprochen, wenn man eine andere Macht herbeiruft, damit er mit seinen Truppen kommt, um dir beizustehen und dich zu verteidigen, wie es in neuerer Zeit Papst Julius II. widerfahren ist, der vor seinem Feldzug gegen Ferrara mit seinem Söldnerheer eine schlimme Erfahrung gemacht hatte und sich den Hilfstruppen zuwandte. Er schloss mit König Ferdinand von Spanien die Übereinkunft, dass er mit seinen Menschen und Truppen unterstützen solle.

Diese Truppen können nützlich und tüchtig sein, aber für denjenigen, der sie ruft, sind sie immer unheilbringend. Denn wenn du verlierst, wirst du vernichtet, und wenn du gewinnst, so bist du ihr Gefangener.

Obwohl die Geschichte des Altertums voll von Beispielen ist, will ich von bei diesem Beispiel mit Papst Julius II. bleiben, weil es noch frisch ist. Sein Entschluss, sich wegen Ferrara einem Fremden so gänzlich in die Arme zu werfen, war schlicht unüberlegt. Doch seine gute Fortuna brachte als dritte Ursache etwas ein, weswegen er die Frucht seiner üblen Ernte nicht genießen musste, denn da seine Helfer bei Ravenna geschlagen waren, griffen die Schweizer ein und verjagten die Sieger, entgegen der allgemeinen Meinung, die er und alle anderen vertreten hatten, und wurde weder Gefangener seines nunmehr vertriebenen Feindes, noch seiner Helfer, weil er mit fremden Waffen als mit den eigenen gesiegt hatte.

Die völlig wehrlosen Florentiner führten zehntausend Franzosen vor Pisa, um es zu erobern, ein Schritt, der sie mehr in Gefahren verwickelte, als sie jemals hatten. Der Kaiser von Konstantinopel52 schickte, um sich gegen seine Nachbarn zu wehren, zehntausend Türken nach Griechenland, die bei Kriegsende nicht weichen wollten, was der Ursprung der Herrschaft der Ungläubigen über Griechenland war.

Wer sich jede Möglichkeit des Sieges verspielen will, muss sich solcher Truppen bedienen, da sie selbst noch viel gefährlicher als Söldnerheere sind, denn mit ihnen ist die Niederlage ausgemacht. Sie sind sich untereinander einig und gehorchen alle einem fremden Oberbefehl, wohingegen die Söldnerheere, wenn sie gesiegt haben, viel Zeit und eine noch bessere Gelegenheit benötigen. Weil sie keine Einheit sind, von dir zusammengerufen und besoldet werden, kann ein Dritter, den du zum Hauptmann über sie machst, nicht so plötzlich zu Einfluss gelangen, um dir schaden zu können.

Kurz und bündig: bei den Söldnerheeren ist das Gefährliche die Trägheit, bei den Hilfstruppen die Virtuosität. Ein kluger Fürst vermeidet diese Truppen und hält sich stets an seine eigenen. Er zieht es vor, mit den eigenen zu verlieren, als mit fremden zu siegen, in der Einsicht, dass ein solcher Sieg, den sie mit Fremdwaffen erwerben, kein wirklicher Sieg ist.

Ich habe keine Bedenken, Cesare Borgia und seine Handlungen anzufüh­ren. Der Herzog fiel mit lauter Hilfstruppen in der Romagna ein, allesamt Franzosen, und nahm mit ihnen lmola und Forli ein. Da diese Truppen ihm in der Folge wenig zuverlässig erschienen, wandte er sich den Söldnern zu, bei denen er weniger Gefahr witterte. Er besoldete die Orsini und die Vitelli und als diese nach ihrer Verwendung ebenfalls untreu, zwielichtig und gefährlich wurden, löste er sie auf und verwendete von nun an eigene Truppen.

Man kann den Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Truppen leicht erkennen, wenn man bedenkt, welcher Unterschied zwischen der Macht des Herzogs war, als er noch allein auf die Franzosen und dann auf die Orsini und die Vitelli angewiesen war, und etwas später, als er mit seinem Volk aus eigener Kraft bestehen konnte. Man wird einsehen, dass dessen Macht gestiegen ist und er nicht eher geachtet war, bis jeder sah, dass er vollkommen Herr über sein Heer war.

Eigentlich wollte ich nur italienische und frische Beispiele anführen, doch möchte ich den Hieran von Syrakus nicht übergehen, weil da er einer der von mir oben Genannten ist. Als dieser, wie bereits erwähnt, von den Syrakusern zum Heerführer ernannt worden war, erkannte er sofort die Unbrauchbarkeit der Söldner, weil es, ähnlich den Italienern, von Condottieri, geführt wurde, und da er sie seiner Meinung nach weder behalten noch entlassen durfte, ließ er sie alle in Stücke hauen, und führte dann den Krieg mit seinen und nicht mit fremder Leute Waffen.

Ich will hier noch an eine Figur aus dem Alten Testament erinnern, die sich bei diesem Anliegen eignet. Als sich David dem Saul anbot, mit Goliath, ei­nem Schläger der Philister, zu kämpfen, legte ihm Saul seine Rüstung an, um ihm Mut zu machen, die David gleich mit der Begründung ablehnte, dass sie zu schwer sei und sich lediglich mit Schleuder und Messer bewaffnet dem Feind entgegentreten wolle. Kurz gesagt sind fremde Waffen entweder zu groß, zu schwer oder engen dich ein.

Nachdem Karl VII.53, Vater von König Ludwig Xl.54, Frankreich durch Fortuna und Virtuosität von den Engländern befreit hatte, erkannte er diese Notwendigkeit, sich mit eigenen Truppen zu rüsten, und führte in seinem Königreich die Aushebung von Fußsoldaten und Reitern vor. Später löste sein Sohn König Ludwig die Fußsoldaten wieder auf und begann damit, Schweizer in Sold zu nehmen. Dieser Fehler folgte auf andere, wie sich deutlich zeigt, und war Schuld an den Gefahren dieses Reiches, denn das Ansehen, das er den Schweizern gab, hat alle seine eigenen Soldaten ent­mutigt. Da er die Fußsoldaten gänzlich aufgelöst und die Reiterei an andere Truppen gebunden hat, sind sie nur noch mit den Schweizern zu kämpfen gewohnt und glaubten nicht daran, ohne sie siegen zu können. So erklärt sich, dass die Franzosen den Schweizern nicht mehr gewachsen sind und andere ohne Schweizer nicht stark genug sind. Die Truppen Frankreichs sind gemischt, teilweise Söldner, teilweise eigene. Beide gemeinsam sind weitaus effektiver als nur Söldner oder nur Hilfstruppen, auch wenn sie weitaus schlechter als eigene sind. Dieses Beispiel möge genügen, da Frank­reich unüberwindbar wäre, wenn man die Einrichtungen Karls VII. ausgebaut oder zumindest bestehen lassen hätte. Aber die ausbaufähige Klugheit der Menschen beginnt so manches, das zwar nach etwas Gutem schmeckt, aber das Gift darunter nicht erahnen lässt. Hinsichtlich dieser Bemerkungen habe ich oben meinen Vergleich zur Schwindsucht angebracht. Wenn der Fürst die Übelstände nicht eher bemerkt, als sie entstehen, so ist er nicht wirklich klug. Und dies ist nur wenigen gegeben. Wenn man die Ursprünge des Verfalls des Römischen Reiches durchdenkt, dann wird man finden, dass dieser Verfall damit einsetzte, als Rom gotische Truppen in seine Dienste nahm. So begannen sie, die Kräfte des Reiches auszuzehren und gab sie ihnen selbst.

Daher folgt meine Schlussfolgerung, dass keine Herrschaft ohne eigene Streitkräfte sicher ist, sondern sich von Fortuna abhängig macht, da ihm die Virtuosität fehlt, die ihn im Unglück verteidigen würde. Darüber hinaus war es immer schon Meinung und Urteil kluger Männer, dass nichts so unsicher und unbeständig ist, wie der Ruhm einer Macht, die sich nicht auf ein eigenes Heer stützen kann. Und ein eigenes Heer besteht aus eigenen Untertanen, Bürgern oder Dienern, alle anderen sind Söldner oder Hilfstruppen. Dabei ist es nicht schwer, ein eigenes Heer aufzustellen, wenn man die oben von mir erörterten Verfügungen durchgeht, und wenn man sieht, wie sich Philipp, der Vater von Alexander dem Großen, und viele Republiken und Principes bewaffnet und eingerichtet haben. Auf deren Ordnungen beziehe ich mich in allen meinen Untersuchungen.

 

VIERZEHNTES KAPITEL

Was ein Princeps hinsichtlich seines Militärs zu berücksichtigen hat

 

Ein Princeps darf kein anderes Ziel verfolgen, keine anderen Gedanken hegen noch irgendetwas anderes zu seinem Handwerk wählen außer dem Militär, seiner Ordnung und Disziplin, weil dies das einzige Handwerk ist, das zu einem Befehlenden passt. Es erweist sich als so wichtig, dass es nicht nur Principes von Geburt an auf dem Thron hält, sondern selbst Privatmänner auf diese Stufe befördert. Umgekehrt lässt sich beobachten, dass Fürsten ihre Hoheitsgebiete verloren haben, weil sie mehr an Vergnügungen als an Waffen interessiert waren. Die erste Ursache für deren Verlust ist die Verachtung dieses Handwerks und die Ursache, die dir dazu verhilft, ist die Meisterschaft darin.

Francesco Sforza stieg vom Privatmann zum Herzog von Mailand auf, weil er bewaffnet war, und seine Söhne wurden, weil sie die Strapazen im Umgang mit Waffen scheuten, aus Herzögen wieder zu Privatmännern. Desweiteren bringt das Unbewaffnetsein neben anderen Schäden auch das Verachtetwerden, was eine jener Schändlichkeiten ist, vor denen sich ein Principe besonders hüten muss, wie ich später noch erörtern werde.

Denn bewaffnete und unbewaffnete Principes kann man nicht vergleichen und es widerspricht der Vernunft, dass der Bewaffnete sich aus freien Stücken demjenigen unterwirft, der unbewaffnet ist, oder dass der Unbewaffnete sich unter seinen bewaffneten Dienern in Sicherheit wähnen sollte. Da diese ihn verachten und er argwöhnisch ihnen gegenüber auftritt, können sie unmög­lich zusammenarbeiten. Und deshalb kann ein Principe, der sich auf das Militär nicht versteht, zu all seinem Unglück, wie bereits erwähnt, von seinen Soldaten weder Achtung finden noch mit ihrer Treue rechnen.

Deshalb darf ein Principe seine Gedanken niemals vom Kriegshandwerk abwenden und muss sich im Frieden darin mehr üben als im Krieg. Dies kann er auf zweierlei Weisen tun: zum einen mit praktischen Übungen, zum anderen in theoretischen Schulungen. Was die praktischen Übungen anbelangt, so muss er neben Disziplin und Übung seiner Soldaten ein fleißiger Jäger sein und dadurch den eigenen Körper an die Strapazen gewöhnen, nebenbei auch die Natur des Bodens erlernen, spüren, wie sich dabei die Berge erheben und in Täler ausgehen, wie Ebenen sich flächen und die Natur der Flüsse und Sümpfe einsehen, um auf all das seine größte Sorgfalt zu richten. Diese Kenntnis ist in doppelter Hinsicht nützlich: erstens lernt er sein Land und dadurch die Möglichkeiten zur Verteidigung besser kennen, zudem begreift er durch Kenntnis und Vertrautheit zu diesen Orten auch leicht jeden anderen Ort, den er von neuem erforschen müsste. Da die Hügel, Täler, Ebenen, Flüsse und Sümpfe der Toskana mit denen anderer Landstriche vergleichbar sind, so dass man von der Einsicht der Orte eines Gebietes leicht zur Erkenntnis einer anderen kommen kann. Einem Principe, dem diese Erfahrung abgeht, dem mangelt es die wichtigste Eigenschaft eines Feldherrn, denn nur sie lehrt den Feind auszukundschaften, Quartiere zu schlagen, Menschenmengen zu führen, das Schlachtfeld wählen oder Festungen belagern.

Philopoimen55, Herrscher über die Achäer, erhält von den alten Geschichtschreibern neben anderem Lob auch dieses, dass er in Friedenszeiten nie etwas anderes bedacht hatte als irgendwelche Kriegsfälle. Selbst wenn er mit den Freunden im Freien gewesen ist, habe er oft angehalten, um mit ih­nen zu beratschlagen, wer im Vorteil sein würde, wenn der Feind auf jener Höhe stünde und wir mit unserm Heer auf dieser Seite? Was müssten wir berücksichtigen, wenn wir uns zurückziehen wollten? Wie verfolgen wir einen Feind, der sich zurückgezogen hat. Er zeigte ihnen unterwegs allerhand Möglichkeiten auf, die sich auf dem Schlachtfeld ereignen können, hörte sich ihre Meinung an, äußerte die seinige. Infolge der beständigen Überlegungen konnte ihm bei der Führung des Heeres kein Ereignis zustoßen, dem er nicht gewachsen wäre.

Zum Zweck seiner theoretischen Schulungen muss der Fürst die Geschichte lesen und in ihnen die Handlungen vortrefflicher Männer betrachten, muss sehen, wie sie in Kriegszeiten verfahren haben, die Gründe ihrer Siege und Verluste abwägen, um die einen nachzuahmen, die andern aber zu ver­meiden. Grundsätzlich muss er sich so verhalten, wie es so manch vortrefflicher Mann in der Vergangenheit getan hat, der sich gefeierte und berühmte Persönlichkeiten zum Vorbild genommen hat und sich an dessen Gesten und Aktionen orientierten. So sagt man über Alexander den Großen, dass er sich Achilles, Cäsar sich Alexander, Scipio wiederum Cyrus nachgeahmt hat56. Wer das von Xenophon beschriebene Leben des Cyrus liest, wird in Scipios Werdegang erkennen, wie sehr ihm die Nachahmung zu Ruhm ver­holfen hat und wie sehr sich Scipio in seiner Keuschheit, Menschlichkeit, Leutseligkeit und Großmut jenen durch Xenophon am Cyrus gepriesenen Eigenschaften angenähert hat57. In vergleichbarer Weise muss sich ein kluger Princeps verhalten und in Friedenszeiten niemals müßig gehen, sondern sich mit Behutsamkeit einen Vorrat anzulegen, um zu Notzeiten davon Gebrauch machen zu können, damit ihn Fortuna, wenn sie sich wendet, zum Widerstand bereit findet.

 

FÜNFZEHNTES KAPITEL

Über diejenigen Sachen, für die Menschen und vor allem Principes Lob oder Tadel verdienen

 

Es bleibt jetzt nur noch zu untersuchen, wie sich ein Principe zu seinen Untertanen und Freunden verhalten muss. Weil ich weiß, dass hierüber schon viele geschrieben haben und wenn auch ich darüber schreibe, laufe ich in Gefahr, der Anmaßung beschuldigt zu werden, wenn ich in der Behandlung dieses Punktes von der Ansicht der anderen unterscheide. Weil es jedoch meine Absicht ist, etwas Brauchbares für diejenigen zu schreiben, die interessiert sind, schien es mir angebrachter, dem wirklichen Wesen der Dinge nachzugehen als irgendeiner Einbildung von ihr. Viele haben sich Republiken und Prinzipate eingebildet, die man niemals gesehen hat, noch jemals sehen wird. Weil in meinen Augen weit auseinanderliegt, wie man lebt und wie man leben sollte, wird derjenige, der nur darauf bedacht ist, was geschehen solle, nicht aber darauf, was wirklich geschieht, eher seinen Untergang als seine Selbsterhaltung erleben wird. Ein Mensch, der sich gänzlich zum Guten bekennen wollte, wird inmitten der vielen Menschen, die nicht gut sind, zwangsläufig zugrunde gehen. Daher muss ein Principe, der sich behaupten will, lernen, nicht gut zu sein, und dies zu gebrauchen oder nicht, wenn es notwendig ist.

