Prolog
Wie man durch die Hintertüre wirtschaftet
Il Leader
Über Mode und andere Manieren
Neue alte Geistlichkeit
Schwules Leben in Rom
Sicherheitsarchitektur einer brüchigen Einheit
Eisenbahnromantik auf Italienisch
Über Plattentektonik und andere Verwerfungen
Geometrische Skizze einer Kulturlandschaft
Die zynische Welt der Migration
Die heilige Familie
Epilog

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Prolog

Ein nächtlicher Spaziergang auf der Via dei Fori Imperiali. Noch ist alles still, ein matter, gähnender Friede. Niemand sonst ist anwesend.

Höchstens ein paar Möwen, die mit ihren vielen Flügeln um das künstliche Licht der Scheinwerfer kreisen, als wollten sie jemandem mit ihrem wilden Flug etwas mitteilen. Es bleibt der Anblick von römischem Tavertin. Die Gegenwart der vielen antiken Steinhaufen und -fassaden kommt mir derart vertraut vor, dass ich sie schon lange nicht mehr beachte. Obwohl ich gewissermaßen kulturbeflissen bin, habe ich angefangen, mich in den römischen Alltagstrott einzufügen und verfolge andere Motivationen oder sogar Sorgen, als dass ich mich noch einmal großartig mit San Pietro in Vincoli, Raffaels Parnaß oder dem Kapitol beschäftigen muss.

Selbst diese Stadt mit ihrer reichen Geschichte, die in der Antike ihre Grenzen um das gesamte Mittelmeer warf und die, wie Vergil in der Aeneis beschreibt, von Jupiter ein Imperium ohne Ende versprochen bekam, selbst diese Stadt war den beständigen Regeln des Werdens unterworfen. Die Pax Romana ist brüchig gewesen; bald schon wuchs Gras über die gepflasterten Straßen, die vielen Tempel, Gerichtsgebäude, Paläste, sogar über das gesamte Imperium. Wenn diese Geschichte ein Beispiel gibt, dann jenes, dass kein Herrschaftsanspruch die Ewigkeit überdauert. Das Forum Romanum verkörpert den Verfall der Macht; es gibt Zeugnis dieser Vergänglichkeit.

Das sterbende Römische Reich hat den Aufstieg jener Religion begünstigt, die von Endzeit und von der Erwartung des Jüngsten Gerichts predigt. So hat die Kirche infolge der Pippinischen Lüge die weltlichen Geschicke Roms übernommen. Die Stadt ist mit sakralen Bauten überzogen und heute – nach dem weltlichen Niedergang der Kirche – politisch entsprechend bedeutungslos. Rom, Italiens Kapitale, ist heute nicht mehr als ein Spiegel der Geschichte. Und diese Geschichte liegt der weiteren Stadtentwicklung im Weg: um keine antike Scherbe zu zerstören, wird die Stadt noch jahrelang an der neuen U-Bahn-Linie bauen, da der Tunnel mit filigranen Pinseln ausgehoben werden muss. Die italienische Fahne dreht sich leise im Wind.

Die Stille wird irgendwann von einem Polizeiwagen durchbrochen, dessen Räder eilig über das Rollsteinpflaster brausen. Sein Blaulicht war schon in der Ferne zu sehen gewesen und rief in mir jene aufmerksame Vorsicht wach, die jeden befallen würde, der etwas zu verbergen hat. Es gibt hier im Grunde nur eines zu erledigen.

An der Piazza Venezia wird das Eckhaus zur Via del Corso saniert. Das Dämmerlicht lässt durch die Fenster auf kunstvolle Gemälde blicken, die in barockem Pomp an die Decke gemalt worden waren. Im politischen Rom der Gegenwart lässt sich eine Zäsur beobachten. An auffällig vielen Häusern fällt Stück für Stück der Putz herunter, womit die dahinterliegende Bausubstanz freigelegt wird; vielerorts sind ganze Straßenzüge marode, mächtige Unkrautsträucher durchstoßen den Asphalt. Es ist blanke Ironie, dass ausgerechnet in der Wiege des Kapitalismus und der monetären Prachtentfaltung der Renaissancezeit die Banken bankrott sind, sich die Staatsverschuldung überschlägt und es im ganzen Land an Investoren mangelt, dass die Industrieproduktion stagniert und die italienische Bevölkerung von Perspektivlosigkeit und Armut heimgesucht wird. Die Republik Italien leidet seit ihrer Geburt an ihren antiquierten Strukturen, ihrer ineffizienten und kostspieligen Verwaltung, dem klammen Staatshaushalt. Und die heruntergekommene Kapitale hat den Niedergang der italienischen Wirtschaft bislang weitgehend tatenlos zugesehen, sogar zusehen müssen. Die jüngeren historischen Entwicklungen, die Einbindung des eigenwilligen italienischen Wirtschaftsraumes in die Eurozone, das Ausbleiben von entsprechenden Reformen, die daraus resultierende Anfälligkeit für Finanzkrisen, letztlich das Gefühl, nur träge voranzukommen, stehenzubleiben, vielleicht sogar zurückzufallen, erzeugt ein Gefühl der unbedingten Perspektivlosigkeit. Und ein Mensch ohne Perspektiven erliegt leichter irgendwelchen Verführungen.

Im Land der traditionellen Politikverdrossenheit ist ein hochpolitisches Klima entstanden. Alte Ressentiments sind aufgebrochen, weil plötzlich die neue Hoffnung besteht, die verstaubten gesellschaftlichen Strukturen verändern zu können oder sogar zu müssen. Bei der neuerlichen Parlamentswahl haben Parteien verschiedener Lager die meisten Stimmen erhalten, die aus unterschiedlichen Motiven und Blickrichtungen die Systemfrage stellen.

Gegenwärtig planen die Italiener ihren Weg in eine ungewisse Zukunft. Sie machen sich zum Bestandteil eines morbiden politischen Experiments, indem sie Regierungen wählen, die vorschützen, das Land und seine Bevölkerung an die erste Stelle zu setzen, um einen harten Verhandlungsstil einzuklagen, – dabei führt die Politik der maximalen Selbstpräferenz nur selten zu wirklichen Vorteilen für einen Staat, ganz ähnlich wie das billigste Angebot selten wirklich billig ist. So wird sich bald deutlich zeigen, dass die blinde Losung ´prima gli italiani´ nichts anderes als eine ideologisch motivierte Rhetorik, die schwerwiegende Folgen nach sich ziehen wird. Das große Drama der Geschichte wiederholt sich erneut.

Dieses Vorhaben möchte ich ein Stückweit begleiten, indem ich meine weitreichenden und tiefergehenden Kenntnisse über die Geschichte Italiens, seiner Kultur, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft darauf verwende, um die italienischen Zustände angemessen zu analysieren und um die politischen Entwicklungen in Italien unter dem Strich besser zu verstehen. In kurzen Kapiteln werden Themen abgefasst, die in der Summe das Land von Pasta, Wein und Amore (also Sex) besser begreiflich machen sollen. Die politischen Entwicklungen der jüngeren Zeit sind mit vorsichtiger Spannung zu beobachten. Selbst in internationalen Angelegenheiten muss stets berücksichtigt werden, dass – wie es Horaz in einer seiner Sentenzen so treffend bemerkt – wenn die Wand des Nachbarn brenne, man selber gefährdet sei.

Ich bin die menschenleere Spanische Treppe nach oben gestiegen, um von dort über die Dächer der Stadt zu blicken. Auch hier wuchert Gras.
In Europa bricht die Morgenröte derjenigen an, die demokratische Institutionen mit ihrer zähen, trägen Streitkultur mit populistischen Kräften durchsetzen, – das Aufkommen neuer Despoten, die unter eine freiheitliche Verfassung gestellt werden und so zwar an die bestehende Ordnung gebunden sind, die verfügbaren Möglichkeiten jedoch soweit ausreizen, dass jedes demokratische Prinzip in Unkenntlichkeit verfällt. Die politische Entwicklung der jüngeren Jahre erinnert stark an das alte römische Imperium, als das antike Rom in einen Bürgerkrieg zerfiel, der schließlich mit dem Prinzipat des Augustus seinen Ausgang nahm, in dem die alten republikanischen Institutionen zwar beibehalten wurden, jedoch alle Gewalten in einer Person vereinigt waren, weswegen Augustus auch nicht als rex regierte, sondern als der einflussreichste Princeps. Bis heute berufen sich sämtliche Potentaten, Tyrannen und jene, die es gerne wären, auf dieses historische Vorbild. Auch Machiavelli hat in seinen politischen Untersuchungen häufig den römischen Prinzipat im Hintersinn; sein Principe erinnert an jenen Princeps. Die Geschichte Roms gilt als Lehrstück aller Politik. Und im Elend der Gegenwart lockt der Glanz der Vergangenheit.

Die Sonne kriecht hinten über den Hügeln und Bergen des Apennin hervor. Sobald dieser Tag um sich greift, wird ein neuer alter Politikstil offenbar. Wähler werden im Internet von einer Informationsflut umspült und dort fischen sie nach jenen Welterklärungen, die ihnen möglichst genehm erscheinen. Jetzt, wo ´alternative Fakten´ oder sogar Lügen zur Weltordnung gemacht werden, wo selbst die Geschichte ihren wissenschaftlichen Anstrich verliert, besteht die Möglichkeit, mit halbseitigen Interpretationen oder sogar gezielten Falschdarstellungen politische Willensbildung zu betreiben. Dies ist das Momentum unserer Zeit, das sich zeigt, wenn der italienische Donnerschlag die Welt zum Beben bringt. Denn es verhält sich heute noch so, wie Petrarca damals schon schrieb: noch sind die alten Werte in italienischen Herzen noch nicht gestorben.

 

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Wie man durch die Hintertüre wirtschaftet

Die Metaphysik beginnt stets mit der Logik, da sich das Sein aufgrund logischer Formeln und Formen darstellt. Wenn man zur Sache kommen will, genügt es, die Mechanismen jener Logik zu verstehen, nach der alle Gegenstände aufgebaut sind und nach der sie sogar physikalisch funktionieren, um daraus weitere Einzelheiten und Sonderphänomene zu erschließen. Insofern ist es nur allzu konsequent, bei der Beobachtung gesellschaftlicher Zustände zuerst die Ökonomie sowie das mathematische Räderwerk dahinter in Augenschein zu nehmen, weil dies viel darüber sagt, über welche Ressourcen ein Land verfügt und wie die Bevölkerung ihre Güter verwaltet, letztlich wie sich die staatliche Organisation gestaltet. Und die italienische Ökonomie folgt einer geradezu eigenwilligen Logik.

Auf Mittelmeerkarten wird die geostrategische Bedeutung des Landes deutlich: die italienische Halbinsel liegt zentral im Mittelmeer gelegen und wird im Norden durch das Alpenmassiv begrenzt. Diese günstige Lage erklärt nicht nur, wie das Römische Reich unter Einsatz seiner militärischen Stärke das gesamte Gebiet unterwerfen konnte, sondern auch, warum sich hier wie selbstverständlich mehrere Knotenpunkte des internationalen Handels herausgebildet haben. Es waren vornehmlich die Kaufleute von Florenz und Venedig, die infolge ihrer Finanzdienstleistungen die ersten mathematischen Regeln und Taschenspielertricks der modernen Ökonomie entworfen haben, um die ganzen Reichtümer zu verwalten, zu investieren, jedenfalls um ihren Gewinn zu maximieren. In Italien liegt die Wiege des Kapitalismus. Der Wohlstand der damaligen Zeit führte zur kulturellen Blüte der Renaissance und lässt sich bis heute an der Architektursprache und der bunten Kunst ablesen. Es liegt daher nahe, die Toskana zu bereisen, um meine Studien über die italienische Ökonomie zu vertiefen.

Am Bahnhof Termini suche ich erst einmal eine Caffetteria für einen schnellen Espresso auf. Der hier sogenannte Caffé kostet al banco (an der Theke) plusminus einen Euro – überall, ganz gleich ob im Dorfzentrum oder mitten in der Mailänder Scala. Sofern kein Kassenbeleg ausgehändigt wird, heißt das meistens, dass der Betrag am Fiskus vorbeigeschleust wird; jedoch ist es mittlerweile üblich geworden, beim Kauf von Waren auf den Scontino hinzuweisen, was meine volle Zustimmung erfährt, wenngleich die Geldbörse irgendwann vor lauter Scontini zu platzen droht. Nebenbei bemerkt bin ich noch immer der italienischen Sprache mächtig, wenngleich mit einem harten Akzent, und ich habe den Eindruck, als fänden mich die Italiener ziemlich unterhaltsam und selten. Gelegentlich nehme ich für mich die Eigenbezeichnung ´il tedesco´ in Anspruch, was soviel wie ´der Deutsche´ heißt. Im Bahnhof stehe später noch einige Minuten vor der verschlossenen Türe eines großen und namhaften Zeitungsladens und laufe kreisend umher, wie ein ungeduldiger Löwe, der auf seine Beute wartet, um mir den diverse Zeitungen zu kaufen. Mit diesen Zeitungen stieg ich in den Zug in Richtung Siena.

Eilig zogen die pinien- und zypressengesäumten Landstriche vorbei und es dämmerte bereits. Ich vertiefte mich daher wieder in meine Überlegungen. Auf der italienischen Halbinsel liegen einige Bodenschätze verstreut, vor allem Kohle, Erdöl, Erdgas, Quecksilber, Zink, Eisen, Fluorit, Pyrit, Sylvin, Feldspat, Marmor. Noch immer ist Italien eine der weltgrößten Volkswirtschaften, führend in der Produktion von Nahrungsmitteln und Industriegütern, vor allem Wein, Olivenöl, Käse, Zitrusfrüchte, Fisch, Maschinen, Automobile, Schiffe, Elektrogeräte, Chemieprodukte, Arzneimittel, Textilien. Die italienische Halbinsel hat in seiner Geschichte zahlreiche brillante Wissenschaftler und vor allem Ingenieure hervorgebracht, wobei insbesondere Vitruv, Brunelleschi, Leonardo da Vinci, Galilei, Marconi zu nennen sind. Hinzu kommen die vielen Bildhauer und Modedesigner mit ihren stilprägenden Entwürfen.

Die produzierende Industrie befindet sich zu großen Teilen im Norden, vor allem im Industriedreieck zwischen den Städten Mailand, Turin und Genua. Bis heute sind sämtliche namhafte Marken hauptsächlich im Norden des Landes ansässig, unter anderem Fiat, Ferrari, Lamborghini, Maserati, Alfa Romeo, Abarth, Lancia, Iveco, Barilla, Ferrero, Gucci, Prada, Armani, Versace. – Die Mailänder Börse ist eine Tochtergesellschaft der London Stock Exchange; sie hat den Leitindex FTSE. Zwar haben einige global agierende Konzerne ihren Sitz in Italien, darunter der Ölriese ENI (Agip) oder die Finanzdienstleister Intesa Sanpaolo und Unicredit, allerdings werden italienische Waren hauptsächlich von mittelständischen, zumeist familiär geführten Unternehmen produziert. Diese Körperschaften halten den italienischen Motor am Laufen. Und auch wenn die Effektivität ihrer Industrieproduktion gering sein mag, ist ihre Exportleistung völlig ausreichend, um eine positive Handelsbilanz zu zeichnen.

In einem größeren Kartenmaßstab wird deutlich, dass italienische Produkte auf dem Weltmarkt ausgesprochen beliebt sind. Die italienische Wirtschaft ist von Exportüberschüssen geprägt und hat eine positive Handelsbilanz von vielen, vielen Milliarden Euro vorzuweisen; im Jahr 2017 waren es satte 53,6 Milliarden Dollar, ein Jahr vorher sogar etwas mehr. Die wichtigsten Abnehmer sind die EU, die USA sowie die Balkanstaaten. Als klassische Exportnation profitiert die italienische Ökonomie von der europäischen Zollunion, – allerdings ist sind die mittelständischen Betriebe wegen ihrer globalisierten Ausrichtung und den engen Verflechtungen auf dem Weltmarkt auch von der jüngeren Wirtschafts- und Finanzkrise so schwer getroffen worden. Zumal die italienische Ökonomie zahlreiche weitere Besonderheiten aufweist.

Es ist bereits später Abend, als Zug im Bahnhof von Siena einfährt. Zu Fuß erreiche ich den mittelalterlichen Stadtkern und befinde mich plötzlich in einer Umgebung wieder, die mir wie gemalt erscheint. Die engen Backsteingäßchen sind trotz fortgeschrittener Stunde stark frequentiert, hauptsächlich von jungen Menschen, sehr wahrscheinlich Studenten. Ich gönne mir einen schnellen Espresso im erstbesten Lokal, das, wie sich herausstellt, als Restaurant diverse Fischspezialitäten anbietet. Die Italiener lieben das Essen so sehr, dass sie, um qualitativ hochwertige Ware zu erhalten, bereit sind, einiges an Geld hinzublättern; es war unter anderem die französische Königin Caterina de´ Medici, die ihren Untertanen die Grundzüge ihrer berühmten Cuisine beibrachte.

Einige Gassen weiter ist sie endlich zu sehen gewesen: die Residenz der Monte dei Paschi di Siena, der ältesten weltweit noch existierenden Bank. Die Gebäude sind ursprünglich als Festung erbaut worden und ummanteln die Piazza Salimbeni, auf der eine Statue steht, die Sallusto Bandini darstellen soll, jenem jesuitischen Ökonomen, der schon vor Jahrhunderten für einen Freihandel eintrat, der unabhängig von den Regelwerken des damaligen Magistrats wirtschaften konnte. Vor einigen Jahren geriet auch die Monte die Paschi im Zuge der Finanzkrise ins Schwanken, da sie kurz zuvor mehrere kleine Kreditinstitute erwarb und sich später infolge einer leichtfertigen Kreditvergabe überhob. Der ganze Berg ungedeckter Papiere sollte durch simple Kapitalerhöhungsmaßnahmen abgetragen werden. Und es war schließlich der italienische Staat, der mit 4 Milliarden Euro die schwankende Bank stützte. Heute gilt immerhin die Bank wieder als stabil, denn der Staat ist es nicht.

Ich setzte mich mitten auf die zentrale Piazza del Campo, die vom markanten Palazzo Publicco und seinem solitären Turm überragt wird, direkt vor das Restaurant der Familie Nannini und esse Pizza, trinke Bier und denke nach. Trotz der späten Stunde ist der gesamte Platz von Studenten bevölkert, die gemeinsam feierten, sangen und jubilierten -. Der Niedergang der italienischen Wirtschaft wurde bereits in den 1970ern eingeläutet, als der Monetarismus zur vorherrschenden ökonomischen Ideologie wurde. Wie viele andere europäische Währungen wurde auch die Lira vom Goldstandard entkoppelt und an den US-Dollar gebunden, weswegen die italienische Wirtschaft von der später stattfindenden Ölkrise schwer betroffen war, da diese Vorgänge nicht nur zur Stagnation der Industrieproduktion führten, sondern zeitgleich auch zur Inflation der eigenen Währung. Um den Prozess dieser sogenannten Stagflation entgegenzuwirken und die Produktivität künstlich zu steigern, wurde die Lira beständig neu entwertet. Seit der Einführung des Euro fehlt jedoch dieses Instrument der gezielten Geldentwertung. Die Wirtschafts- und Finanzkrise der letzten zehn Jahre führte schließlich zum Ruin ganzer Regionen zu jenen Verheerungen, die einem den Eindruck erwecken, als läge ein Krieg hinter diesem Land.

Italien hat den Euro eingeführt, ohne jedoch die hierfür notwendigen Reformen anzustrengen. Zwar wurden Privatisierungsmaßnahmen umgesetzt, allerdings erwiesen sich diese als fruchtlos und teilweise sogar schädlich. Der Euro, das defekte Einheitsprojekt, wollte verschiedene Wirtschaftsräume unter eine Währungsunion fassen, um sie denselben Regeln zu unterwerfen, weswegen Italien seine Wirtschaft nicht mehr mit seinen eigenen monetaristischen Regeln gestalten kann, sondern den Vorgaben des Vertrages von Maastricht folgen muss, die den Euro zwar stabilisieren sollen, aber die Eigenheiten der jeweiligen Volkswirtschaften unberücksicht lässt: so verpflichtet sich auch Italien zur Erhaltung des Preisniveaus, womit die ständige Geldentwertung, die bislang die Produktivität der Industrie des Landes am Leben gehalten hatte, unmöglich geworden ist. Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, hielt durch seine ultralockere Geldpolitik der niedrigen Zinsen seine schützende Hand über die italienische Volkswirtschaft, um durch monetaristische Eingriffe die Inflationsrate konstant zu halten und die Effekte der Stagflation abzumildern. Die EZB hat Italien seit 2015 Staatsanleihen in Höhe von 265 Milliarden Euro abgenommen, was den Effekt hatte, dass Italien seitdem durch billige Kredite rund 60 Milliarden Euro an Zinsen gespart hat. Jedoch verstößt dieses Vorgehen indirekt die Stabilitätskriterien des Maastrichter Vertrags, gegen Verbot der monetären Staatsfinanzierung (Art. 123 AEUV) oder Verbot der Haftungsübernahme für Schulden anderer Länder (Art. 125 AEUV). Problematisch wird es, sollte Italien seine Staatsanleihen nicht mehr bedienen können – denn dann würde klar, dass diese Geldpolitik nichts anderes als die Umsetzung von Eurobonds durch die Hintertüre bedeuten würde. Der Abkehr vom Sparkurs ist daher ein riskantes Spiel auf Kosten der Vertragspartner. Selbst der ehemalige griechische Finanzminister Janis Varoufakis fordert, dass Italien die Eurozone verlassen müsse.