Ich lasse alle Überzeichnungen in Betreff des Princeps beiseite und spreche nur von der Wirklichkeit. So behaupte ich, dass alle Menschen, sofern man über sie redet, und besonders die Principes infolge ihrer außerordentlichen Stellung, nach Eigenschaften klassifiziert werden, die ihnen Lob oder Tadel eingebracht haben. So gilt der eine für freigiebig und der andere für sparsam (misero), um ein toskanisches Wort zu verwenden, weil „geizig“ in unserer Sprache auch als derjenige bezeichnet wird, der durch Raub seine Gier zu stillen versucht, sparsam hingegen nennen wir denjenigen, der wenig Gebrauch von seinen eigenen Sachen macht, obwohl sie ihm ohnehin gehören. Den einen hält man für freigiebig, den anderen für habgierig, den einen für grausam, den anderen für weichherzig, den einen für treu, den anderen für wortbrüchig, den einen für feminin und feige, den anderen für wild und ungestüm, einen für zaghaft, den anderen für herrisch, einen für lasziv, den anderen für keusch, den einen für redlich, den anderen listig, einen für hart, den anderen für locker, einen für streng, den anderen für nachlässig, einen für fromm, den anderen für freigeistig und so fort.

Ich weiß, dass es jedermanns Meinung ist, es wäre das Vortrefflichste, wenn sich ein Princeps von allen den oben genannten Eigenschaften fände, die man für gut hält. Aber man kann sie nicht haben und auch nicht einzwängen, allein schon der menschlichen Verhältnisse wegen, die dies verbieten. So hat er einiges an Klugheit nötig, um den schlechten Ruf jener Laster zu vermeiden, die ihn um seine Macht bringen könnten, sowie dass er sich von Lastern möglichst hüte, die seine Macht nicht gefährden, auch wenn er sich diesen mit ein wenig Rücksicht ausliefern kann. Er braucht sich auch nicht um den schlechten Ruf derjenigen Laster zu kümmern, ohne die er nur schwer den Staat halten könnte. Denn wenn man alles gut durchdenkt, so wird man sich eingestehen müssen, dass manches, was als Virtuosität erscheint, zum Untergang führt, wenn man es nur befolgt. Und etwas anderes erscheint als Laster, aus dessen Befolgung ihm Sicherheit und Wohlstand entwachsen.

 

SECHZEHNTES KAPITEL

Von der Freigebigkeit und Sparsamkeit

 

Ich beginne bei den ersten der eben genannten Eigenschaften und behaupte, dass es gut wäre, für freigiebig gehalten zu werden.

Wenn jedoch die Freigiebigkeit dergestalt ausgeübt wird, dass man sie nicht dafür hält, so schadet sie dir. Wird sie jedoch virtuos und so angewandt, wie es sein soll, dann bleibt sie unbekannt und du wirst den Vorwurf des Sparsamkeit nicht los. Man ist sogar genötigt, nicht den geringsten Aufwand einzusparen, wenn man sich unter den Menschen einen freigebigen Namen erhalten will. Deshalb wird ein solcher Princeps mit derlei Wohltaten sein gesamtes Vermögen erschöpfen und schließlich gezwungen sein, das Volk mit außerordentlichen Abgaben zu belasten, Steuern zu erheben und alle Maß­nahmen zu ergreifen, durch die man Geld auspressen kann. So jedoch macht er sich bei seinen Untertanen verhasst und infolge seiner Armut gering geschätzt wird. Da er viele mit seiner Freigebigkeit verletzt und wenige bevor­teilt hat, wird er beim der nächstbesten Anlass und der geringsten Gefahr einen Unfall erleiden. Sobald er dies bemerkt und seine Ausgaben drosseln möchte, zieht er sich gleich wieder den Ruf der Sparsamkeit zu.

Sofern ein Princeps diese Virtuosität der Freigiebigkeit nicht ohne Schaden so ausüben kann, dass sie bekannt werden würde, darf er sich, wenn er klug ist, vor dem Ruf der Sparsamkeit nicht scheuen. Denn mit der Zeit wird man ihn immer mehr für freigiebig halten, solange man sieht, dass er mit seinen Auskünften zurecht kommt und sich gegen Überfälle wehren oder etwas unternehmen, ohne die Bevölkerung zu belasten. So halten ihn zuletzt all diejenigen für freigiebig, denen er nichts nimmt, was viele sind, wohingegen ihn nur jene für sparsam halten, denen er nichts gibt, was wenige sind.

In unseren Tagen haben wir nichts Großartiges geschehen sehen, außer von den Sparsamen, und alle anderen sind zugrunde gegangen. Papst Julius II. nutzte seinen Ruf der Freigiebigkeit, um Papst zu werden, aber dann dachte nicht mehr daran, um Krieg zu führen. Der gegenwärtige König von Frankreich58 hat viele Kriege ohne die Einführung außerordentlicher Abgaben führen können, da seine Ausgaben durch lange Sparsamkeit gedeckt waren. Wenn der gegenwärtige König von Spanien59 für freigiebig gehalten worden wäre, hätte er viele Unternehmen nicht angefangen oder umgesetzt.

Ein Fürst darf sich um den Ruf der Sparsamkeit nicht scheren, solange er seine Untertanen nicht ausplündert oder selbst arm und verächtlich wird sowie dass er sich dazu herunterlassen muss, ein Räuber zu sein. Sparsamkeit ist eine Untugend, die die Herrschaft erhält. Sollte einer behaupten, dass Cäsar durch Freigiebigkeit zur Regierung gekommen war und viele aus demselben Grund zu den höchsten Stufen emporgeklettert sind, entgegne ich, dass es darauf ankommt, ob du schon Fürst bist oder ob du auf dem Weg bist, es zu werden. Im ersten Fall ist Freigiebigkeit nachteilig, im zweiten Fall genügt es schon, als freigiebig zu gelten. Und Cäsar war erst einer von jenen, die in Rom zur Macht gelangen wollten. Hätte er weiter so gelebt und seine Ausgaben nicht gemäßigt, nachdem er dazu gelangt war, wäre seine Regierung zerstört worden. Sollte jemand entgegnen, dass es einige Fürsten gab, die mit ihren Streitmächten große Dinge vollbracht haben und doch für enorm freigiebig gehalten wurden, dem antworte ich, dass der Fürst entweder sein eigenes Vermögen ausgibt, jenes sei­ner Untertanen oder sogar geliehenes Vermögen. Im ersten Fall sollte er sparsam sein, im nächsten Fall darf er es nirgendwo an Freigiebigkeit fehlen lassen. Zudem ist für einen Fürsten, der einem Heer umherzieht und von Beute, Plünderung und Steuern lebt, diese Freigiebigkeit unerlässlich, weil ihm sonst die Soldaten nicht folgen würden. Was nicht dir oder deinen Untertanen gehört, kannst du reichlich verteilen, wie es Cyrus, Cäsar und Alexander taten, weil dir das Verprassen fremder Werte kein Ansehen nimmt, sondern vielmehr vergrößert. Nur das Verprassen deiner Sachen schadet dir. Es gib nichts, was sich selbst so sehr aufzehrt, als Freigiebigkeit. Indem du sie ausübst, verringerst du die Mittel, sie wieder auszuüben. Du wirst entweder arm oder verachtet oder zum Räuber, um Armut zu vermeiden. Bei allem, wovor sich ein Fürst zu fürchten hat, stehen die Geringschätzung und der Hass ganz oben, und die Freigiebigkeit führt dich zu beiden.

Darum ist es ratsam, den Namen des Sparsamen, der einen schlechten Ruf ohne Hass ausdrückt, zu pflegen, als den Namen des Freigiebigen zu erwerben, um sich schließlich den des Räubers auf sich laden zu müssen, der einen schlechten Ruf mit Hass nach sich zieht.

 

SIEBZEHNTES KAPITEL

Von der Grausamkeit und Milde und ob es besser ist, geliebt oder gefürchtet zu werden

 

Ich gehe nun zu den anderen oben erwähnten Eigenschaften über und behaupte, dass jeder Princeps sich wünschen muss, im Ruf der Milde und nicht des Grausamen zu stehen. Dennoch muss er berücksichtigen, von der Milde keinen üblen Gebrauch zu machen. Cesare Borgia galt als grausam, dennoch hatte seine Grausamkeit die Romagna wiederhergestellt und vereinigt sowie dort Frieden und Stabilität eingerichtet. Wird dies berücksichtigt, dann wird man sehen, dass er bei weitem gütiger als das florentinische Volk gewesen ist, das die Zerstörung Pistojas zuließ, um nicht als grausam zu gelten60.

Ein Princeps hat sich um den Ruf der Grausamkeit nicht zu kümmern, wenn er seine Untertanen einig und ergeben halten will. Sollte er einige wenige Exempel statuieren, ist er gütiger als jene, die aus zu großer Güte gewisse Unordnungen einreißen lassen, auf die Mord und Raub folgen und welche die Allgemeinheit schaden. Jene Exekutionen aber, die vom Princeps ausgehen, treffen nur einzelne. Und von allen Principes ist es dem neuen Princeps unmöglich, den Namen des Grausamen zu umgehen, weil neue Staaten voller Gefahren sind. Deshalb hat Virgil durch Didos Mund die Unmenschlichkeit ihrer Regierung entschuldigt

Res dura, et regni novitas me talia cogunt

Moliri, et late fines custode tueri61

Dennoch darf ein Princeps nicht leichtgläubig und beeinflussbar sein. Er darf sich keine Furcht einreden, sondern muss gemäßigt, mit Klugheit und Menschlichkeit vorgehen, damit ihn weder zu großes Vertrauen unvorsichtig, noch zu großes Misstrauen unerträglich mache.

Hier stellt sich die Frage, ob es besser sei, geliebt als gefürchtet zu werden oder umgekehrt. Meine Antwort lautet, dass man beides sein sollte. Weil sich beides schwer vereinigen lässt, so ist es weitaus sicherer, gefürchtet als geliebt zu werden, wenn man eines von diesen zweien verzichten muss. Denn vom Menschen kann man im Allgemeinen sagen, dass sie undankbar, wankelmütig, verlogen, ängstlich und gierig sind. Solange du ihnen Vorteile verschaffst, gehören sie alle dir und verschreiben dir Blut und Leben, Habe und Kinder, zumindest solange, wie bereits gesagt, die Not noch fern ist, aber rückt sie näher, dann lehnen sie sich auf, und der Fürst, der sich ganz auf ihre leeren Versprechungen verlassen hat, geht unter. Weil Freundschaften, die man mit Geld und nicht durch innere Größe oder vornehme Gesinnung erwirbt, auf Zinsen stehen, kann man in Notzeiten nicht mit ihnen rechnen. Zudem scheuen sich Menschen nicht davor, jemanden, der sich beliebt gemacht hat, zu beleidigen, als einen solchen, der sich Respekt verschafft hat, weil Liebe wird durch das Band der Dankbarkeit erhalten, das zerrissen wird, wenn Menschen schlecht sind, wohingegen die Furcht fest mit der Angst vor Strafverfolgung verbunden ist, die den Menschen niemals verlässt.

Trotzdem muss der Fürst dergestalt gefürchtet sein, dass er zwar keine Liebe erwirbt, aber zugleich dem Hass entgeht. Es kann sehr wohl beides, gefürchtet und nicht gehasst zu werden, ineinander gehen, was immer dann erreicht wird, solange das Eigentum und die Frauen seiner Untertanen unangetastet bleiben, und wenn er dennoch dazu gezwungen wäre, mit jemandem derart umzugehen, dann darf er das nicht ohne ausreichende Rechtfertigung und in die Augen springende Gründe tun. Vor allem muss er sich hüten, sich fremden zu Besitzes bemächtigen, weil Menschen eher den Tod des eigenen Vaters als den Verlust ihres Wohlstandes verschmerzen. Außerdem mangelt es niemals an Gründen, jemandem seine Güter wegzunehmen, und immer findet einer, der von Raubzügen lebt, einen Anlass, sich fremde Sachen anzueignen. Im Gegensatz hierzu finden sich weniger Gelegenheiten zum Blutvergießen und häufig fehlen sie ganz.

Befindet sich aber ein Fürst auf dem Feld und befehligt eine Menge Soldaten, darf er sich um den Namen des Grausamen nicht scheren, weil er ohne diesen Namen niemals ein Heer in Einheit gehalten wird, noch für eine Sache einsteht.

Unter den unglaublichsten Taten von Hannibal wird auch diejenige gerechnet, dass er ein Riesenheer, ein Gemisch verschiedenster Menschen, in fremdes Land führte, ohne dass jemals untereinander ein Streit ausgebrochen oder den Princeps entwürdigt hätte, ganz gleich ob in schlechten Zeiten oder in guten. Hierfür konnte es keinen anderen Grund geben, als seine unmenschliche Grausamkeit, die ihn in den Augen seiner Leute neben seinen vielen anderen Fähigkeiten für ehrwürdig und furchtbar erscheinen ließen. Unbehutsame Schriftsteller bewundern auf der einen Seite diese Handlungen, auf der anderen Seite verdammen sie die wesentliche Ursache derselben.

Und dass seine übrigen Fähigkeiten nicht ausgereicht hätten, lehrt Scipio62, diesem nicht nur für seine Zeit, sondern auch nach weltgeschichtlichem Urteil seltenen Mann. Gegen ihn lehnte sich seine Armee in Spanien auf, woran lediglich seine zu große Milde schuld war, die den Soldaten mehr Freiheit zugestanden hatte, als es mit der Disziplin vereinbar war. Fabius Maximus63 warf ihm das im Senat vor und nannte ihn den Verderber des römischen Heeres. Als die Lokrer64 von einem Legaten des Scipio ausgeplündert wurden, hatte er sie nicht gerächt noch die Frechheit des Legaten gemaßregelt, was alles die Folgen seiner milden Natur sind. Daher bemerkte jemand, der ihn entschuldigen wollte, dass es viele Menschen gäbe, die besser verstünden, selbst keine Fehler zu begehen, als die Fehler anderer zu bestrafen. Diese Veranlagung hätte den Ruf und den Ruhm des Scipio dauerhaft geschadet, wäre er an der Regierung geblieben. Doch da er unter der Führung des Senats stand, wurde diese schädliche Eigenschaft nicht nur verborgen, sondern verhalf ihm zu Ruhm.

Ich schließe deshalb, um wieder auf Furcht und Liebe zu kommen, dass die Menschen nach ihrem Willen lieben und nach dem Willen der Principes fürchten, und dass sich ein kluger Princeps um seine Angelegenheiten kümmert und nicht um die der anderen. Nur soll er, wie gesagt, bemüht sein, dem Hass zu entgehen.

 

ACHTZEHNTES KAPITEL

Inwiefern Principes ihr Wort halten sollen

 

Jedem leuchtet ein, wie lobenswert es für einen Principe ist, sein Wort zu halten und ehrlich, ohne Verschlagenheit seinen Weg geht. Trotzdem zeigt die Erfahrung unserer Tage, dass es ausgerechnet diejenigen Principes zu Großem gebracht haben, die auf Treue wenig gaben und die Gehirne der Menschen mit List zu betören wussten, weswegen sie schließlich diejenigen übertrumpft haben, die sich an seiner Loyalität gemessen haben.

Ihr müsst Euch daher über die zwei Arten des Kampfes im Klaren sein: die eine besteht im Kampf durch das Recht und die andere im Kampf durch Gewalt. Die erste Art ist den Menschen eigen, die andere den Tieren. Weil aber die erste oftmals nicht genügt, muss man die Zuflucht zur zweiten nehmen, weswegen ein Princeps eine Wissenschaft daraus machen muss, sowohl die Natur des Menschen als auch dies Tieres anzuwenden. Die antiken Autoren haben den Fürsten diesen Punkt verblümterweise mitgeteilt, indem sie berichteten, wie Achilles und viele andere alte Principes dem Zentauren Chiron zur Pflege gegeben worden war, damit er sie unter seine Erziehung stelle. Dass ein Princeps eine Kreatur halb Tier, halb Mensch zum Erzieher bekommt, sagt nichts anderes, als dass ein Princeps beide Naturen beherrschen muss und die eine ohne die andere nicht bestehen kann.

Sofern ein Fürst genötigt wird, die Natur von Tieren anzunehmen, so soll er den Fuchs und den Löwen nehmen, weil der Löwe wehrlos gegen Schlingen und der Fuchs wehrlos gegen Wölfe ist. Demnach muss man Fuchs sein, um die Schlingen zu wittern, und Löwe, um die Wölfe zu schrecken. Wer jedoch nur Löwe sein will, versteht die Sache schlecht. Ein kluger Machthaber kann deshalb sein Wort nicht halten und darf es auch nicht, wenn dieses Versprechen zu seinem Schaden ausginge und die Gründe, wegen denen er sie versprochen hatte, erloschen sind. Wären die Menschen alle gut, so wäre auch diese Vorschrift nicht gut, aber da sie nicht gut sind und ihr Wort dir gegenüber nicht halten werden, musst du es auch nicht halten. So hat es noch keinem Princeps an rechtmäßigen Gründen zur Beschönigung des Wortbruchs gefehlt.

Man könnte hiervon unzählige neuere Beispiele angeben und zeigen, wie viele Friedenschlüsse und wie viele Versprechungen durch Untreue der Principes rückgängig und zerstört worden sind. Am besten ist es demjenigen geglückt, der den Fuchs am besten zu brauchen versteht. Sicherlich muss man seine Fuchsnatur zu verbergen wissen und Meister der Heuchelei sein. Die Menschen sind so einfältig und gehorchen oft den Bedürfnissen des Augenblicks, dass der Betrügende immer jemanden findet, der sich betrügen lässt.

Ich möchte von den neueren Beispielen eines nicht verschweigen. So tat Alexander VI. nie etwas anderes, als Menschen zu betrügen, noch dachte er je an etwas anderes und fand auch immerzu Gründe dafür. Niemals zuvor hat es einen Menschen gegeben, der größeren Ernst im Beteuern gezeigt und mit höheren Schwüren etwas bestärkt hätte, ohne sie zu halten. Trotzdem gelangen ihm seine Betrügereien nach Wunsch, weil er sich auf dieser Seite der Welt gut auskannte.

Ein Princeps muss demnach alle die oben angeführten Eigenschaften nicht wirklich besitzen, wohl aber ist es hilfreich, dass er so scheint, als hätte er sie. Ich wage sogar zu sagen, dass sie schädlich ist, wenn er sie immer befolgt, und dass sie nützlich ist, wenn er sie nur zu haben scheint. So muss ein Fürst gütig, treu, fromm, menschlich und ehrlich scheinen und sein. Darum muss er seine innere Stärke bewahren, sich nach dem Wechsel der Verhältnisse zu richten und zu beherzigen, dass ein Princeps, vor allem ein neuer Princeps, nicht alle Dinge befolgen kann, aufgrund derer ihn Menschen für gut halten, denn um den Staat zu behaupten, sieht er sich dazu gezwungen, gegen die Treue, die Liebe, die Menschlichkeit, gegen die Religion zu wirken, weswegen der Geist bereit sein muss, sich ständig zu wenden, wie es ihm die Stürme und Wechsel des Glücks ihm gebieten, und vom Guten, wie bereits gesagt, nicht abgehen, solange dies möglich ist, doch muss er es auch verstehen, im Notfall entsprechend Böses zu tun.

Ein Princeps muss sich außerordentlich davor hüten, dass aus seinem Mund irgendetwas kommt, das sich nicht von den fünf oben genannten Eigenschaften herleiten lässt, damit jeder, der ihn sieht und hört, den Eindruck gewinnt, dass er ganz Güte, ganz Treue, ganz Menschlichkeit, ganz Redlichkeit, ganz Religion ist. Besonders wichtig ist, dass man den Eindruck erweckt, vor allem die letzte Eigenschaft zu besitzen, da die Menschen grundsätzlich mehr mit den Augen als mit den Händen schließen.

Jeder kann sehen, aber fühlen können nur wenige. Jeder sieht, als was du erscheinst, aber wenige fühlen, was du wirklich bist, und diese wenigen wagen es nicht, sich der Meinung der vielen zu widersetzen, die für sich die Hoheit des Staates auf ihrer Seite hat. Die Handlungen aller Menschen und insbesondere derjenigen Principes, für die es keinen Richter gibt, wird man an seinem Erfolg bemessen.

Ein Princeps muss lediglich die Oberhand behalten und den Staat behaupten, so werden die Mittel stets als ehrenvoll angesehen und von jedem gelobt. Weil der Pöbel hält sich immer nur an den Schein und den Erfolg. Und in der Welt gibt es nur Pöbel. Die wenigen finden nur ein Problem daran, wenn die vielen keine Stütze haben, an die sie sich anlehnen können. Ein gewisser Fürst unserer Tage, dessen Nennung niemand ratsam findet65, predigt nichts anderes als Treue und Frieden, und eines wie das andere würde ihm, wenn er sich daran gehalten hätte, mehr als einmal entweder die Macht gekostet haben oder die Reputation.

 

NEUNZEHNTES KAPITEL

Dass man sich vor Verachtung und Hass hüten muss

 

Da ich aber das Wichtigste über die früher erwähnten Eigenschaften besprochen habe, will ich die anderen kurz unter diese allgemeine Regel fassen, dass der Princeps berücksichtigen soll, alles zu vermeiden, was ihn verhasst und verächtlich macht. Wann auch immer er dies vermieden hat, wird er seinem Amt gerecht und jeder Rufmord wird für ihn gänzlich ungefährlich bleiben.

Verhasst macht ihn vor allem, wie ich schon sagte, die Raubgier und Usurpation von Gütern und Frauen seiner Untertanen. Dies hat er zu unterlassen. Solange man dem großen Menschenhaufen weder Besitz noch Ehre nimmt, sind sie zufrieden, und man hat bloß mit dem Ehrgeiz einiger weniger zu kämpfen, der sich auf vielerlei Weise mit Leichtigkeit zähmen lässt. Verächtlich macht sich ein Princeps, wenn man ihn für wankelmütig, weibisch, leichtgesinnt, kleinkariert oder unentschlossen hält, wovor er sich hüten muss wie vor einer Klippe. Er muss erreichen, dass man in seinen Handlungen sowohl Größe, Beherztheit, Würde als auch Festigkeit erkenne. Hinsichtlich der Privatangelegenheiten seiner Untertanen soll er sein Urteil durchsetzen und sich jeder Meinung enthalten, dass es niemand wagt, ihn anzugreifen oder vorzuspielen.

Der Princeps, der diese Meinung von sich zu erwecken vermag, ist angesehen genug und wer über ausreichend Ansehen verfügt, gegen den verschwört man sich nicht so einfach, der wird nicht so leicht überfallen, solange man nur von ihm weiß, dass er ein vortrefflicher Mann ist und von seinen Anhängern verehrt wird.

Darum hat ein Principe zweierlei zu fürchten: eine innere Gefahr wegen der Untertanen und eine äußere wegen der fremden Mächte. Gegen den letzteren schützen gute Waffen sowie gute Freunde und solange er gute Waffen hat, wird er auch gute Freunde haben. Und die inneren Angelegenheiten stehen stets fest, sobald die äußeren feststehen, wenn sie nicht durch eine Verschwörung gestört werden. Doch selbst wenn die auswärtige Lage ins Wanken gerät, wird ein Princeps bei Einhaltung der von mir beschriebenen Lebensart jederzeit einen Ansturm abwehren, solange er sich nur nicht selbst aufgibt.

Wie ich bereits beschrieb, tat dies der Spartaner Nabis. Solange außenpolitische Ruhe herrscht, hat der Princeps von Untertanen lediglich zu fürchten, dass sie sich heimlich verschwören können, wovor er sich ausreichend absichert, wenn er es nur vermeidet, gehasst und geringgeschätzt zu werden und die Bevölkerung zufrieden hält, was man zwingend erreichen muss, wie oben schon ausführlich gezeigt wurde.

Eines der stärksten Gegenmittel, die ein Princeps gegen seine Verschwörer hat, ist eben der, von der Bevölkerung nicht gering geschätzt oder sogar gehasst zu werden. Denn die Verschwörer glauben immer, das Volk durch die Ermordung des Princeps zu befriedigen. Glauben sie jedoch, dass sie das Volk verstören könnten, so fehlt ihnen, da die Probleme für die Verschwörer ohnehin zahlreich sind, der Mut für einen solchen Schritt. Die Erfahrung zeigt auch, dass es viele Verschwörungen gegeben hat und nur wenige ein gutes Ende genommen haben. Denn wer sich verschwört, muss sich zusammenrotten, sich Genossen suchen, außer bei jenen, von denen man glaubt, dass sie ebenfalls unzufrieden sind. Und sobald du jemandem dein Herz öffnest, gibst du ihm die Gelegenheit, seine eigenen Wünsche zu befriedigen, denn offenbar kann er allerhand Vorteile daraus ziehen. Da auf der einen Seite sicherer Gewinn und auf der anderen Gefahr steht, muss er entweder schon ein selten treuer Freund oder ein hasserfüllter Feind des Princeps sein, um dir treu zu bleiben.

Um es kurz zu machen, sage ich, dass unter den Verschwörern immer nur Neid, Furcht, Angst vor Strafe schrecken. Auf Seiten des Princeps hingegen stehen die Hoheit seines Prinzipats, die Gesetze, der Schutz der Freunde und des Staates, die ihn verteidigen. Wenn sich zu all dem noch die Zuneigung gesellt, wird unmöglich einer so dreist sein, sich zu verschwören. In der Regel hat ein Verschwörer vor der Vollstreckung seiner bösen Absichten die Strafe zu fürchten, in diesem Falle auch hinterher, da er nach seiner Übeltat zu den Feinden zählt und nirgendwo Zuflucht findet. Für diesen Fall ließen sich unzählige Beispiele anführen, jedoch will ich mich mit einem einzigen begnügen, das sich in der Zeit unserer Väter ereignet hat. Signore Annibale Bentivoglio66, Beherrscher Bolognas und Großvater des jetzt lebenden Signore Hannibal, wurde von den Anhängern der Canneschi, die sich gegen ihn verschworen hatten, umgebracht. Von der gesamten Familie blieb nur noch sein Sohn Giovanni67 übrig, der damals noch in Windeln lag. Sofort nach diesem Mord erhob sich das Volk und tötete all Anhänger der Canni. Dies war eine Wirkung der Beliebtheit, die das Haus der Bentivogli zu jener Zeit in Bologna genoss. Sie war so groß, dass, als nach dem Tod Hannibals niemand mehr da war, um den Staat zu regieren, und als man erfuhr, dass in Florenz noch ein Abkömmling der Bentivoglio lebte, den man bislang für den Sohn eines Schmieds hielt, die Bologneser diesen aus Florenz holten und ihm die Macht über die Stadt übertrugen, die er solange verwaltet hatte, bis Signore Giovanni in das regierungsfähige Alter kam.

Ich ziehe daraus den Schluss, dass sich ein Princeps wenig um Verschwörungen zu sorgen braucht, wenn die Bevölkerung ihm gewogen ist. Ist es ihm aber feindlich gesonnen und hasst ihn, dann muss er alles und je­den fürchten. Gut geführte Staaten und kluge Herrscher haben mit großer Sorgfalt darauf hingearbeitet, die Mächtigen nicht zu verwirren sowie das Volk zufriedenzustellen, denn das ist eine der wichtigsten Aufgaben für einen Princeps.

Zu den gut geführten und verwalteten Staaten unserer Zeit gehört Frankreich. Dort findet man unzählige gute Einrichtungen, die auf die Unabhängigkeit und Sicherheit des Königs beruht. Zuerst ist das Parlament und dessen Einfluss zu nennen. Wer diesem Reich die Verfassung gab, kannte den Ehrgeiz der Mächtigen und ihre Dreistigkeit und wollte diesen einen Zaum um ihren Mund zu legen, um sie zu zügeln. Andererseits kannte er den auf Furcht gegründeten Hass der Menge gegen die Mächtigen und wollte zur Aufrechterhaltung der Sicherheit nicht allein der Sorge des Königs zu überlassen. Um ihm den Vorwurf zu ersparen, die er bei den Mächtigen hatte, wenn er das Volk begünstigte, oder mit dem Volk, wenn er den Mächtigen den Vorzug gibt, setzte er ein drittes Gericht ein, das die Aufgabe hatte, die Mächtigen ohne Belastungen für den König niederzuhalten und die Kleinen zu schützen. Diese Verfassung konnte weder besser noch klüger und für die Sicherheit des Königs und des Königreiches nicht wirksamer sein. Hieraus lässt sich die weitere Regel herleiten, dass Princeps alle unangenehmen Sachen von anderen verwalten lassen muss und die angenehmen selbst. Ferner schließe ich, dass ein Princeps die Mächtigen achten soll, sie aber nicht bei der Bevölkerung verhasst machen darf.

Bei der Betrachtung des Leben und Todes mancher römischer Kaiser möchte es vielen vorkommen, als ob sie Gegenbeispiele zu meiner Ansicht wären, denn unter ihnen findet sich so mancher, der stets vorbildlich gelebt und große Virtuosität bewiesen hat, aber dennoch um sein Reich gekommen ist oder von seinen Anhängern ermordet wurde, nachdem sie sich verschworen hatten. Um diesen Einwänden zu entgegnen, werde ich nun die Eigenschaften einiger Kaiser durchgehen und zeigen, dass die Gründe ihres Sturzes mit meinen Ansichten nicht unverträglich sind, um nebenbei die Umstände in Erwägung zu ziehen, die man beim Studium der Geschichten jener Zeit zu berücksichtigen hat. Es sollte mir die Reihe der Kaiser genügen, die sich von Marc, dem Philosophen, bis hin zu Maximinius erstreckt, und zwar sind dies Marc Aurel, sein Sohn Commodus, Pertinax, Julianus, Septimus Severus, dessen Sohn Antoninus Caracalla, Macrinus, Heliogabalus, Alexander und Maximinius68.