Ich jedoch bin anderer Ansicht als Herr Varoufakis. Auf meiner frühmorgentlichen Bahnfahrt nach Florenz ist mir in den Sinn gekommen, dass Italien lediglich die richtigen Reformen und Weichenstellungen anstrengen muss, die etwas in der Binnenwirtschaft bewegen. Das italienische Problem ist kein Problem, dass durch das Europäische Regelwerk verursacht wird, sondern durch den Reformstau, an dem Italien seit Jahrzehnten leidet. Untersuchungen zur europäischen Wirtschaftskrise und zur Rolle Deutschlands darin sind nachrangig, da sie das eigentliche Problem nicht berühren: der Reformstau war schon vorher da: die Einbindung in die Eurozone hat diesen Effekt lediglich verschärft. Die Europäische Union ist hier lediglich der argumentative Blitzableiter, um von der von der miserablen Haushaltslage, den Schulden und den korrupten Strukturen im Innern abzulenken, – ein billiger rhetorischer Taschenspielertrick italienischer Politiker. Das Koalitionspapier der neuen italienischen Regierung sieht einen lockeren Umgang mit der Sparpolitik auf Kosten der Europäer vor. Die populistischen Regierungsparteien nötigen damit zu einer europäische Lösung für dieses Problem, was im Klartext soviel heißt: andere sollen den italienischen Banken ihre nicht bedienten Kredite abkaufen, da sie nicht mehr mit Steuergeldern aus Italien finanziert werden sollen. Oder in anderen Worten: der italienische Staat leistet sich Ausschweifungen, bleibt aber reformunwillig.

Florenz ist eine Kulturstadt und weltberühmt für seine einzigartige Sammlung individuell bedeutsamer Kunstwerke wie Michelangelos David und wuchtigem Kuppelbau, mit dem auf einen Schlag das Mittelalter überwunden wurde. Dieser kulturelle Reichtum und diese Prachtentfaltung verdeutlicht den damaligen Wohlstand und vor allem die Kaufkraft der damaligen familiengeführten Banken. Auf den maroden Straßen bieten fliegende Händler ihre Waren feil, daneben brotlose Künstler, Gaukler, Traumdeuter, Tarotkartenleser, dazwischen flanieren touristische Bummelanten – und ich. Wie in Rom, so gibt mir Florenz mittlerweile ein Gefühl der Vertrautheit, sodass ich manchmal, wenn ich es eilig habe, den Sehenwürdigkeiten wie dem Palazzo Vecchio oder der Basilica di Sa Lorenzo keines Blickes würdige. Als Schreiberling bin ich hier Teil eines Gesamtkunstwerkes – zumindest geben mir die starren Blicke der Passanten diesen Eindruck. Der Campanile gibt sein Glockengeläut. Seine Solitärwirkung verdeutlicht den italienischen Individualismus. Ich traf hier in Florenz auf einen Professor auf dem üblichen Weg; er bestätigte und erklärte mir den italienischen Individualismus und seine gesellschaftlichen Auswirkungen, ja dass selbst die Liebe von Individualismus und Eigennutz geprägt ist, und belegte seine Ausführungen mit Fakten. Und trotz reiflicher Überlegungen erklärt mir dieses Modell meine Erfahrungen der letzten drei Jahre; ich werde diese Betrachtungsweise in meine empirischen Feldstudien über die italienischen Zustände mit aufnehmen.

Wir befinden uns im zehnten Jahr der Wirtschafts- und Finanzkrise. Aufgrund des klammen Haushalts des italienischen Staates und dem Zustand der Banken mangelt es an Investitionskapital und folglich auch an Arbeit. Bis heute verfolgt Italien ein streng liberales Programm und privatisiert große Teile der einstmals stark gelenkten Volkswirtschaft – statt Entwertung der Lira erfolgt die Entwertung von Arbeits- und Sozialverhältnissen, um den Euro zu stabilisieren. Der Arbeitssmarkt dünnt aus, die Schattenwirtschaft und Kriminalität nimmt zu. Bis heute hängt der Zugang zum Arbeitsmarkt von der Familie und vom sozialen Netzwerk ab, obwohl diese Sonderform des italienischen Nepotismus hemmend und schädlich für die Wirtschaft ist, weil weniger die Fähigkeiten entscheiden, sondern vielmehr die Familienzugehörigkeit – dabei waren es mit Cosimo und Lorenzo zwei Medici, durch die Florenz zu ihrer vollen Blumenblüte kam, aber mit Piero, Lorenzos Sohn, war es ebenfalls ein Medici, der durch seine auswärtige Politik der Stadt großen Schaden zufügte. Viele junge Italiener sind ins Ausland gegangen, um dort Arbeit zu finden; so begegnete ich neulich in Rom einem Italiener, der nach Monaco, also München gezogen war, woraufhin ich ihm hinsichtlich der gegenwärtigen politischen Entwicklung in Bayern entgegnete, dass es mir für ihn sehr leid täte. Um den Effekten der Stagflation entgegenzuwirken und zugleich im Euro zu bleiben, ist jedoch keine Abwertung der Arbeits- und Sozialverhältnisse nötig, da dies auch nur die Kaufkraft von neun Zehnteln der italienischen Bevölkerung schmälern würde. Die Menschen benötigen gut bezahlte Arbeit und um diese Arbeit herzustellen, sind Investitionsanreize nötig, d.h. eine günstige Gesetzgebung. Und solange die richtigen Reformen ausbleiben, haben die Italiener gute Gründe, nicht heiter zu sein.

Wohlstand ist in Italien moralisches Statussymbol, das Pluszeichen ein Kreuz. Mit nahezu 80% lebt Mehrheit der Italiener traditionell im Eigenheim, das seit der Zeit der sich ständig entwertenden Lira eine sichere Geldanlage ist und noch heute als Statussymbol der Selbstständigkeit gilt. Studien der nationalen Statistikbehörde ISTAT zufolge belief sich das Nettovermögen italienischer Familien im Jahr 2013 auf rund 8,730 Billionen Euro. Wie die Mailänder Börsenzeitung berichtet, ist der Wohlstand italienischer Familien im Jahr 2017 trotz Wirtschaftskrise sogar um 1,8% angewachsen, was der Banca d´Italia zufolge hauptsächlich auf Finanzmarktaktivitäten zurückzuführen ist – im selben Jahr konnten 30% der Familien ihren Wohlstand ansparen. In Italien gibt es die paradoxe Situation, dass die Bevölkerung zwar reich, der Staat jedoch hochverschuldet ist. Das liegt zum Teil auch daran, dass Merkur nicht nur der Gott der Händler ist, sondern auch der Diebe. Die italienischen Zustände, die Struktur der öffentlichen Verwaltung begünstigen die Schattenwirtschaft: Schätzungen zufolge sollen rund 1/5 der italienischen Bevölkerung in gewissem Maße Steuern hinterziehen, immerhin 12 Millionen Einwohner, darunter so namhafte wie Popstar Gianna Nannini und dem mehrmaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi; dem italienischen Fiskus entgehen dadurch in der Summe jährlich satte 120 Milliarden Euro. Dieser Umstand erklärt möglicherweise auch, warum das Einkommen in Italien ein absolutes Tabuthema ist.

Die gelb-grüne Koalition spricht sich für Neuverschuldung aus, um staatliche Investitionen zu ermöglichen. Es lohnt sich jedoch nicht, neue Schulden aufzunehmen, um das Geld in ein bereits marodes System zu pumpen, weil das Geld in der alten Verwaltung und im Sumpf der Korruption versickern würde. Italien kann nur dann mit dem Euro arbeiten, wenn das Land entsprechende Wirtschaftsreformen anpackt, die die Effekte der Stagflation und der ausbleibenden Inflation engegenwirken, jedoch nicht zwingend von monetarischen Eingriffen abhängig ist. Es gibt außermonetaristische Mittel, um den Effekten der Stagflation entgegenzuwirken und die Produktivität zu steigern. Zu nennen ist hierbei insbesondere die günstige Gesetzgebung zum Zweck des Investitionsanreizes sowie die Reformierung seiner ungeeigneten und ineffizienten Verwaltung. Insofern sind keine weiteren Privatisierungen nötig, nur um auf diesem Wege die Produktivität anzuschieben, von der, von der Gesamtperspektive gesehen, nicht jeder etwas hat; – nein, dies meint vielmehr, die Rückführung vom Privaten in das Öffentliche. Denn das italienische Paradox besteht darin, dass der Staat zwar arm, die Bevölkerung hingegen reich ist. Der Wohlstand der italienischen Familien ist erneut gewachsen – es findet eine klassische Umverteilung statt. Die Bevölkerung hat genug Geld, nur haben es – wie so oft im Kapitalismus – die falschen Leute. Jedoch würde die Einrichtung einer Vermögenssteuer bei den italienischen Individualisten nur zu Kapitalflucht führen, womit die Einführung eher unwahrscheinlich ist. Aufgrund der hohen Privatvermögen dürfte es genügen, wenn die italienische Politik durch geeignete und kluge Gesetzgebung bestimmte Reformen in die Wege leitet, um die Gelder des reichen oberen Zehntels freizusetzen, zu Investitionen zu reizen und um schließlich wie ein warmer Sommerregen nach unten träufelt und die Produktivität ankurbelt. Die Gesetzgebung muss die Binnennachfrage nach Produktivität und Arbeitskräften stärken, d.h. sie muss Aussicht auf Profit garantieren. So besteht die Möglichkeit, ein Pfandsystem auf Flaschen einzuführen, da dies nicht nur den positiven Effekt hätte, eine ganze Pfandindustrie entstehen zu lassen, sondern durch den finanziellen Reiz von Plastikflaschen auch die Umwelt sauber zu halten, insbesondere aber, um die müllverarbeitende Industrie zu entlasten. Desweiteren fahren hier gelegentlich Busse vorbei, die ihre Abgase in die Luft blasen, als wären sie Drachen, – eine umweltpolitische Maßnahme kann hier zu finanziellen Investitionen reizen. Dieses Vorgehen der günstigen Gesetzgebung gelingt sogar, ohne dass der Staat die sparsame Austeritätspolitik aufheben oder neue Schulden aufnehmen muss. In Italien besteht beispielsweise eine große Nachfrage nach Infrastruktur, allerdings bleiben die Investitionen aus. Seit drei Jahrzehnten verzichtet Italien auf Atomenergie und regelt seinen Energiebedarf zu 80% durch Stromimport, was hauptsächlich durch durch das benachbarte Frankreich bewerkstelligt wird, das seine Energie jedoch wiederum aus Atomkraftwerken gewinnt; – die Produktivität des Landes ist daher stark von den Weltmarktpreisen abhängig: steigen die Stompreise, sinkt die Produktivität, da sie kostspieliger ist. Das Land muss sich daher vom Stromimport verabschieden, um seine eigene Produktivität nicht von Weltmarktpreisen abhängig zu machen; für Solarkraftwerke und Geothermiekraftwerken bietet Italien hervorragende klimatische Bedingungen, um auf erneuerbare Energien zu setzen, und eine entsprechende Gesetzgebung kann auch Investitionen in diesem Bereich begünstigen.

Italien wird zur Steueroase – ganz ähnlich wie es Irland gemacht hat -, um Auslandskapital anzulocken, wohl aber auch, um die überbordende Schattenwirtschaft zu bekämpfen, indem sie ihr den Schein der steuerlichen Legitimität vereinfacht. Mittlerweile lässt sich auch bei mir von einer Toskanabräune sprechen.

 

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Il Leader

Man kann nicht gerade sagen, dass es im politischen Rom derzeit langweilig zugeht. Hier wird auf der Bühne ein Schauspiel dramatischer Art ausgeführt. Dies ist unter anderem auch daran ersichtlich, dass im staatlichen Nachrichtensender RAI24 wieder einmal eine Moderatorin die zu verlesenden Informationen in schnellem Italienisch herauf- und wieder heruntermoderiert und ihren tiefen Ausschnitt möglichst nicht verbirgt. Überraschenderweise heißt es plötzlich, dass die gelb-gründe Koalition doch zustande kommt, diesmal jedoch mit anderem Finanzminister. Selbst bei Regierungsbildungen kann man sich auf die italienischen Zustände verlassen. Mit der Inauguration der neuen Regierung unter dem bislang völlig unbekannten Ministerpräsidenten hatte man es verdächtig eilig, da man pünktlich zur Festa della Repubblica fertig sein wollte Ich musste also zurück nach Rom, womit der ursprüngliche Plan, noch nach Bologna mit seiner Esskultur zu fahren sowie Perugia mit seinem mittelalterlichen Stadtkern zu besuchen, hinfällig war. Ich ging zum Bahnhof Santa Maria Novella mit seiner futuristischen Innenarchitektur aus der Faschismuszeit und nutzte den direkten Bummelzug nach Rom – weil es die Erzählung so wollte.

Rom zeigt sich wieder von seiner Sonnenseite. Mein Italienisch läuft schon weitaus flüssiger: für Staatslenker und jede politische Führungskraft verwendet man hier das englische Wort ´il leader´, was wohl davon herrührt, dass das Wort ´duce´ aufgrund seiner faschistischen Färbung verpönt ist. Der italienische Präsident residiert im Palazzo Quirinale und fungiert als Königsersatz. Er verkörpert lediglich die Einheit des italienischen Staates und ist damit im Grunde so einflussreich wie der deutsche Präsident oder die britische Krone; seine Machtbefugnisse sind entsprechend gering und kommt, wenn überhaupt bei Regierungskrisen zum Tragen – da Regierungskrisen jedoch italienischer Dauerzustand sind, definiert sich diese Zeitspanne sehr weit: ganze 64 Mal wurden in der Geschichte der Republik Italien die politischen Spielkarten neu gemischt. Und als diesmal die gelb-grüne Regierung im Palazzo Quiriale inauguriert wurde, habe saß ich – da der Giardino di Sant´Andrea von Unkraut überwuchert und verschlossen war – draußen vor den Mauern. Dies kann man als einen der schwärzesten Momente meiner bisherigen politischen Vita bezeichnen.

Der 2. Juni wird Italien in Italien als Festa della Repubblica gefeiert und ist hauptsächlich ein Feiertag. In den Kaiserforen findet unter anderem eine Kostümparade statt, mit der die italienische Streitmacht mit Standarten, Pauken und Pferden ihre Schlagkraft zur Schau stellt. Dieser Auftritt soll Symbol und Ausdruck der Republik sein. Gewollter Militarismus, den ich mir gerne erklären lasse. Zu diesem Anlass treffe ich mich mit einem befreundeten Kulturjournalisten, Andrea di Cosmo, um mit ihm ein wenig über die italienischen Zustände zu sprechen. Zwar mag mein Italienisch verständlicher geworden sein: unser gemeinsamer Vorteil besteht darin, dass wir beide in gleichem Maße der Sprache des jeweils anderen mächtig sind. Signore di Cosmo hatte mich häufig und völlig berechtigt darauf hingewiesen, dass die italienischen Zustände derart komplex wären, dass das Land selbst für seine Bewohner unübersichtlich sei, und dass ein Außenstehender wie ich besondere Vorsicht walten lassen solle. Das war mir zwar klar, dennoch dient mir so etwas vielmehr als Anregung, meine Argumente auszufeilen. Zum Glück war Andrea einer der wenigen Menschen auf diesem eigenwilligen Planeten, der auf Anhieb den Hintersinn meiner Sätze verstand und oftmals an den rchtigen Stellen lautstark das Lachen anfing.

Die Wahlen vom März haben die Spielkarten nicht nur neu gemischt: sie hat ein neues Spiel mit veränderten Regeln aufgelegt. Infolge der aussichtslosen Lage des Landes haben die Wähler den Palazzo Montecitorio, in der die Abgeordnetenkammer sitzt, und den Palazzo Madama, in dem der Senat tagt, neu belegt und eine Parteienkonstellation begünstigt, die eine Mischung aus Erneuerung und Restauration sein will. Das italienische Parteiensystem ist mit dem in Deutschland mit seinem Bundestag und Bundesrat vergleichbar, was ebenfalls historische Gründe hat, da beide Staaten viele Jahrhunderte lang von Kleinstaaterei geprägt war, von Herzogtümern und Königreichen, die einander teilweise schwer bekriegten. – Im Palazzo Chigi residiert der Ministerpräsident. Der neue Ministerpräsident präsentiert sich in der Öffentlichkeit gerne geschmackvoll gekleidet; darüber hinaus ist er Rechtswissenschaftler, politisch nicht vernetzt und entsprechend schwach, also eine perfekte, namenlose Marionettenfigur, die über politisches und geopolitisches Parkett geführt wird. Offenbar kann man dieser Figur einen eitlen Charakter bescheinigen – andernfalls hätte er aufgrund seiner Fähigkeiten und Stärken niemals das Amt des Ministerpräsidenten übernommen. Denn das Land wird von anderen regiert: die eigentlichen Strippenzieher sind das Großmaul aus Padanien und der lächelnde Schuljunge aus dem Süden. Ihr stärkstes Druckmittel wird die Regierungskrise sein, die in Italien berühmt sowie berüchtigt ist und die in den letzten sieben Dekaden nahezu sechzig Mal zur Geltung kam. Der Ministerpräsident müsste eigentlich die politische Stärke besitzen, die beiden unterschiedlichen Koalitionspartner zu führen, – nun aber bekleidet eine Person dieses Amt, deren Schicksal es sein wird, sich zu fügen. Zur Darstellung seiner Figur genügt bereits eine Karikatur.

Andrea führte mich in ein Lokal, das einer römischen Brauerei namens Peloni gehört und das von seiner Aufmachung her stark an das Münchner Hofbräuhaus erinnert. Wir bestellten uns eine große Karaffe Birrà und unterhielten uns. Er schmeichelte mir bereits auf dem Weg ins Lokal mit seiner Bemerkung, dass ich seinen teilweise komplexen italienischen Satzbau besser verstehen würde als viele seiner Landsleute. Einige Bierkrüge verglich Andrea die ökonomische Situation Italiens vielmehr mit Griechenland, ich jedoch vielmehr mit Venezuela und Argentinien. Er konterte damit, dass ehe es dazu kommt, die Eurozone zuvor aus Italien aussteigen würde. Unsere Gespräche überzeichnen sich gerne zur Karikatur, was jedoch vornehmlich annehmbare Seiten hat. Andrea konnte man gewissermaßen als germanophil bezeichnen, da er sich jederzeit von der deutschen Geradlinigkeit, Funktionalität und Arbeitsweise beeindruckt zeigt, was für mich natürlich völlig unverständlich ist. Als er meinte, dass sich sein Land an Deutschland ein Vorbild nehmen müsse, meinte ich, dass sie mit den Verspätungen der Deutschen Bahn und der Effizienz der Berliner Verwaltung – die in manchen bisweilen mit Palermo verglichen wird – anfangen können, um dann mit dem Dieselskandalen von VW und Audi weiter zu machen und mit eigentlich allen anderen Tricksereien, mit denen sich überhaupt Geld machen lässt – eine Korruption, die vielmehr heimlich geschieht, hinter Anzügen versteckt. Italien hat die Mafia, Deutschland seine Unternehmen. Doch nicht nur hier, im italienischen Pendant des Hofbräuhauses, der Birreria peroni an der Via San Marcello, bin ich den üblichen Vorurteilen begegnet, sondern eigentlich überall: Deutschland sei so geordnet, so pünktlich, so sauber. Deutschland scheint für die Italiener ein Musterland der Pedanterie zu sein – so sehr, dass ich es in Erwägung zog, sie nach Berlin oder Frankfurt einzuladen, oder Duisburg. Jedenfalls prominierten Andrea und ich noch die Via Nazionale entlang und verabschiedeten uns am Bahnhof Termini mit dem Versprechen, uns bald wiederzusehen.