Hierzu ist zu bemerken, dass in den anderen Prinzipaten nur gegen den Ehrgeiz der Mächtigen und die Unbotmäßigkeit der Bevölkerung gekämpft werden muss, die römischen Kaiser jedoch noch eine dritte Schwierigkeit hatten, da sie die Grausamkeit und Habgier der Soldaten erdulden mussten. Diese Aufgabe gestaltete sich so schwierig, dass er vielen den Untergang brachte, da es nicht leicht ist, Soldaten und Bevölkerung gleichermaßen zufriedenzustellen. Das Volk liebt die Ruhe und liebt deshalb auch bescheidene Principes, wohingegen Soldaten einen kriegerisch gesinnten Princeps bevorzugen, einen der tollkühn, räuberisch und grausam ist. Sie wollten, dass der Princeps das Volk entsprechend behandelt, damit sie einen doppelten Sold bekämen und ihre Grausamkeit und ihre Habgier befriedigen konnten. Aus diesem Grund gingen immer die Kaiser zugrunde, die weder durch Natur noch durch Kunst zu so großem Ansehen gelangt sind, um beide Seiten zu zügeln. Die meisten von ihnen, ganz besonders die Neulinge auf dem Thron legten Wert darauf, es nach Kenntnisnahme dieser zwei Seiten den Soldaten rechtzumachen und sich um die Belange des Volkes nicht zu kümmern. Diese Maßnahme war notwendig, da die Principes es nie verhindern konnten, von einigen gehasst zu werden, weswegen sie darauf hinarbeiten müssen, nicht von der Gesamtheit gehasst zu werden, und sollten sie dies nicht erreichen können, müssen sie all ihren Fleiß einsetzen, um dem Hass der mächtigeren Gruppe zu entgehen. Daher hielten es die Kaiser, vor allem die neuen, lieber mit den Soldaten als mit dem Volk, doch ob dies zweckmäßig war oder nicht, hängt vom jeweiligen Ansehen des Fürsten ab.

Die eben ausgeführten Gründe machen es verständlich, dass von Marc, Pertinax und Alexander, allesamt Männer des einfachen Lebensstils sowie Liebhaber der Gerechtigkeit, Feinde der Härte, offenherzig, menschlich, alle bis auf Marc ein übles Ende nahmen. Nur Marc lebte und starb mit höchstem Ansehen, da er durch Erbfolge auf den Thron gelangt war und dies weder den Soldaten noch der Bevölkerung zu verdanken hatte. Überdies war er mit vielen verehrungswürdigen Fähigkeiten gesegnet und hielt beide Seiten in ihren Schranken. Er wurde nie gehasst oder verachtet.

Pertinax aber wurde gegen den Willen der Soldaten zum Kaiser gewählt. Diese waren unter Commodus an ein zügelloses Leben gewohnt und konnten die ehrbare Lebensart, zu der sie Pertinax erziehen wollte, nicht ertragen. So machte er sich verhasst und wurde darüber hinaus aufgrund seines hohen Alters verachtet. Deshalb fand er bereits am Anfang seiner Regierung den Untergang.

Daher ist zu merken, dass man sich sowohl mit guten wie auch mit bösen Werken den Hass zuziehen kann. Deshalb ist ein Princeps, wie oben bereits bemerkt, oftmals gezwungen, nicht gut zu sein, weil die Mehrheit, die du zu deiner Behauptung notwendig hältst, und zwar ganz gleich ob Volk, Soldaten oder Mächtige, verdorben sind. Und du musst dich ihren Launen anpassen und sie befriedigen, um ihr zu gefallen. Kommen wir auf Alexander zu sprechen, der ein so großherziges Wesen hatte, dass er in den vierzehn Jahren seiner Regierungszeit niemand ohne richterlichen Urteilsspruch töten ließ. Trotzdem verschwor sich das Heer gegen ihn, weil er ganz weibisch war und sich von seiner Mutter beherrschen ließ und deshalb verachtet wurde.

Betrachtet man im Gegensatz hierzu die Eigenschaften des Commodus, des Severus, des Antonin, Caracalla und Maximinus, so wird man sie ihm höchsten Grad räuberisch und grausam finden. Um den Soldaten gerecht zu werden, scheuten sie sich vor keinem Unrecht gegenüber der Bevölkerung, und alle außer Severus nahmen ein übles Ende, denn Severus besaß so viel Virtuosität, dass er, getragen von der Gunst der Soldaten, trotz der Unterdrückung des Volkes glücklich regieren konnte. Seine Fähigkeiten verschafften ihm bei Soldaten wie bei der Bevölkerung so viel Bewunderung, dass die Soldaten gewissermaßen betäubt und getroffen, die Bevölkerung zufrieden und hörig blieben. Da die Handlungen dieses Mannes für einen neu zur Macht gekommenen Princeps vorbildlich waren, möchte ich kurz zeigen, wie gut er die Rolle des Fuchses und des Löwen zu spielen verstanden hat, deren Naturen, wie ich bereits erwähnte, zur Nachahmung empfohlen sind.

Da Severus die Trägheit von Kaiser Julian kannte, überredete er sein Heer, deren Befehlshaber er in Illyrien war, dass es besser wäre, nach Rom zu gehen, um den Tod des von den Prätorianern ermordeten Pertinax zu rächen. Unter diesem Vorwand führte er sein Heer gegen Rom, ohne seine Absichten zu offenbaren, und er war schon in Italien, ehe man noch von seinem Aufbruch erfahren hatte. In Rom angekommen wurde er vom Senat aus Angst zum Kaiser gewählt und Julian ermordet. Nach diesem Ankunft verblieben Severus noch zwei Schwierigkeiten, wenn er sich des Imperiums bemächtigen wollte, wobei die eine in Asien lag, wo sich Pescennius Niger69, der Feldherr der asiatischen Kohorten, zum Imperator hat ausrufen lassen, die andere im Wesen, wo sich Albinus70 befand, der ebenfalls nach Herrschaft verlangte. Doch da Severus es für gefährlich hielt, sich beiden als Feind zu offenbaren, beschloss er, Niger zu überfallen und Albinus hingegen zu täuschen, dem er schrieb, dass er vom Senat zwar zum Kaiser gewählt worden wäre, aber diese Würde mit ihm teilen wollte. Er verlieh ihm den Titel „Cäsar“ und erkannte ihn nach Beschluss des Senates als Mitkaiser. Albinus hielt dies für die Wahrheit. Nachdem Severus jedoch Niger besiegt und ermordet sowie den Osten zur befriedet hatte, beschwerte er sich in Rom beim Senat über Albinus, der sich ihm gegenüber nur wenig dankbar über seine Wohltaten zeigte und ihn hinterlistig ermorden wollte, weswegen er sich genötigt sehe, aufzubrechen, um seine Undankbarkeit zu bestrafen. Daraufhin verfolgte er ihn in Gallien, nahm ihm die Herrschaft und zugleich das Leben.

Wer die Handlungen des Severus gründlich prüft, wird einen grimmigen Löwen und einen verschlagenen Fuchs vorfinden, wird ihn von jedermann verehrt und gefürchtet als auch beim Heer nicht verhasst sehen. Und so wird man sich nicht wundern, dass er als Neuling einen so großes Reich behaupten konnte, weil ihm sein mächtiges Ansehen vor dem Hass schützte, den die Bevölkerung wegen seiner Räubereien hegte. Aber auch sein Sohn Antonin war in vortrefflicher Mann und vereinigte hervorragende Talente in sich, die ihn in den Augen des Volkes bewunderungswürdig werden ließen und bei den Soldaten angesehen machten, denn er war Feldherr und der Geduldigste bei allen Strapazen, ein Verächter jeder feinen Speise und aller anderen Weichlichkeiten, weshalb er im gesamten Heer beliebt war. Trotzdem war seine Härte so groß, seine Grausamkeit so unerhört, da er nach einer Vielzahl von einzelnen Morden einen großen Teil der römischen Bevölkerung und sämtliche Bewohner von Alexandria ermordet hatte, dass er in der gesamten Welt überaus verhasst war und ihn selbst seine Nächsten zu fürchten begannen, bis er von einem Zenturionen inmitten seines Heeres ermordet wurde.

Hierbei ist zu bemerken, dass solcherlei Mordanschläge, die dem Entschluss grollenden Gemüts folgen, von keinem Princeps vermieden werden kann, weil jeder die Möglichkeit dazu hat, der keine Angst vor dem Tod hat. Dennoch braucht sich ein Princeps weniger davor zu fürchten, weil sie ungemein selten sind, solange er sich nur hütet, keinem von denen, denen er sich bedient und die im Dienst seiner Regierung um sich hat, schwer zu beleidigen, wie es Antonius tat, der einen Bruder jenes Zenturionen hinterrücks ermordet hatte, ihn selber täglich bedrohte und trotzdem an seinen Leibwachen vorbeiließ. Ein toll­kühner Vorgang, der ihn stürzen musste, wie es dann auch geschah.

Doch kommen wir zu Commodus. Er konnte sein Reich mit großer Leichtigkeit behaupten, weil es ihm als Sohn des Marc Aurel erblich zufiel. Er hatte nur in die väterlichen Fußstapfen zu treten, dann hätte er der Bevölkerung und den Soldaten genügt. Da er aber grausam und tierisch war, widmete er sich, um seine Raubgier an der Bevölkerung dazu auslassen zu können, dem Militär und entfesselte es. Andererseits wahrte er seine Würde nicht, indem er häufig in die Theater zum Kampf mit den Gladiatoren hinunterstieg und andere, der kaiserlichen Majestät unwürdige Schandtat, durch die er in den Augen der Soldaten überfällig war, bis sich schließlich der Hass der einen und die Verachtung der anderen gegen ihn verschwörten und ihn umbrachten.

Es bleiben noch die Eigenschaften des Maximinius zu erzählen. Er war ein höchst kriegerischer Mensch. Da die Soldaten von der Weichlichkeit Alexanders, von dem ich oben gesprochen hatte, gelangweilt waren, verhalfen sie nach dessen Tode ihm zur Herrschaft. Er besaß sie nicht lange, weil ihn zwei Sachen verhasst und verachtet machten, zum einen die Niedrigkeit seiner Herkunft, da er einstmals Schafe in Thrakien gehütet hatte, was überall bekannt war und in ihren Augen tief heruntersetzte, zum anderen hatte er es zu Beginn seiner Regierung aufgeschoben, nach Rom zu gehen und sich auf den Kaiserthron zu setzen, und sich den Ruf allerblutigster Grausamkeit eingebracht, da er durch seine Präfekten in Rom und andernorts im Reich viele Gräuel verüben lassen. Weil alle Welt von der Niedrigkeit seines Blutes angewidert und aus Furcht vor seiner Barbarei verhasst war, erhoben sie sich zunächst in Afrika, sodass der Senat und das gesamte römische Volk, ja ganz Italien gegen ihn aufstand, sein eigenes Heer noch beitrat, als es bei der Belagerung von Aquiläa einige Schwierigkeiten hatte und ihn, weil es sich wegen der Überzahl seiner Feinde nicht fürchtete, ermordete.

Ich will weder von Heliogabal noch von Macrinus noch von Julian sprechen, die im Zuge allgemeiner Verachtung untergingen, sondern zum Schluss dieser Betrachtung kommen. Es ist zu bemerken, dass die heutigen Principes weniger mit der Schwierigkeit konfrontiert sind, es mit ihrer Regierung den Soldaten gerecht machen müssen, denn wenn sie auch schon einige Rücksicht auf sie nehmen müssen, so lässt sich dies auch leicht ermöglichen, da kein einziger dieser Principes über ein Heer verfügt, die mit Regierung und Verwaltung gewachsen sind, wie das Heer des römischen Reiches. Wenn es damals sogar notwendig war, die Soldaten eher als die Bevölkerung zu befriedigen, dann kam dies daher, weil die Soldaten mehr tun konnten als die Bevölkerung. Zur Zeit haben es jedoch alle Principes mit Ausnahme der Türken und des Sultans nötig, eher die Bevölkerung zufriedenzustellen als die Soldaten, weil diese einflussreicher ist.

Ich nehme die Türken deshalb davon heraus, weil sie stets zwölftausend Fußsoldaten und fünfzehntausend Reiter halten, von denen die Sicherheit und Stärke abhängt und die er, unter Vernachlässigung jeder anderen Rücksicht auf das Volk, als Freunde halten muss. Da in vergleichbarer Weise das Reich des Sultans von Ägypten ganz in den Händen der Soldaten ist, muss er sich diese, ohne Rücksicht auf die Bevölkerung, als Freunde halten.

Ihr habt zu berücksichtigen, dass sich diese Herrschaft des Sultans von allen anderen unterscheidet, weil sie dem christlichen Papsttum ähnelt, das man weder ein erbliches, noch ein neues Prinzipat nennen kann, weil nicht die Kinder alter Principes zu Erben werden und regieren, sondern derjenige, der dazu von den Bevollmächtigten gewählt worden ist. Da dies eine altehrwürdige Einrichtung ist, kann es nicht als neues Prinzipat bezeichnet werden, weil sich darin keine der Schwierigkeiten finden lassen, die zu den neuen gehören. Wenn schon der Princeps neu ist, so sind doch die Einrichtungen des Staates alt und dergestalt verfasst, um ihn so eingerichtet, wie wenn er ein Erbfürst wäre.

Doch kommen wir zur Sache zurück. Ich behaupte, dass jeder, der die oben ausgeführte Betrachtung durchdenkt, einsehen wird, wie entweder Hass oder Verachtung die Ursache für den Untergang der genannten Imperatoren war. Zugleich wird er sich davon überzeugen, woher es kam, dass die Imperatoren teils auf die eine, teils auf die entgegengesetzte Weise verfuhren, und von denen einer ein glückliches Ende fand, alle anderen ein unglückliches Ende gefunden haben. Denn für Pertinax und Alexander war es als neuen Principe unnütz und schädlich, dass sie Marc Aurel, er die erbliche Hoheit hatte, nachahmen wollten. Ebenfalls wurde Caracalla, Commodus und Maximinius die Nachahmung von Severus zum Verhängnis, weil sie die nicht die stattliche Virtuosität besaßen, um seinen Spuren zu folgen. Deshalb kein neu zur Regierung gelangter Fürst die Handlungen von Marc Aurel nachahmen noch die des Severus befolgen, sondern muss sich von Sevrus diejenigen Eigenschaften nehmen, die zu Begründung seines Staates notwendig sind, und von Marc Aurel diejenigen, die geeignet und ruhmvoll sind, um einen bereits befestigten und sicheren Staat behaupten zu können.

 

ZWANZIGSTES KAPITEL

Ob Festungsbau und viele andere Maßnahmen für Principes nützlich oder schädlich sind

 

Einige Principes haben, um den Staat sicher zu halten, ihre Untertanen entwaffnet, andere haben die unterworfenen Gebiete zerteilt, andere haben Feindseligkeiten gegen sich selbst geweckt, wieder andere sind darauf bedacht gewesen, diejenigen für sich zu gewinnen, die ihnen zu Beginn ihrer Regierung verdächtig waren, einige haben Festungen angelegt, wieder andere dieselben geschleift und zerstört. Und obwohl sich über alle diese Maßnahmen kein entscheidendes Urteil fällen lässt, ohne die besonderen Verhältnisse des Staates zu berücksichtigen, in denen ähnliche Entscheidungen zu fällen sind, so will ich wenigstens auf allgemeine Weise davon reden, die dem Gegenstand angemessen ist.

Noch nie hat ein neuer Princeps seine Untertanen entwaffnet. Im Gegenteil hat er sie immer bewaffnet, wenn er sie waffenlos vorfand, denn wenn er sie damit ausstattet, dann werden sie seine Waffen sein. Verschwörer werden treu und wer schon treu war, fühlt sich darin bestärkt. Aus Untertanen werden Anhänger. Da sich jedoch nicht alle Untertanen bewaffnen lassen, wird man, wenn man diejenigen bevorzugt behandelt, die man zu Waffenträgern macht, gegen die anderen leichtes Spiel haben. Spüren die Waffenträger die Verschiedenheit der Behandlung, fühlen sie sich dir verpflichtet, und alle anderen entschuldigen es dir damit, dass derjenige höhere Wertschätzung erhalten müsse, der mehr Gefahr und Verpflichtung hat. Sobald du sie jedoch entwaffnest, fängst du an, sie zu beleidigen und zeigst dein Misstrauen ihnen gegenüber, sei es entweder aus Feigheit oder aus Misstrauen, und beide Meinungen bringen dir Hass ein. Und da du nicht unbewaffnet bleiben kannst, bist du genötigt, auf Söldner zurückzugreifen, mit denen es sich verhält, wie oben beschrieben. Selbst wenn sie brauchbar wären, so könnten sie nicht so zahlreich sein, dass sie dich gegen mächtige Feinde und verdächtige Untertanen beschützen. Deshalb hat, wie gesagt, ein neuer Princeps in einem neuen Prinzipat immer ein Heer aufgestellt. Die Geschichte ist voll von Beispielen.

Wenn ein Princeps jedoch einen neuen Staat erobert und ihn an seinen anderen als Teil angliedert, dann ist es notwendig, diesen Staat zu entwaffnen, mit Ausnahme von denjenigen, die auf seinem Eroberungszug seine Anhänger gewesen sind, doch auch sie müssen mit der Zeit und gelegentlich verweichlicht werden und die Staatsordnung derart gestaltet sein, dass sämtliche Waffen deines Staates aus deinen eigenen Soldaten bestehen, die dir bereits im alten Staat zur Seite standen.

Unsere Vorfahren, und zwar die klugen unter ihnen, pflegten zu sagen, man müsse Pistoja durch Parteien und Pisa durch Festungen halten, und nährten deshalb in einigen untergebenen Städten gewisse Streitigkeiten, um sie leichter beherrschen zu können. Das mochte vielleicht in einer Zeit, in der sich Italien gewissermaßen im Gleichgewicht befand, korrekt sein, doch heutzutage scheint sich dies nicht als Regel zu empfehlen, weil ich nicht überzeugt bin, dass Zwiespalt jemals etwas Gutes hervorgebracht hat. Vielmehr gehen geteilte Städte, wenn der Feind sich nähert, schnell verloren, weil der schwächere Teil immer den fremden Mächten anhängen wird und der andere sich nicht behaupten kann.

Die Venezianer unterstützten in den von ihnen unterworfenen Städten, wie ich glaube, aus den oben genannten Gründen sowohl die Guelfen als auch die Ghibellinen. Obwohl sie es nie zum Blutvergießen kommen ließen, nährten sie unter ihnen Gegensätze, damit die Bürger mit ihren eigenen Differenzen beschäftigt waren und sich nicht gegen sie auflehnten. Dies verhalf ihnen, wie man weiß, nicht zum Vorteil, weil nach der Niederlage von Vaila eine der Parteien sich einen Großteil des Staates nahm. Solche Maßnahmen verraten nur die Schwäche eines Princeps. Denn in einem starken Staat wird man solche Spaltungen nie dulden, weil sie lediglich in Friedenszeiten nutzbringend sind, da man die Untertanen mit Hilfe derselben leichter unterhalten kann, doch wenn der Krieg kommt, zeigt diese Methode ihre Tücken.

Zweifellos werden Principes groß, wenn sie Schwierigkeiten und Widerstände überwinden. Darum lässt ihm Fortuna, insbesondere wenn es einen neuen Fürsten groß machen will, für den der Erwerb von Ansehen wichtiger ist als einem erblichen, Feinde auftreten und gegen ihn Angriffe verüben, damit er die Gelegenheit erhält, sie zu besiegen und auf jener Leiter, die seine Feinde ihm aufgestellt haben, höher zu steigen. Deshalb sind viele der Meinung, es müsse ein kluger Princeps, wenn er die Gelegenheit dazu hat, sich listigerweise einen Feind halten, um es durch dessen Unterdrückung zu Größe zu bringen.

Die Principes und hiervon besonders die neuen Principes haben mehr Treue und Brauchbarkeit in den Menschen gefunden, die Am Anfang ihrer Regierungszeit für verdächtig galten als bei denjenigen, die anfänglich zu­verlässig waren. Pandolfo Petrucci71, Principe von Siena, behauptete seine Herrschaft mehr durch die Verdächtigen als die anderen. Doch kann man davon im Allgemeinen nicht reden, da es sich je nach Person ändert. Ich will nur das sagen, dass man Menschen, die am Anfang einer Regierung feindlich gesonnen sind, mit Leichtigkeit für sich gewinnen kann, wenn sie Unterstützung zum Lebensunterhalt benötigen, und dass sie umso mehr zu Treue gezwungen sind, je dringender es ihnen selbst erscheint, durch Taten die irrige Meinung, die er von ihnen hatte, auszulöschen. So zieht ein Principe immer mehr Nutzen von jenen, die sich seinem Schutz sicher und in seinen Angelegenheiten fahrlässig sind.

Da es der Gegenstand erfordert, will ich nicht versäumen, denjenigen Princeps, der einen Staat neu und mittels seiner Einwohner gewonnen hat, daran zu erinnern, dass er genau bedenken soll, was für einen Grund seine Förderer zu dieser Gunst bewogen hat. Wenn es nicht aus natürlicher Zuneigung ihm gegenüber geschieht, sondern bloß deshalb, weil sie mit der anderen Regierung unzufrieden waren, so wird er nur schwerlich Freundschaft mit ihnen schließen können, da er sie unmöglich befriedigen kann. Untersucht man den Grund hierfür anhand von Beispielen aus alter und neuer Geschichte, so wird man einsehen, dass er eher die Leute als Freunde gewinnt, die mit der bisherigen Regierung zufrieden und deshalb seine Feinde waren, als diejenigen, die aus ihrer Unzufriedenheit darüber zu Freunden wurden und ihn bei der Machtergreifung unterstützten.

Es ist bei Principes üblich gewesen, Festungen zur größeren Sicherheit des Staates anzulegen, als Zaum und Zügel für diejenigen, die ihm feindlich gegenüberstehen, aber auch für sich selbst, als sichere Zuflucht vor einem Überfall. Ich lobe dieses Vorgehen, weil sie ist seit alters her üblich.

Demungeachtet hat man in unseren Tagen Signore Niccolo Vitelli72 in Città di Castello zwei Festungen schleifen sehen, um sich dieses Gebiet zu erhalten. Guido Ubaldo73, Herzog von Urbino, zerstörte nach seiner Rückkehr in jenen Staat, aus den ihn Cesare Borgia vertrieben hatte, von Grund auf alle Festungen in diesem Gebiet und dachte dabei, dass er sein Land ohne sie weniger leicht verliert. Die Bentivogli taten es nach ihrer Rückkehr nach Bologna ähnlich. Festungen sind je nach Zeitumständen nützlich oder schädlich. Wenn sie dir einerseits Vorteile bringen, so nachteilig sind sie auf der anderen Seite. Diesen Punkt kann man so fassen, dass der Fürst, der die Bevölkerung mehr fürchtet als einen fremden Überfall, Festungen bauen muss, wohingegen es derjenige bleiben zu lassen hat, der mehr Furcht vor Fremden hat als vor der Bevölkerung.

Das von Francesco Sforza erbaute Kastell von Mailand hat dem Hause Sforza mehr Krieg eingebracht und wird es noch tun wie kein anderer Aufruhr in diesem Staat. Deshalb ist es die beste Festung, die es geben kann, vom Volk nicht gehasst zu werden, denn wenn die Bevölkerung dich mitsamt deiner Festungen nicht gewogen ist, werden sie dich nicht retten, und wenn es die Waffen ergreift, wird es nie an Fremden mangeln, die ihnen beistehen. In unseren Tagen haben Festungen, wie man sieht, keinem Princeps genützt, mit Ausnahme der Gräfin von Forli74 nach dem Tode ihres Gemahls, des Grafen Girolamo, da sie mit ihnen dem Aufruhr der Bevölkerung entgehen, die Hilfe von Mailand abwarten und sich der Herrschaft wieder bemächtigen konnte, und damals waren die Zeiten so, dass auswärtige Mächte der Bevölkerung nicht beistehen konnten. Später halfen Festungen auch nicht viel, als Cesare Borgia sie angriff und sich die Bevölkerung mit dem Fremden vereinigte. So wäre es damals wie heute sicherer gewesen, nicht von der Bevölkerung ge­hasst zu werden, als Festungen zu besitzen. Unter Berücksichtigung all dessen lobe ich den, der Festungen baut, sowie den, der es unterlässt, aber tadle jeden, der im Vertrauen auf seine Festungen den Hass seiner Bevölkerung ignoriert.

 

EINUNZWANZIGSTES KAPITEL

Wie sich ein Princeps benehmen muss, um sich Ansehen zu verschaffen

 

Nichts verschafft einem Princeps so hohes Ansehen als große Unternehmungen und seltenen Beispielen, mit denen er vorangeht.

In unseren Tagen sehen wir das an Ferdinand von Aragon, den gegenwärtigen König von Spanien, den man beinahe einen neuen Princeps nennen kann, weil er durch Ruf und Ruhm aus einem schwachen König der erste König der Christenheit geworden ist. Betrachtet man seine Handlungen, wird man alle höchst bedeutend und einige sogar außerordentlich finden. Zu Beginn seiner Regierung griff er Grenada an und dieses Unternehmen wurde zum Fundament seines Staates. Vornehmlich tat er dies aus freien Stücken und ohne Sorge vor Widerstand, weil er die kastilianischen Großen mit diesem Krieg beschäftigte und die vor lauter Gedanken daran an keine Neuerungen dachten, und ohne dass sie es bemerkten, gewann er selbst Ansehen und Einfluss über sie. Mit dem Geld der Kirche und der Bevölkerung konnte er seine Truppen ernähren und diesen langen Krieg zur Begründung seines Militärs benutzen, durch das er schließlich zu Ruhm kam. Außerdem griff er unter dem Vorwand der Religion, um noch größere Unternehmungen durchführen zu können, zu frommer Grausamkeit, indem er die Mauren vertrieb und ihnen Land entriss, was ein Beispiel ist, das vielsagender und seltener nicht sein kann. Unter demselben Vorwand fiel er in Afrika ein, unternahm den Feldzug in Italien, hat zuletzt Frankreich angegriffen und hat stets große Dinge getan und gedacht, die seine Untertanen immer bewunderten und bei Laune hielten. Dabei reihten sich seine Handlungen so aneinander, dass es die Menschen zwischen den jeweiligen Aktivitäten nie zu Widerspenstigkeit haben kommen lassen.

Desweiteren nützt es einem Princeps sehr, wenn er in der inneren Verwaltung ungewöhnliche Leistungen vollbringt, wie sie von Bernabo von Mailand75 erzählt werden, oder wenn jemand durch außergewöhnliche Handlungen im öffentlichen Leben, ob nun gut oder böse, eine Art der Belohnung oder Bestrafung zu wählen, sodass er lange von sich reden macht. Und vor allem soll sich ein Princeps befleißigen, durch jede seiner Handlungen den Ruf eines großen und vortrefflichen Mannes zu erwecken.

Ein Princeps wird desweiteren geachtet, wenn er wahrer Freund und wahrer Feind ist, das heißt sich ohne Rücksicht für den jeweils einen oder anderen entscheidet, denn eine solche Entscheidung wird immer nützlicher sein, als neutral zu bleiben. Sofern sich zwei Nachbarn bekriegen, werden sie sich dergestalt verhalten, dass wenn einer von beiden siegt, du den Sieger fürchten musst oder nicht. In beiden Fällen ist es dir immer nützlicher, dich zu entscheiden und einen guten Krieg zu führen, denn im einen Fall, wenn du dich nicht entscheidest, wirst du stets Beute des Siegers werden, zur Schadenfreude und Befriedigung des Besiegten, und nirgendwo wirst du Schutz und Zuflucht finden, denn ein Sieger wird keine verdächtigen Freunde aufnehmen, die ihm in Notzeiten nicht beistehen, und im anderen Fall nimmt dich der Besiegte nicht auf, weil du mit den Waffen nicht sein Los geteilt hast.

Antiochus76 war auf Verlangen der Ätoler nach Griechenland gekommen, um die Römer zu vertreiben. Er schickte Gesandte an die Achäer, die Freunde der Römer waren, um sie zur Untätigkeit zu überreden, wohingegen die Römer sie aufforderten, die Waffen für sie zu ergreifen. Diese Angelegenheit kam im Rat der Achaier zur Sprache, wo der Gesandte des Antiochus ihnen die Neutralität empfahl, woraufhin der römische Legat entgegnete: ´Wenn euch jene da sagen, dass es das Beste für euer Land wäre, sich nicht in diesen Krieg einzumischen, dann liegt das durchaus nicht in eurem Interesse, denn wenn ihr euch nicht darauf einlasst, werdet ihr ohne Dank und Würde als Belohnung des Siegers enden´.

Stets wird derjenige von dir Neutralität verlangen, der nicht dein Freund ist, und dass ein wahrer Freund dich darum bittet, dich mit deinen Waffen für ihn zu entscheiden. Meistenteils flüchten sich die unentschlossenen Principes aus ihrer Not in die Neutralität und gehen so auch meistenteils zugrunde. Wenn sich der Princeps jedoch mutig für eine Seite entscheidet und diese Seite sogar siegt, so hat er Verpflichtungen gegen dich, mag er noch so mächtig sein und du unter seiner Willkür bleiben. Es ist Eintracht gestiftet. Menschen sind niemals derart unehrlich, dass sie dich mit grober Undankbarkeit unterdrücken. Zudem ist ein Sieg nie so eindeutig, dass der Sieger kaum Rücksicht nehmen müsste, besonders auf die Gerechtigkeit. Wenn jedoch derjenige unterliegt, dem du dich anschließt, findest du Zuflucht bei ihm. Er hilft dir, solange es ihm möglich ist.

Im zweiten Fall, wenn die Kämpfenden so beschaffen sind, dass du den Sieger nicht zu fürchten brauchst, dann ist es umso klüger, Partei zu nehmen, denn du trägst zum Untergang des einen mit Hilfe des anderen bei, der ihn retten sollte, falls er klug wäre. Im Falle eines Sieges bleibt er von dir abhängig und mit deiner Hilfe ist es unmöglich, nicht zu siegen.

Hier ist zu bemerken, dass ein Princeps sich davor hüten muss, mit einem Mächtigeren zu zum Schaden eines Dritten zu verbünden, außer wenn die Notwendigkeit ihn zwingt, wie oben bereits besprochen. Denn wenn er siegt, bist du von ihm abhängig, und Princeps müssen es, solange sie können, vermeiden, in Abhängigkeit zu geraten. Die Venezianer verbündeten sich mit Frankreich gegen den Herzog von Mailand, obwohl sie diese Verbindung hätten vermeiden können, die Quelle ihres Unglücks war. Wenn sie sich jedoch nicht vermeiden lässt, wie es den Florentinern erging, als der Papst und Spanien mit ihren Heeren in die Lombardei einfielen, denn in einem solchen Fall muss der Princeps aus den oben genannten Gründen einer Partei beitreten. Ebenso sollte keine Regierung glau­ben, jemals sichere Entscheidungen fällen zu können, sondern sollte berücksichtigen, dass es nur die Wahl zwischen zweifelhaften Entscheidungen hat. Dies liegt in der Ordnung der Dinge, dass man niemals einem Übelstand begegnen kann, ohne ein anderes herbeizuführen. Jedoch besteht die Klugheit darin, die Eigenschaften der Übelstände prüfen zu können und das weniger Üble zu nehmen.