Macht ist ein Terminus, der erst auf Grundlage sozialer Beziehungen, Kontakte und Seilschaften einen Sinn macht. Selbst der mächtigste Herrscher ist von einer Bevölkerung abhängig, die er beherrschen kann; sein Einfluss steht und fällt mit diesen sozialen Beziehungen. Insofern ist Macht stets relativ und brüchig, weil es diesem existentiellen Zwang ausgesetzt ist. Auf dem Fußgängerweg der Piazza Venezia drängen sich Touristen dicht an dicht, weswegen ich den Bordstein hinuntergehe und auf der Straße laufe, um dem zähfließenden Strom auszuweichen, wobei die einzige, die mir folgt, eine müde und dennoch entschlossene Nonne aus dem südamerikanischen Raum ist. Vor allem in Italien, in dem es vor individulistischen Einzelkämpfern nur so wimmelt, gibt es kein heldenhaftes Kollektiv, sondern nur einzelne Helden und herausragende Persönlichkeiten, – so erklärt sich auch, warum es die italienische Bevölkerung noch nie zu größeren Reformen oder einer Revolution gebracht hat. Angesichts der desolaten Lage des Staates und seiner Wirtschaft gibt es in Italien schon lange große Reformansätze, die allerdings von den komplexen Verwaltungsstrukturen und ihren korrupten Amtsträgern gekonnt blockiert werden, weil der Eigennutz zu groß ist. Sämtliche Italiener berichten mir, dass die staatliche Verwaltung bis hin zur Regierungskreisen von kriminellen Organisationen durchsetzt sei. Das politische Klima ist rau. Nicht grundlos liefern die italienischen Zustände reichhaltigen Nährboden für Demagogen. Dies äußert sich auch in der Rhetorik.

Der Populismus funktioniert auf Italienisch wie in allen anderen Sprachen auch: er erklärt komplexe Vorgänge, indem er der Bevölkerung ein einfaches Weltbild vorlegt. Innerhalb der populistischen Rhetorik wird die Souveränität des Volkes über alles gestellt, sieht sich jedoch einer unscharf umrissenen Elite entgegen gestellt, die als dunkle Nobilität versucht, das Volk bei der Ausübung seiner Souveränität zu behindern. Der Populist benötigt stets den Bezug zu anderen, durch die er sich definieren muss, und deshalb kann der Populismus links- oder rechtsseitig gewendet sein, je nachdem, wen er als seinen Gegner definiert. Innerhalb solcher Erzählungen wird der Gegner derart mächtig geredet, dass drastische Maßnahmen zu legitimen Mitteln werden. So beobachtet italienische Öffentlichkeit die deutsche Außenpolitik derzeit sehr genau: in vielen Zeitungen vergleicht man in Artikeln Statistiken zwischen den italienischen Zuständen und den deutschen Zuständen, und auffällig häufig werden Zitate der Bundeskanzlerin oder anderer deutscher Amtsträger angeführt. Selbst der linksliberale Messaggero spart nicht mit einseitigen Darstellungen über politische Sachverhalte, der deutschen Sicht nicht entsprechen. Dabei wird kein Zwerg dadurch größer, nur weil man ihn einen Berg stellt. Ein Populist stellt sich dumm, um seine politischen Ziele zu erreichen, und vereinfacht seine Argumentation, damit er von möglichst vielen verstanden wird. Er verhält sich so, wie es Machiavelli an diversen Stellen seines Fürsten und seiner Discorsi beschreibt: dass es ein Zeichen großer Weisheit sei, sich zur rechten Zeit töricht zu stellen, und dass wenn jemand täuschen wolle, derjenige auch stets jemanden findet, der sich täuschen ließe. Vor allem in Italien finden Populismen einen fruchtbaren Nährboden, da man hier eine besondere Anfälligkeit von Verschwörungstheorien zeigt: noch heute ist die italienische Bevölkerung weitgehend abergläubisch, man hütet sich vor malocchio, dem bösen Blick, oder glaubt an übernatürliche Wahrzeichen, an Fußball-Astrologie und Auguren, lässt sich sogar von Hexen beratschlagen, die Rechtschutz genießen und Steuern zahlen. Bereits der jüngere Plinius erwähnt in einem seiner Schreiben, dass Stimmen nunmal gezählt und nicht gewogen werden, und dass, obwohl die Klugheit ungleich verteilt ist, jeder das gleiche Wahlrecht habe. Und gelegentlich entscheidet sich die Mehrheit der Wähler aus Unkenntnis für die ungünstige Sache. So hat die neue italienische Regierung großzüge Wahlkampfgeschenke versprochen – die Finanzierung soll jedoch durch Neuverschuldung geregelt werden, also im Fall eines Scheiterns durch die anderen Mitglieder der Eurozone. Der Parteivorsitzende des Movimento 5 Stelle´, Luigi di Maio, reagiert auf die Kursschwankungen an den Börsen mit seiner eigenen naiven Formel: dass Indikatoren wie Spreads und BIP für die Partei nicht interessant seien, weil nur das Lächeln der italienischen Familien zähle. Jedes noch so schäbige Argument wird in den Diskurs geworfen. – Unter dem Titel der Flat Tax will die padanische Lega eine Steuersenkung für alle umsetzen. Jedoch sind die sozialen und wirtschlaftlichen Realitäten in Italien derart verschieden, dass eine gleiche Steuergesetzgebung für alle notwendig zu Ungerechtigkeiten führt, womit deutlich wird, dass der padanische Redenschwinger Salvini trotz Namensänderung seiner Partei von Lega Nord in schlicht Lega eine unübersehbare Klientelpolitik für den ohnehin wohlhabenden Norden betreibt. Der einzige Effekt wäre, dass die reichen Italiener im Rahmen der Flat Tax nur mehr ansparen, als sie es ohnehin tun, und es nicht investieren. Aufgrund seiner Gesetzgebung ist Matteo Salvini einer der heißesten Anwärter des begehrten Preises für politische Augenwischerei. Und das liegt nicht nur daran, dass Salvini lautstark gegen organisierte Kriminalität wettert, seinem Cousin jedoch einen hochdotierten Staatsposten verschafft hat, um seine eigenen Machtansprüche noch zu institutionalisieren. Die gelb-grüne Koalition spielt uns eine Wirklichkeit vor, angesichts der es schwer wäre, keine Satire darüber zu schreiben.

Der antike Redner Quintilian notiert, dass die Satire eine typisch römische Angelegenheit sei. Und tatsächlich verlangt Satire ein politisches Klima, denn nur in der dunklen Gassen der Politik, findet sie jene Widersprüche, Beugungen und Lügen vor, die den Stoff ihrer humoristischen Spitzen liefern. Das liegt wohl auch daran, dass all diejenigen, die sich politischen Strukturen nähern – und seien sie noch so moralisch und ehrgeizig -, zu Verstellung, Schauspielerei, Schweigsamkeit und allerhand Lastern geradezu verführt werden, um so ihre politischen Ziele effektiver umzusetzen. In vergleichbarer Weise ging einst Sallust nach Rom, um Politiker der Republik zu werden, und der dann anstelle von Anstand und Tugend vielmehr Dreistigkeit und Bestechung vorfand und, von Ehrgeiz getrieben, diese Laster zu teilen begann. Insofern gehört auch ein Populist, sofern er erst einmal regierende Ämter besetzt, zur privilegierten Elite und verhält sich auch entsprechend. Folgerichtig zieht Beppe Grille, der Gründer des Movimento 5 Stelle und – wohlgemerkt – Berufskomiker, die Fäden aus dem Hintergrund, ohne dass er jemals in ein Amt gewählt wurde, wobei er sich genau wie diejenigen verhält, die er so gerne verachtet. Und so mag Matteo Salvini in seiner Funktion als verbaler Schläger vordergründig gegen die Schattenwirtschaft poltern, hintergründig verhilft er seiner Verwandschaft in einer Form von grünen Nepotismus zu hohen Ämtern. – Die Bevölkerung kennt diese Haltung von Politikern und scheint dies gewissermaßen zu erwarten, denn nicht selten bevorzugt sie politische Schlitzohren, um hernach über sie zu schimpfen. Der antike Satirenschreiber Juvenal bemerkte einmal, dass das römische Volk einmal über alles, über die Herrschaft, Ämter und Legionen verfügen wollte, jedoch bald mit nur noch zwei Dingen zufrieden zu sein schien: mit Brot und Spielen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Häufig bestehen Unterschiede zwischen der Idee von etwas und der Realität ihrer Anwendung. Die politische Entwicklung der jüngeren Jahre erinnert stark an das Römische Imperium, an den Prinzipat des Augustus Cesär, der die alten republikanischen Institutionen beibehielt, aber alle Gewalten in der Person des Fürsten vereinigte. Und dass ein Princeps sich als erster Bürger des Volkes aufspielt. Diese Form der Regierungsführung fand in der Geschichte seine vielfache Anwendung: Pandolfo Petrucci war Signore von Siena und ließ die Institutionen zwar formell unangetastet, regierte aber despotisch, und so kehrt die Form des Prinzipats in der populisitisch geführten Republik wieder. Diese Form der populistischen Republik wird am ehesten von Machiavelli beschieben. Die Geschichte Roms gilt seit als Lehrstück aller Politik. Und im Elend der Gegenwart lockt der Glanz der Vergangenheit. – So ist der Stoizismus zwar keine römische Erfindung, fand aber hier seine politische Blüte, da er die mächtigen staatlichen Strukturen des Imperiums vorfand, namentlich durch den Bonmot- und Sentenzenschwinger Seneca als Lehrer des Princeps Nero sowie Marc Aurel, der selber Princeps des römischen Imperiums war. Der Stoiker fügt sich seinem politischen Schicksal, das er für naturgegeben nimmt. So spricht der Marc Aurel davon, das alles, wie es jetzt ist, auch ehemals war, und daß es immer so sein wird, und dass man sich alle gleichartigen Schauspiele und Auftritte vorstellen könne, man überall das gleiche Schauspiel aufgeführt sähe, nur von anderen Personen aufgeführt.

Nicht nur in Italien, sondern auch in Frankreich, Großbritannien, vor allem aber in Deutschland demonstrieren gewisse Politiker, dass sie Anzeichen von verbalem Meteorismus zeigen, was allein deshalb schon bedenklich ist, da einem Furz stets größere Mengen nachfolgen. Ein Populist argumentiert mit der Souveränität des Volkes, unterschlägt zugleich, dass die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung gelegentlich der freiheitlich demokratischen Grundordnung widerspricht und diese sogar zum einstürzen bringen kann – sie führt zu dem, was als ´Tyrannei der Mehrheit´ bekannt ist. Aus diesem Grund muss das sogenannte ´Volk´, die Bevölkerung, seine Schranken kennen und die politische Willensbildung an die freiheitliche Grundordnung binden. Der Populist wird stets versuchen, die Verwaltung und Selbstverwaltung den eigenen Wünschen anzupassen, um sich das Durchregieren zu erleichtern – und ein Populist, der durchregieren kann, ist nichts anderes als ein Faschist. So geschah es vor vielen Dekaden mit Mussolini, der eine zentralisierte Verwaltung vorfand und genügend nationalistisches Pathos mitbrachte, um seine Politik gewaltsam zu vollstrecken, um Prachtstraßen anzulegen oder um die Pontinischen Sümpfe trockenzulegen. Wenn ein Machtpolitiker auf eine totale Institution trifft, die seine Befehle widerstandslos exekutiert, ist sein der Machtanspruch gesichert. Bei aller Leidenschaft für den Liberalismus sollte eine gut geordnete Bürokratie diese Entwicklung zu verhindern wissen. Ermächtigungen sollten rechtlich unmöglich gemacht sein. Der Weg dorthin geht über die Verfassung.

 

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Über Mode und andere Manieren
Heute werde ich einen Ort besuchen, der meine italienischen Jahre mehr geprägt hat als andere, und nehme wie üblich die Bahn, die den Bahnhof Termini irgendwann in Richtung südöstliche Campagna verlässt und, begleitet von den Überresten der alten Aqua Claudia, den Albaner Bergen entgegen fährt. Die Klimaanlage ist wie üblich auf die höchste Stufe gestellt, sodass ich – obwohl draußen wärmster Sonnenschein strahlt – meinen Pullover überziehen muss, damit mir die kalte Brise nicht ständig in den Nacken fährt. Da ich nahezu jeden Baum auf der Strecke beim Namen kenne, verstecke ich meine Nase wie üblich hinter dem Messaggero.

Die Albaner Berge sind von vielen Punkten Roms aus zu sehen; von dort hat man seinerseits einen herrlichen Blick, über die Ewige Stadt bis hinauf aufs Meer und das italienische Theaterspiel. Die Eisenbahn fuhr in einer großen Schlaufe den Hang hinauf. Es war Sonnenuntergang, der glutrote Ball tauchte den Abend in ein tief triefendes Rot. Endlich war ich wieder hier: Marino, oder Alba Longa, die Mutter Roms. Geschichtsschreibern und Historikern zufolge liegt in dieser Gegend die Wurzel altrömischer Familien; so erwähnt Theodor Mommsen in seiner ´Römischen Geschichte´ die Familie von Julius und Augustus Cäsar. Unweit lag unter anderem auch Tusculum, wo Cato der Ältere zur Welt kam und wo Cicero seine famosen Gespräche aus Tusculum niederschrieb und in dessen Nähe sogar ich einige Monate verbringen durfte. Seit der Antike besitzt die römische Nobilität in dieser Gegend ihre Landgüter, da es hier im Sommer deutlich kühler ist als in der von Hitze aufgeheizten Stadt, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Im angrenzenden Castel Gandolfo hat der Papst seine Sommerresidenz. Und auch ich finde es im Schoß dieser Gegend sehr behaglich.

Die Eisenbahn machte Station. Ich stieg aus und ging die die Steintreppe nach oben. Marino liegt auf einem Bergwipfel und macht den Anschein, als sei es ein typisches italienisches Modelldorf. Der vertraute Duft frisch gewaschener Wäsche wehte durch die Stadt. Dieser Geruch kommt mir sehr vertraut vor, da es üblicher italienischer Usus ist, die Kleidung bei gutem Wetter nach draußen zu hängen. Es gibt keinen besseren Ort, um über Mode und andere italienische Sitten nachzudenken, was ganz wahrscheinlich auch daran liegt, dass ich hier eine Bekanntschaft habe, die in der Modebranche arbeitet und ein hervorragendes Exemplum für diese Sitten ist.

Oben angekommen stand ich bereits am Municipio mit seiner sienafarbenen Fassade. Direkt daneben gab es eine Aussichtsplattform, von der man weit in die Campagna hinein blicken kann. In Italien gilt die Regel der ´far bella figura´, derzufolge man einen guten Eindruck machen muss, und dazu gehört neben zivilisiertem Benehmen auch der Modegeschmack. Mode und Sittlichkeit sind in der italienischen Gesellschaft eng miteinander verwoben. Der zur Schau gestellte Geschmack ist im Idealfall nicht nur bloßer Schein, sondern gilt als Spiegelbild der eigenen Person. Bereits im 17. Jahrhundert schrieb Torquato Accetto in seinem Werk ´Della Dissimulazione onesta´ über die ehrliche Verstellung, inwiefern man Verhalten und Moral nutzen muss, um sich vor Tyrannen zu schützen, wohingegen Machiavelli noch beschreibt, wie man durch Unehrlichkeit zu Macht kommt. Accetto ist insofern die italienische Entsprechung zum deutschen Adolph Freiherr von Knigge, der einmal meinte, dass wenn man angenehm unter Leuten leben wolle, man fast immer als Fremder erscheinen müsse. Die Bigotterie ist – wie mir ein Italiener neulich versicherte – jener Wegweiser, um in der italienischen Gesellschaft an Einfluss zu kommen. Einer solchen Philosophie spielt mit einem veränderten Wahrheitsbezug und das erklärt auch, warum dieser Landstrich so wenige Philosophen hervorgebracht, dafür vielmehr Ingenieure, Bildhauer und Schauspieler, deren Kreationen nicht nur der Natur ähneln, sondern selbst Natur sein sollen. Als wären sie mit ihrer Maske zu einer Einheit verschmolzen. Schein ist Sein. Selbst den Tod trägt man wie ein Kleid, das man sich irgendwann abstreift. Niemand anderes könnte diese römische Gemeinsamkeit von Schein und Sein besser verkörpern als Cato der Jüngere, der seinem stattlichen Stammbaum alle Ehre machen wollte und deshalb mit seinen Truppen in Nordafrikas wüste Ödnis zog, wo er sich schließlich in Utica nach einer Niederlage mit dem Schwert selbst das Leben nahm, um Platz für Julius Cäsar zu machen, – eine Tat, die berechtigtermaßen bei den einen Bewunderung für sein staatsmännisches und stoisches Betragen, bei anderen jedoch als notwendiges Ende einer Person mit politischem Fernblick verspottet wird, – je nachdem, wieviel man auf Äußerlichkeiten und damit auch Innerlichkeiten gibt. In der italienischen Presse werden die Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens stark an Aussehen, Kleidung und Manieren bewertet. Nicht grundlos sind italienische Textilien und Ästhetik ein weltweiter Exportschlager; namhafte Firmen wie Gucci in Florenz oder Prada in Mailand; überall finden sich Fachgeschäfte für Herrenbekleidung und Damenkonfektion, um hernach mit unpassenden Schuhen über das Kopfsteinpflaster zu stolpern. Sogar Rosenkränze für jeden Stil sind in katholischen Läden zu erstehen. Je südlicher man in das Land vorstößt, umso angesehener ist man in der Gesellschaft, wenn man katholisch ist oder wenigstens vorschützt, katholisch zu sein. Unter dem Deckmantel der Kirche hält sich eine erzkonservative und starre Gesellschaft, deren Familien auf christliche Manieren bestehen, weil dies gesellschaftliche Reputation verspricht. Dies führt zwangsläufig zur Bigotterie. So steht es hier nicht im Widerspruch, auf auf Materialismus und Spiritualität gleichermaßen wert zu legen und beide zu verehren: Mutter Erde und Mutter Gottes. Ich kenne unter anderem eine Sizilianerin, die in dem Ruf steht, viel auf äußerliche Reinlichkeit und katholischen Standesdünkel zu geben, was sie allerdings geradezu blind für Charakterzüge wie Aufrichtigkeit oder Zuverlässigkeit macht. Überall weht zwar von den Balkonen der Duft frisch gewaschener Wäsche in die Nase, jedoch verursachen Weichspüler und Pflegeprodukte, um äußerliche Sauberkeit herzustellen, reichlich Schmutz und Dreck für die Umwelt. Jedesmal, wenn ich durch Städte oder Dörfer prominiere, vor allem auf den vielen Verbindungsstraßen vermischt sich das Laub der Bäume mit Plastik. Oftmals verdecken Anzugträger und Saubermänner nur ihre eigentlichen Intentionen, in meiner italienischen Vita habe ich bereits zahllose Beispiele erleben müssen. Und ausgerechnet die eifrigsten Maskenträger ärgern sich am meisten über die Maskerade.

Mein Ziel lag am zentralen Platz von Marino: ein Restaurant, in dem ich schon häufiger war, um zu speisen. Auf diesem Platz findet im Oktober das überregional bekannte Weinfest statt, bei dem der alkoholhaltige Traubensaft sogar aus dem örtlichen Brunnen fließt. Ich setzte mich an einen Tisch auf der Terrasse, das von einer rot-weiß karierten Tischdecke bedeckt war. Dabei trug ich eine auberginefarbene Hose, passend dazu ein olivfarbenes Hemd und ein Kaputzenpullover in sattem Grün und befand, dass ich einfach zum anbeißen aussehen muss. Ich bin von exzentrischem Charakter und äußere mein Inneres durch die Farben jener Kleidung, die ich trage, auch wenn mein Körper auch nackt ganz ansehnlich bin. Ein kleiner untersetzter Signore kam vorbei, um die Bestellung aufzunehmen, verschwand wieder und mit einer Karaffe vino della casa zurück. Der Wein war so, wie ich ihn mochte: tiefrot, schwer und staubtrocken. Oh du schmackhafter Wein, – wie kraftvoll und felsig dein Abgang doch ist. Als mir die Worte so durch den Sinn drängten, kam ich mir wie ein besserer Sommelier vor, und bei dem Gedanken musste ich ein wenig glucksen.

Es folgten allerlei Degustationen, angefangen mit traditionellen Antipasti: belegte Brotschnitten  mit Tomaten und Oliven, alles herzhaft im Geschmack und triefend vor Öl. Es wuchs der Durst und floss der Wein. Einige Antipastistücke lagen über der Tischdecke verstreut, Öl auf Leinwand. Die Girlanden ließen ihr orangeblaues Licht leuchten und stellten alles andere in den Schatten. Schon bald fühlte ich mich wie Bacchus höchstselbst und erinnerte mich sogleich an ein bekanntes Gemälde des alten Caravaggio, bei dem das zarte Haupt des göttlichen Trunkenbolds mit großen Weinlaubblättern umkränzt war. Es war mal wieder Zeit für eine weitere kleine Harlekinade. Der Exzentriker in mir verlangte es, dass ich auch seinen eigenen Kopf mit Grünzeug schmückte, weswegen ich mich ein wenig umherblickte und eine Efeupflanze sah, die um einen Pfeiler rankte, riss mir davon ein paar Zweige ab und wickelte sie sich wie eine grüne Krone um den Kopf. Mit dieser Farbenpracht geschmückt sah ich erst recht zum anbeißen aus. Es folgte bald schon die insalata mista, ein gemischter Salat mit Tomaten und Karottensprossen drin.