Ein Princeps muss sich ferner als Freund der Virtuosität zeigen und die Exzellentesten jedes Fachs ehren. Außerdem soll er seine Mitbürger ermutigen, dass sie ihre Arbeiten sowohl im Handel und Ackerbau als auch in allen anderen Gewerben der Menschen, damit sich niemand aus Furcht vor Raub davor fürchtet, seine Besitzungen zu verschönern, noch dass niemand aus Sorge gegenüber hohen Steuern kein Geschäft eröffnet. Er muss vielmehr Belohnungen aussetzen für diejenigen, die etwas Vergleichbares unternehmen wollen und auf irgendeine Weise seine Stadt oder den Staat zu bereichern gedenkt. Überdies muss er in angenehmen Zeiten des Jahres die Bevölkerung mit Festivitäten und Schauspielen beschäftigen, und sich, da jede Stadt in Zünfte oder Stände eingeteilt ist, um diese Korporationen kümmern, sich manchmal zu ihnen gesellen und mit einem Beispiel der Milde und Großzügigkeit vorgehen, jedoch stets die Hoheit seiner Würde aufrecht erhalten, weil dies in keinem Fall versäumt werden darf.

 

ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Über die Minister der Principes

 

Von nicht geringer Wichtigkeit ist für einen Princeps die Wahl seiner Mitarbeiter. Ob sie gut oder schlecht sind, hängt von der Klugheit des Princeps ab. Der erste Eindruck von der Intelligenz eines Princeps ergibt sich aus der Betrachtung jener Männer, die er um sich hat. Wenn sie tüchtig und treu sind, wird man ihn immer für weise halten, weil er es verstanden hat, die Tüchtigen zu erkennen und sich gewogen zu halten. Sollten sie im Gegenteil anders sein, kann man von ihm kein günstiges Urteil fällen. Jeder, der Messer Antonio da Venafro77 als Minister von Pandolfo Petrucci, des Fürsten von Siena, kannte, musste Pandolfo für einen außerordentlich fähigen Mann halten.

Es gibt drei Generationen von Gehirnen: die erste versteht alles von sich aus, die zweite berücksichtigt, was andere erkennen, der dritte sieht weder von sich selber noch durch die Vorstellungen anderer. Die erste ist die vortrefflichste, die zweite gut und die dritte unbrauchbar. So gesehen darf man Pandolfo nicht zur ersten Art zählen, aber zur zweiten, denn wenn jemand das Gute oder Böse einer Tat oder eines Wortes erkennt, selbst wenn es nicht von ihm stammt, so lobt er die einen und straft die anderen, wobei der Minister nicht auf Täuschung hoffen kann und anständig bleibt.

Wie ein Princeps seinen Minister durchschauen kann, zeigt folgendes Mittel, das niemals trügt: sobald du siehst, dass dein Minister mehr an sich selbst denkt als an dich und dass er in allen Handlungen seinen eignen Nutzen sucht, dann wird er niemals ein guter Minister sein, denn wer die Staatsgeschäfte eines Landes führt, darf niemals auf sich selbst, sondern muss stets an den Princeps denken und darf nie über etwas sprechen, das nicht im Interesse des Staates liegt. Andererseits muss auch der Princeps, um seinen Minister zu halten, darauf bedacht sein, ihn zu ehren, zu bereichern, ihn zu verpflichten sowie ihm Würden und Ämter zu verleihen, damit er einsieht, dass er ohne seinen Princeps nicht bestehen kann. Er soll ihm so hohe Würden, so großen Reichtum zukommen lassen, dass er nicht nach noch höheren Würden und größerem Reichtum giert, weil die bestehenden Ämter und Auszeichnungen ausreichen. Wenn sich die Minister und Principes so zueinander halten, dann können sie einander vertrauen, und wo nicht, so wird für einen von beiden das Ende immer schädlich sein.

 

DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Wie man vor Schmeichlern flieht

 

Ich will hier ein wichtiges Kapitel und einen Fehler nicht übergehen, vor denen sich Principes schwer hüten, wenn sie nicht überaus klug sind oder wenigstens Glück in ihren Entscheidungen haben. Dies betrifft die Schmeichler, von denen die Höfe voll sind. Denn Menschen sind derart selbsgefällig und täuschen sich über sich selbst, dass es ihnen schwer fällt, sich vor dieser Pest zu schützen, und wenn sie sich davor schützen wollen, laufen sie in Gefahr, missachtet zu werden. Es gibt keinen anderen Schutz vor Schmeicheleien, als wenn die Menschen glauben, dass sie dich nicht beleidigen, wenn sie dir die Wahrheit sagen. Wenn aber jeder die Wahrheit sagen darf, so fehlt es dir gegenüber an Ehrfurcht.

Deswegen muss ein kluger Principe einen dritten Weg einschlagen und in seinem Staat intelligente Männer auswählen. Nur diesen allein soll die Freiheit gestattet sein, ihm die Wahrheit zu sagen und auch über nichts weiter als solche Dinge, nach denen er fragt. Allerdings muss er nach allem fragen und später für sich selbst auf seine Weise entscheiden. Gegenüber jedem seiner Minister soll er sich so verhalten, dass sie alle einsehen, um wie viel willkommener sie sind, je freier sie sprechen. Außer auf seine Minister soll der Fürst auf niemand hören, beschlossene Angelegenheiten akzeptieren und in seinen Beschlüssen hartnäckig sein. Wer anders handelt, der kommt durch die Schmeichler entweder zu Fall oder verhält sich in seinen Entscheidungen derart wankelmütig, dass sein Ansehen leidet.

Zu diesem Zweck will ich ein neueres Beispiel anführen. Pater Luca78, ein Vertauter des jetzigen Kaisers Maximilian79, sagte bei einem Gespräch über seine Majestät, dass sich diese niemals mit einem Menschen berät und trotzdem nie etwas nach eigenem Gutdünken tat. Dies kommt daher, dass er das Gegenteil von dem oben Gesagten tut. Weil der Kaiser ein verschlossener Mann ist, hört er niemandes Meinung und vertraut niemandem seine Pläne an, doch sobald sie bei ihrer Ausführung offenbar werden, fangen seine Vertrauten an, sie anzufechten, und er ist derart nachgiebig, dass er davon absieht. So kommt es, dass er das am einen Tag beschlossene am Folgetag wieder aufhebt, und dass man nie weiß, was er eigentlich will und zu tun bezweckt, und dass man sich auf seine Entscheidungen nicht verlassen kann.

Ein Princeps muss sich daher immer beraten, aber lediglich wenn er es verlangt und nicht die anderen. Ja, er muss jedem die Courage nehmen, ihn zu beraten, wenn er nicht danach fragt. Aber er muss natürlich ein fleißiger Frager sein und dann bei allem, was er fragt, ein geduldiger Hörer der Wahrheit sein und sich sogar empören, wenn er merkt, dass man es aus ir­gendeiner Rücksicht ihm nicht sagen will. Sollten einige überzeugt sein, dass ein Princeps, der sich den Namen des Klugen erworben hat, seine Meinung nicht seinem Charakter, sondern den ihn umgebenden Ministern zu verdanken, so täuschen sie sich zweifellos, denn es ist ein allgemeiner Grundsatz, der niemals trügt, dass ein Princeps, der nicht von selber klug ist, auch nicht gut beraten werden kann, es sei denn, dass er sich aufs Geratewohl einem einzigen Mann überlässt, der sein Führung übernimmt und der Klügste ist. In diesem Fall könnte er zwar gut geführt werden, aber dies würde nicht lange dauern, weil ihm der Leiter in Kürze den Staat wegnehmen würde. Berät sich jedoch ein unkluger Princeps mit mehr als nur einem, so wird er niemals übereinstimmende Ratschläge haben und diese nicht durch sich selbst vereinigen können.

Von den Ministern wird jeder auf seine Rechnung denken und der Princeps wird sie weder zu bändigen noch zu durchschauen wissen. Auch kann man es nicht anders erwarten, weil Menschen sich immer schlecht benehmen, wenn sie nicht zum Guten gezwungen werden.

Wir schließen daraus, dass der gute Ratschlag, wo auch immer er herkommt, aus der Klugheit des Princeps entspringen muss und nicht die Klugheit des Fürsten aus dem guten Ratschlag.

 

VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Warum die Principes Italiens ihre Staaten verloren haben

 

Die kluge Betrachtung der bisher besprochenen Dinge gibt einem neuen Princeps das Ansehen eines alten und macht ihn im Staat sicherer und fester, als wie wenn er diesen geerbt hätte. Denn auf die Handlungen eines neuen Princeps wird weitaus mehr geachtet als auf die eines erblichen und sollten sie für virtuos befunden werden, gewinnen sie die Menschen leichter und verpflichten sie stärker als das alte Herrschergeschlecht. Die Gegenwart wirkt eher auf die Menschen als die Vergangenheit und sollten sie sich in der Gegenwart wohlfühlen, dann werden sie dies genießen und nicht weitersuchen, sondern vielmehr auf jede erdenkliche Weise die Verteidigung des Princeps übernehmen, wenn er es in anderen Belangen nicht mangeln lässt. So wird sein Ruhm doppelt sein, weil er ein neues Prinzipat gegründet hat und es mit guten Gesetzen, einer guten Armee, guten Freunden und guten Beispielen ausgestattet und befestigt hat, wohingegen jenen die doppelte Schande trifft, der sein geerbtes Prinzipat durch mangelhafte Klugheit eingebüßt hat.

Betrachtet man die Principes, die im Italien unserer Tage ihre Reiche eingebüßt haben, wie der König von Neapel, der Herzog von Mailand und andere, so wird sich bei ihnen zuerst ein gemeinsamer Fehler zeigen, was das Militär anbelangt, und zwar aus den Gründen, die oben ausführlich erörtert wurden. Man wird finden, dass manche von ihnen entweder das Volk zum Feind gehabt haben, oder wenn ihnen das Volk geneigt war, sich der Großen nicht zu bemächtigen wussten, denn Staaten ohne diese Mängel sind stark genug, um eine Armee ins Feld zu stellen, und werden nicht ein­gebüßt.

Philipp von Mazedonien80, nicht der Vater von Alexander dem Großen, sondern derjenige, der durch Titus Quinctius81 besiegt wurde, hatte keinen bedeutenden Staat, im Vergleich zur Größe der Römer und Griechen, die ihn bekämpften. Dennoch widerstand er viele Jahre Krieg, da er selbst Feldherr war und das Volk ihm ergeben war, und auch wenn er zuletzt die Herrschaft über einige Städte verlor, so blieb ihm doch das Königreich.

Deshalb konnten unsere Principes, die viele Jahre im Besitz ihrer Reiche geblieben waren und sie irgendwann eingebüßt hatten, nicht Fortuna anklagen, sondern ihre eigene Fahrlässigkeit, denn in ruhigen Zeiten haben sie nie an die Möglichkeit eines Wechsels gedacht, was eine grundsätzliche Schwäche der Menschen ist, dass sie bei Meeresstille den Sturm vergessen. Und als dann schwere Zeiten kamen, flüchteten sie und dachten nicht daran, zu verteidigen. Sie hofften, dass sich die Bevölkerung von den Übergriffen der Sieger belästigt fühlt und sie zurückruft. Diese Entscheidung ist gut, wenn andere versagen, aber es ist sehr übel, deswegen die anderen Methoden versäumt zu haben, denn niemand möchte hinfallen, nur weil man glaubt, dass uns jemand wieder aufrichtet. Dies geschieht entweder überhaupt nicht und wenn es geschieht, dann nur ohne Sicherheit für dich. Eine solche Hilfe ist unwürdig und hängt auch nicht von dir ab. Nur die Hilfe ist gut, sicher und dauerhaft, die von dir selbst und deiner eigenen Virtuosität abhängt.

 

FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Was Fortuna in menschlichen Angelegenheiten leistet und auf welche Weise man ihr begegnen kann

 

Es ist mir nicht unbekannt, dass viele die Meinung besaßen und noch besitzen, als würden die irdischen Dinge in der Weise von Fortuna und von Gott bestimmt, dass die Menschen sie mit ihrer Klugheit nicht verbessern könnten, und selbst keinerlei Art von Widerstand dagegen hätten. Hieraus ist zu entnehmen, dass man über den Dingen nicht groß schwitzen, sondern sich vom Schicksal regieren lassen muss.

Diese Meinung fand in unseren Tagen wegen der tiefgreifenden Veränderungen, die man erlebt hat und noch täglich erlebt und die außerhalb menschlicher Berechnung liegen, stärkere Unterstützung. Auch wenn ich dies manchmal berücksichtige, so neige ich gewissermaßen ebenfalls zu dieser Meinung. Trotzdem ist unser freier Wille nicht ausgeschaltet, weswegen ich glaube, dass Fortuna tatsächlich über eine Hälfte unserer Handlungen verfügt, uns aber immer noch die andere Hälfte oder fast genauso viel zu unserer eigenen Führung überlässt. So vergleiche ich Fortuna mit einem jener reißenden Ströme, die in ihrem Zorn die Ebenen ersäufen, Bäume und Häuser zertrümmern und das Erdreich von einem Gebiet nehmen, um es in anderen abzulagern. Jeder flüchtet vor ihnen und alles weicht ihrer Wucht, da an Widerstand nicht zu denken ist. Und dennoch hindert dies die Menschen bei all dieser Gewalt nicht, dass sie in ruhigen Zeiten mit Dämmen und Deichen vorbeugen und dass die steigenden Fluten entweder durch einen Kanal abgeleitet werden oder ihre Gewalt wenigstens nicht mehr derart ungestüm und verderblich ist.

In vergleichbarer Weise verhält es sich mit Fortuna, die ihre Macht dort zur Geltung bringt, wo keine ordentliche Virtuosität vorhanden ist, ihr zu widerstehen und die Ströme dorthin zu lenken, wo sie weiß, dass weder Dämme noch Deiche vorhanden sind, um ihr Einhalt zu gebieten. Wenn du Italien als Ausgangspunkt und Sitz dieser Veränderungen betrachtest, so wirst du finden, dass es ein Feld ohne Dämme und ohne irgendeinen Schutz ist, denn wäre es durch gebührende Virtuosität beschützt worden, wie in Deutschland, Spanien oder Frankreich, dann hätte die Überschwemmung nicht die großen Veränderungen hätten bewirken können oder wären gar nicht eingetroffen. Mehr möchte ich vom Widerstand gegen Fortuna im Allgemeinen nicht sagen.

Ich werde mich nun mehr auf die Besonderheiten einschränken, dass wir einen Princeps heute glücklich und morgen fallen sehen, ohne dass sich we­der seine Natur noch seine Art im Mindesten geändert hätte. Wie ich vermute, liegt dies zunächst an den Gründen, die wir bisher ausführlich besprochen haben, dass nämlich ein Princeps, der sich auf Fortuna stützt, mit deren Wandelbarkeit fällt.

Ferner glaube ich, dass derjenige glücklich sein wird, der seine Herangehensweise den veränderten Verhältnissen abwägt, und ebenso wird derjenige unglücklich sein, dessen Methoden der Zeit entsprechend unangepasst sind.

Insofern zeigt sich, dass Menschen verschieden vorgehen, um ihr Ziel, hauptsächlich Ruhm und Reichtum, zu erreichen, denn der eine geht mit Bedacht vor, der andere ungestüm, der eine mit Gewalt, wieder ein anderer mit List, der eine mit Geduld, der Andere mit dem Gegenteil, und jeder von ihnen kann auf diesen verschiedenen Wegen dazu gelangen. Man sieht sogar, dass von zweien der eine seine Absicht erreicht, der andere nicht, und dass ebenso zwei von verschiedener Gesinnung, einen Bedächtigen und einen Ungestümen, in gleicher Weise glücklich sein können, was an nichts anderem als den Verhältnissen der Zeit liegt, die zu einem Verhalten entweder passt oder eben nicht passt. Hiervon hängt auch der Wandel des Wohlstandes ab, denn wenn einem Behutsamen und Geduldigen die Zeiten und Verhältnisse gewogen sind, dann ist auch sein Verfahren brauchbar und es geht im gut, aber wenn die Zeiten und Verhältnisse wechseln, so fällt er, weil er nicht seine Methode geändert hat.

Es gibt keinen so klugen Menschen, der sich dem anzupassen weiß, sowohl weil er von seiner Natur nicht abweichen kann, aber auch weil er schwer zu überzeugen sein wird, einen Pfad zu beschreiten, den er mit Erfolg begangen ist. Wenn die Zeit für einen Sturm gekommen ist, wird ein bedächtiger Mensch sich nicht anpassen und fallen. Hätte er sich mit der Natur, ihren Zeiten und Verhältnissen geändert, würde sich Fortuna nicht ändern.

Papst Julius II. ging in allen seinen Unternehmungen stürmisch ans Werk und fand die Zeiten wie die Verhältnisse seines Vorgehens so günstig, dass es für ihn immer gut ausging. Man nehme den ersten Feldzug gegen Bologna, den er noch zu Lebzeiten des Signore Giovanni Bentivoglio vollstreckte. Venedig zeigte sich damit unzufrieden, ebenso konferierte der König von Spanien mit Frankreich über dieses Vorgehen. Trotzdem trat er persönlich mit ungeheurer Wildheit den Feldzug an. Über diese Eröffnung sahen sich sowohl Spanien als auch Venedig zur Zurückhaltung bewogen, Venedig aus Furcht, Spanien jedoch, weil es ihm um die Oberhoheit über das Königreich Neapel ging. Desweiteren überzeugte er den König von Frankreich, da dieser ihn auf dem Feld sah und sich mit ihm anfreunden wollte, um Venedig zu demütigen, und ihm seine Truppen ohne offene Beleidigung nicht versagen durfte. Durch seinen ungestümen Aufbruch erreichte Julius, was kein anderer Papst bei aller menschlichen Klugheit hätte erreichen können. Denn hätte er Rom gewartet, bis der Vertrag ratifiziert und alles und jeder mobilisiert worden wäre, wie es andere Päpste getan hatten, dann wäre ihm dies niemals gelungen. Der König von Frankreich hätte tausend Entschuldigungen gehabt und die anderen hätten ihm vielfältige Sorgen bereitet. Ich will seine übrigen Handlungen übergehen, da sie alle ähnlich erfolgreich gewesen sind und ihm durch die Kürze seines Lebens überhaupt Rückschläge erspart blieben, denn wenn Zeiten gekommen wären, die ein behutsames Vorgehen erfordert hätten, so wäre das sein Verderben gewesen, da er jene Art und Weise, wozu er von Natur aus geneigt war, nie verworfen hätte.

So schließe ich, dass wenn sich Fortuna wendet und Menschen hartnäckig auf ihre Art bestehen, sie nur erfolgreich bleiben, solange beide verein­bar sind, und weniger erfolgreich, sobald sie auseinandergehen. Doch ich bin der Meinung, dass es besser wäre, ungestüm als bedächtig zu sein, weil Fortuna eine Frau ist, die man halten, schlagen und unterwerfen muss, und es zeigt sich, dass sie sich eher von Draufgängern bezwingen lässt als von jenen, die kühl abwägend vorgehen. Deshalb ist Fortuna stets Gespielin der Jungen, weil sie minder bedächtig und wilder sind und ihr mit größerer Kühnheit begegnen.

 

SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Aufruf zur Befreiung Italiens von den Barbaren

 

Wenn ich nun alles bisher Gesagte erwäge und mir Gedanken darüber mache, ob gegenwärtig in Italien die Zeit reif ist, einen neuen Princeps in Ehren zu bringen, und ob sich dort genügend Stoff findet, der einem Klugen und Virtuosen die Gelegenheit gäbe, ihm eine neue Form zu geben, die seinem Ruhm und dem Wohl gesamten Bevölkerung dient, dann scheinen mir die Verhältnisse günstig für einen neuen Princeps zu sein, sodass ich mir keine bessere Zeit dafür vorstellen könnte.

Und wenn, wie ich oben sagte, es notwendig war, dass das israelitische Volk unter die Knechtschaft der Ägypter fallen musste, um die Virtuosität des Moses zu sehen, die Perser von den Medern unterjocht wurden, um die Seelengröße des Cyrus kennen zu lernen, und letztlich die Athener in alle Winde zerstreut sein mussten, damit der Wert des Theseus zum Vorschein kam, ebenso ist es gegenwärtig notwendig, wenn die Virtuosität des italienischen Geistes erkannt werden soll, dass Italien zwangsläufig dorthin geraten ist, wo es sich nun befindet, bis es versklavter war als die Juden, unterwürfiger als die Perser, zerstreuter als die Athener, ohne Oberhaupt, ohne Verfassung, überrannt, verheert, geplündert und zerfleischt und bis es sämtliche Arten der Verderbnis über sich ergehen lassen musste. Und wenn sich auch bei so manchem ein schwacher Hauch gezeigt hatte, aus dem man schließen könnte, dass er von Gott zu seiner Rettung berufen worden wäre, so musste man ihn dennoch auf der höheren Bahn seiner Handlungen wieder von Fortuna verstoßen sehen, sodass Italien wie leblos auf denjenigen wartet, der seine Wunden heilen kann, der den Plagen und den Plünderungen der Lombardei, dem Erpressen und Rauben im Königreich Neapel und in der Toskana ein Ende bereitet und ihn jenen seinen Wunden befreit, welche die lange Dauer bereits vereitert hat.

Wir sehen, wie es Gott darum bittet, dass er ihm einen senden möge, der es von diesen barbarischen Grausamkeiten und Freveln erlöst, und wir sehen Italien auch ganz willig und bereit, einer Fahne zu folgen, wenn nur irgendeiner wäre, der nach ihr greift. Und wir sehen nirgends, worauf das Land in der Gegenwart eine größere Hoffnung setzen könnte, als auf Euer erlauchtes Haus, das sich durch seine Virtuosität und Fortuna, begünstigt von Gott und der Kirche, deren Princeps es jetzt ist, an die Spitze dieser Erlösung stellen möchte.

Es wird nicht allzu schwer sein, wenn Ihr Euch die Handlungen und das Leben jener Vorgenannten vor Augen führt. Zwar sind solche Männer selten und bewunderungswürdig, doch es waren Menschen, und jeder von ihnen hatte einen niederen Beweggrund, als er heute vorherrscht. Ihr Vorhaben war nicht gerechter als das jetzige, nicht leichter, und Gott war ihnen genauso zugeneigt wie Euch. Hier herrscht Gerechtigkeit, denn derjenige Krieg ist gerecht, der unausweichlich ist, es handelt sich um gesegnete Waffen, auf denen die allerletzte Hoffnung ruht. Hier sind die Umstände hochgradig ungewöhnlich, doch kann es nicht sein, dass die Schwierigkeit allzu unüberwindbar sein sollte, wenn nur nach den Mitteln gegriffen werden, wie es jene Männer getan haben, die ich Euch oben als Muster empfohlen haben. Zudem sind hier beispiellose Fügungen Gottes sichtbar, das Meer hat sich aufgespalten, eine Wolke Euch den Weg gezeigt, das Mitleid die Wasser ergossen. Hier regnet es Manna herab, alles hat zu Eurer Größe beigetragen. Das Übrige müsst Ihr tun.

Gott will nicht alles übernehmen, um uns nicht den freien Willen zu nehmen und denjenigen Teil des Ruhms, der uns gebührt. Es ist nicht verwunderlich, wenn keiner der oben erwähnten Landsmänner erreicht hatte, was man von Eurem erlauchten Haus erhoffen darf, und wenn es in Italien bei so vielen kriegerischen Umwälzungen immer so scheint, dass hier die alte Virtuosität der Soldaten erloschen wäre, dann rührt dies daher, dass unsere alten Verhältnisse nicht gut gewesen waren und niemand eine neue zu finden verstand. Nichts macht einem Mann, der neu auftritt, so große Ehre, wie neue Gesetze und Verhältnisse, die er einrichtet. Wenn diese Dinge in sich begründet sind und Größe haben, machen sie ihn angesehen und bewundert, und in Italien fehlt es nicht an Stoff zur Einführung jeder Form. Hier ist die Virtuosität der Glieder groß, sobald sie nicht nur in den Köpfen bleibt. Spiegelt Euch in den Duellen und kleinen Kämpfen der Wenigen, wie sehr die Italiener dort an Kraft, Geschicklichkeit und Geist überlegen sind, doch sobald sie sich zum Heer formieren sollen, verschwinden sie, und dies alles kommt von der Schwäche der Häupter, weil ihnen die Klugen nicht folgen wollen und sich jeder für klug hält, da es bislang noch niemanden gab, der sich so hoch durch Virtuosität und Fortuna erhoben hätte, dass ihm die anderen ausgewichen wären. Daher kommt es auch, dass in so langer Zeit, in den Kriegen der letzten zwanzig Jahre, wenn ein Heer aus lauter Italie­nern bestand, es immer schlecht gefahren ist. Den Beweis hierfür liefern die Schlachten in Taro82, Alessandria83, Capua84, Genua85, Vaila86, Bologna87, Mestre88.

Wenn Euer durchlauchtes Haus jenen exzellenten Männern folgen, die ihre Gebiete verteidigt haben, so ist als sichere Grundlage für jedes Unternehmen vor allem anderem nötig, sich mit eigenen Truppen abzusichern, weil man keine treueren, keine echteren, noch bessere Soldaten haben kann, und wenn von ihnen schon jeder einzelne gut ist, werden sie zusammen immer besser, sofern sie von einem Princeps befehligt werden und sich von ihm geehrt und erhaltenswert sehen. Daher ist es nötig, sich auf solche Truppen zu beschränken, um sich mit italienischer Virtuosität gegen die auswärtigen Eindringlinge schützen zu können.

Ganz gleich, für wie furchtbar sich die schweizerischen und spanischen Fußsoldaten halten mögen, so haben sie doch beide einen Makel, durch den ihnen eine dritte Streitmacht nicht nur Widerstand leisten, sondern sogar überwinden könnte. Denn die Spanier können die Reiterei nicht abwehren und die Schweizer müssen sich vor Fußsoldaten fürchten, wenn sie das Handgemenge ebenfalls für verbissen halten, wie sie es selbst sind. Man konnte der Erfahrung entnehmen und wird noch sehen, dass die Spanier eine französische Reiterei nicht aushält und dass die Schweizer von spanischen Fußsoldaten niedergerungen werden, und selbst wenn man vom letzten Fall noch keine vollständige Erfahrung gemacht hat, so konnte man eine Kostprobe beim Aufeinandertreffen bei Ravenna sehen, als die spanischen Fußsoldaten,

Ganz gleich, für wie furchtbar sich die schweizerischen und spanischen Fußsoldaten halten mögen, so haben sie doch beide einen Makel, durch den ihnen eine dritte Streitmacht nicht nur Widerstand leisten, sondern sogar überwinden könnte. Denn die Spanier können die Reiterei nicht abwehren und die Schweizer müssen sich vor Fußsoldaten fürchten, wenn sie das Handgemenge ebenfalls für verbissen halten, wie sie es selbst sind. Man konnte der Erfahrung entnehmen und wird noch sehen, dass die Spanier eine französische Reiterei nicht aushält und dass die Schweizer von spanischen Fußsoldaten niedergerungen werden, und selbst wenn man vom letzten Fall noch keine vollständige Erfahrung gemacht hat, so konnte man eine Kostprobe beim Aufeinandertreffen bei Ravenna sehen, als die spanischen Fußsoldaten mit den deutschen Truppen kämpften, mit denen es sich wie bei den Schweizern verhält, bei denen die Spanier mit körperlicher Gewandtheit und von ihren leichten Schilden geschützt bis unter die Piken drangen, um sie ganz sicher zu verletzen, ohne dass die Deutschen dies verhindern konnten, und hätte ihnen die Reiterei nicht zugesetzt, dann hätten sie alle Deutschen aufgerieben. Wenn man die Makel der spanischen und schweizerischen Fußtruppen erkannt hat, ein neues Heer aufstellen, das Pferden standhält und sich vor Fußsoldaten nicht fürchtet, was nicht durch die Art der Truppen, sondern durch die Veränderung der Schlachtordnungen bewirkt werden wird.

Und dies sind nun eben solche neu geformten Dinge, die einem neuen Princeps zu Größe und Ansehen verhelfen. Man darf daher diese Gelegenheit nicht vorüberziehen lassen, damit Italien nach so vielen Jahren seinen Erlöser erscheinen sieht.

Ich kann auch nicht zu ausdrücken, mit welcher Wärme ihn alle Gebiete empfangen würden, die unter den Fremden gelitten haben, mit welchem Durst der Rache, mit welcher eisernen Treue, mit welcher Glauben, welche Tränen. Welche Tore würden sich Ihm verschließen? Welche Völker Ihm den Gehorsam weigern? Welcher Neid sich Ihm widersetzen, welcher Italiener Ihm zu folgen zögern? Jeden stinkt diese Barbarenherrschaft an. Euer edles Haus soll die Sache mit jenem Mut und jener Hoffnung ergreifen, mit der gerechte Werke ergriffen werden, damit unter Seinen Fahnen dieses Land verherrlicht und unter Seinen Zeichen das Wort Pertrarcas erfüllt wird:

Virtuosität gegen rohe Wut

An die Waffen, der Kampf wird kurz;

Denn die alten Werte

Sind in italienischen Herzen noch nicht gestorben89

 

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Fußnoten

FN1: Lorenzo de‘ Medici der Jüngere (1492 – 1519) war der Enkel des berühmten Lorenzo des Prächtigen und ab 1513 Oberhaupt der Stadt Florenz sowie ab 1516 Herzog von Urbino. Wobei Machiavelli diesen Herrscher nicht seinen Principe gesehen hat: anfänglich war das Werk Giuliano de‘ Medici gewidmet.

FN2: Francesco Sforza (1401 – 1466) war Condottiero und später infolge eines gemeinsam mit den Venezianern durchgeführten Staatsstreichs Herzog von Mailand. Er begründete die Dynastie der Sforza.

FN3: Ferdinand der Katholische (1452 -1516) eroberte gemeinsam mit dem König von Frankreich das Königreich Neapel und wurde später durch geschicktes Taktieren zum Alleinherrscher über dieses Gebiet. Mit ihm erfolgte der Aufstieg Spaniens zur Weltmacht.

FN4: Machiavelli meint seine ‚Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio‘, von denen der erste Band bereits fertiggestellt ist. Titus Livius (59 v.Chr – 17 n.Chr) war Geschichtsschreiber, der sich mit der Gründung Roms beschäftigte und sich für die Republik als Staatsform aussprach. Am Leitfaden seines Vorbildes entspinnt Machiavelli seine eigenen Gedanken zur Politik.

FN5: Ercole d’Este (1431 – 1505) und sein Sohn Alfonso d’Este (1476 – 1534). Die einflussreiche Dynastie der d’Este herrschte seit 1208 über Ferrara.

FN6: Ercole d’Este wurde im Krieg gegen die Venezianer von 1484 besiegt.

FN7: Papst Julius II. (1443 – 1513), eigentlich Giuliano della Rovere, galt als ausgesprochen kriegerischer Papst und unternahm zahlreiche Feldzüge.

FN8: Ludwig XII. (1462 – 1515) war König von Frankreich. Als Enkel der Valentina Visconti erhob er Anspruch auf Mailand und eroberte die Stadt im Jahr 1499 mit einem Heer, das vom Mailänder Condottiere Gian Giacomo Trivulzio angeführt wurde. So begann der Feldzug Ludwigs gegen Neapel, der weite Teile Italiens verheerte und der infolge einer Intrige des Borgiapapstes Alexander VI. in einem Desaster endet.