Ich genoss die verwunderten Blicke der anderen Gäste, wenn sie meine grüne Krone bewunderten, und prostete ihnen lebhaft zu oder bot ihnen mit einladender Geste sogar einen Schluck Wein an. Unter ihnen befanden sich drei alte, anmutige Grazien. Die Vita war so schon schön, dass ich bald schon zu lallen begann. Hier war niemand, der meinen Kopf mit kaltem Wasser abkühlte, sodass meine Sinne ungehemmt umherirren können. Bacchus war nur ein Gehilfe der Venus. Im Weinschwank kam ich mir unwiderstehlich vor. Hier begann meine Apotheose. Es folgte der nächste Gang: eine klassische Pasta mit feinsten Ingredienzen drin.

Abschließend folgte dolce: eine Tiramisu, wie ich sie mir eigentlich immer bestelle, wenn sie nicht allmählich vom Zitronensorbet verdrängt werden würde. Ich bezahlte meine Rechnung und ließ ein üppiges Trinkgeld liegen, weil mir das Rechnen zu schwer fiel. Wie der ältere Plinius in seiner berühmten Naturgeschichte schreibt, wird die Wahrheit dem Wein zugeschrieben.

Es wurde allmählich Abend, oben dämmerte es längst. Ich schwankte spazierend durch Marino, breitete meine Hände aus und schwang meinen Körper wie im Flug hin und her. Die Ortschaft war beschaulich und vertraut. Auf den Bergen schimmerten und glitzerten die vielen Lichter der Dörfer, die sich wie feine Maserungen über den Berghang legten. Zwischen den Sternen hängen Mond und Venus wie gewohnt auf der Ekliptik. Eine Katze saß auf der Straße, die meinen Gruß mit einem freundlichen Augenblinzeln entgegnete – Katzen und ich: wir verstehen uns.

Endlich war ich am eigentlichen Ziel angekommen und klingelte drei Mal kurz, woraufhin sich die Tür mit leisem Summen öffnete. Ein Maultier gab laute. Signore Marco Bonvicini, der bereits einiges von meinem exzentrischen Charakter verstand, stellte aufgrund meines Erscheinungsbildes schon gar keine Fragen mehr. Vielmehr begrüßte er mich wie üblich ganz herzlich und bat mich, einzutreten, woraufhin ich in sein Arbeitsgemach hineinstolperte.

Signore Bonvicini ist Künstler, der sich einem besonderen Arbeitsmaterial zugewandt hat: Fingernägel. Seine Arbeit beweist, dass sich aus allem eine Kunst machen lässt. Er besitzt ein seltenes Gespür für Farben und Formen und ihren Zusammenhang im Gesamtkontext eines Körpers, was ihn geradezu zu einem Experten auf dem Gebiet der Mode macht. Er gilt als der Weltbeste seiner Zunft. Selbst große Sterne wie Madonna oder Lady Gaga – beide Damen haben italienische Wurzeln – nehmen seine Dienste gelegentlich in Anspruch. Und eigentlich wollte ich ihn über seine Arbeit befragen, aber ließ es erstmal dabei bewenden, mich mit ihm wie gewohnt über die alltäglichen Dinge zu unterhalten, da ich immer noch zu betrunken war, um ein sachliches Gespräch anzuleiern.

Marco und ich begegneten uns vor einigen Jahren mehr oder weniger zufällig, als ich auf meiner ersten längeren Romreise in der Gegend war. Man kann sagen, dass in jenem Moment, in dem sich unsere Blicke das erste Mal kreuzten, eine gegenseitige Neugier entstand, sich mit dem jeweils anderen auseinanderzusetzen. Wir beide sind Künstlernaturen und haben uns viel zu sagen. Er befolgte desöfteren meinen Ratschlag bezüglich seiner Kreationen, da ich kritisch und direkt genug war, meine Meinung auch zu kommunizieren. Im Gegezug gab er mir tiefe Einblicke in das Innenleben eines Römers, dessen Familie über acht Generationen hinweg in der Stadt lebte, womit er nach Ansicht der Italiener ein echter Römer ist. Wir wollen hier niemandes Ruf ruinieren und werden daher schweigen.

 

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Neue alte Geistlichkeit

Italien ist katholisch geprägt. Das hat natürlich historische Gründe: der Katholizismus begann seinen Siegeszug mit der Mission des Apostels Petrus, seiner Reise nach Rom und der Kopfüberkreuzigung, vor allem aber mit der Beschränkung der christlichen Lehre auf die bis heute kanonischen vier Evangelien beim Konzil zu Nicäa im Jahr 325, wodurch Petrus und vor allem seine Nachfolger, die Bischöfe von Rom, nachträglich als Nachfolger Christi legitimiert wurden. Ihre weltliche Macht begründen die Bischöfe von Rom schließlich mit der großen Pippinischen Lüge, durch die Schenkung großer Landstriche und der Möglichmachung des Kirchenstaats.

Eine goldene Morgensonne wärmte meinen Weg zum Vatikan, der als winziges Überbleibsel aus dem einstmals so großen Kirchestaat hervorging. Schon in der Ferne ist die mächtige Kuppel des Petersdoms zu sehen, die von Michelangelo vollendet worden war; selbst hier von den Albaner Bergen aus ist sie gut sichtbar. Noch heute reicht die Macht des Papstes weit über die vatikanischen Mauern hinaus und strahlt vom Herzen Italiens auf das restliche Land. In den Medien ist Papa Francesco omnipräsent. Jeden Mittwoch strahlen Fernsehsender die Audienz des Papstes auf dem Petersplatz aus, moderiert von einer ansehnlichen Italienerin, die mit flinker Zunge und und tiefen Ausschnitt die Nachrichten verkündet.

Statistisch gesehen hat der kleine Vatikanstaat weltweit die höchste Kriminalitätsrate vorzuweisen. Und das liegt nicht nur an den Taschendieben. Eine Möwe gibt ein lautes Lachen von sich. In diesem Gottesstaat ist Heiligkeit nur ein Wort, denn der Corpus Christi verkörpert viel weltlicheres: Macht und Einfluss. Trotz seiner Kleinheit ist der Vatikan durch einer der weltweit einflussreichsten Staaten, – der Heilige Stuhl verfügt über seine Bistümer ein weitverzweigtes Netz an Kontakten, durch die es 1 Milliarde Katholiken erreichen kann. Er versteht sich auf die hohe Kunst der Diplomatie und auf die Profanisierung geistlicher Autorität. Der Heilige Stuhl verkörpert die Scheinheiligkeit der Kirche. Und es liegt sehr wahrscheinlich an seinen staatlichen Strukturen, das der Vatikan der Vater aller Bigotterie ist.

Seit seiner Entstehung durch die Pippinische Lüge konnte der Kichenstaat nie den Ruf der Korruption, der Intriganz, Ausschweifung loswerden. Das liegt nicht nur an den berüchtigten Renaissancepäpsten wie Rodrigo Borgia alias Alexander VI.: noch heute beten die Priester zum Schein eilig ihr Paternoster herunter, um hernach konservative Machtpolitik zu betreiben. Der Vatikan ist in seiner diplomatischen Mission an weltliche Strukturen gebunden. Schon der Heilige Thomas von Aquin lehnte sämtliche Kirchenämter ab, da er befürchtete, unvermeintlich in weltliche Angelegenheiten hineingezogen zu werden. Ich laufe zuerst die Corso Vittorio Emanuele II entlang, die unweit des Piazza dell´Orologio von vielen einzelnen Jugendstiluhren gesäumt wird, wobei jede einzelne von ihnen eine andere Uhrzeit anzeigte – treffender konnte man den eigenwilligen römischen Sinn für Pünktlichkeit nicht auf den Punkt bringen. Später überquere ich, ebenfalls wie fast immer, den milchig grünen Tiber auf der Ponte Sant´Angelo, die seit Jahrhunderten als die schönste Brücke überhaupt gilt von marmornen Engeln gesäumt wird, die Bernini und seine Schüler vor langer Zeit aus Marmorblöcken herausgeschlagen hatten und auf denen sich heute Möwen niederließen, um ein wenig zu entspannen. Am Ende dieser Brücke befand sich die Engelsburg, die vor Jahrhunderten die Schutz- und Trutzburg des Papstes war, in der er sich vor feindlichen Übergriffen verschanzen konnte. Mein Weg führt über die Via della Consiliazione, die von Mussonlini gemeinsam mit seinen Faschisten einfach gewaltsam durch den Borgo geschnitten wurde, nur damit die größte Kirche der Christenheit von einer Sichtachse aus gut zu sehen war. Der Obelisk wirft wie immer seinen langen Schatten auf den Petersplatz, der von den oval angeordneten und von Bernini konzipierten Kolonnaden umschlossen wird. Der Petersplatz gibt einem das Gefühl, die Menschenmenge mit seinen zwei großen Marmorpranken zu umarmen. Daneben die Sixtinische Kapelle, zudem die Residenz des Papstes: der Apostolische Palast. Es ist blanke Ironie, dass der Bau des Petersdoms, vor allem seine Finanzierung durch den Ablasshandel, einer Erfindung findiger Bänker, die später von den Medicipäpsten ausgereizt wurden, bis schließlich von Martin Luther die Reformation eingeleitet wurde. Noch heute werden an allen Ecken des Petersplatzes feinste Devotionalien; gelegentlich finden sich auch Rosenkränze mit Mengenrabatt. Ich betrat den vatikanischen Buchhandel, nur um herauszufinden, ob wenigstens auch kirchenkritische Werke angeboten werden, stattdessen fanden sich hier vornehmlich Titel wie ´Credere oggi´, ´La spiritualità del Nuovo Testamento´ oder ´Christo – Compagno e Amico´, aber selbst auf den zweiten Blick war kaum ein kirchenkritisches Buch zu finden – immerhin hat es Spinozas ´Etica´ vom Index Librorum Prohibitorum hierher geschafft, sogar Nietzsches ´Così parlò Zarathustra´ fand sich in der Philosophieabteilung. Ansonsten gab es hier nur eigenlöbliche Mammographien über Papst und Papsttum, deren einziger Zweck wohl die Selbstbeweihräucherung war.

Ich lief an katholischen Würdenträgern, Exzellenzen und Eminenzen, Schweizergardisten und vor allem an Touristen vorbei. Vor einigen Jahren schaffte ich es sogar bis in die Katakomben, indem ich mich einer Gruppe Gläubiger anschloss, von denen ich mich deshalb nicht großartig unterschied, weil ich meinen braunen Kapuzenpullover anbehielt und meine Hände ebenfalls zusammenfaltete und mich einfach anschloss. Für deutsche Muttersprachler hat der Vatikan eine Besonderheit zu bieten: den Campo Santo Teutonico. Um diesen Garten betreten zu dürfen, muss man lediglich mit der Schweizergarde am südlichen Seiteneingang ein paar Takte auf Deutsch parlieren. Wer sich einige Zeit in Rom und einer Umgebung aufhält, dem wird die deutsche Sprache häufiger auffallen, was wohl weniger an der hohen Zahl deutscher Touristen liegt, für die Italien immer noch ein Sehnsuchtsort ist, sondern auch daran, dass Deutsch die Verkehrssprache der Schweizergarde ist und sich ein Goetheinstitut sowie die Villa Massimo in Rom befinden. Hier in der Kirche Santa Maria della Pietà, der schmerzerfüllten Muttergottes geweiht, schreibe ich diese Zeilen, eine vorübergehende Nonne freut sich. Pavarotti singt das Ave Maria.

In der italienischen Gesellschaft ist man angesehen, wenn man katholisch ist oder sich wenigstens so gibt. Die Kirche ist Ursache für die manchmal erzkonservative Einstellung, vor allem die alten Großmütter legen höchsten Wert auf christliche Manieren. Im ärmeren Süden ist dieser Zustand noch viel ausgeprägter als im wohlhabenden Norden. Der Einfluss der katholischen Kirche ist derart groß, dass sich selbst Berufskriminelle und männliche Huren bekreuzigen, wenn sie an Madonnenbildern oder Leichenwagen vorbeigehen. Und da man Tatsachen in Italien pragmatisch handhabt, regelt die Natur den Rest mit Scheinheiligkeit. – Streng zu unterscheiden vom politischen Vatikan sind die einzelnen kleinen Gemeinden, die sich karikativ bemühen, indem sie Kirchen als Fluchtpunkte oder als Obdach für Heimatlose anbietet. Es sind oftmals die Armen, die anderen Armen weiterhelfen und sich solidarisch zeigen, weil sie deren Lage verstehen können, und nur selten die Reichen.

Wieder der lange Obelisk. Ein junger Schweizergardist blickte mir kurz ins Gesicht, dann in den Schritt, um dann wieder wegzuschauen – ich kenne diese Blicke und kann mir die Bettlaken dieser Herrschaften vorstellen. Das höchste Ziel des Menschen ist das Erreichen himmlischer Glückseligkeit. Niemand kann ernsthaft davon überzeugt sei, dass die Natur nicht verschwindet, indem man sie verleugnet. So werden der Priesterschaft allerhand sexuelle Ausschweifungen nachgesagt, und es ist ein offenes Geheimnis, dass der Vatikan zu großen Teilen irgendwie schwul ist. Das liegt vermutlich an seiner Struktur. Das war bereits im Mittelalter so, wovon zahlreiche Novellen in Boccaccios Decamerone ihr Zeugnis geben und deren Inhalt damals derart purgiert wurde, dass aus geilen Mönchen irgendwelche belanglosen Knechte wurden. Bereits in der zweiten Erzählung des ersten Tages schildert Boccaccio die römischen Ausschweifungen, die Abgründe der Sexualität, der Dirnen und der Knabenliebe, die jeden von der Bekehrung zum Christentum abhalten würde, und in der ersten Erzählung des dritten Tages geht es sogar um ein Kloster, dessen Nonnen mit dem sich vermeintlich taubstumm stellenden Gärtner um die Wette schlafen wollen. Ich musste schon oft beim Lesen dieser Novellen in der Öffentlichkeit laut auflachen.

Reformen im Vatikanstaat scheitern schon an seinen konservativen Strukturen und dem hierarchischen Aufbau, der noch heute Simonie und Nepotismus am Heiligen Stuhl befördert. Dieses System hat bereits Dante in seiner Commedia bechrieben, in der Dante, von Vergil und seiner Jugendliebe Beatrice begleitet, erst die Hölle und dann das Fegefeuer durchwandert, um schließlich zum Paradies vorzustoßen, wo er am Ende den Glanz Gottes erblickt. Macht ist hier männlich. Diese Strukturen eine bessere Familienpolitik, die Anerkennung schwuler Liebschaften, charmanterweise auch die Zulassung von Frauen für seine Ämter erfolgreich verhindern können. Dafür spricht nichts gegen eine Päpstin als Staatsoberhaupt, als Stellvertreterin Christi auf Erden.

Ich gehe in den Petersdom, dessen innere Ausgestaltung beim nach oben Schauen schwindelig werden lässt. Der überdimensiondierte Baldachin von Bernini, die großen und fein verarbeiteten Skulpturen, vor allem aber Michelangelos Pietà. Die in gehauene Zartheit, diese kraftvolle Körperhaltung, diese marmornen Wellen einer mater dolorosa, die den Leichnam ihres verstorbenen Sohnes stemmt. Ich wähne mich auf einem Purgatorium. Sag, wie hast du´s mit der Institution? Sie lässt sich politisch nutzen. Irgendwann vor einigen Jahren hatte ich mich eigenmächtig exkommuniziert – einfach weil ich es konnte.

 

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Schwules Leben in Rom
Im Frühling und im Sommer, wenn junge Reisende ahnungslos durch die Stadt prominieren, sind Roms gut angezogene Männer im Jagdfieber. Ihre Verführungsmaschen reichen dabei von charmant bis grob direkt, häufig wird die figurative Schönheit bewundert und sogar laut geäußert: ´che bellissima´ oder sogar´ti amo´. Weil sie solcherlei Phrasen auf ihren Eroberungszügen immer wieder aufs Neue mit übertriebener Aufmerksamkeit von sich geben, haben die Römer ihnen die Bezeichnung ´pappagallo´, also Papagei verliehen. Sie sprechen unablässig von amore, meinen aber nur sesso. Und so manch unbedarften und ahnungslosen Reisenden wird diese ungewohnte Aufmerksamkeit wohl aus jenem Grund schmeicheln, an den der päpstliche Cavaliere Casanova in seinen Memoiren erinnert: dass je unschuldiger ein Mädchen sei, sie umso weniger von den Methoden der Verführung wisse und deshalb, ehe sie die Zeit habe, darüber nachzudenken, von ihrem Verlangen angezogen würde; – ich selbst kenne und teile die Erfahrung solcher Mädchen. Anderen hingegen, die mit diesem Verhalten tagtäglich konfrontiert werden, wird dieses aufdringliche Verhalten bald lästig. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass italienische Frauen, wenn sie diesen Manieren dauerhaft ausgesetzt sehen, irgendwann bissig werden. In nahezu sämtlichen Fällen liefert diese Form der Romantik eine hervorragende Vorlage für Spottverse.

Italien ist lange Zeit das klassische Land des Sextourismus gewesen, bei dem der gegenseitige Missbrauch zum schönen Abenteuer wird. Diese Form von Fremdenverkehr hat Tradition, da Rom schon immer als Lastergrube galt, in der umtriebige Orgien und vor allem das Lustsklaventum als selbstverständlich angesehen wurden. Bereits Cato der Ältere stellte zu seinem konservativen Entsetzen fest, dass man auf dem Markt für einen schönen Sklaven mehr bezahlt, als für ein paar Ochsen, weswegen er – wie ihm nachgesagt wird – die Steuersätze für diese ´Waren´ entsprechend anhob. Für Cato war die Knabenliebe eine griechische Dekadenzerscheinung. Noch Augustus Cäsar verbot schwule Aktivitäten, auch wenn sich bald schon niemand mehr daran hielt, am wenigsten die römischen Imperatoren selbst, die sich wie Tiberius, Caligula, Nero, Domitian, Trajan, Hadrian oder Commodus eigene Lustsklaven hielten. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass der Verbot zwischenmännlicher Liebschaften vornehmlich in militaristischen Staaten anzutreffen ist und sich schlicht damit begründen lässt, dass so die Produktion von Nachwuchs und damit von Soldaten gefördert werden soll. Aus ähnlichen Gründen motivieren sich die Erzählungen des Alten Testaments.

Mir erzählte neulich jemand, dass die katholische Kirche immer noch sehr einflussreich sei und moralische Vorgaben setze, weswegen die Italiener zu jener Bigotterie neigen würden, über Liebe zu sprechen, aber den Sex zu meinen: ohne Liebe gibt es keinen Sex und wer nur den Sex sucht, muss ihn wenigstens mit Liebe begründen. Die Macht des Papstes reicht weit über Mauern des Vatikans hinaus. Der Katholizismus mobilisiert überzeugte Gläubige und führt sie ins Feld, um große Massendemonstrationen gegen schwule Ehen oder schwules Leben durchzuführen. Gelegentlich werden Homosexuelle aus Gründen des katholischen Ehrgefühls von ihren Familien verstoßen, wobei viele von ihnen Hoffnung auf Freiheit nach Rom ziehen, um sich in der kümmerlich kleinen Szene auf der Via di San Giovanni in Laterano zwischen Lateranpalast und Kolosseum herumzutreiben. Wer einmal die Berliner Freiheit geschmeckt hat und den dort gepflegten liberalen Umgang mit freier Liebe, wird unterwältigt sein. Eigentlich unterscheiden sich heterosexuelle und homosexuelle Partnerschaften sowohl in der Qualität als auch in ihrer Quantität in keinster Weise – Amor spielt mit jedem das gleiche Liebesspiel. Deshalb ist meine Haltung dazu wie so oft sehr einfach: wenn homosexuelle Paare nicht heiraten dürfen, dann dürfen es heterosexuelle Paare auch nicht, weil alles andere in theoretische Widersprüche führt. Das Schwulsein ist bei Menschen ebenso natürlich wie Essen und Schlafen – nur wird das häufig durch gesellschaftliche Sozialisation unterdrückt.