FN9: Lodovico Sforza (1452 – 1508) aus der Mailänder Dynastie der Sforza war Her­zog von Mailand und Förderer von Leonardo da Vinci, ehe er 1500 von den Franzosen gefangen genommen und in ein Kloster gebracht wurde.

FN10: Gemeint ist die Heilige Liga (1510 – 1512), die sich gegen die Expansionspolitik Frankreichs unter Ludwig XII. richtete und die Befreiung Mailands zum Ziel hatte. Mitglieder der Heiligen Liga waren Venedig, Spanien, England und Papst Julius II.

FN11: Hier steht Machiavelli unter dem Eindruck des französischen Nationalstaates. Die Normandie wurde 1450 eingegliedert, die Gascogne 1453, Burgund 1477 und die Bretagne 1491.

FN12: Diese Stelle bezieht sich auf die Eroberung der gesamten Balkanhalbinsel durch das Osmanische Reich unter Murad II. und Muhamed II.

FN13: Die Ätoler riefen 192 v. Chr. Antiochus III von Syrien, damit er sie im Krieg gegen Rom unterstützt. Da Rom jedoch seinerseits von Philipp V. von Mazedonien unterstützt wurde, musste sich Antiochus geschlagen geben und verlor Teile seines Reiches.

FN14: Karl VIII. (1470 – 1498) von Frankreich war 1494 in Italien auf Kriegszug, nur wenige Jahre vor Ludwig XII., der ab 1499 mit Hilfe seines Günstlings Cesare Borgia in die Apenninhalbinsel einfiel und für fünf Jahre seinen Einfluss geltend machte. 15. Papst Alexander VI (1431 – 1503), eigentlich Rodrigo Borgia, war einflussreicher Renaissancepapst und Vater des berüchtigten Cesare Borgia.

FN15: Papst Alexander VI (1431 – 1503), eigentlich Rodrigo Borgia, war einflussreicher Renaissancepapst und Vater des berüchtigten Cesare Borgia.

FN16: Cesare Borgia (1476 – 1507), Sohn von Papst Alexander VI., wurde als Jugendli­cher von seinem Vater in den Kardinalsrang erhoben. Cesare war Herzog von Valentinois und führte die französischen Truppen bei der Eroberung des Herzogtums Mailand. Danach eroberte er mit dem Segen des Papstes die Romagna. Machiavelli zufolge war Cesare Borgia ein idealer Herrscher.

FN17: Darius III. (380 v.Chr. – 330 v.Chr), König von Persien und Gegenspieler von Alexander dem Großen.

FN18: Alexander der Große (356 v.Chr. – 323 v.Chr) ist einer der größten Heerführer der Geschichte, berühmt für seine Eroberungszüge durch Asien.

FN19: Phyrrus (318. v. Chr. – 272 v.Chr), König der Epiroten. Eroberte das südliche Italien sowie Sizilien. Der Phyrrussieg steht heute noch sprichwörtlich für einen teuer erkauften Sieg.

FN20: Die Spartaner errichteten in Athen um 405. v. Chr. ein aus dreißig Männern bestehendes aristokratisches Regime, das bereits zwei Jahre später zu Fall kommt.

FN21: Die Spartaner errichteten 382 v. Chr., einige Jahre nach dem Fall des aristokratischen Regimes in Athen, erneut ein aristokratisches Regime in Theben, das drei Jahre später abermals zu Fall kommt.

FN22: Der florentinische Anspruch auf die Stadt Pisa ist alt. Im Laufe der Jahrhunderte konnte sich Pisa jedoch verteidigen oder sich fremder Machthaber schnell entledigen. Der endgültige Fall Pisas erfolgte 1509 unter wesentlicher Beteiligung der von Machiavelli aufgestellten Miliz. Dieses Beispiel soll Machiavellis eigene Virtuosität demonstrieren und ist als Empfehlung zu sehen.

FN23: Bruder Girolamo Savognarola (1452 – 1498) war Mitglied des Dominikanerordens und wurde mit seinen berühmten Predigten zum Stadtoberhaupt von Florenz von 1494 – 1498.

FN24: Hiero von Syrakus (269 v. Chr – 215 v.Chr) war Tyrann von Syrakus, einer der antiken griechischen Kolonien.

FN25: Dario I. (421 v.Chr. – 486 v.Chr.) regierte über das mächtige Persia, das sich bis zum Hellespont ausdehnte.

FN26: Paolo Orsini war Wegbegleiter des Cesare Borgia.

FN27: Am 31.12.1502 lockte Cesare Borgia seine Weggefährten Paolo Orsini, Oliverotto da Fermo und Vitollozzo Vitelli nach Sinigaglia und ließ sie ermorden. Machiavelli war zu dieser Zeit auf diplomatischer Mission bei Cesare und konnte dieses historische Ereignis aus nächster Nähe beobachten.

FN28: Ramiro d’Orco (1452-1502) war Statthalter in der Romagna unter Cesare Borgia.

FN29: Zwischen 23. Oktober 1503 und 18. Dezember 1503 war Machiavelli als Lagebeobachter beim Konklave in Rom. Zu dieser Zeit traf er in der Engelsburg auf den körperlich angeschlagenen Cesare Borgia, der den Franzosen d‘ Amboise wählen lassen wollte und seinen Einfluss überschätzte. Gewählt wurde sein Gegner Julius II.

FN30: Der Sizilianer Agathokles (360 v.Chr. – 289 v.Chr) war Tyrann von Syrakus und ist berühmt für seine Grausamkeit.

FN31: Hamilkar (270 v-Chr. – 229 v.Chr ) bedeutender Staatsmann aus Karthago und Vater von Hannibal.

FN32: Oliverotto Eufredducci da Fermo (1475 – 1502) war Condottiero und Stadtoberhaupt von Fermo.

FN33: Giovanni Fogliano war der Onkel des Oliverotto da Fermo.

FN34: Paolo Vitelli (1461 – 1499) war Heerführer der florentinischen Armee im Krieg gegen Pisa. Bruder des Vitolozzo.

FN35: Nabis (gest. 192 v. Chr.) war Tyrann von Sparta zwischen 207 v.Chr. und 192 V.Chr.

FN36: Tiberius und Gaius Graccus waren zwei berühmte Volksribune, die mit ihrem Veto sämtliche Beschlüsse des Senat blockierten und aufgrund ihrer Einstellung ermordet wurden.

FN37: Giorgio Scali führte das florentinische Plebs nach den Tumulten con Ciompi (1378).

FN38: Machiavelli meint zum einen den Beitritt von Julius II. zur Liga von Cambrai von 1508/08, die sich gegen die Venezianer richtete, zum anderen den Beitritt von Julius II. zur Heiligen Liga von 1511 gegen Frankreich.

FN39: Hier geht es um ein Bündnis zwischen Papst Sixtus IV, dem Köngreich Neapel, Florenz und dem Herzogtum Mailand zur Verteidigung Ferraras (1482).

FN40: Sixtus IV. (1414-1484), eigentlich Francesco della Rovere, war Papst zwischen 1471 und 1484. Onkel von Papst Julius II.

FN41: Papst Leo X. (1475 – 1521), eigentlich Giovanni de‘ Medici, wurde am 11. März 1513 zum Papst gewählt, infolgedessen Machiavelli aus seiner Haft entlassen und ins Exil verbannt wurde, wo er den ‚Principe‘ schrieb.

FN42: Dies ist ein Seitenhieb auf Savonarola.

FN43: Phillip von Makedonien (382 v.Chr. – 336 v.Chr) war König von Makedonien.

FN44: Filippo Visconti (1392-1447) war Herzog von Mailand.

FN45: Munzio Attendolo Sforza (1369 -1424) war einer der größten Condottiero des 15. Jahrhunderts.

FN46: Giovanni Acuto, John Hawkwood (1320 – 1394) war englischer Condottiero in Diensten von Florenz.

FN47: Francesco Bussone, Conte von Carmagnola (1390 – 1432) besiegte unter venezianischer Flagge die Mailänder, wurde aber von den Venezianern hingerichtet.

FN48: Bartolomeo Colleoni (1400 – 1475) war Condottiero und wurde von Francesco Sforza besiegt.

FN49: Ruberto da San Severino (1428 – 1484) war Condottiero in den Diensten von Venedig im Krieg gegen Ferrara.

FN50: Niccolo Orsini, conte di Pitigliano (1442 – 1510) war Kommandant der Venezianer.

FN51: Alberico da Barbiano (1344 – 1409) war der erste italienische Condottiero und wurde von John Hawkwood unterrichtet.

FN52: Ioannes VI. Kantakuzenos (1295 -1353) war byzantinischer Kaiser.

FN53: Karl VII. (1403 – 1461) war König von Frankreich und Vater von Ludwig XI. Befreite Frankreich von den Engländern mit Hilfe von Jeanne d‘ Are.

FN54: Ludwig XI. (1423 -1483) war König von Frankreich und Sohn von Karl VII.

FN55: Philopoimen von Megalopolis (253 v.Chr. – 183 v.Chr) war Kommandant des Achaiischen Bundes.

FN56: Plutarch Vitae parallelae

FN57: Cicero, Ad Quintum fraterem I, 1, 8, 23

FN58: Machiavelli spricht hier von Ludwig XII..

FN59: Hier ist Ferdinand von Spanien gemeint.

FN60: Machiavelli meint die Machtkämpfe in der Stadt Pistoja, bei denen Florenz tatenlos zugesehen hat.

FN61: Aeneis I, 563 – 564, sinngemäß: ‚Die schwierige Lage und das kurze Bestehen der Herrschaft zwingen mich, zu planen und die weiten Grenzen mit Wachen abzusichern.

FN62: Scipio Africanus (235 v.Chr. – 183 v.Chr.) war Feldherr aus Karthago und siegte über Hannibal.

FN63: Fabius Maximus (275 v.Chr. – 203 a.C.) war Senator der Römischen Republik.

FN64: Lokris ist eine antike Region in Griechenland und wurde von Scipio unterworfen. Scipios Legat Quintus Pleminus plünderte die Stadt.

FN65: Wir nennen ihn trotzdem: gemeint ist Ferdinand der Katholische.

FN66: Annibale Bentivoglio (1413 – 1445) war Oberhaupt einer einflussreichen bologne­sischen Familie und Herr über Bologna. Getötet von Battista Canneschi.

FN67: Giovanni Bentivoglio (1443 -1508) war Herr über Bologna.

FN68: Marc Aurel (121 – 180); Commodus (161 – 192); Pertinax (126 – 193); Julianus (131 – 193); Septimus Severus (146 – 211); Antoninus Caracalla (188 – 217); Macrinus (146 -218); Heliogabalus (203 – 222); Alexander (208 – 235); Maximinius (137 – 238).

FN69: Pescennius Niger (140 -194), Gegenspieler des Septimus Severus.

FN70: Clodius Albinus (148 -197), Gegenspieler des Septimus Severus.

FN71: Pandolfo Petrucci (1452 – 1512) war Fürst von Siena. Machiavelli hatte im Sommer 1505 als Unterhändler von Florenz die Gelegenheit, mit Petrucci zu sprechen.

FN72: Niccolò Vitelli (1414 – 1486) war Condottiero und Vater von Paolo und Vitellozzo (Kapitel VII).

FN73: Guidobaldo I. da Montefeltro (1472 -1508) war Herzog von Urbino.

FN74: Gemeint ist Caterina Sforza (1463 – 1509), die Gräfin von Forli, die für ihre kriegerische Virtuosität italienweit berüchtigt war. Cesare Borgia ging nach der Eroberung Forlis übel mit ihr um.

FN75: Bernabo Visconti (1325 – 1385) war Herzog von Mailand.

FN76: Antiochos III. (223 – 187) war König des Seleukidenreichs und befand sich im Krieg mit Rom.

FN77: Antonio da Venafro (1459 – 1530) war seinerzeit erster Minister von Siena.

FN78: Pater Luca Rainaldi war Vertrauter von Kaiser Maximilian I.

FN79: Maximilian I. (1459 – 1519) war aus dem Hause Habsburg und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Verheiratet mit Bianca Maria Sforza.

FN80: Philipp von Mazedonien (238 v.Chr. – 179 v.Chr.) war König von Mazedonien und wurde von Titus Quinctius besiegt.

FN81: Titus Quinctius (230 v.Chr. – 174 v.Chr) war Politiker und Feldherr des Römischen Reiches.

FN82: Die Franzosen besiegten in der Schlacht von Fomovo 1496 die Venezianer.

FN83: Alessandria im Herzogtum Savoyen wurde 1501 von den Franzosen eingenommen.

FN84: Capua wurde von den Franzosen 1507 erobert.

FN85: Gemeinsam mit der Liga von Cambrai schlugen die Franzosen 1509 die Venezianer.

FN86: Die Franzosen siegten 1511 gegen die päpstlichen und venezianischen Truppen.

FN87: Wurde 1513 von französischen und päpstlichen Truppen zerstört.

FN88: Im Jahr 1512 setzten die Franzosen die Festung bei Mestre in Flammen.

FN89: Dieses Zitat ist dem Gedicht ‚ltalia mia, benche ‚l parlar sia indarno (13 – 16 Vers der 6. Strophe) von Petrarca (1304 -1374) entnommen. In diesem Gedicht stimmt die personifizierte ltalia ein Klagelied über die Zerrissenheit ihres Landes an.

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INDICE BIBLIOGRAFICO/LITERATURVERZEICHNIS

 

Opere di Machiavelli/Werke von Machiavelli:

MACHIAVELLI, Niccolo; 11 Principe/Scritti Politici; Casa Editrice Mursia; Milano; 1969

MACHIAVELLI, Niccolo Der Fürst, übertragen von Friedrich Blaschke; Reclam; Leipzig; 1976

MACHIAVELLI, Niccolo; Discorsi – Gedanken über Politik und Staatsführung; Rudolf Zorn (Übers., Hrsg.); Kroener-Verlag; Stuttgart; 1977

MACHIAVELLI, Niccolo; Über die Kriegskunst, in: Die Kriegskunst in sieben Büchern nebst kleinen militairischen Schriften des Niccolo Machiavelli; Groos; Karlsruhe; 1833

MACHIAVELLI, Niccolo; Geschichte von Florenz; Manesse; Zürich; 1993

 

Opere su Machiavelli/Werke über Machiavelli:

DEPPE, Frank; Niccolo Machiavelli – Zur Kritik der reinen Politik, Pahl­ Rugenstein-Verlag; Köln; 1987

HOEGES, Dirk; Niccolo Machiavelli. Die Macht und der Schein; C.H.Beck; München; 2000

KLUXEN, Kurz; Der Begriff der Necessita im Denken Machiavellis; Bensberg; 1949

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MÜNKLER, Herfried; Machiavelli: Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz; Europeische Verlagsanstalt; Frankfurt/Main; 1982

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STERNBERGER, Dolf; Machiavellis Principe‘ und der Begriff des Politischen; Steiner; Wiesbaden; 1974

VILLARI, Pasquale; Niccolo Machiavelli e i suoi tempi; Le Monnier Firenze; 1877

WEICHERT, Marianne; Die literarische Form von Machiavellis Principe; Würzburg; 1937

 

Introduzioni/Einführungen:

KERSTING, Wolfgang; Niccolo Machiavelli; C.H.Beck; München; 1998

TAURECK, Bernhard; Machiavelli ABC; Reclam-Verlag; Leipzig; 2002

 

Altri/Andere:

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