Was von der Gesellschaft untersagt und verboten wird, versteckt sich und drängt in den Untergrund. Dieses Verhalten hat sich über Mittelalter und Renaissancezeit bis in unsere Tage fortgesetzt. Die Natur vollstreckt sich so schonungslos und so formvollendet über alle feudalen Ständegrenzen hinweg, dass man die Geschichten des Boccaccio umschreiben oder sogar ergänzen könnte – nur eben in schwul. Wir werden hier demnach mitnichten nur über Seufzer und Tränen schreiben müssen, wenn es um schwules Leben in Rom geht, auch wenn die schwule Vita in der Öffentlichkeit vergleichsweise beschaulich anmuten mag. Vor allem, weil der Grund meiner besonderen Beziehung mit der ewigen Stadt Rom und mit Italia daher rührt, dass ich vor einigen Jahren von Amor in ein ganz hintersinniges, listiges und erzählenswertes Spiel geführt wurde. Die folgende Erzählung erinnert vielleicht nicht grundlos an den Satiricon von Petronius, auch wenn ein wenig unklarer ist, wer von den dreien nun die zwei freigelassenen Landstreicher sind und wer das Lustobjekt. Und ich neige natürlich dazu, mich für den nachfolgenden Naturalismus nicht zu entschuldigen.

Vor einigen Jahren betrat mit Jung Horst ein junger deutscher Reisender im Frühling erstmals Rom, um die reiche Kulturstadt zu studieren. Da auch dieser Reisende noch jung war, erblühte bald auch bei ihm jenes mächtige Verlangen, von dem bislang alle jungen Männer befallen waren und das ihn bald schon jede intellektuelle Anstrengung vergessen ließ. Dies führte schließlich zur Zufallbegegnung mit einem Süditaliener, Dario di Mare, der von solch vornehmen Manieren und wildem Sprachwitz war, dass sie – weil sie sich so gut ergänzten – nächtelang miteinander schlafen mussten. Die Sehnsucht packte beide derart heftig, dass Jung Horst sich kurzerhand dazu entschloss, in Italien zu bleiben, um gemeinsam mit Dario zu leben, der es sehr gut verstand, seinem deutschen Gefährten auf ungemein freundliche Weise die italienischen Manieren beizubringen. Bald schon wuchs durch die vielen zahlreichen Gespräche eine familiäre Vertrautheit, sodass Jung Horst es sogar gestattete, dass Dario bei fremden Besuchen wach bleiben oder sogar ausgehen durfte, während er sich selbst schon längst selig zum Schlafen zurückzog. Jedoch stellte sich Monate später heraus, dass unter den vielen Besuchern auch Darios wohlhabender Verlobter war, der von sexuellen Ausschweifungen seines Gefährten wusste und sogar billigte, und der es trotzdem mit ihm nächtelang im Nebenzimmer munter trieb, als Jung Horst naiv schlief und träumte. Dieses Schauspiel musste jedoch irgendwann zwangsläufig auffliegen. Und in gewisser Weise musste sich Jung Horst für all die Schmähungen erkenntlich zeigen. Daher fasste er folgenden Plan: da der Verlobte noch viel wollüstiger und verschlagener als Dario war und da Jung Horst von allen Seiten als schöner Mann bewundert wurde, ließ er es auf ein Treffen mit Darios Verlobten ankommen, um ihn mit seinem Charme und Witz um den Finger zu wickeln, was aufgrund der unstillbaren Gier des Verlobten nach gemeinsamer körperlicher Ausritte mit hübschen Männern ein nur allzu leichtes Unterfangen war. Munter trieben sie es stundenlang in ihrer Wohnung, wobei Jung Horst noch ein Selbstbild zum eindeutigen Beweis anfertigte. Erst später, nach einigen Wochen, nachdem sich das Verhältnis von Dario und seinem Verlobten wie gewohnt fortgesetzt hatte, als wäre nichts gewesen, hatte er die Bilder seinem ehemaligen Geliebten zugespielt. Und wie geplant, geriet Dario über den Vertrauensverlust und über seine Eifersucht so sehr in Rage, dass dieser seinen Verlobten auf eine derart rabiate Weise verprügelte, das er ihn zum Teufel schickte, was für Dario einen schweren Verlust bedeutete. So fuhr Jung Horst zufrieden nach Hause.

Man mag diese Geschichte lustig finden oder nicht: noch heute gibt es in Rom so etwas wie Thermen für Männer, die eine starke Schwäche für Männer haben. In diesen paradiesischen Heiligtümern des Priapus kann man sich, wenn gewünscht, in einer Grotte voller junger, nackter, schambehaarter Leiber wiederfinden, deren Körper im Licht wie umhertollende Faune vor sich hinschimmern, mit Gesichtern wie gemalt, sonnengebackener Haut, vor allem dreitagebärtig, alles wippt. Wasser plätscherte und es spritzte rauschend. Marsyas fordert Apollon zum Flötenspiel heraus und die Mußen, zu Richtern erklärt, zeichneten letztlich Apollon als den besseren Flötenspieler aus, womit das Apollinische über das Bacchantische siegte und nicht mehr nur in der Philosophie, sondern sogar in der musikalisch-körperlichen Ertüchtigung besser war. Wenn die Adern erstmal von der Lust geschwellt sich in einen fechterischen Streit begeben und lange Äste zucken und pulsieren, dann sollen die Jünglinge sich flugs hierherwenden. Die Natur sucht sich stets ihre Erfüllung, – mit Hilfe des männlichen Begattungsorgans wurden bereits ganze Generationen gezeugt, doch die Quelle ist noch viel strotzender, weitaus ergiebiger und viel verschwenderischer.

Wie es in Rom üblich ist: alle taten mit allen alles.

 

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Sicherheitsarchitektur einer brüchigen Einheit
Frühmorgens ist die Gegend um den Bahnhof Termini eine wilde und fast schon unangenehme Angelegenheit. Sogar Neukölln oder Marxloh wirken dagegen noch behaglich. Der beißende und stinkende Gestank von Ammoniak schlägt einem in die Nase, weswegen mir der ebenso beißende und stinkende Gedanke kommt, den Vorplatz fortan in ´cesso di Roma´ umzubenennen: das Scheißhaus Roms. Unterwegs enttarnte ich noch den wahren Urheber des Müllproblems der Stadt: es war die Möwe, die verstohlen Müllbeutel aufpickte, um an Nahrung zu gelangen. Die Bahn in Richtung Neapel wartete. Es bietet sich daher an, über die innere und äußere Sicherheitsarchitektur zu sprechen. Passenderweise musste ich in Formia umsteigen, von wo aus man einen hervorragenden Ausblick auf Gaeta hat, in dessen Wassern die US-Mittelmeerflotte vor Anker liegt.

Italien ist wegen seiner exponierten Lage im Mittelmeer nicht nur für den Handel günstig, sondern auch militärstrategisch ausgesprochen interessant und ein gefragter geostrategischer Partner, insbesondere aufgrund seiner geographischen Nähe zu den Konfliktlinien der jüngeren Zeit: zu Nordafrika, zum Balkan, zum Schwarzen Meer und sogar zum Nahen Osten. So befindet sich in der Toskana das weltgrößte Militärdepot, von wo aus die USA ihre logistischen Angelegenheiten und Nachschubwege für den Mittelmeerraum absichern. In der Bucht von Gaeta liegt die 6. Flotte der US Navy vor Anker. Im nahegelegenen Neapel befinden sich das Hauptquartier der United States Naval Forces Europe der US-Streitkräfte und das Hauptquarter der Allied Command Operations. Ferner finden sich Flughafenstützpunkte in Sigonella oder Gioia del Colle, und sogar Nuklearwaffen sind in den norditalienischen Städten Aviano und Ghedi stationiert. Anhand dieser Aufzählung wird deutlich, dass die NATO und vor allem die USA den Rahmen der italienischen Sicherheitspolitik abstecken, dass Italien außenpolitisch wie militärisch fast vollständig von ihren internationalen Verbündeten abhängt. Dass sich die Italiener auf auswärtige Streitkräfte verlassen, hat lange Tradition: bereits Machiavelli äußerte sich entsetzt darüber, dass die italienischen Fürsten ihre Feldzüge mit Hilfstruppen führten. In der politisch hochkomplexen Situation der italienischen Kriege des beginnenden 16. Jahrhunderts waren die zumeist Schweizer Söldner unzuverlässig und ermöglichten den Eidgenossen große Landgewinne wie dem Tessin. Man könnte sogar meinen, dass  die letzten italienischen Regierungen sich nicht im geringsten auf die politische Philosophie von Machiavelli verstanden haben, am wenigsten darüber, wie er sich über die Zuverlässigkeit von Hilfstruppen geäußert hat. An diesem Zustand hat sich auch nach dem Risorgimento nicht viel verändert. Obwohl das Land zwar immer noch von einem gewissen Militarismus geprägt ist, scheint von der militärischen Schlagkraft des Römischen Imperiums nicht mehr viel zu spüren zu sein. So ist es kaum verwunderlich, dass die italienische Regierung die Militäranlagen aus rein pragmatischen Erwägungen für internationale Einsätze zur Verfügung stellt. Und es überrascht auch nicht, dass der jüngst zum Innenminister vereidigte Matteo Salvini die Zugehörigkeit zur NATO bekräftigte und den Einsatz der US-Streitkräfte billigte. So sollen zwei Probleme gleichzeitig gelöst werden: die sicherheitspolitische Performanz nach Außen sowie nach Innen. Denn das italienische Militär wird in der Regel im Inland eingesetzt.

Neapel ist chaotisch, wild und laut, ein unzählbares Gewitter von brummenden Motorrollermotoren; nahezu jedes Auto hat Dellen und Beulen, gelegentlich fehlen sogar ganze Karosseriestücke. Vor einem Jahr warnte mich einmal ein Römer mit dem Anflug von Gewissheit in der Stimme, dass sie mich in Neapel ausrauben würden, woraufhin ich ihm entgegnete, dass er sehr genau wüsste, warum sich das niemand trauen würde. So genieße ich am Corso Vittorio Emanuele die Aussicht über die Altstadt, über das Meer und den Vesuv. Auch architektonisch wird die Stadt in düstere Atmosphäre getaucht, da sie zu großen Teilen aus schwarzem Tuffstein aufgebaut ist, der vom nahegelegenen Vesuv stammt, wobei selbst Luxuskirchen sind mit Vulkangesteinsplittern versehen sind. Der göttliche Vergil – durch den die lateinische Sprache zeigt, was sie kann – liegt in Neapel begraben. Genauso wie jedes Verständnis für das toskanagebräunte Hochitalienisch des öffentlichen Alltags, denn selbst bei näherem Hinhören erschließen sich mir die Sinnzusammenhänge der neapolitanischen Sprache nur selten.

Auch wenn die Verteidigungsausgaben infolge der Finanzkrise etwas nachgelassen haben, sind sie mit 1,51% des BIP im Jahr 2016 für einen Industriestaat nicht gerade gering, – aber sie sind wenigstens schlecht angelegt. Überall finden sich Polizeistationen als auch Kasernen der Carabinieri, gelegentlich fährt ein Wagen der Polizia vorbei und direkt im Anschluss folgt ein Wagen der Carabinieri, obwohl sich die Aufgaben beider Behörden weitgehend überlagern und von Verkehrskontrolle über Personenschutz bis hin zur Terrorabwehr reichen. Dieselben Zuständigkeitsbereiche sind demnach auf verschiedene Organisationen übertragen. Italien hat insofern den Charme eines lockeren Militärstaats, weil gleich zwei militärische Organisationen im Innern eingesetzt werden können: das gewöhnliche Militär mit seiner Einheit ´Esercito operazione strade sicure´ sowie den historisch zu verortenden Carabinieri, die so etwas wie die Militärpolizei ist. Dass es in Italien üblich ist, das Militär auch im Inneren einzusetzen, hat geographische, historische, vor allem aber soziale Gründe: denn ein Staat, dessen Staatlichkeit sich erst gewaltsam herstellen lässt, kann über lange Zeit auch nur gewaltsam erhalten werden. Bereits der Gründungsmythos des antiken Roms erzählt vom Brudermord, den Romulus an Remus begangen hat, und dem Prinzip der Gewalt, sogar dass Rom damals eigentlich nicht viel mehr war als eine Räuberhöhle, in die es nur die verschlagensten Typen verschlug und mit der niemand aus dem Umland etwas zu tun haben wollte, der nicht ganz bei Trost war, weswegen die Römer es auch vorzogen, als Soldaten in die nahegelegenen Dörfer und Städte zu ziehen und die Etrusker und Sabiner mit militärischen Mitteln von der eigenen Überlegenheit zu überzeugen, um sie letztlich in Roms Hügeln anzusiedeln, womit folglich eine Einheit hergestellt wurde, die letztlich keine war, weil sie später im gesellschaftlichen Zerfall in Patrizier und Plebejer seinen Nachhall fand und irgendwann in jenen Bürgerkrieg mündete, der schließlich dem Prinzipat des Augustus den Weg ebnete, jener Konstruktion aus formeller Republik und diktatorischer Herrschaft, in der der wieder das Militär stabilisierender Faktor war und auf deren Grundlage die späteren Imperatoren regierten, bis das langatmige Römische Imperium seine inneren Widersprüche nicht mehr halten konnte, sich die Landkarte erneut zergliederte und nach dem Zerfall des Römischen Reiches in überschaubare Kleinstaaten zur Interessenssphäre und zum Spielball auswärtiger Mächte wurde, der Byzantiner, des Frankenreiches, der Normannen und Araber, die allesamt das Land insgesamt mit Krieg überzogen, bis Handelsmächte wie Florenz und Venedig genauso wie der Kirchenstaat in ihrer Eigenständigkeit militärische Manöver gemeinsam mit ihren Söldner durchführten. Erst infolge der Französischen Revolution und jener politischen Beben, die sie in Europa durch die Verlagerung der Interessen und durch Kriege verursacht hatte, gelang dem Königreich Sardinien-Piemont unter günstigen Bedingungen und mit Hilfe von Guiseppe Garibaldi erneut eine italienische Einheit, der Risorgimento – und zwar gewaltsam. In einer Zeit, in der jemand wie Fürst Metternich noch der Ansicht war, dass Italien eigentlich nur als geographischer Begriff existieren würde, und selbst Napoleon in seinen Memoiren noch abwägen musste, welche italienische Stadt am ehesten als Hauptstadt eines geeinten Staats geeignet sei, da Venedig und Mailand zu weit nördlich lägen und ihren Einfluss nur schwer auf den Süden ausüben könnten, wohingegen sich die Hoheit Roms über das eigenständige Norditalien nur gewaltsam halten ließe, trotz all der regionalen, sozialen, historischen und geographischen Eigenheiten wurde unter Federführung des Conte di Cavour auf dem Reißbrett eine innere Verwaltungsgliederung entworfen, als parlamentarische Monarchie unter Hoheit Vittorio Emanuele II aus dem Haus Savoyen, die jedoch mit ihren staatlichen Strukturen, dem einseitig ausgelegten Zentralismus und dem Militarismus den noch jungen Staat außeinanderriss und in einen nördlichen und südlichen Pol gliederte, zumal die zentralistische Struktur den Aufstieg und Werdegang einer Figur wie Mussolini begünstigte. Als in der antiken Römischen Republik der Bürgerkrieg ausuferte, schlossen sich die Aufständischen in ihrem Kampf um die vollen Bürgerrechte in Corfinum zusammen, benannten die Stadt in Italia um, hielten Senat und es wurden sogar Münzen geprägt, auf denen der italische Bärin abgebildet war, wie er die römische Wölfin besiegte, – nicht grundlos hielten sich die späteren römischen Imperatoren, um ihre Sicherheit zu gewährleisten, stets einige Legionen in der Nähe von Rom. Um diese Einheit notdürftig herzustellen, wurden später wichtige öffentliche Straßen und Plätze und sogar U-Bahnstationen im Zeichen großer Kulturdominanz nach Vittorio Emanuele, Cavour oder Manzoni benannt, selbst die Carabinieri wurden als Militärpolizei im Innern beibehalten. Trotzdem ist eine italienische Einheit bislang ausgeblieben – vielleicht sogar genau deswegen.

In Vatikannähe befindet sich ein Museum für die Geschichte der Carabinieri, der Eintritt ist frei. Historisch gesehen waren die Carabinieri die königliche Armee des Königreichs Sardinien-Piemont und leisteten in der Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Dienst in den Einigungskriegen des Risorgimento, als das Königreich gemeinsam mit Giuseppe Garibaldi die gesamte Apenninhalbinsel kriegerisch vereinigte. Noch heute ist der italienische Staat die Rechtsnachfolgerin des Königreichs Sardinien-Piemont. Und noch heute sind die Corazzieri als Küsserieeinheit der Carabinieri, auch wenn ihre kunstvoll ausgearbeiteten und sperrig unpraktischen Rüstungen keinen besonders nützlichen und furchteinflößenden Eindruck machen, für die Sicherheit und die Unversehrtheit des italienischen Staatspräsidenten sowie für den Schutz seines Amtssitzes verantwortlich. Sie dienen vielmehr der staatlichen Repräsentation und verkörpern die staatliche Einheit. Dabei stehen die Wachposten der Carabinieri nicht so streng und steif herum wie die Bärenfellträger aus Großbritannien: man nickt den Wachposten zu und sie nicken überrascht, aber höflich zurück. Für alle Sicherheitsorganisationen gilt hier gleichermaßen, dass sie beim Wacheschieben lässig Musik hören und beim Kiffen ein Auge zudrücken, viele von ihnen sind sogar überraschend gutaussehend. Ich unterhielt mich hier mit einem Carabiniero über die strukturelle Gliederung dieser militärischen Einheit, den Unterschied zu anderen Polizeiorganisationen, vor allem aber über Sinn und Zweck dieser vielen Unterorganisationen. Dass die Carabinieri sich vom gewöhnlichen Militär dahingehend unterscheiden, dass sie lediglich die Militärpolizei sind, was sie auch von der gewöhnlichen Staatspolizei unterscheidet. Dass sie zwar dem Verteidigungsministerium untersteht, aber nach Weisung des Innenministeriums auch Polizeidienst vollstrecken. Jedoch führt dieses Kompetenzgerangel zu starker Ineffizienz, ist kostspieliger und hat weitere Schwierigkeiten zur Folge, weil eine undurchsichtige Verwaltungsgliederung anfälliger für Korruption ist, da im Dickicht unnüberblickbarer Strukturen und Verflechtungen von Behörden der Nährboden für Intransparenz, Korruption und Kriminalität bereitet ist. Nach wie vor unterhält der italienische Staat kein föderales Polizeisystem, sondern ein zentralistisch ausgerichtetes.

Die Farben der italienischen Trikolore. Ein Verkäufer gibt mir auf der Via dei Tribunali gerade eine Pizza mit Tomaten, Käse, Basilikumblättchen – auf die Hand, wie sich das gehört. Die neapolitanische Küche entstand im 18. Jahrhundert während der Bevölkerungsexplosion als cucina povera, das heißt, dass billige Nahrungsmittel aus dem Umland verwertet wurden: Weizen, Tomaten, Käse, Fleisch und Fisch.

Noch heute ist Italien, wie mir ein Intellektueller einmal versicherte, das Land einer großen Heldenverehrung, bei dem zwar stets einzelne Heroen gefeiert werden, niemals aber ganze Organisationen oder Länder. Dies ermöglicht die Fixierung auf einen Führer, die Massenmobilisierung sowie viele andere Elemente, wie sie bei dem Nationalromantiker Giovanni d´Annunzio und den späteren Faschisten wiederzufinden sind. Einstmals stritt Benedetto Croce vehement gegen die Faschisten, die angesichts seiner intellektuellen Autorität machtlos waren. Er meinte, dass die Geschichte nicht die Richterin aller Sachverhalte sei, sondern ihre Rechtfertigerin. Noch heute ist Croce so etwas wie eine Sehenswürdigkeit Neapels. Genauso wie der Hafen eine Sehenswürdigkeit ist, der den Status Neapels als Hauptstadt vieler Königreiche und Handelsstadt verdeutlicht. Hier ist die Guarda di Finanza präsent, eine für italienische Verhältnisse straff militärisch organisierte Finanzpolizei, die dem Ministerium für Wirtschaft und Finanzen untersteht und für die Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität und vor allem auch im Bereich Steuer- und Zollfahndung tätig ist. In der gesamten Stadt wimmelt es geradezu von verschlagenen Gestalten. Es ist nicht verwunderlich, dass die Neapolitaner mit ihrem ausgeprägten Sinn für soziale Netzwerke einmal die Stadt aus eigener Kraft vom nationalsozialistischen Regime befreit hat. In manchen kleinen Läden sind Güter des täglichen Bedarfs so günstig wie selten in Europa. Ich betrat eine Caffetteria für einen schnellen Espresso und während ich so wartete, schlich ich mich im Raum umher, um mir die Urkunden und Zeitungsartikel anzuschauen, die an der Wand hingen, und beim vorbeigehen senkten sich die Stimmen der Unterhaltenden oder verstummten ganz. Dabei war bei all der vorhandenen Technik der gläserne Mensch schon längst da, die mit ausgefeilten Finessen der Datenverarbeitung erfasst werden. So ermöglicht die Sicherheitsarchitektur eine Form von Faschismus, die brutaler sein kann, da sie die Kommunikationsnetze beherrscht und sämtliche Informationen sammelt.

Endlich war ich im Hotel, direkt an Neapels Hafen und dem Castel Nuovo gelegen. Um hier den Fahrstuhl zu benutzen, muss man tatsächlich ein Fünfcentstück in die Kasse werfen. An der Rezeption ermöglicht mir mein harter deutscher Akzent eine gewisse Schlagfertigkeit, die für italienische Ohren ganz und gar ungewöhnlich klingt. So lockere ich selbst alteingesessene Neapolitaner auf. Später tauchte im selben Hotelzimmer ein junger Mann auf, der irgendwann von sich sagte, dass er aus Alto Adige stammte, woraufhin ich meinte, dass wir uns dann locker auf Deutsch unterhalten könnten. Er bejahte dies. Leider bemerkte ich erst viel zu spät sein wunderbares, schickes und stilvolles altes Akkordeon. Ein echter Künstler kann kein schlechter Mensch sein, da er sich einen Sinn für Ästhetik und damit auch für die Moral bewahrt hat.

 

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Eisenbahnromantik auf Italienisch
Unterwegs in Neapel steht eine Statue von Giambattista Vico, einem neapolitanischen Philosophen, für den die Sprachgeschichte unter anderem eine Quelle der Geschichtsforschung ist. Vico selbst untergliederte seine Sprachgeschichte mehr oder weniger willkürlich in die zeichenhafte Sprache der Götter, der poetischen Sprache von Helden und die des sachlich reflektierenden Menschen, ging jedoch bei seinen historischen Analysen bemängelnswerterweise stets davon aus, dass die Erdgeschichte biblischen Ursprungs sei und daher nicht länger als 6000 Jahre betragen könne. Zudem gleicht Vicos Geschichtsphilosophie in haarsträubender Weise der Philosophie Hegels, dem es ebenfalls um den historischen Werdegang zum Abstrakt-Konkreten als Motiv der Wissenschaft geht. Ich lasse jedoch Vico und Hegel mit der Statue hinter mir.

Unser heute geläufiges Englisch ist aus Gründen der Literaturgeschichte in hohem Maß von der italienischen Sprache beeinflusst. Das liegt auch daran, weil Geoffrey Caucer sowie William Shakespeare ihre Stücke auf Grundlage italienischer Novellen und Gedichte schrieben. So finden sich Entsprechungen wie traffico/traffic, esitare/hesitate, sorvegliare /surveillance, immediatemente/immediately, annoiato/annoing. Und mittlerweile sind Italiener bei weitem nicht so fremdsprachenscheu, wie es ihnen nachgesagt wird.

Heute werde ich diverse öffentliche Verkehrsmittel nutzen, um einige Stätten und Städte rund um den Vesuv zu besuchen. Nach einem zweisprachigen Espresso folgte ich den zweisprachigen Schildern, die mich zur Circumvesuviana geleiteten und verließ Neapel, da die Bahn zum Bersten voll war, sitzend in der Gepäckablage. Mein erstes Ziel war die Gegend um Pompeji, denn bei meinem Besuch hatte ich es letztes Jahr auf einen Spaziermarsch nach Herculaneum belassen. Station um Station stiegen Fahrgäste aus der Vorortbahn, womit sich schittweise mehr Platz für die übrig gebliebenen Touristen einstellte, die jedoch gleich nach Ankunft in Pompeji von Touristenführern heimgesucht wurden, die laut rufend und wild argumentierend um Kunden warben. Ich ließ das bunte Gewimmel hinter mir und umrundete die Stätte. Im Hintergrund schlummerte der Vesuv bis zu seinem nächsten Ausbruch. Damals hielten die Bewohner Pompejis und der umliegenden Städte den Vesuv noch für einen gewöhnlichen, wenngleich malerisch gelegenen Berg, bis dieser seine Bergspitze plötzlich und unverhofft als Steinhagel über die Familien niederregnen ließ und eine Feuerwalze über sie herüberrollte, ehe ein Ascheregen die ganze morbide Szene konservierte. Die Stätte erinnert als Mahnmal auf eindringliche Weise an die Vergänglichkeit. Noch heute erleben wir hier den Verfall von Ruinen: was den Verfall Pompejis angeht, war der Vulkanausbruch mindestens genauso effektiv wie der ausbaufähige Haushalt des Kultusministeriums in Rom. Der UNESCO zufolge befinden sich 60% der bedeutsamen Kulturgüter in Italien, einem von Wirtschaftskrisen gezeichneten Land.

Hier steht die Statue eines Fauns herum, einfach so.

Am Bahnhof Pompei der regulären Staatsbahn fand ich auf der Bank die Tageszeitung ´La Repubblica´, nach der ich, da sie kostenlos war, gerne griff und in der ich las, bis die Bahn der Trenitalia S.p.a., eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Ferrovie dello Stato Italiane S.p.a., planmäßig mit fünf Minuten Verspätung einfuhr. Das Unternehmen wurde im Jahr 1905 per Gesetz gegründet und später, wie so vieles, als Aktienunternehmen eingetragen und teilprivatisiert. Heute betreibt das Unternehmen neben dem italienischen Streckennetz und zahlreichen Bahnhöfen auch den größten Fernbahnhof Tschechiens und beteiligt sich als Anteilseigner an der Ostdeutschen Eisenbahngesellschaft ODEG. Infolge seiner Unternehmensstrategie kann die ehemalige Italienische Staatsbahn im Jahr 2016 einen Nettogewinn in Höhe von 772 Millionen Euro einfahren. Das Schmuckstück des Schienennetzes ist die stählerne Perle, die als Nord-Süd-Achse über den Brenner, Mailand, Bologna, Florenz, Rom, Neapel, Salerno, Reggio Calabria, Messina und letztlich Palermo führt und Teil der Europastrecke von Berlin nach Palermo ist. Sie wird infolge zahlreicher Fördergelder zu weiten Teilen ausgebaut. Auf dem Hochgeschwindigkeitsnetz herrscht Wettbewerb, da das Netz von Schnellzügen von der Italienischen Staatsbahn, aber auch von Privatunternehmen wie Italo bespielt wird. Die Fahrkarten sind erschwinglich im Preis, die Bahnen – wie mir scheint – in der Regel pünktlich, was wohl auch daran liegt, dass ihnen lange Aufenthaltszeiten zugestanden werden.

Die Elektrolok zog die schweren Eisenbahnwagen hinter sich her und schlängelte sich durch die Landschaft, bis der Vesuv nicht mehr zu sehen war. Auf dem Schienenweg fährt man in Italien – anders als auf der Straße – vornehmlich den Linksverkehr, wie in Frankreich und Großbritannien. Der Himmel hing in tiefem Blau herum und war durchzogen von Quellwolken, die gelegentlich leise Sonnenstrahlen blitzen ließen. Die Landschaften zogen eilig vorbei, als wären sie nur flüchtige Träume, die kaum zu greifen sind. In anderen Zeiten hätte ich in ihnen verweilt, hätte Muster und Auffälligkeiten in Augenschein genommen, wie sich das graue Gestein der Hügel und Berge auftut, dazwischen grüne Flächen, Pinien und Zypressen sich in die Höhe streckten und ließen ihre Äste herunterhängen ließen. Gelegentlich sprang zwischen den kleinen Berggipfeln ein Bach die Felsen in wildem Spiel herunter. Ich mag es sehr gerne, in Bahnen unterwegs zu sein, irgendwo auszusteigen und Aufenthalte zu haben, wo ich Infostände und Bücherläden finde, um mich über die Gegend ausgiebig zu informieren, wobei ich natürlich Autoren italienischer Zunge bevorzuge, wie ich in jedem anderen Land die Muttersprache bevorzugen würde, und so finde Dante, Boccaccio oder Galileo zum Schnäppchenpreis, mit denen ich gemeinsam auf die nächste Bahn warte.

Solche Szenen zogen vorüber, bis ich in Vietri Sul Mare kurz vor Salerno ausstieg, um mir mit erstem Ausblick auf die Amalfiküste einen Caffé zu gönnen. Von hier aus fuhr auch der große Linienbus die engen Serpentinenstraßen an der zerklüfteten Steilküste entlang, der jedes Mal, bevor er eilig um eine schwer überschaubare Stelle fuhr, nur hupend seine Anwesenheit signalisierte und danach nahezu ungebremst um die Kurve fuhr. Der Bus war weitgehend mit Touristen vollgestopft, was unter den Passagieren jene scherzhafte Katastrophenstimmung auslöste, wie sie immer in solchen Fällen ausgelöst wurde. Die Infrastruktur war einmal in Italien gut ausgebaut. Schon in der Antike erkannten die Römer die Bedeutsamkeit eines gut ausgebauten Verkehrsnetzes für den Zusammenhalt ihres Reiches, weswegen zum Straßenbau seinerzeit Legionäre eingesetzt wurden, um Nachschubwege zu sichern. Noch heute führen alle Straßen nach Rom, an der alten Via Appia und die Via Emilia entlang, nur dass auf ihnen der Fiat Cinquecento daherfährt, bis seine Fahrt im erwartbaren Stau und seinem Abgasduft sein natürliches Ende findet. Roms Straßen sind regelmäßig überfüllt und blockiert. Die Stadt erleidet desöfteren einen Verkehrsinfarkt. Das tut sie schon seit der Antike, wie der Satireschreiber Juvenal berichtet, derart laut, dass das Rumpeln schwerer Wagen sogar tauben Männern den Schlaf raube. Wer einmal eine Weile in Rom zugebracht hat und morgens die Ringautobahn um die Stadt herum fährt, kennt das Problem, dass hier, wo das Verkehrsnetz im Altertum noch so übermächtig war, es in der Gegenwart durch seine Geschichte in die Schranken gewiesen wird. Es können nicht ohne Weiteres irgendwelche U-Bahn-Tunnel durch die Ewige Stadt gezogen werden, ohne gleich in Gefahr zu geraten, antike Artefakte zu zerstören, weswegen man sich mit filigranen Pinseln vorarbeiten muss. Die Infrastruktur befindet sich in entsprechend ausbaufähigem Zustand. Neulich lief ich in Ciampino einmal die Viale J.F. Kennedy entlang, zwar eigentlich eine wichtige Achse der Stadt, aber zum großen Teil aus Schlaglöchern versehen, die derart groß waren, dass sie an Mondkrater erinnerten, an denen die Autofahrer in Schlangenlinien um die Krater herumfahren mussten, um mit ihrem Vehikel nicht zu versinken. Es bräuchte erneut einen Militäreinsatz im Innern, um die Straßen wieder herzurichten.

Die bestehenden Straßenverhältnisse erklären auch ein wenig den italienischen Fahrstil. Dieser Fahrstil mag für Auswärtige chaotisch und durchaus unangenehm erscheinen, – wenn man ihn allerdings versteht, wird man ihn für überaus angenehm empfinden, da er eigentlich auf gegenseitiger Rücksichtnahme beruht. An ihm lässt sich der italienische Individualismus hervorragend verdeutlichen: jemand fährt durch metallene Gewühl hindurch, der Hintermann achtet soweit auf den Vordermann, sofern dieser drängelt; es ist vornehm, denjenigen dann verkehrswidrig vorzulassen, weil dies für alle Teilnehmer letztlich besser ist; hernach wird geblinkt, allerdings nur, wenn man es für richtig hält. Als mir das aufgefallen war, unternahm ich einen Selbstversuch der extremen Sorte: an einer vielbefahrenen römischen Straße schloss ich einmal die Augen und überquerte blindlings den unübersichtlichen Verkehr – und überlebte unbeschadet. Dieser Selbstversuch ist sicherlich nicht zur Nachahmung empfohlen, aber aussagekräftig genug, dass ich ihn neulich als Beispiel verwendete, als ich in Rom einer betagten Engländerin über den Weg lief, die verzweifelt am Zebrastreifen zur Basilica di Santa Maria Maggiore auf dem Esquilinshügel stand und leise, aber betont überfordert in meine Richtung sagte: ´it´s much traffic´, woraufhin ich ihr zum Spaß auf Italienisch entgegnete: ´bhe il traffico´ und sie mit einer vorwärts herunterwinkenden Handbewegung anwies, sich bei mir einzuhaken und einfach wie blind zu folgen. Ich wartete auf eine besonders hektische Autokolonne, ehe ich mit der Dame die vielbefahrene Straße überquerte und meinte: if you stand, they ignore you; but if you walk, they care about you. Nach dieser kurzen und sicheren Instruktion über die Vorzüge des italienischen Stils bog sie glücklich in die Basilika ein, die ich wegen der vielen Sicherheitsvorkehrungen bislang gemieden hatte. Und ich werde wohl niemals erfahren, ob die Dame meinen Ratschlag überlebt hat.

Dieses Fahrverhalten kann auf Fußgänger übertragen werden. Hier steht man sich gerne im Weg herum, da man davon ausgeht, der jeweils andere würde ausweichen. Auf dieselbe Weise tröpfelten nun die anderen Passagiere aus dem Bus heraus, der in Amalfi angekommen war, und ich durch die eilige Serpentinenfahrt seekrank hinterher, wobei sich die Tropfen erst zu kleinen Bächen vereinigten, dann zu Flüssen und schließlich zu einem reißenden Touristenstrom, der an ersten feilgebotenen Postkarten, fliegenden Händlern und Gauklern vorbeifloss, am Dom und den hergeputzten Restaurants, bis er bald schon irgendwo im Hügel sein natürliches Ende fand. Die Staddt war derart wunderbar, dass sie von einem Touristenstrom überflutet wurde. Ich hatte am Hafen gemütlich eine Pizza Diavolo gegessen, wie immer möglichst abseits des Stroms, und um die Gegend nicht länger mit meiner Anwesenheit zu belasten.

Mit dem Schiff ging es bald nach Salerno zurück. Das Wetter ist mir, wie so oft, gewogen und malte nur in der Ferne dichte Wolken in den Himmel, die sich in den Bergen der Sorrentinischen Halbinsel verfingen, was die Fahrt an der Küste entlang annehmbar gestaltete. Auffällige Treffen gab es keine. Nachdem das Schifflein das wilde Meer hinter sich gelassen hatte, fuhren wir in den Hafen von Salerno ein. Von hier lief ich flugs zum Bahnhof und musste bald feststellen, dass ich – wie so häufig – die Anzeigetafeln von Arriva und Partenze verwechselte und der letzte Zug nach Kalabrien bereits abgefahren war, weswegen ich mich zu einem Zwangsaufenthalt genötigt sah, den ich erstmal für einen ausgedehnten Spaziergang nutzte, und um am Hafenufer diese Zeilen zu schreiben.

 

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Über Plattentektonik und andere Verwerfungen

Frühmorgens von Salerno mit der Eisenbahn die Nord-Süd-Achse entlang. Südlich von hier liegt das alte Elea, in dem Parmenides und sein Freund Zenon der Welt das Argumentieren beibrachten, etwas weiter liegt Paola, das hier seine alljährliche Festivität zu Ehren des Heiligen Franciscus de Paola feiert, und wieder etwas weiter Gioia Tauro, dem größten italienischen Containerhafen, der für das europäische Netz organisierter Kriminalität von Bedeutung ist. Viele Kilometer und eine Windhose später erreichte ich Reggio Calabria. Nach einem kurzen Caffé in der Stadt bewegte ich mich bei einem Küstenspaziergang unter brennender Mittagssonne auf den Hafen zu, um zwischendrin noch Kirschen und kleine Apfelsinen zu erstehen und um im Porto auf die Fähre nach Messina zu warten.

In der Ferne war sie schon lange zu sehen: Mammola Sicilia. Zwar hatte ich die Insel noch niemals zuvor betreten und doch ist sie mir in ungewohnter Weise vertraut. Nun bin ich hier: weil die Erzählung es so wollte. Der Obolus für die Fähre wird mit staatlichen Fördermitteln subventioniert – auf dem Biglietto steht: Corsa di interesse ministeriale -, und ist entsprechend gering. So fuhr ich mit der staatlich subventionierten ´Gabriele´ von Reggio und dem kalabrischen Festland weg über die Straße von Messina und seiner tektonischen Verwerfung. Und zwar schlafend.

Italiens Landschaft liegt zwar malerisch schön, doch gehören auch Vulkanausbrüche und Erdbeben zum Bild. Sie liegt auf einem geologisch hochaktiven Feld, da sich ein Sporn der Afrikanischen Platte unter die Europäische Platte hineinschiebt. So erklärt sich nicht nur das entstehen der Adria, sondern auch das der Apenninhalbinsel sowie der Alpen. Geologisch gesehen gehören große Teile Norditaliens einschließlich Mailand und Venedig zu Afrika, während die südlichen Landstriche wieder auf der europäischen Platte liegen. Italien ist geologisch so gesehen zweigeteilt und wie geschaffen dafür, dass sich hier von Zeit zu Zeit starke Spannungen aufladen, die sich wieder in heftigen Erdbeben und Eruptionen entladen, entladen müssen. Hier befinden sich zahlreiche aktive Vulkane und Lavafelder, die in unregelmäßigen Abständen ihr heiße Magmaspritzer in die umgebende Landschaft ausstoßen, wobei der Vesuv und der Ätna, vielleicht noch der Stromboli die wohl bekanntesten sind. Die Geschichte erinnert an gewaltige Beben, wie jenes von 1693, das so große Kräfte freisetzte, dass es weite Landstriche Siziliens verwüstete: Palermo, Messina, Catania, Ragusa, Siracusa waren schwer getroffen; zudem erinnern sich Zeitgenossen noch an jenes Beben vor einigen Jahren, als das schöne, mitten in den Apenninen gelegene Dorf Amatrice völlig zerstört wurde. Die Größe und Kraft der Erde führt den Menschen ihre Kleinheit vor Augen, – sie lehrt ihn, sich ihren Gesetzmäßigkeiten zu unterwerfen. Und dies ist vielleicht auch ein Grund, warum Italiener auf Auguren vertrauen, die aus dem Tiefflug der Möwen irgendetwas herauslesen, die viele andere Tiere spürbar sensibler auf geologische Veränderungen reagieren, oder warum hier der Nährboden für einen naturphilosophisch motivierten Stoizismus entstand.

Erst schlürfte ich an der Via G. Garibaldi in der Nähe des Municipio mehrere Espressi in mich hinein und besuchte treppenweise die zwei hochgelegenen Kirchen auf den Hügeln der Stadt, Sacrario di Cristo Re und des Santuario della Madonna di Montalto, und zwar auf den Scalinate dell´arte, die mir bereits untergekommmen waren. Eigentlich war ein Treffen mit Giovanni Allio angedacht, einem sizilianischen Künstler, der sich am Aufbau den Scalinate dell´Arte beteiligte, und der mit mattem Öl auf Leinwand die unheimliche Wärme des Feuers erzeugen kann, die das dunkle, gefühllose Schwarz durchbricht. So wie die Berge Siziliens, so ist selbst die Kunst hier vulkanischen Ursprungs.

Oben in der Santuario della Madonna di Montalto fand eine Hochzeit statt, weswegen auf seinem Vorplatz einige anzugtragende Gäste standen, um die nervösen Kinder zu beschäftigen oder um sich im Flüsterton miteinander zu unterhalten. Eine lebensgroße Statue von Johannes Paul II. blickte gütig in Richtung Meer. Von hier oben hat man einen großartigen Überblick: wie der italienische Stiefel die sizilianische Insel wegtritt und wie sich dies am Verlauf der Küstenlinie die Kontinentaldrift ablesen lässt. Von hier aus kann man über die Straße von Messina auf die gefaltenen und vor Sonne beinahe schon brennenden Hügel Kalabriens blicken, auf die vielen großen Schiffe, deren Wege sich hier kreuzen. Diese geographischen Handelsvorteile haben auch Messina nicht geschadet. Die Stadt befindet sich im Gebiet der alten Magna Graecia, weswegen auch der Name der Stadt, wie schon der Thukydides berichtet, an jene griechischen Siedler erinnert, die die alten Herrscher vertrieben und sich mit der Bevölkerung vermischt hatten und die Stadt nach ihren peloponnesischen Mutterstadt Messene benannten. In der Antike hatte die alte griechische Kolonie dekadelang eine ökonomische und kulturelle Blüte erlebt und war reich an Ressourcen, weswegen auch die Athener im Rahmen ihres peloponnesischen Krieges nach Sizilien und gegen das damals mächtige Syrakus segelten, um nach monatelangen Kriegswirren einen schwer fassbaren Verlust hinzunehmen. Später stand das selbstbewusste Sizilien jahrhundertelang unter Fremdherrschaft, wo es als Kornkammer hauptsächlich ausgeplündert wurde. An dieser Haltung auch der moderne italienische Staat nichts geändert, was auch heute noch schwere soziale Verwerfungen deutlich zu sehen ist.

Es folgte ein ausgedehnter Spaziergang an den Hängen der Hügel der Stadt. Zufällig begegnete ich in Messina einem Sizilianer, der auf dem Dach eines zentral gelegenen und gutbürgerlichen Hauses wohnte und verstand sich auf Psychologie verstand. Mich lies das schwach werden. Italien kann von seinen geologischen und klimatischen Besonderheiten profitieren, indem er die schon vorhandenen Energien beispielsweise durch Geothermiekraftwerke, durch Solarzellen oder Windkrafträder abschöpft und in das europäische Stromnetz einspeißt. Noch heute ist die italienische Wirtschaft vom Stromimport abhängig, wovon auch die Kosten der Produktivität abhängen, dabei liegen die Ressourcen für die Energiewirtschaft in einem geologisch so hochaktiven Gebiet wie Italien vor Ort. Das Land ist führend in seinen Investitionen und am Ausbau hin zu erneuerbaren Energien: in der toskanischen Stadt Larderello, im sogenannten ´Tal des Teufels´ betreibt der italienische Stromversorger ENEL auf geothermisch aktivem Gebiet bereits ein Erdwärmekraftwerk. Hier in den sizilianischen Bergen befinden sich mehrere Staudämme. Vor allem Solaranlagen werden im Süden gebaut. Doch auch in diesem Bereich haben sich infolge der Wirtschafts- und Finanzkrise die Euphorie und mit ihr zugleich die Investitionen gedämpft.

Der Signore von Messina schüttelte sein Haupt, dass selbst ich das merkte. Und während einstmals Plinius der Ältere, der Verfasser der Naturalis historia, Daten sammelnd als auch Notizen niederschreibend von den katastrophalen Umweltbedingungen des Vesuvausbruchs verschlungen wurde, zog ich es vor, zu gehen, als mich für meine Neugier in Gefahr zu bringen. Ich fürchte meine eigenen Fehler weitaus mehr als die der anderen. Mir ist auf der Insel immer noch nicht ganz behaglich und deshalb musste ich weiterziehen, weswegen ich frühmorgens schon die allererste Bahn die ostsizilianische Küste entlang nach Süden nahm und in Letojanni ausstieg, um fußläufig am Strand entlang und die hügeligen Berge hinauf nach Taormina zu wandern.

In der Antike zogen die Athener im Rahmen des Peloponnesischen Krieges einen Sizilienfeldzug in Erwägung, um – wie Thukydides mit seiner beneidenswerten Sachlichkeit feststellt – die gesamte Insel zu beherrschen, wobei die Athener sich bei der Landung für diesen Küstenstreifen entschieden. Ein Spaziergang durch das schöne Taormina ist es wert, nicht nur wegen seiner historischen Luft, des antiken Theaters im römischen Stil und seines gesunden Meerblicks: in seinen Hängen kann man sich gut verschanzen. Vermutlich aus diesem Grund fand auf diesem Teil der Erdkruste vor einem Jahr der G7-Gipfel statt. Von hier aus hat man zudem einen seltenen Überblick über die italienische Schönheit, das triefende Blau des Meeres, die blühenden Bäume und Sträucher des Südens, und vor allem: in der Ferne war endlich der mächtige Ätna zu sehen.

 

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Geometrische Skizze einer Kulturlandschaft

Am Wegesrand stand ein Meer violett leuchtender Blumensträucher voller Drillingsblumen. Ich steckte mir drei kleine Blüten hinter das Ohr und wanderte zum Bahnhof Giardini Naxos/Taormina, um auf den Direktzug nach Syrakus zu warten – an Catania vorbei, weil es die Erzählung so wollte. Für meinen blumigen Auftritt ernte ich von Seiten der Sizilianer mildes Lächeln.

Vorbei an dem türkisblauen Wasser, vorbei an der gebackenen Erde, den vielen Olivenhainen, den vielen vom Meersalz zerfressenen Industrieanlagen. Die lebensspendende Sonne brannte ihre Strahlen bereits vom Himmel herunter. In der Ferne war – obschon bereits viele Kilometer weit weg – immer noch der Ätna als konusförmiger Schatten zu sehen. In den Hängen dieser Berge fand die noch junge Philosophie ihre Blüte, als sich die vielen Eleaten und Phythagoreer noch hier tummelten. Und nicht grundlos verschlug es Odysseus auf seiner Irrfahrt hierher.

In Syrakus führt der Corso Umberto geradewegs auf die Insel Ortigia und auf den antiken Apollontempel zu. Diesen Weg bin ich abgelaufen, um auf den Spuren von Aischylos, Archimedes und Platon lustzuwandeln, die damals ebenso dem Ruf kunstsinniger Tyrannen gefolgt waren, um in diesem warmen Klima ihre Ideen umzusetzen. Die vielen Kalksteingebäude gaben der Stadt einen mediterranen, fast schon wüstenhaften Anstrich, die kühlen Zimmer boten in der Mittagszeit ausreichend Schutz vor aggressiven Sonnenstrahlen. Die schmalen Gassen waren wegen der glühenden Hitze wie ausgestorben, bis ich zu jener legendär gewordenen Süßwasserquelle gelangte, der Fonte Aretusa, die erstaunlich nah am Meer lag und ihre süßen Wasser aus einer Untermeerader zog. Dahinter lag jene beschauliche Bucht, die bereits in antiker Zeit der natürliche Hafen der Stadt war und zum Schauplatz des Peloponnesischen Krieges wurde, indem die Athener mit dem Gefühl der Überlegenheit in die Schlacht fuhren, um nach monatelangem Kampf ihre gesamte Flotte zu verlieren. Das hohe Alter der einstmals so mächtigen Stadt begünstigt es geradezu, dass sich viele Mythen um sie spinnen: die Ortigia selbst ist nach einem einem Attribut der griechischen Göttin Artemis benannt.

So oder so trank ich einen Caffé, wie jedes Mal mit einem Becher Wasser. Der Kalender neigte sich spürbar dem Mittsommer zu. Die Sonnenbahn lag an ihrer fast nördlichsten Stelle, weswegen die Sonne beinahe senkrecht am Himmel stand. Es war heiß, brennend heiß und klar. Es heißt, dass Archimedes einmal Fremdangriffe abwehrte, indem er sich Brenngläser ausdachte, wobei die Überlieferungsgrundlage, wie so oft, schwierig ist. Im griechischen Kulturkreis galt die streng axiomatisierte Geometrie als Grundlage exakter Wissenschaften, solange sie sich auf Winkel und Zirkel beschränkt, um Gerade und Kreis zu zeichnen. Wie die alten Pythagoreer schon behaupteten, dass der gesamte Kosmos nach den harmonischen Verhältnissen der Zahl geordnet sei, so gebe ich gerne zu, dass die Geometrie mehr als nur bloße Verhältnislehre ist: ihre Regeln entwerfen geradezu ganze Räume. Die griechische Naturphilosophie hat ein Universum entworfen, das auf Grundlage mathematisch-geometrischer Formeln funktioniert und daher dem Wortsinn nach geordneter Kosmos ist. Vor allem Platon und Aristoteles verstehen die mathematisch-geometrische Methode als Grundlage einer strengen Wissenschaft, von der aus sich das übrige Wissen herleiten lässt, und erschließen sich so ganze Wissensbereiche. Jedoch ist die Geometrie mehr als nur Winkel und Zirkel, insbesondere dann, wenn man sie auf den Kosmos bezieht. Ungeachtet meiner Überlegungen strahlt die Sonne ihre Energie homogen und isotrop von sich, wie auch ein einzelnes Photon in alle Richtungen strahlt. Deswegen erscheint uns die Sonne auch umso kleiner, je ferner sie von uns entfernt ist, weil die Wahrscheinlichkeit des Auftretens dieser Photonen bei größer werdender Fläche geringer wird. Durch Beobachtung des Lichts werden erstaunliche physikalische Gesetze sichtbar. So oder so gilt: je näher man einem solchen isotropen Strahler liegt, umso heißer ist es auch. Des Allbewegers lichte Herrlichkeit durchdringt die Welt und breitet ihre Strahlen dort heller aus, aber dämpft sie anderswo. Nachdem geklärt ist, warum der Mond fast so groß wie die Sonne erscheint, beschloss ich, es wie alle Wüstenbewohner zu machen, wenn der Tag zu hitzig wird, und ging die Via Malta entlang zurück, um mich bis zum Abend hinter kühlenden Wänden zu verschanze, bis die Sonne sich der anderen Seite der Welt zuwandte. Ich hatte immer noch die drei Blumen hinter dem Ohr, wenngleich sie schon ausgetrocknet waren.

Dass ich schreibe, ist eigentlich nicht ungewöhnlich. Ich skizziere Kartennetzentwürfe im geometrischen Raum und die vielen Sterne am Himmel sind Punkte, die sich auf mehr oder weniger geraden Linien miteinander verbinden, und könnte sogar eine ganze Armillarsphäre voller bunter Sachen aufzeichnen, an denen sich lange Gedankenketten ablesen ließen. Sowohl der rostrote Mars als auch die funkelnde Venus tanzen auf dem schwankenden Zodiak. Wenn wir tiefer in die Nacht sehen, vorbei an den nahegelegenen Planeten, an den wilden Sternbildern und sogar vorbei am Band der Milchstraße, dann zeichnet sich hier die Vergangenheit zu einem Zeitpunkt ab, an dem das neugeborene Universum noch jung war. Vor einigen Jahren haben Astronomen erneut die älteste Galaxie gesichtet, diesmal mit einer sagenhaften Entfernung von 13,4 Milliarden Lichtjahren – doch wenn ich mir diese Galaxie ansehe und nun auf die andere Seite der Erde gehe, dann kann ich von hier aus gleichermaßen in eine Entfernung von 13,4 Milliarden Lichtjahren blicken, ohne dass jemals ein Rand des Universums zu sehen wäre. So gesehen müsste das Universum eine Spannweite von mindestens 26,8 Milliarden Lichtjahren haben, obwohl das Alter des Universums mit groben 13,7 Milliarden Jahren wissenschaftlich nachgewiesen ist. Diese Probleme können mit erotetischen Überlegungen versuchsweise gelöst werden, indem man nach weiteren logischen Körpern sucht, um die Kontinuität des Alltags zu erhalten: wir können das nachgewesene Alter des Universums und die Urknalltheorie zum Beispiel beibehalten, wenn es uns die Raumstruktur ermöglicht, von der Erde aus in verschiedene Richtungen geradeaus zu blicken und trotzdem irgendwann auf den gleichen Punkt zu stoßen – nur eben von einer jeweils anderen Richtung her. Um die zeitliche Kontinuität dieses Punktes zu behalten, muss der Raum gleichsam gespiegelt und gedoppelt erscheinen, als wäre seine Struktur eine optische Linse, die einen Gegenstand – beispielsweise die erste existierende Galaxie oder sogar die Urmaterie selbst – von verschiedenen Seiten zeigt. Insofern löst sich das Problem durch eine ineinander verschlungene Himmelsgeometrie auf beziehungsweise es wird klar, dass dieses Problem eigentlich nicht existiert. Was als gähnende Dunkelheit die Nacht regiert, ist nichts anderes als dieselbe Urmaterie.

In der Nacht war die Luft deutlich abgekühlt. Durch die Gassen der Ortigia wehte eine lebendige Geschäftigkeit, überall musste man schlemmenden und staunenden Bummelanten ausweichen. Ich bog die kleinen Gässchen entlang, um ihnen auszuweichen, aber auch, um den Weg abzukürzen. Das Quadrat der Hypotenuse kleiner ist als die Summe der beiden Kathetenquatrade. Die Architektur spricht in Syrakus mehrere Sprachen: sie beherrscht Griechisch, Arabisch und Barock. Auf üblichem Weg begegnete ich einem jungen Mann, der so stark in seiner mediterranen Körperhaltung, streng in seinem hübschen Gesichtsausdruck und von solch vornehmen Betragen und stilsicheren Ausdruck war, als wäre er selbst schon ein Klassiker. Ich betrachtete seine Proportionen von allen Seiten. Er verstand sich auf Ingenieurskunst und Theaterspektakel, vor allem auf musikalische Harmonien und Jazz. Wir trafen uns später noch einmal, um über Weinflaschen und haptisches Fühlvermögen zu sprechen. Und dass es das Wort ´Haptik´ bestimmt auch in der italienischen Sprache gibt. Über musikalische Harmonien. Vor allem, dass Sinus und Cosinus eigentlich so etwas wie Brüder sind. Bacchus spielt sein liebliches Spiel, wo auch immer er nur kann.

Doch Bacchus ist auch der Beweis dafür, das man nur das ernten kann, was man auch sät. Der Weg führte zurück nach Catania, dem vorläufigen Endpunkt der Reise. Der Morgen war in morgenländischem Saphir getaucht. Die Bahn gewann durch Zufuhr von Energie an Masse und kam ins Rollen. Der Energiegehalt macht ruhelos. Das Licht kommt aus der Vergangenheit und zeigt uns das, was war. Wer jedoch in die Zukunft blicken will, der soll in die Tiefe sehen. Damit meine ich, tiefer als nur an der eigenen Hand, durch ein Mikroskop oder an der atomaren Ebene vorbei. Noch weiter. Dort, wo sich physikalische Gesetze äußern, versteckt sich das, was kommt: ich bin der Mittelpunkt des Universums, das Auf und Ab, mein Bezugssystem, mein eigenes Origo.

 

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Die zynische Welt der Migration

Catania hat den Charme von Neapel. Nicht nur wegen seiner Wildheit und dass man in dieser Stadt das Durcheinander mögen muss, da selbst die Gehwege durch ganze Antiquaritätenläden derart versperrt werden, dass man häufig auf die vielbefahrenen Straßen auszuweichen hat, weswegen ich beschließe, gleich ganz auf der Straße zu laufen. Das liegt ganz wahrscheinlich daran, dass sowohl Neapel als auch Catania zu großen Teilen aus Vulkangestein erbaut worden sind – nur eben die eine Stadt vom Vesuv und die andere vom Ätna. Selbst das Wahrzeichen der Stadt: der vulkanschwarze Elefant auf der Piazza del Duomo ist genauso wie die Cattedrale di Sant´Agata aus Tuffstein gebaut. Ich zündete der heiligen Agatha ein Licht, als Dank dafür, dass sie mir die italienische Sprache beigebracht hat. Schon Jahrzehnte nach ihrer vorchristlichen Gründung wurde die Stadt zerstört und war seitdem mehrfach von Erdbeben erschüttert und nach gewaltigen Eruptionen mit breiten Lavaströmen überzogen worden. Mein Weg führte häufig am Castello Ursino vorbei, das zwar einmal direkt am Hafen erbaut wurde, heute jedoch viele hundert Meter vom Meer entfernt lag. Und dass sich diese feurige Atmosphäre sich auch im rauhen Charakter Catanias niederschlägt, spürt man besonders in der verschlagenen Hafengegend mit den vielen freundlichen Menschen.

Auf meinem Weg zum langen Sandstrand der Stadt rauschte das Meer fast unruhig vor sich hin. In der Luft lag ein leichter Salzgeschmack, den mir der Scirocco leicht ins Gesicht schlug, und biss aggressiv auf die Haut. Es war Juni, die Sonne stand fast senkrecht am Himmel. Tagsüber sind öffentliche Plätze und Strände voll von fliegenden Händlern, die ihre Waren feilbieten, darunter praktische Sonnenhüte oder Strandhüte, aber auch allerhand Nippes für Touristen. Sie sind für alle Eventualitäten vorbereitet: sobald irgendwelche Carabinieri vorbeifahren, falten sie ihre gut sortierten Sonnenbrillenteppiche ein und verhalten sich so, als wäre nichts gewesen. Einem Kunden wird das Armband an den Arm geheftet, um ihm im selben Moment unauffällig sein Cannabis zu überreichen. Neulich musste ich mir folgenden Kurzdialog anhören: ein fliegender Händler spricht potentielle Kunden an: ´Where are you from?´, um dann als Anspielung auf seine schwarze Hautfarbe zu äußern: ´I´m from Africa´, woraufhin eifriges und tiefes Gelächter folgt – außer von jemandem wie mir, der sich darüber wundert, dass man heute noch mit Rassismen die Stimmung auf den Straßen auflockern kann. Von der italienischen Gesellschaft werden diese Händler nicht nur geduldet, sondern sogar weigehend akzeptiert und in aller Regel unterstützt und vor Gemeindepolizisten in Schutz genommen. Am Strand von Catania lief einmal einer dieser Händler, der eine lange Kette von fliegenden Drachen hinter sich herzog, weswegen sich alle verwundert zu ihm umschauten und sich angesichts dieses beruhigenden Anblicks und der guten Idee gewogen freuten.

Der Ätna war riesengroß und überragte die ganze Insel. Der Schutzgott des Vulkans war mir gewogen, was er zeigte, indem er lange Rauchschwaden an seinen Hängen hinunterziehen ließ, die sich irgendwann zu wellenförmigen Wolken vereinigten und über das Meer zogen. Damit gab ich mich zufrieden, auch wenn mir Lavaströme in der Nacht lieber gewesen wären. Unweit von hier liegt Sigonella und die Naval Air Station, einer der wichtigsten Stützpunkte des Militärbündnisses, – von hier aus wird militärische Aufklärungsarbeit in strategischen Angelegenheiten hinein betrieben, die von Nordafrika bis weit in den Mittleren Osten hinein reichen. Von hier aus werden logistisch ganze Landstriche in Flammen gesetzt. Und Seenotrettung betrieben. Es stellt sich unweigerlich die Frage, wie man dieser Tage in einem Massengrab wie dem Mittelmeer baden gehen könne, wenn nur einige hundert Kilometer weiter Menschen ertrinken.

Um ein Land zum Wachsen zu bringen, benötigt die Gesellschft eine durchdachte Integrationspolitik, da sie erst von einer geregelten Einwanderung profitieren kann. Ganz ähnlich schildert es der alte Titus Livius in seinem Werk über Römische Geschichte: Crescit interea Roma Albae ruinis, Rom wuchs durch Albas Untergang, da das antike Rom seine Nachbarstädte zerstörte und die Fremden umstandslos und unter ehrenvollen Bedingungen bei sich aufnahm. So hatte man, wie Machiavelli den gleichen Vorgang im zweiten Buch seiner Discorsi interpretiert, nicht nur sein Heer vergrößert, sondern auch eine Vielzahl von Techniken und Arbeitsweisen mit eingebracht.

Stattdessen sind Migranten in dem Land, in dem die Zitronen blühen, häufig nicht mehr als nur eine billige Arbeitskraft, die sich beliebig auspressen lässt. Illegal eingereiste oder beschäftigte Personen sind de facto vom Recht völlig ungeschützt. So leben Migranten völlig abgelegen und unintegriert innerhalb verschlagener, barackenartiger Siedlungen – obwohl in Süditalien zigtausende Häuser leer stehen -, und warten auf die nächste Stundenarbeit. Es wird erzählt, dass sich diese Arbeitskräfte auf landwirtschaftlich genutzten Gegenden um Gioia Tauro gelegentlich nicht einmal mehr ihren Lohn kassieren, sondern gleich Prügel. So sind die Gewinnmargen für Zitrusfrüchte auf dem Weltmarkt derart angewachsen, dass sie längst zum Spekulationsobjekt von Heuschrecken geworden sind. Hier verdient jemand an der gelebten Korruption, sogar an staatlichen Agrarsubventionen, und schreibt zugleich die Geschichte der modernen europäischen Sklaverei. Und das alles geschieht, damit das restliche Europa an erschwingliche Zitrusfrüchte kommt.

Die Europäische Union schreibt an ihren Außengrenzen eine Tragödie, weil sie es im Gemengelage nationaler Interessen versäumt, gemeinsam eine humanitäre Flüchtlingspolitik auf die Beine zu stellen. Als damals die italienische Marine unter dem Namen ´mare nostrum´ ein zweijähriges Manöver zur humanitären Seenotrettung durchgeführt hatte, folgte als europäische Antwort zum europäischen Grenzschutz eine gemeinsame Organisation, die dieselben Aufgaben jedoch nur in weitaus eingeschränkterem Umfang bewältigt, da Europa keine weiteren logistischen und finanziellen Beteiligungen vorsieht. Doch damit verschwindet das Problem nicht. Insbesondere Deutschland verstand es wie immer meisterhaft, seine nationalen Initiativen als europäische Unternehmungen auszugeben: auf betreiben Deutschlands zahlte die Europäische Union der Türkei mehrere Milliarden Euro, um den Flüchtenden den Weg über den Titel zu versperren, woraufhin sich die Route wieder über das Mittelmeer nach Italien verlagerte.

Gerade weil die Europäer die Italiener in der Flüchtlingsfrage im Stich gelassen und bewusst ignoriert, wundern sie sich, wenn der Wahlkampf gegen Migranten auf fruchtbaren Boden stößt. Vor allem die rechtsextremen Parteien CasaPound, Forza Nuova und die regierende Lega profitierten von der fehlgeleiteten Immigrationspolitik der Europäischen Union. Solange die Möglichkeiten zur Integration beschränkt sind, werden Migranten dazu genötigt sein, sich als Reinigungsdienste, Drogendealer oder als Prostituierte zu verdingen, um ihren geringen Verdienst für den Wucher aufbringen müssen, in Kleinstwohnungen zu überteuerten Preisen leben zu müssen – oder eben in ganzen Trabantenstädten, in denen sie sich nicht integrieren können. Folgt man der Argumentation des padanischen Barbars in seiner neuen Funktion als Innenminister, dann sollte man die Migration stoppen, um die Straßen und Strände sicherer zu machen. Mit dieser argumentativen Finte wird zugleich der unverhohlene Rassismus offenbar, mit dem die Schließung italienischer Häfen für Flüchtlingsschiffe begründet wird. Stattdessen könnte Matteo Salvini es durchaus mit einer überzeugenden Immigrationspolitik versuchen, die eine Integration in den Arbeitsmarkt ermöglicht, von der Wirtschaft, Gesellschaft und sogar der Staat profitieren, – das würde jedoch seinem Rassismus widersprechen.

Wenn es einer Immigrationspolitik an Willen fehlt, zu integrieren, dann kann sie nicht aus der Arbeitskraft schöpfen und wachsen, wie es andere Länder es vorgemacht haben: als der erzkatholische Ferdinand mit seiner Isabella die jüdische Bevölkerung per Edikt des spanischen Landes verwies, führte dies zu einer gesellschaftlichen und ökonomischen Katastrophe, von denen unter anderem Städte und Staaten wie das Florenz der Medici profitierte, das den Neuankömmlingen mit den leggi livornine Glaubensfreiheit garantierte und in der Hafenstadt Livorno sogar ein Paradies für sie schuf; ein weiteres Beispiel gibt Preußen, das die vertriebenen Hugenotten bei sich aufnahm und kulturell aufgeblüht war, und sogar die moderne Bundesrepublik Deutschland, das den Motor seines sogenannten Wirtschaftswunders mit Hilfe der vielen türkischen Migranten am Laufen hielt. So wie kein gesellschaftliches Leben ohne die Anwendung basaler Regeln gelingt, funktioniert auch keine Immigration ohne Integration.

 

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Die heilige Familie
Einem Sizilianer etwas beibringen zu wollen, ist nicht nur ein arrogantes und überhebliches, sondern vor allem idiotisches Unterfangen. Es würde demjenigen ergehen wie Platon, der gleich drei Mal an den Tyrannenhof zu Syrakus segelte, um für seinen Philosophenstaat zu werben, und Sizilien gleich drei Mal enttäuscht wieder verließ. Ein Sizilianer muss spüren.

In Catania wagte ich einen nächtlichen Spaziergang die felsenzerklüftete Küste entlang nach Aci Castello, da dort das vorläufige Ende meiner Reise auf die Karte gezeichnet werden soll. In Italien gilt die Familie als ultimative Lebensform – sie stiftet und prägt die eigene Identität und bildet noch heute das Rückrat der italienischen Gesellschaft. Bereits seit der Antike lenkten die Julier, Claudier, die Visconti, Colonna, Orsini, Medici und Bentivogli die Geschicke der Halbinsel; heute führen sie die Geschäftsleitung namhafter italienischer Unternehmen. Wie ich neulich in einer alten römischen Therme erfuhr, galt die famiglia borghese in der modernen italienischen Gesellschaft lange Zeit als traditionelles Modell und Vorbild all derjenigen Familien, die Wert auf die gewisse Nobilität legten. Die heilige Familie steht unter dem Schutz der katholischen Kirche, der papale Mantel gibt ihr Deckung.

Bekanntermaßen wird der italienische Nachwuchs von seiner Familie übermäßig umsorgt. Ein deutsches Boulevardblatt, dessen Name eine Erwähnung nicht wert ist, titulierte Mitte 2017, dass die Italiener Muttersöhnchen seien, da sie oft im elterlichen Haushalt leben, und belegt dies mit einer blinden Statistik, ohne jedoch auf die sozialen und vor allem politischen Hintergründe einzugehen: die Arbeitslosigkeit. In Italien verlässt man die Familie nur dann, wenn man eine eigene Familie gründet, – dieses Unterfangen ist vor dem Hintergrund der angespannten Arbeitsmarktlage nur schwer umsetzbar, weswegen die mammoni nur in eingeschränkter Weise eigene Entscheidungen treffen können: entweder sie siedeln um, angezogen von Großstädten wie Rom und sogar dem Ausland, oder sie versorgen sich selbst durch gewisse Nebeneinkünfte. Denn eigentlich wird selten jemand kriminell, weil er es will, sondern weil er durch soziale Umstände dazu genötigt wird. Manchen tradierten Codices zufolge soll derjenige, dem Unrecht widerfahren ist, sich selbst Gerechtigkeit verschaffen. Neulich wurde ich von einem überaus freundlichen und charmanten Catanesen um mein Barvermögen erleichtert.

Die Ortschaft Aci Castello ist nach einem Kastell aus normannischer Zeit benannt, das einstmals irgendjemand auf einer kleinen, felsigen Insel erbaut hatte. Im Verlauf der Jahrhunderte schmolz diese Insel infolge zahlreicher Eruptionen im Meer mit dem Umland zusammen. Die Umstände führten auf Sizilien zur Entstehung einer Familie, über die man in Italien nur mit Unbehagen spricht; eine Familie mit streng hierarchischen Strukturen, mit vielen Untergebenen, denen ein Padrone vorsteht. Es zählt zu den ersten Regeln, die Menschen hier lernen: dass diese Familie nicht existiert, schon gar nicht vor Gerichten, denn es gilt die Omertà, die traditionelle Geringschätzung staatlicher Institutionen sowie das damit verbundene Schweigegebot, das im Zweifel gewaltsam durchgesetzt wird. Dass diese Geringschätzung ihre Tradition hat und als tugendhaft angesehen wird, begründet sich durch die jahrhundertelange Fremdherrschaft von Sizilien, als auswärtige Mächte die Insel besetzt hielten und nichts anderes zu tun hatten, als zu plündern. Die Geschichte erzählt von Guiseppe Garibaldi, der nach den Eroberungen Siziliens und Süditaliens zwar Bodenreformen versprach, es hernach jedoch bei vorhanden Feudalstruktur des Großgrundbesitzertums beließ, was zu Armut und zahlreichen Ausschreitungen führte, auf die nicht nur der noch junge italienische Einheitsstaat hart reagierte, sondern gegen die sich auch die Großgrundbesitzer selbst privat abzusichern versuchten, indem sie irgendwann anfingen, Wächter auszuheben und zu besolden, und denen es hernach so erging wie vielen anderen, die sich bei ihren Verteidigungen und Eroberungen auf Söldner verlassen haben, etwa den Herrschern des späten Mittelalters, die Condottieri wie Francesco Sforza oder Paolo Vitelli in ihren Dienst nahmen und später von ihnen vernichtet wurden, da Wächter in der vorteilhaften Lage stehen, die regionale Sicherheit durch ihr Gewaltmonopol erst herzustellen, und die daher gewaltsam ein Angebot aufdrängen, das man aufgrund des Zwangs nicht ablehnen kann. Und nachdem sizilianische Großgrundbesitzer ihr Schutzgeld an bewaffnete Wächter zahlten, entwickelte sich die Mafia.

Dieses familiengeführte Unternehmen ist nichts anderes als der kollektivierte Egoismus, ein Netzwerk von Vetternwirtschaft, Nepotismus und Korruption, bei dem Seilschaften wie Lebensfäden sind, die von anderen gesponnen, vermessen und abgeschnitten werden. Dieses Unternehmen steht zugleich für das Versagen des italienischen Staates, mittels angemessener Gesetze eine wirksame Justiz über Sizilien einzurichten. Wem Unrecht getan wird, der muss sich selbst Gerechtigkeit verschaffen. Mittlerweile betreibt die Familie auf Grundlage ihres Netzwerkes ein Milliardengeschäft und investiert seinen Wohlstand längst in der Privatwirtschaft, in Wäschereien und anderen Unternehmen. Und so ist die Familie längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen: in der Tagespresse wird über aktuelle Geschäfte berichtet, Korruptionsskandale herauf- und heruntermoderiert, auf Sizilien sind Godfather-Sightseeingbusse unterwegs, selbst Italiener aus allen Regionen sprechen offen darüber. An das Schweigegebot, die Omertà, hält sich kaum noch jemand. Die Familie hat längst die Verwaltung und sogar die Polizeibehörden unterwandert und erhebt sogar einen politischen Anspruch auf Rom: so setzte der ehmalige Ministerpräsident Silvio Berlusconi seinen Beraterstab aus Personen zusammen, die mit der organisiserten Kriminalität in Kontakt standen. Doch wenn kontrollierende Behörden unterwandert sind, entfällt der Kontrolleffekt. Aber wer bewacht denn jetzt die Wächter? In diesem unüberblickbaren Meer von Korruption versinken Hilfsgelder und Subventionen. Es fehlt an Geld für öffentliche Investitionen, die Bevölkerung ist verhältnismäßig arm. Hier hält sich ein Kreislauf in Bewegung, der von Korruption und Ausbeutung ausgeht und zu sozialer Armut und schließlich zu Kriminalität führt, die wiederum zu Korruption und Ausbeutung und zu sozialer Armut und Kriminalität führen. Aus Gründen der Gier und falschem Ehrgefühl werden Landstriche mit Terror überzogen. Es ist schwer, zu sagen, dass sich am Verhalten und an der Geschichte dieser Unterneehmen etwas Ehrenhaftes finden lässt, zumal etwas, das es wert wäre, ein Epos über sie zu verfassen. Die Alltäglichkeit dieser Organisation hat große Resignation in der Öffentlichkeit hervorgerufen. So hat schon der alte pater familias der Konservativen, Cato der Ältere, gesagt, dass man Taschendiebe zwar auf Lebenszeit im Kerker einschließe, öffentliche Diebe jedoch in Gold und Purpur umherwandeln dürften. Hier fällt das Programm der 5 Sterne auf fruchtbaren Boden.

Wenn es ernsthaft darum ginge, eines der größten Probleme der italienischen Wirtschaft und Gesellschaft zu benennen, genügt nur ein Wort: l´omertà. Schon einmal hatte ein Papst – nämlich Johannes Paul II. – die gleiche Courage, jene italienische Art des Schweigens anzusprechen, woraufhin die Familie eine Autobombe in der Nähe seiner Lateranbasilika zünden ließ. Es gab viele mutige Italiener, die sich diesem Gebot widersetzten, etwa Falcone und Borsellino, zwei wirkliche uomini d´onore, da sie die nötige Courage hatten, von ihrer Position nicht abzuweichen. Aber das waren alles Einzelkämpfer – Helden. Neulich ließ Papst Franziskus in Ostia erneut verlautbaren: Basta omertà! Genug mit der Schweigsamkeit!

Du folgst erst deiner Lust, nur um dich später wieder an deine Pflichten zu erinnern, als wären sie von Göttern befohlen. Dies ist also das Geschäft der Götter, mit solchen Sorgen plagen sie sich, – ich halte dich nicht, deshalb geh nach Italien und such dir ein Reich durch die Wogen. Doch wundere dich nicht über den didonischen Schmerz. Wirkliche Liebe ist nicht schön – nur der Traum von Liebe gefällt. Doch es ist nicht die Zeit, die Situation mit Klagen weiter aufzuheizen. Es braucht eine starke Zivilgesellschaft, die bereit ist, einen Kulturkampf aufzunehmen, um die vielen Sümpfe der Korruption trockenzulegen. Wie in Ostia oder in Ercolaneo.

Am Wegesrand wuchsen Dornbüsche, durch die der Mann im Mond seinen kühlen Blick auf das Meer warf. Vor Agi Castello ragen zahlreiche Felsen empor. Es wird erzählt, dass Odysseus an dieser Stelle auf den einäugigen Riesen Polyphem durch eine List entkam. Niemand erledigte die Tat, niemand war es. Niemand ist es gewesen. Der Ätna, der einäugige Vulkan, schleuderte diese Steine dem fliehenden vor Wut hinterher. Sie blieben an den Ufern liegen. Denn Odysseus ergab sich nicht den Göttern, sondern kämpfte, unter Leugnung seiner eigenen Identität, für sein eigenes Schicksal. Die Odyssee ist der Anfang und das Ende von allem. Und meine kleine Odyssee findet ihr natürliches Ende.

 

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Epilog

Italia, ancor l´amor‘ mia, – nur gehe ich mit ihr mittlerweile um, wie mit allen Musen, in deren Betten ich mich die letzten Wochen herumgetrieben habe. Nun sitze ich hier, am Fuße eines aktiven Vulkans, und warte bis zur Abreise. Alle Siebensachen sind gepackt, der letzte Espresso schon getrunken. Der Tag liegt wolkenverhangen da. In der Ferne riecht es noch nach Orangen, Zitronen, Oliven, Feigen und Pistazien, etwas weiter höher nach wilden Buchen, Eichen, Kiefern, Kastanien. Und je näher man sich der Leben spendenden Caldera nähert, desto unwirtlicher wird die Umwelt. Es überraschte alle Reisenden ein plötzlicher Sommerregen, wie es so häufig geschieht. Italien ist ein wunderschönes Land, reich an Kultur, voller herzlicher Menschen und gutem Wein. Und seit der Antike wird hier ein großes historisches Schauspiel aufgeführt.

Italien kämpft gegen sein geographisches Erbe. Die blühende Halbinsel mit ihren vielfältig gemalten Landschaften liegt in strategisch günstiger Lage, zerfällt aufgrund einiger Besonderheiten jedoch in Einzelinteressen, in mächtige Städte und große Inseln mit jeweils eigenen Traditionen und sogar Sprachen, die sich nur schwer vereinen lassen. So wird das Land entweder durch militärische Stärke zur Einheit gezwungen oder es macht sich von auswärtigen Interessen abhängig, um auf diese Weise unterworfen, geplündert und verheert zu werden, wie es in der Geschichte schon häufig der Fall gewesen ist und wie es von Petrarca über Machiavelli und Cavour bis in unsere heutige Zeit bemängelt wird. Sowohl das alte Römische Reich wie auch der moderne italienische Staat gingen aus kriegerischen Feldzügen hervor, und beide sollten zwar eine politische Einheit verkörpern, ohne dass sich jemals eine kulturelle und gesellschaftliche Einheit hergestellt hätte. Der Fehler lag jeweils darin, dass der Staat eine vielschichtige, durch einzelne Familien geprägte Gesellschaft zu verwalten hatte, seiner Aufgabe jedoch nicht gerecht werden konnte: dass jener Militarismus, der auf den Feldzügen nötig war, auch später noch beibehalten wurde, um auf den eroberten Gebieten eine zentralistisch orientierte Einheitsregierung durchzusetzen. Die aufgezwungene Fremdherrschaft erklärt das Misstrauen und korrupte Verhalten weiter Teile des Landes gegenüber dem Staat und seiner Verwaltung, womit sich zugleich ein erheblicher Teil seiner eigentlichen Stärke abschwächt. So kämpft auch die moderne Republik Italien mit diesem Erbe.

Die italienische Ökonomie ist seit jeher durch Familienstammbäume geprägt, von antiken Landgutbesitzern, mittelalterlichen Aristokraten und Bänkern bis hin zu modernen Unternehmern, die allesamt ihr Netzwerk zu nutzen wissen. Ungeachtet jener Wirtschaftskrise der letzten zehn Jahre und der damit verbundenen sozialen Armut ist der Wohlstand italienischer Familien angewachsen. So gesehen hat die Bevölkerung genug Geld – es haben nur die falschen Leute: es sind häufig diejenigen, die sich durch Hinterzimmergeschäfte, Korruption und organisierter Kriminalität bereichern, indem sie beispielsweise Steuergelder geschickt vor dem Fiskus verbergen. So entsteht aufgrund der einfallsreichen Bevölkerung, seiner heroischen Einzelkämpfer, die ihre Rollen spielen, gemeinsam eine gesellschaftliche Realität, die komplex und unübersichtlich geworden ist. Sogar so komplex und unübersichtlich, dass selbst seine Bewohner zu der Ansicht neigen: forse non è possibile fare tutto. Vielleicht ist es nicht möglich, alles umzusetzen.

Ein Arkadien gibt es eigentlich gar nicht, in das jemand – und wenn auch nur zufällig – hätte hineinstolpern können: dieses Land drückt nur eine Sehnsucht aus, die notwendig unerfüllt bleiben muss. Viele Italiener bis hin zu Staatspräsidenten haben schon lange begriffen, dass hier umfassende Reformen nötig sind; dass es die Architekten des modernen italienischen Staates mit ihrem einseitig gelagerten Zentralismus übertrieben haben, mit jener unbeholfen gewachsenen Verwaltungsgliederung, die lediglich Korruption und Nepotismus begünstigt, aber keinen tragfähigen Staat. Dass es sich hier verhält wie mit flüchtigen Schäfchenwolken. Sämtliche Reformbestrebungen haben sich jedoch im bestehenden politischen System verfangen, da Ämter häufig durch Profiteure belegt sind. Daher ist nicht ausgeschlossen, dass der italienische Staat ein weiteres Mal zerfällt – vor allem jetzt, nachdem Salvini mit der alten Lega die gesamtstaatlichen Strukturen nutzt, um durch die Hintertüre fintenreiche Politik für den Norden zu betreiben. Im Grunde hätte niemand etwas gegen ein geeintes Land, solange er es selbst regieren kann.

Hier sind umfassende Kulturreformen nötig. Um den italienischen Staat zu erhalten, bedarf es sozialer, politischer und wirtschaftlicher Veränderungen – das allerdings ist letztlich die Angelegenheit der Italiener. Doch auch hier in Italien hat die Verfügbarkeit sozialer Netzwerke die Grundlage der Debattenkultur verlagert. So werden diese Reformen entweder von Populismen oder von einer starken Zivilgesellschaft geleitet, – doch in Italien steht Heldenmut noch über dem Kollektiv.

Wir erleben einen Anfang unter Berufung auf alte Klassiker, eine Renaissance der anderen Art. Seinerzeit wurde mit dem Kuppelbau des Doms zu Florenz das Mittelalter überwunden, da man etwas erreicht hatte, das nach damaligen Stand der Physik geradezu unmöglich war: nämlich diese Kuppel zu bauen. Es ist weniger fraglich, ob die soziale Realität einen gemeinsamen Staat zulässt, sondern inwiefern sie es tut. Je nachdem, ob Landstriche hinzukommen oder wegfallen, muss auch die innere Struktur des Staates angepasst werden. In einem Vielvölkerstaat wie Italien scheint der Zentralismus fast schon eine dekadente Hoffnung zu sein, deren Disharmonien sich nur mit noch viel lauterem Pathos übertönen ließe. Insofern ist eine Bodenreform, die Zergliederung in unabhängigen Staaten sowie die Entflechtung bestehender Netzwerke, um sich gemeinsam zu einer italienischen Bundesrepublik zusammenschließen, durchaus eine Möglichkeit, dbereits in der Römischen Republik der Antike während des Bürgerkriegs versucht wurde, als Aufständische in ihrer neuen Hauptstadt Italia einen Senat installiert haben, um sich das volle römische Bürgerrecht zu erkämpfen. Diese Staatsform gestattet die freie Ausgestaltung nach Innen und gemeinsames Auftreten nach Außen. Durch eine Föderalisierung wird zugleich der Einsatz der Carabinieri als Militärpolizei im Innern obsolet und kann durch ein föderal gegliedertes Polizeisystem ersetzt werden. Auf diesem Weg entfällt auch die unverhältnismäßig kostspielige Kulturdominanz – auch wenn das zugleich bedeutet, dass der italische Stier tatsächlich die römische Wölfin erlegt.

Ich lege mich schlafen. Dieses niedergeschriebene Monument ist nur Reiseliteratur und muss notwendig unvollendet bleiben, auch wenn die Erzählung noch nicht zu Ende ist. Es verhält sich hier wie mit Michelangelos unvollendeten Werken, den non-infiniti, die er lediglich geplant, entworfen und grob in Stein gehauen hatte, ehe er die Skulpturen beiseite legte und sich anderen Projekten zuwandte, weil er die Befürchtung hatte, durch die völlige Festlegung den Kern nicht ganz zu treffen, und es bei der offensichtlichen Unklarheit beließ.

Grenzen sind nur in Sand gezeichnet. Von diesem Standpunkt aus gesehen ist es gleichgültig, ob wir diesseits oder jenseits der Grenze leben, denn wir sind durch unsere Geschichte ununterscheidbar miteinander verbunden. Wir sind alle Europäer.